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Predigt von Bischof Bertram anlässlich des 150. Jubiläums des Cassianeums in Donauwörth

Sonne der Gerechtigkeit

11.01.2026 11:00

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Es ist schön, wenn wir in das neue Jahr in Dankbarkeit und Zuversicht aufbrechen. Anlass dafür gibt uns auch das 150. Jubiläum des Cassianeums. Es ist dennoch vor allem die Menschwerdung Gottes, die wir in den vergangenen Tagen gefeiert haben, die uns die nötige Kraft und Freude schenkt, um angstfrei nach vorne zu schauen, allen Herausforderungen zum Trotz. Gott in Jesus Christus wird uns auch im neuen Jahr begleiten; die Zukunft gehört ihm, dem Alpha und Omega der Geschichte.

Es tut uns gut zu wissen, dass wir als Menschen von Gott gewollt und geliebt sind, und sogar sehr. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat“ (Joh 3,16), sagt uns der Evangelist Johannes. Aus Liebe entfaltet Gott einen beeindruckenden Heilsplan für seine Geschöpfe, der in Jesus Christus mündet.

Wir haben gerade eine schöne Lesung aus (Deutero)Jesaja gehört. Gott spricht da von seinem Knecht, den er stützt; an ihm findet er Gefallen. Auf ihn hat er seinen Geist gelegt. Der Auftrag dieses Knechts hat eine außerordentliche Breite, eine echt kosmische Dimension: „Er bringt den Nationen das Recht“ (Jes 42,1; vgl. 42,3), er wird „auf der Erde das Recht“ begründen (Jes 42,4). Er wird „zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen“ (Jes 42,6). Er wird Wunder bewirken und Hoffnung schenken: die Augen der Blinden werden geöffnet, Gefangene werden befreit, Licht wird da reinkommen, wo gerade Dunkelheit herrscht.

Dieser Knecht Gottes setzt sich nicht mittels Gewalt durch. Er ist leise, sanft, barmherzig, aber auch entschlossen: „Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus… Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt“ (Jes 42,2-4). Nicht nur in alttestamentlichen Zeiten klang so ein Verhalten merkwürdig. Ist es nicht zu naiv zu glauben, dass Gerechtig­keit in einer derart milden Art und Weise garantiert werden kann? In einer Welt von Wölfen kann ein Schaf kaum überleben; in einer Welt voll von mächtigen Herren kann sich kein Knecht durchsetzen.

Oder doch? Es ist kein Zufall, dass die Tradition der Kirche und sogar das Neue Testament selbst die Gestalt des Knechts bei (Deutero)Jesaja mit Christus verbunden haben. Dadurch bekommt sie einen tiefen Sinn: Dieser Knecht ist nicht irgendeiner; er ist der menschgewordene Gott, derjenige, der in seinem Evangelium eine neue Welt verkündet. Dort gewinnen weder aggressive Wölfe noch gewaltsüchtige Herren die Oberhand, sondern friedvolle Schafe und gerechtigkeitsbewusste Knechte. Dies geschieht dann, wenn das Reich Gottes Wirklichkeit geworden ist, unsere tiefste christliche Sehnsucht und Hoffnung.

Wenn das Evangelium von Hoffnung spricht, meint es keine abstrakte Idee, sondern eine Person, die in die Geschichte eintrat und diese ein für allemal verändert hat. Die Hoffnung der Welt ist Jesus Christus. Das größte Geschenk, dass uns Gott macht, ist er selbst. Er wird selbst Geschichte, Materie, er bleibt unter uns „bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8) und darüber hinaus.

In der Erzählung von der Taufe Jesu wird deutlich, dass die Ereignisse im Leben des Herrn weder willkürlich noch unbedacht sind; sie sind in die Ganzheit des Heilsplans Gottes einzuordnen. So besteht Christus darauf, von Johannes getauft zu werden: „Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen“ (Mt 3,15), sagt er dem Täufer, der seine Verlegenheit nicht verheim­lichen kann: Wieso will der Herr von ihm getauft werden? Jesus Christus ist einer von uns; er macht sich unser Schicksal zu eigen.

Die Dialektik von Erniedrigung und Souveränität sehen wir sowohl in der Erzählung des Knechtes, der Recht auf der ungerechten Erde begründen wird, als auch in der Taufe Jesu. Der Herr taucht ins Wasser ein und als er heraufsteigt, geschieht etwas, das in der Tradition der Kirche als Manifestation der Dreifaltigkeit gedeutet wird: die Stimme des Vaters aus dem Himmel, Christus, der sich der Taufe unterzieht, und der Heilige Geist, der wie eine Taube auf ihn herabkommt. In dieser Szene verdichtet sich der Kern, das göttliche Geheimnis des Christentums. Unser Gott ist Einer, ein Einziger, aber kein einsamer: Er ist Gemeinschaft von drei wesensgleichen Personen, das Vorbild und die Inspiration für jede menschliche Gemeinschaft.

Wenn wir im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden, bekennen wir unsere Identität. Und unsere Identität ist Gemeinschaft. Jesu Taufe weist auf unsere eigene hin: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“ (Gal 3,27), so im Galaterbrief. Wir werden mit Christus verbunden und in die Gemeinschaft der Kirche eingegliedert. Wir werden neugeboren. Befreit von der Herrschaft der Sünde dürfen wir dem Reich Gottes Raum geben. Durch die Taufe werden wir gleichsam Bürgerinnen und Bürger der Zukunft. Besonders möchte ich in diesem Zusammenhang die ökumenische Bedeutung der Taufe hervorheben; allen Unterschieden zum Trotz sind wir durch sie mit den Christinnen und Christen aus anderen Konfessionen verbunden: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ (Eph 4,5-6)

Heutzutage wird eine Taufe im Namen des dreieinigen Gottes immer weniger selbstverständlich in Europa. Im Gegensatz zu manch anderen Kontinenten nimmt das Interesse am Christentum hier ab. Soll uns das entmutigen? Ich meine: nein. „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5), das ist die tiefe Überzeugung des Evangeliums. Unsere Verantwortung für die Verkündigung der Frohen Botschaft dürfen wir heute noch intensiver wahrnehmen. Gerade heute wird unser Engagement für das Evangelium besonders erwartet. Gerade heute müssen wir uns mehr denn je um die Bildung der Jugend kümmern. Gerade heute müssen wir als Christinnen und Christen für eine Kirche stehen, die die Jugend einlädt, annimmt und aufblühen lässt.

150 Jahre lang hat die Pädagogische Stiftung Cassianeum die Erziehung im Geist der katholischen Kirche geprägt: Familienerziehung, Jugendförderung, Schulbildung, Fortbildung bis zur Selbsterziehung im Berufs- und Kulturleben, sowie die Denkmalpflege[1] gehören zu den Schwerpunkten der Arbeit der Stiftung. Ihr Name wurde übrigens sorgfältig gewählt. Er bezieht sich auf den Märtyrer Kassian, der Schulmeister der norditalienischen Stadt Imola war. Dieser Heilige des vierten Jahrhunderts weigerte sich, den römischen Göttern die Ehre zu erweisen. Der Preis für seinen Glauben war der Tod. Der Legende nach haben ihn seine eigenen Schüler getötet, indem sie ihn mit eisernen Griffeln erstachen - seitdem gilt er als Patron der Lehrer.

Die Diözese ist dankbar für das Engagement der Mitarbeitenden der Stiftung in all diesen Jahrzehnten – und für all das Gute, das hier geleistet wurde. Der Gründer des Cassianeums, Ludwig Auer, der in Donauwörth „Onkel Ludwig“ genannt wurde, hat zahlreiche zukunftsweisende Impulse gesetzt; seit 150 Jahren bleibt sein Erbe lebendig. Das ist ein Grund zu Freude und Dankbarkeit.

Und doch: Die schrecklichen Vorfälle, die sich hier zwischen 1952 bis 1977 zugetragen haben, dürfen nicht stillschweigend übergangen werden. Gerade heute dürfen wir darüber nicht schweigen. Mein Vorgänger Bischof Konrad Zdarsa hatte eine unabhängige Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der Gewalt­taten im Kinderheim Heilig Kreuz beauftragt. Was der Abschlussbericht auf fast 70 Seiten dokumentiert, ist zutiefst beschämend; es darf nie vergessen werden. Daher ist es gut, dass inzwischen ein Mahndenkmal errichtet wurde. Doch vor allem sollen sich die Leidtragenden und Betroffenen gesehen wissen. Von dieser Stelle aus möchte ich mich an Sie alle wenden und das wiederholen, was ich im November zur Studie der Unabhängigen Aufarbeitungskommission unseres Bistums sagte: „Unabhängig davon, ob Sie die Kraft gefunden haben, über diese schrecklichen Erfahrungen zu sprechen und sich Hilfe zu holen, ob Sie noch alleine mit diesen Erlebnissen kämpfen oder ob das Bistum Augsburg auf die eine oder andere Weise bereits von Ihrem Schicksal erfahren hat: Ihr Leid geht mir sehr zu Herzen und die schwere Schuld des Bistums Augsburg Ihnen gegenüber lastet mir auf der Seele.“[2] Seit Beginn meiner Amtszeit stehe ich für Null Toleranz gegenüber Missbrauch. Das ist das Gebot der Stunde, die Richtlinie der Diözese und mein persönliches Versprechen.

Liebe Schwestern und Brüder,

unseren Herrn Jesus Christus, den menschgewordenen Gott, nehmen wir als Sonne der Gerechtigkeit wahr. In den Lesungen wird der Zusammenhang zwischen Gott und Gerechtigkeit immer wieder hergestellt. Der Knecht von (Deutero)Jesaja wird „aus Gerechtigkeit gerufen“ (Jes 42,6); Jesus Christus lässt sich taufen, damit Gerechtigkeit ganz erfüllt werden kann (Mt 3,15); der Apostel Petrus sagt in der Apostelgeschichte, „dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apg 10,34-35) Nachfolge Jesu Christi bedeutet also auch die unabänderliche Selbstverpflichtung für Gerechtigkeit, Heilung und Liebe. Möge uns Gott beistehen, dieser Selbstverpflichtung treu zu bleiben und möge er das Cassianeum in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer begleiten, damit es seine wichtige pädagogische Mission erfolgreich erfüllen kann.

Lesungen: Jes 42,5a.1-4.6-7; Apg 10,34-38; Mt 3,13-17

[1] Siehe https://www.cassianeum.de/stiftung/

[2] https://www2.bistum-augsburg.de/stellungnahme-des-bischofs_id1544079