Nicht nur Währungs- und Wirtschaftsunion, sondern Wertegemeinschaft
Das gemeinsame „Haus Europa“ ist heute wichtiger denn je! Das dem früheren Präsidenten der EU-Kommission Jacques Delors (1925-2023) zugeschriebene Bonmot „Einen Binnenmarkt kann man nicht lieben“ offenbart eine Wahrheit, die immer wieder Gefahr läuft, vergessen zu werden.
Die heutige Europäische Union ist von ihrer historischen Wurzel, vom konkreten Anlass zu ihrer Gründung her keine Wirtschaftsorganisation gewesen. Ihr primäres Ziel war von Anfang an eine Gemeinschaft zur Erhaltung des Friedens in Europa. Wer Europa verstehen und gestalten will, sollte also nicht nur an eine Währungs- und Wirtschaftsunion denken, sondern vor allem an eine Wertegemeinschaft.
Die europäische Union startete 1952 mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl[1], jedoch war dieser wirtschaftliche Zusammenschluss der Gründungsmitglieder Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg eben nicht aus rein ökonomischen Gründen erwogen worden. Es sollte vielmehr verhindert werden, dass über die Grundgüter der Kohle- und Stahlproduktion insbesondere Deutschland wieder in die Lage versetzt würde, erneut einen Krieg in Europa zu beginnen. Nach den Aussagen von Konrad Adenauer (1876-1967) und Robert Schuman (1886-1963) war die Erhaltung des Friedens und damit auch die Völkerverständigung der ausschlaggebende Impuls für die Gründung der EGKS.[2] Die Ökonomie war also nur das Vehikel zur Erhaltung des Friedens.
Neben den apokalyptischen Erfahrungen der beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Einsicht der Überlebenden, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe, war die Keimzelle dieses „Abenteuers Europa“ das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland, genauer gesagt zwischen zwei Personen: Robert Schuman – für den bekanntermaßen sogar ein Seligsprechungsprozess läuft – und Konrad Adenauer; beides überzeugte Katholiken. Auch diese Tatsache hatte einen entscheidenden Anteil daran, über eine gemeinsame Wertebasis der beiden politischen Protagonisten gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Und jeder von uns weiß: Ohne Vertrauen ist eine funktionierende Partnerschaft nicht möglich. Dies gilt für die Politik, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, aber auch für den privaten Bereich.
Der Gedanke der europäischen Einigung – großes Ideal in den 1950er Jahren war das Ziel der Vereinigten Staaten von Europa – war vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen schon revolutionär, vor allem mit Blick auf die Organisationsform der Supranationalität. Schaut man zudem weiter zurück in die europäische Geschichte, so erkennt ein objektiver Betrachter, dass das Christentum seit der Spätantike den Verlauf der Geschichte der europäischen Völker vielfältig geprägt hat; damals vor allem durch das Wirken zahlreicher Benediktinermönche und Missionare. Eine grundlegende Prägung, die sich bis heute erhalten hat – auch wenn in der Gegenwart viele christliche Werte in den säkularen Gesellschaften drohen, in Vergessenheit zu geraten.[3]
Die Sehnsucht nach Frieden der Gründergeneration der heutigen EU, die für das einzigartige Einigungsprojekt damals in so vielen Herzen brannte, war im Laufe der Jahre schlicht verflogen, vielfach bis in die Gegenwart hinein. Aus dem Friedensprojekt war nach den Römischen Verträgen 1957[4] in der öffentlichen Wahrnehmung ein kaltes, bürokratisches Wirtschaftsprojekt geworden, das nach Kosten und Nutzen beurteilt wurde. Von positiven Emotionen natürlich keine Spur.
Der Versuch, die Bürgernähe zu dieser Union über eine stärkere demokratische Legitimierung durch die Direktwahl des Europäischen Parlamentes seit 1979 zu stärken, zeigte zunächst Wirkung. Aber die Wahlbeteiligung ging über die folgenden Jahrzehnte immer weiter zurück (1979: 61,9 %; 2014: 42,6 %). Immerhin stieg sie bei der letzten EU-Parlamentswahl leicht auf rund 50 % an.[5] Ein Hoffnungsschimmer? Erst durch das Schengener Abkommen[6] (in Kraft 1995) und die Einführung des Euro wurde „Europa“ für die Menschen wieder stärker positiv im Alltag erfahrbar.
Und der Frieden in Europa?[7] Die bittere Erfahrung des aktuellen Krieges in der Ukraine zeigt, wie richtig und zukunftsweisend der Weg der europäischen Integration ist, der 1952 begonnen wurde. „Ziel der Union ist es, den Frieden, ihre Werte und das Wohlergehen ihrer Völker zu fördern“ – so steht es im EU-Vertrag.[8]
Was hat dies alles nun mit der Kirche und dem Ulrichsjubiläum zu tun, das wir derzeit im Bistum Augsburg unter dem Leitwort „Mit dem Ohr des Herzens“ begehen?
Die katholische Kirche hat den Prozess der europäischen Integration von Anfang an begrüßt und positiv begleitet. Es gibt ja seitens des Heiligen Stuhls nicht nur einen Apostolischen Nuntius bei der Europäischen Union (derzeit Erzbischof Noël Treanor), sondern im zeitlichen Umfeld der ersten Direktwahl des EU-Parlamentes wurde 1980 auch die COMECE (Commissio Episcopatum Communitatis Europensis), die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union, mit Sitz in Brüssel gegründet. Diese hat auch jüngst dazu aufgerufen, sich aktiv an den kommenden EU-Wahlen zu beteiligen, um aus christlicher Verantwortung das „Haus Europa“ weiterzubauen.[9] Also, wir jedenfalls sind seit jeher ganz nah dran!
Und der heilige Bistumspatron Ulrich? Er hat nicht nur durch sein Handeln als Bischof und Reichsfürst im Kontext der bekannten siegreichen Lechfeldschlacht 955 die europäische Geschichte mitbeeinflusst und das Christentum verteidigt, sondern in deren Vorfeld vor allem durch seine Friedensvermittlung zwischen König Otto und seinem Sohn im „Frieden von Tussa“ 954 gezeigt, dass nur der Zusammenhalt stark macht und die Chance auf eine gute Zukunft eröffnet. Und nicht zu vergessen: Er hat sich der Armen und Kranken angenommen. Er hörte „Mit dem Ohr des Herzens“ und handelte.
Handeln auch wir wie Ulrich und bauen gemeinsam weiter am „Haus Europa“.
[1] Zugrunde lag ihr der sogenannte „Schuman-Plan“ vom 9. Mai 1950.
[2] Vgl. dazu: Goldt, Christoph: Europas Anfang – Europas Ende? Geschichte und Perspektiven einer sagenhaften Entführung. Ein historisch-politischer Essay. Münster, Berlin 2023, hier S. 78f.
[3] Der EU-Vertrag spricht nur vom „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“.
[4] Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft und Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, 1967 Fusion beider mit der EGKS zur „EG“.
[5] Vgl. Goldt: Europas Anfang – Europas Ende?, S. 80.
[6] Freier Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen („Europa ohne Grenzen“).
[7] Vgl. dazu: „Friede diesem Haus.“ Friedenswort der deutschen Bischöfe. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Die deutschen Bischöfe, Nr. 113). Bonn, 21.2.2024.
[8] Art. 3 Abs. 1 EUV.
[9] „Für eine verantwortungsvolle Wahl zur Förderung der christlichen Werte und des europäischen Projekts.“ Erklärung der Bischöfe der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE) zu den kommenden Wahlen zum Europäischen Parlament, 13.3.2024. Quelle: https://www.comece.eu/wp-content/uploads/sites/2/2024/03/2024-03-13-EU-Elections-Statement-DE.pdf (15.04.2024).