zum Abschluss der Generalsanierung der Pfarrkirche St. Jakobus major
Vergesst die Menschen am Rande nicht!
Liebe Schwestern und Brüder,
„Rette mich, Gott, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle!“ (Ps 69,1) – Dieser flehende Hilferuf leitet Psalm 69 ein, in dem von der gewaltigen Kraft des Wassers und seiner Fluten zu lesen ist. Was das konkret bedeuten kann, haben viele Menschen beim schrecklichen Hochwasser im Juni 2024 erfahren müssen, das in weiten Teilen Süddeutschlands und besonders hier in Schrobenhausen große Schäden anrichtete. Ich kann mich noch genau an die Bilder der Verwüstung erinnern, die sich mir bei meinem Besuch, nur wenige Tage nach der Katastrophe, boten: Zerstörte Häuser, Verlust von Eigentum, verzweifelte Menschen und sogar Todesopfer.
Mittlerweile sind knapp zwei Jahre vergangen und sicherlich ist noch nicht alles wieder gut. Heute aber gibt es einen Anlass, über den wir uns freuen dürfen: den Abschluss der Generalsanierung der Pfarrkirche St. Jakobus major. Auch dieses Kirchengebäude blieb keineswegs verschont von den Wassermassen, und ich kann nur allen Haupt- und Ehrenamtlichen von Herzen danken, die sich im Zuge der Renovierung eingesetzt haben, sei es durch Planung, Handarbeit oder die Unterstützung mit Spenden. Die Solidarität, die ich nach dem Hochwasser in Schrobenhausen und anderen Gemeinden unseres Bistums erlebt habe, hat mich tief bewegt. So bin ich heute gerne hierhergekommen, um mit Ihnen die Heilige Messe zu feiern und über die Schriftlesungen vom fünften Fastensonntag nachzudenken, in denen wir einige Gründe finden, warum wir auch in solchen Notsituationen hoffen dürfen (vgl. 1.), und was konkret wir tun können (vgl. 2).
1. Ein mitfühlender Gott
Zunächst: Wenn Menschen Schlimmes erleiden müssen, sind sie oft resigniert und fragen nach dem Sinn. So ging es wohl auch den Angehörigen des Volkes Israel, von denen ein wesentlicher Teil im Jahr 597 v. Chr. nach Babylon ins Exil verschleppt wurde. Dort saßen sie traurig zusammen und fühlten sich regelrecht „tot“, wie wir in der ersten Lesung gehört haben. In dieser verzweifelten Lage lässt Gott seinen Propheten Ezechiel geisterfüllt verkünden, dass er sein Volk wieder „aus den Gräbern“ (vgl. Ez 37,12f.) holen und in ihren angestammten „Ackerboden“ (Ez 37,14) versetzen werde - beides Bilder der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr ins Heilige Land.
Diese Geschichte ist nur eines von vielen Beispielen, anhand derer wir erkennen können: Der Herr sieht das Leid der Menschen und erweist sich als ein Gott des Erbarmens. Das wird auch im heutigen Evangelium deutlich: Da ist der Tod des Lazarus und die große Trauer der Angehörigen. Für die meisten, die diesen Abschnitt lesen, liegt der Kern der Erzählung darin, dass Jesus seinen Freund (vgl. Joh 11,3) von den Toten auferweckt. Für mich aber passiert schon vorher etwas, das überaus bemerkenswert und berührend ist: Jesus weint (vgl. Joh 11,35)! Der Herr über Leben und Tod, ist demnach nicht nur allmächtig, sondern voller Mitgefühl. Er hält seine Tränen nicht zurück, sondern zeigt in aller Öffentlichkeit echte Anteilnahme.
Ich denke, dass dies eine ungemein ermutigende Botschaft sein kann für alle Menschen, die Schweres zu tragen haben. Gott ist da, wenn wir in Not sind! Er weiß um unsere Sorgen, und er will uns helfen, immer jedoch auf seine ganz eigene Weise, die wir oft nicht verstehen und deren tieferen Sinn wir vielleicht erst später erkennen können. So mussten auch die Verschleppten des Volkes Israel Jahrzehnte lang im Exil zubringen, bis die Befreiung aus der Knechtschaft erfolgte: eine ungemein harte und entbehrungsreiche Zeit, in der sie aber wieder zurück zum Glauben an Gott fanden, der sie niemals verlassen hatte.
Wir sehen also: Es gibt Situationen, in denen wir Menschen herausgefordert sind und unser Glaube auf die Probe gestellt wird. Dann gilt es, fest darauf zu vertrauen, dass Gott in allem nur unser Heil will! Dies hat er nicht nur unzählige Male zugesagt, sondern vor allem in seinem Sohn Jesus Christus gezeigt, der besonders den Kranken und Verzweifelten mit seiner Liebe zur Seite stand.
IHN wollen wir loben, dabei aber nicht den Fehler machen anzunehmen, dass Gott gleichsam im Alleingang all unsere Probleme löst. Von Anfang an nahm er Menschen mit in die Verantwortung, was zum zweiten Gedanken führt.
2. Ein mitfühlender Mensch?!
Wer genau zugehört hat, konnte feststellen, dass Jesus am Grab seines Freundes Lazarus den Umherstehenden zweimal eine Anweisung gibt: Erst sollen sie den Stein vom Eingang der Grabhöhle wegnehmen (Joh 11,39), und dann dem vom Tode erweckten Lazarus die Binden lösen (vgl. Joh 11,44).
Für mich ist darin ein wichtiger Grundsatz des Christentums erkennbar: Jesus ist der alleinige Retter und Heiland! Aber der Sohn Gottes will, dass wir Menschen seinem Beispiel folgen und füreinander da sind. Viele Frauen und Männer haben - bewusst oder unbewusst – jenes christliche Gebot der Nächstenliebe gelebt, indem sie anderen während der Hochwasser-Krise durch konkrete Taten geholfen haben. Ich denke an die Rettungskräfte und Feuerwehrleute, das THW, unsere Notfallseelsorger und nicht zu vergessen die vielen privaten Helferinnen und Helfer. Auch Ihnen möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen und „Vergelt’s Gott“ sagen!
Es ist genau das, wovon wir in der zweiten Lesung aus dem Römerbrief gehört haben: Der Unterschied, ob wir als Menschen den Weg der Ich-Bezogenheit wählen, der Gott ausdrücklich nicht gefällt, wie Paulus schreibt (vgl. Röm 8,8), oder aber Christus zum Vorbild nehmen und entsprechend handeln. Darin nämlich wird der Geist Gottes sichtbar, wenn wir uns von den Nöten der Mitmenschen berühren lassen und ihnen mit unseren Möglichkeiten beistehen. Tun wir das, so können wir in gewisser Weise schon jetzt in diesem Leben mit Christus auferstehen, denn das Reich Gottes ist nichts, was „irgendwann mal kommt“, sondern eine Wirklichkeit, die überall dort erfahrbar wird, wo Menschen aus dem Glauben heraus einander stützen und trösten.
Lassen Sie mich daher noch eine kleine Bitte formulieren: Die Hochwasser-Krise ist vorüber und die frisch renovierte Kirche St. Jakobus erstrahlt in neuem Glanz. Wir alle wissen aber, dass dies wohl nicht die letzte Krise war, und dass es auch ohne Naturkatastrophe Menschen in unseren Gemeinden gibt, denen „das Wasser bis zum Halse“ steht. Das sind Menschen, die beispielsweise einsam oder traurig sind, die in finanziellen Schwierigkeiten oder anderen Abhängigkeiten stecken, die keine Arbeit oder Anschluss in der Gesellschaft finden. Es gibt viele Arten, in den Strudeln des Lebens „unterzugehen“. Darum bitte ich Sie, allseits einen wachen Blick zu haben, und jene Schwestern und Brüder nicht zu übersehen!
Papst Franziskus hat sie „Menschen am Rande“ genannt. Ihnen galt sein besonderes Augenmerk. Kirche ist nicht nur das Gebäude, in dem wir zum Gebet zusammenkommen. Kirche lebt immer auch von der liebevollen Zuwendung der Gläubigen untereinander und gegenüber unseren Mitmenschen. Fragen wir uns also, wo wir in unserem persönlichen Umfeld anderen Gutes tun können! Das, so meine ich, wäre in dieser österlichen Bußzeit eine wunderbare Weise, dem Umkehrruf Gottes zu folgen!