Das Gebetshaus: ein „offener Ort für Gottsucher“
Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Wie klingt Freude? Sicher haben einige unter Ihnen, die in den letzten Tagen hier waren, gedacht: Ja, so klingt Freude! Freude am Glauben: So klingt es, wenn 10.000 Menschen aus unterschiedlichen Denominationen und Himmelsrichtungen zusammenkommen, um Gott zu loben, zu preisen, nach ihm zu suchen und zu fragen. Das heutige Fest Epiphanie unterstreicht den Grund christlicher Freude: Der Herr ist erschienen! Er ist unter uns! Ihnen allen wünsche ich noch einmal von Herzen „Frohe Weihnachten“!
Wir dürfen dankbar sein für alle Erfahrungen, die uns die Gegenwart Gottes spüren lassen! Ein Mensch, der im Innern nie erlebt, wovon die Tradition unserer christlichen Kirchen erzählt, wird sich auf Dauer schwer tun mit dem Glauben. Gleichzeitig können wir Gott nicht auf unser inneres Erleben begrenzen; er wird darin nicht deckungsgleich abgebildet. Er kann uns ungemein nahekommen und doch: Er bleibt immer der viel Größere und auch der ganz Andere. Gott suchen - das bleibt bei aller Glaubensgewissheit ein Bestandteil unseres irdischen Lebens. Auf dieser Reise können uns die drei Sterndeuter Pfadfinder sein. Schauen wir auf das Bewegungsprofil der drei weisen Magier aus dem heutigen Evangelium.
1. Der Weg zu Jesus: dem Stern folgen
Vielleicht hat Gott in Ihnen eine neue Melodie geweckt. Dem Klang einer solchen Melodie folgen ist ähnlich wie dem Glanz eines Sternes folgen. Worauf müssen wir achten, wenn wir das tun wollen? Zunächst einmal darf es Sie nicht irritieren, wenn dieser Klang - zu Hause angekommen - nicht mehr als der volle Sound ertönt, wie er in diesen Tagen auf der MEHR-Konferenz zu hören war. Nicht selten spielt die Melodie Gottes in leisen Tönen. Im Alltag wird sie leicht überhört. Wir können vor dem Glanz seines Sternes die Augen verschließen. Das geschieht oft unbewusst. Schließlich stehen selbst für die wenigen freien Minuten eines Tages viele Möglichkeiten der Ablenkung bereit. Ich beneide die jungen Leute nicht, wenn ich sehe, wie selbstverständlich die virtuelle Welt den Lebensraum und ja, den Seelenraum erobert. Dann habe ich nicht mehr die Technik, sondern die Technik besitzt mich: moderne Besessenheit.
Wo aber kann die Seele wirklich aufatmen? Darin sollte ich meine Zeit investieren. Der Mensch neigt dazu, am falschen Ort zu suchen. Auch den Sterndeutern ergeht es so: sie machen Halt in Jerusalem - in der Hoffnung, schon am ersehnten Ziel zu sein. Sie suchen Jesus dort, wo er nicht ist. Ertragen wir die stillen Momente, in denen Gott in unser Leben hineinsprechen kann? Das bedarf der Übung. Zu Beginn gleicht das einer anstrengenden Reise. Doch die Mühe lohnt sich. Auch die Magier, die schon einen weiten Weg hinter sich haben, brechen noch einmal neu auf. Und als der Stern dort stehen bleibt, „wo das Kind ist, … werden sie von sehr großer Freude erfüllt.“ (vgl. Mt 2,10). Der Stern zeigt Gottes Gegenwart und das löst Freude aus. Es ist eine Freude, die die Seele füllt, die zufrieden macht.
Eine Zeugin für diese Freude wird heute ganz nebenbei im Evangelium erwähnt: die Gottesmutter Maria. Sie hätte von außen betrachtet allen Grund, Trübsal zu blasen angesichts ihrer unerklärlichen Schwangerschaft. Aber Maria schwingt sich ein auf den Willen Gottes, ist im Einklang mit ihm, nimmt sich Zeit, um dieser neuen Melodie zu lauschen; daraus resultieren Kraft und Freude. Das Magnificat, das sie in der Begegnung mit Elisabeth anstimmt, gibt Zeugnis davon. Es ist freudiger Lobpreis, Ausdruck der Nähe Gottes.
2. Die Herkunft der Sterndeuter: die Freude mit der Welt teilen
Maria wurde zur Freudenbotin für andere. Wie ist das bei den Magiern? Wir kennen die weitere Lebensgeschichte der drei Weisen aus dem Evangelium nicht; so können wir nur spekulieren, welchen Nachhall die Begegnung mit Christus im Herzen der Magier noch hatte und ob sie vielleicht so etwas wie die ersten Missionare der heidnischen Welt waren.
Doch wie haben die Magier eigentlich von der Geburt erfahren? Sie waren kundig, Sterne zu deuten, Zeichen Gottes in der Schöpfung wahrzunehmen. Das hat sie aufmerken lassen: etwas nie Dagewesenes, etwas von neuer Qualität geschieht. Aufgehende Sterne werden im Alten Orient nicht selten mit der Geburt von hochrangigen Persönlichkeiten in Verbindung gebracht. Woher wussten Sie aber so konkret von einem König der Juden? Und was hat sie, als Nicht-Juden, bewegt, die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen? Die Herkunft der Sterndeuter bleibt geheimnisvoll; ein Traditionsstrang verortet sie in Babylon. Es ist spekulativ, aber folgen wir einmal dieser Spur! Es könnte bedeuten, dass die Sterndeuter während des Babylonischen Exils über die dorthin verschleppten Juden von der messianischen Hoffnung erfahren haben – und zwar auf eine Art und Weise, die Interesse geweckt hat. In aller Freiheit wollten die Sterndeuter Grund und Ziel dieser Hoffnung selbst in Augenschein nehmen. Die drei Magier stehen für die heidnische Welt. Obwohl Matthäus sein Evangelium vorrangig an die Judenchristen richtet, wird hier bereits zu Beginn deutlich: Nicht nur Angehörige des jüdischen Volkes, nein, Arme und Reiche, Juden und Heiden, Menschen aller Nationen dürfen an die Krippe treten.
Das Beispiel der Sterndeuter ermutigt uns, dass die unterschiedlichsten Menschen den Weg zu Christus finden. Auf welche Weise können wir die Gottesfrage in unserer Gesellschaft wecken? Auch das ist eine Suche, auf der wir Christen uns befinden. Gott möchte im Leben eines jeden Menschen wirken. Wir dürfen darauf vertrauen, auch da, wo es für uns noch nicht sichtbar ist.
3. Die Heimkehr: der Glaube muss vor Ort konkret werden
Das Kind in der Krippe löst Freude und Anbetung in den Sterndeutern aus. Es ist eine Begegnung, die sie zutiefst bewegt. Dennoch bleiben sie nicht, sie kehren in ihre Heimat zurück. Auch für Sie, liebe Brüder und Schwestern, geht es wieder zurück in die Familie, an den Arbeitsplatz oder an ihre Ausbildungsorte. Und ich hoffe, dass sie auf ihrem Heimweg im Gegensatz zu den Sterndeutern keine langen Umwege in Kauf nehmen müssen!
Vielleicht fiebert der eine oder die andere auch schon der nächsten großen Glaubenskonferenz entgegen. Es ist nicht nur die Gegenwart Gottes, sondern auch die Gemeinschaft untereinander, die uns hier bereichert. Die Menschen, die den Weg an die Krippe finden, kommen in kleinen Gruppen, seien es Könige oder Hirten. Auch wir brauchen Weggefährten, Netzwerke; wir brauchen die Gemeinschaft der Kirche auf unserer irdischen Pilgerreise. Ich selbst bin dankbar, Kirche immer wieder als Weltkirche erleben zu dürfen. Hier helfen uns die modernen Kommunikationsmittel, wenn wir sie gezielt einsetzen - wie auf einen Stern fokussiert. Dann können wir gut über Ländergrenzen hinweg in Kontakt bleiben. Knüpfen wir am Hoffnungsnetz der Christinnen und Christen! Lassen wir uns nicht die Luft abschnüren vom Korsett der kulturellen und konfessionellen Grenzen! Betlehem steht offen für alle. Das gilt auch für das Gebetshaus: Selbst keine Konfession, sind seine Türen offen für alle, die den Herrn suchen; gestärkt von den Erfahrungen der MEHR-Konferenz, kehren sie in ihren Alltag zurück, um ihre angestammte Konfession zu inspirieren.
So ermutige ich Sie, Ihren Glauben mit den Menschen an dem Ort zu teilen, wo Sie momentan leben. Gott hat Fleisch angenommen! Da sollten wir nicht auf die leibhafte Begegnung von Mensch zu Mensch verzichten. Zweifelsohne hält das geistliche und soziale Miteinander in unseren Pfarreien und Seelsorgeeinheiten einiges an Herausforderungen bereit: Menschen mit unterschiedlichster Prägung, Glaubenszugängen und spirituellen Ausdrucksformen sind da zusammengewürfelt: ein Suchprozess, einander näher zu kommen. Betlehem kann an vielen Orten entdeckt werden! Wo wir dem Nächsten Gutes tun, da wird Gott geehrt. Wo das Wort Gottes an Kraft gewinnt, da wird Jesus stark. Und der Christus, der von den Sterndeutern angebetet wurde und den wir heute hier feiern, ist auch der, der auf den Altären unserer Kirchen gegenwärtig wird. Es ist immer derselbe Christus! Auf vielfältige Weise ist er präsent.
Bitten wir Gott um seinen Segen für unsere vielfältige Spurensuche nach ihm im Alltag! Lasst uns seinem Klang nachgehen, damit die Freude in unseren Familien, Pfarreien und kirchlichen Gemeinschaften groß werde. Die Freude am Herrn ist unsere Kraft!
Schriftlesungen: Jes 60,1–6; Eph 3,2–3a.5–6; Mt 2,1–12