am 29. August 2021 in St. Moritz/Augsburg
„Stiften aus Verantwortung für Gott und die Menschen“
Sehr verehrte Familie Fugger, sehr geehrte Festgäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus, Sie kennen sicher die Redewendung „stiften gehen“. Wenn jemand „stiften geht“, dann seilt er sich ab, er entzieht sich seiner Verantwortung. Mit seinen Stiftungen hat Jakob Fugger genau das Gegenteil getan.
Er stellte sich in eine lange christliche Tradition, die im Stiften einen Ausdruck von Verantwortung gegenüber Gott und den Mitbürgern sah, aber auch die Möglichkeit, mit guten Werken zum eigenen Seelenheil beizutragen.1 Stiftungen waren einst eine Sache der Ehre und der sozialen Gesinnung, gerade für eine erfolgreiche Kaufmannsfamilie wie die Fugger. Jakob Fugger war steinreich, eine Art „Bill Gates“ des 16. Jahrhunderts, zudem tiefgläubig und der katholischen Kirche treu. Das zeigt sich darin, dass seine Stiftungen eindeutig katholisch profiliert sind, z.B. die verhältnismäßig niederschwellige Spiritualität der vorgeschriebenen Pflichtgebete für die Fuggereibewohner sowie die Memoria der Mönche in St. Anna. Die Fuggerei ist die bekannteste von drei Stiftungen, die in der gemeinsamen Stiftungsurkunde von 1521 niedergelegt wurden. Sie umfasste die Siedlung zugunsten der bedürftigen Mitbürger, die Fuggerkapelle in der Karmeliterkirche St. Anna als ehrendes Werk für die Familie sowie die Finanzierung einer Predigerstelle in St. Moritz zur Verbesserung des kirchlichen Lebens in der Stadt.
Apropos Predigerstelle: Ich soll ja keinen historischen Vortrag halten, sondern predigen, das Wort Gottes auslegen. Schauen wir also auf die Bibelstellen, die uns heute vorgelesen wurden. Allen drei Texten, die wir eben in den Lesungen hörten und die sich von Zeit und Anlass her so stark unterscheiden, ist eines gemeinsam: Es geht immer um das Verhältnis von Innen und Außen, von Reden und Tun, von bloßem Bekenntnis und tatsächlicher Überzeugung. Dieser Spannung wollen wir heute nachspüren. Unter dem Stichwort „Fugger – Familie und Weltkonzern“ tut sich ein weites Feld auf. Wir wollen es ausschreiten mit Jesu Wort als Wegweiser.
Klar und unmissverständlich tritt Jesus im Evangelium jenen entgegen, die sich auf Reinigungsrituale berufen und meinen, damit bereits alles getan zu haben, was sie vor Gott und voreinander rechtfertigt. Doch ER, der sich hier – in der Verteidigung seiner Jünger – als der Gute Hirt zeigt, der sich
vor
die ihm Anvertrauten stellt, lässt sich nicht vom bloßen Augenschein beeindrucken. Er sieht ins Herz, weiß um die Motive und Regungen, ja auch um die Verstellungskünste des Menschen und legt die verborgene Wunde offen: „Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen … kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft.“ (Mk 7,21)Alle ohne Ausnahme sind wir Verwundete, durch eigene und fremde Schuld – wir leiden und verursachen Leid. Und nicht selten schaukelt sich dies auf: Je mehr jemand einstecken muss, desto größer wird sein Wunsch, es anderen heimzuzahlen… Jede und jeder von uns wüsste dazu sicher eine kürzere oder längere Geschichte aus der eigenen Biographie zu erzählen.
Um diese Negativspirale zu durchbrechen, braucht es einen Perspektivenwechsel. Er kann gar nicht radikal genug sein - weg von dem ewigen Vergleichen mit anderen - hin zu dem, was mich ganz persönlich ausmacht, was meine Stärken sind. Der Apostel Jakobus wird nicht müde, seiner Gemeinde dafür die Augen zu öffnen: „Lasst Euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder und Schwestern: jede gute Gabe … kommt von oben“ (Jak 1,16f). Seinem Rat zufolge sollen wir mit dem, was unser ureigenes Talent ist, mit unseren Fähigkeiten zu „Tätern des Wortes“ (Jak 1, 22) Gottes werden. Dann werden innen und außen, Selbstbild und Fremdbild, übereinstimmen und wir sind im Lot, mit einem Wort: glücklich.
Bekanntlich vermehren sich Frieden und Glück, wenn man andere Menschen daran teilhaben lässt. So rät der Apostel, „für Waisen und Witwen in ihrer Not zu sorgen“ (Jak 1,27). Vielleicht waren dies auch Gedanken, die Jakob Fugger bewegten, als er 1521 im eigenen und im Namen seiner verstorbenen Brüder Georg und Ulrich ein Sonderkonto einrichtete, um neben der Fuggerkapelle bei den Karmelitern von St. Anna und der Prädikaturstiftung hier in der Marktkirche St. Moritz auch eine neu zu gründende Siedlung für arme Handwerker und ihre Familien finanziell abzusichern. Es geht „um die Ewigkeit“ – sicher auch als zeitliche Erstreckung zu verstehen, doch nicht nur das: Die Stiftung ist fürs ewige Leben!
Nach dem zeitgenössischen Glaubensverständnis mag dies eine Art Lebensversicherung für den Himmel gewesen sein – doch mindert es keinesfalls die Hochherzigkeit des Sponsors. Im Gegenteil: Dass wir heute 500 Jahre Fuggersche Stiftungen feiern dürfen, zeugt davon, dass Jakob Fugger für seine drei Herzensanliegen mit Bedacht und seiner ganzen kaufmännischen Expertise zu Werke ging. Hier hat jemand wirklich mit dem Talent gewuchert, das er in die Wiege gelegt bekam, und anderen von seinem Überfluss abgegeben – über Jahrhunderte hinweg!
Eine besondere Augsburger Note bekommt diese Stiftung dadurch, dass der hl. Ulrich, wie ich auf der Fugger-Homepage las, „als Kontoinhaber“ gleichsam „zum Partner der Firma“ Jakob Fuggers und seiner verstorbenen Brüder Ulrich und Georg wurde. In der Firma richtete Jakob Fugger ein Konto zugunsten des Augsburger Stadt- und Bistumspatrons Ulrich ein, das mit einem Stiftungskapital von 10.000 Gulden ausgestattet war. Die Aufnahme eines Heiligen in die Firma hatte ihr Vorbild in Italien und wurde auch von anderen deutschen Stifterfamilien so praktiziert. Ich sage es ganz ehrlich: Mir gefällt diese handfeste Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen uns hier auf dem Weg und jenen, die bereits am Ziel angekommen sind, außerordentlich gut! Und es wäre nur zu begrüßen, wenn eine solche Tradition nach Jahrhunderten des Dornröschenschlafes wiederbelebt würde. Ein Akt treuer Innovation!
Stattdessen haben wir uns angewöhnt, fein säuberlich zu trennen zwischen Beruf und Freizeit, zwischen Glauben und Alltag, öffentlich und privat. „Religions-Ausübung“ ist gesetzlich geschützt; das ist gut und richtig. Gleichzeitig betrachten viele Religion heute als „Privatsache“, die im öffentlichen Raum nichts oder wenig zu suchen habe. Wird dies in einer Demokratie von der Mehrheit der Bürger ohne Rücksicht auf religiöse Wurzeln und Traditionen vertreten, kann es durchaus zur Gefahr für die staatliche Neutralität werden. Der Glaube kommt zwar vom Hören (Röm 10,17), doch er verlangt immer nach Ausdruck: Fides et Caritas, Glaube und Liebe gehören zusammen. „Gott ist uns nahe, wo immer wir ihn anrufen“, hieß es in der ersten Lesung (Dtn 4,7). Wer dies glaubt, kann nicht umhin, als aus der Nähe Gottes heraus zu
handeln
. Nicht weil er vor Angst vergeht oder sein ‚Sündenkonto‘ ausgleichen will, wie es vor 500 Jahren häufig der Fall war, sondern weil er/sie die Liebe des Schöpfers als beglückend erfahren hat. Daher kann ich Sie heute nur ermutigen: Suchen Sie die Nähe dessen, der uns erschaffen hat, die Nähe Jesu Christi, der uns erlöst hat. Kehren wir um zum Herrn!Dies war auch der Ruf des hl. Petrus Canisius, dessen 500. Geburtstag wir heuer feiern. Er gehörte zu den ersten „nachweisbaren Fuggerei-Priester(n)“2 und hat diesen Dienst sicher mit großer Bereitschaft erfüllt. Während seiner Augsburger Jahre war er gerade für viele Ihrer Vorfahren, liebe Familie Fugger, ein zentraler Ratgeber und Seelenbegleiter. Stellen wir die Zukunft der Stiftungen Jakob Fuggers und alle, die bis heute deren dankbare Nutznießer sind, unter den Schutz dieses holländischen Jesuiten, der nach Bonifatius zum zweiten Apostel Deutschlands wurde. Es ist „für die Ewigkeit“, nicht nur als zeitliche Dauer, sondern fürs ewige Leben. Amen.
1 Vgl. Homepage der Fugger „Frommes Werk für Mitbürger, Familie und Seelenheil“.
2 Götz von Pölnitz, Petrus Canisius und das Bistum Augsburg. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte Bd. 18/1955, s. 352-394, hier: 365.