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Predigt am 25. Juli 2026 in der Pontifikalmesse zur Altarweihe
in der Kirche St. Vitus in Reistingen

Wachstum in der Liebe Christi

25.07.2026 18:30

Liebe Schwestern und Brüder, der heutige Gottesdienst ist ein Anlass zu großer Freude, denn heute findet ein anspruchsvolles und langjähriges Bemühen seinen festlichen Höhepunkt. Gewiss war der Weg nicht einfach; an Stress und Sorgen hat es nicht gefehlt, weil gerade die Dorferneuerung und die damit verbundenen Baumaßnahmen ihren Tribut forderten.

Heute aber dürfen wir stolz auf das Ergebnis sein. Die Kirche St. Vitus ist nun vollständig renoviert – nicht nur außen, sondern auch im Inneren. Ich danke allen, die dazu beigetragen haben: sei es finanziell, durch persönliche Arbeit oder durch ihre allgemeine Unterstützung, ihre Solidarität und ihre Geduld. Besonders erwähnen möchte ich natürlich Ihren Pfarrer Alois Lehmer, der dieses mühevolle Werk koordiniert hat. Möge Gott Ihnen allen Ihr gutes Werk vergelten!

An diesem Tag der Freude geschieht etwas, das im Leben einer Pfarrei selten ist: Heute wird der Altar von St. Vitus in einem symbolreichen Ritus geweiht, dessen Wurzeln tief in die Tradition der Kirche zurückreichen.

Eine Kirche ohne Altar ist im eigentlichen Sinne keine Kirche, denn ihr fehlt der Tisch des Herrn, an dem die Eucharistie gefeiert wird. Die Gläubigen werden eine „Ek-klesia“, eine Versammlung, um das Evangelium zu hören und den Leib und das Blut des Herrn in der Gestalt von Brot und Wein zu empfangen. Christus selbst ist wahrhaft gegenwärtig in Brot und Wein, die auf dem Altar gewandelt werden. Durch den Altar holen wir Christus jeden Tag in unsere Mitte, daher gilt er als Sinnbild des Herrn.

Erlauben Sie mir, die Worte des Weihegebetes anzuführen, die diese Wahrheit prägnant zum Ausdruck bringen:

„Gieße vom Himmel her deinen Segen aus über diesen Altar, der errichtet ist in deinem Hause. Für immer sei er die Stätte des Opfers Christi, für immer der Tisch des Herrn, an dem dein Volk gestärkt wird im heiligen Mahle. Dieser Altar sei uns ein Bild des Herrn Jesus Christus, aus dessen geöffneter Seite im Wasser und im Blut die Sakramente der Kirche hervorgehen. Dieser Altar sei die festliche Tafel, um die sich die Tischgenossen Christi freudig versammeln.“

Ausgehend von den Schriftlesungen möchte ich mich nun auf den Bezug des Altars mit Blick auf „die Zeit“ konzentrieren, also in seiner Beziehung zur Vergangenheit, zur Gegenwart und zur Zukunft der Kirche.

In der alttestamentlichen Lesung, die wir eben gehört haben, wird besonders die Treue hervorgehoben, mit der Josua beim Bau des Altars den Weisungen des Mose folgt. Es handelt sich nicht um blinden Gehorsam gegenüber einem unpersönlichen Gesetz, sondern um eine bewusste Verbindung mit einer Autorität aus der Vergangenheit, die Vertrauen ausstrahlt.

Jeder Altar verbindet uns mit der Vergangenheit der Kirche, die seit zweitausend Jahren ununterbrochen das Sakrament der Eucharistie feiert. Gerade wenn ich mich in einer sehr alten Kirche befinde, überkommt mich – und Ihnen geht es sicherlich ebenso – das Gefühl der Verbundenheit mit der kirchlichen Tradition und das Bewusstsein einer langen Kontinuität. Ich schaue auf den Altar der Kirche und frage mich, wie viele Tausend Male im Laufe all dieser Jahrhunderte an ihm die Eucharistie gefeiert wurde. Wie viele Bischöfe und Priester, wie viele Tausende von Gläubigen haben sich um den Tisch des Herrn versammelt, um Brot und Wein miteinander zu teilen?

Es ist schön, sich nicht allein zu fühlen, sondern als Teil einer Gemeinschaft, welche die Grenzen nicht nur des Raumes, sondern auch der Zeit überschreitet, weil ihre Mitglieder trotz aller Unterschiede etwas miteinander teilen, das sie als zentral für ihre Existenz betrachten. „Wer glaubt, ist nie allein“, sagte Papst Benedikt XVI. Wie könnte man sich in einer Kirche wie St. Vitus allein fühlen, die bereits seit dem zwölften Jahrhundert besteht und durch so viele Generationen von Gläubigen geheiligt worden ist?

Indem der Altar uns daran erinnert, dass auch wir heute nur ein einzelnes Glied in der langen Kette der Gläubigen sind, öffnet er uns ein Fenster zur reichen Vergangenheit der Kirche. Dies geschieht nicht, um diese Vergangenheit zu idealisieren, sondern um uns ihre Schätze in Erinnerung zu rufen. Wir glauben an die Erneuerung der Kirche, weil wir an den schöpferischen Geist Gottes glauben. Vergessen wir dabei nicht die Spuren, die der Geist in der Geschichte des Glaubens hinterlassen hat; lassen wir uns von ihnen inspirieren!

Ein Altar öffnet uns die Augen für denjenigen, der die Gegenwart schlechthin und das Zentrum der Kirche ist. Er macht den Herrn in Brot und Wein gegenwärtig. Im ersten Petrusbrief sehen wir, wie nachdrücklich kraftvolle Bilder aus der Welt der Materie verwendet werden. Stein und Fels werden selbstverständlich mit der Sicherheit verbunden, die der Glaube schenkt, und mit der Kraft, die er uns verleiht, damit wir ohne Furcht voranschreiten können.

Ich denke jedoch, dass uns solche Bilder noch weiterführen: zum Herzen des Glaubens, zu dem, was das Christentum revolutionär macht, nämlich zum Bekenntnis der Menschwerdung Gottes. Die Kirche spricht nicht nur vom Geist, sondern auch von der Materie. Die Aussage, dass Gott Geist ist, erscheint dem menschlichen Verstand einleuchtend. Die Schwierigkeit, aber auch die Schönheit des Christentums beginnt dort, wo der Mensch annimmt, dass Gott Mensch geworden ist, dass er für uns Materie angenommen hat. Dank des Altars, an dem die Eucharistie gefeiert wird, erinnern wir uns an die Botschaft der Menschwerdung, die das unterscheidende Merkmal des Christentums ist.

Im Ritus der Altarweihe ist die Materie in ihrer ganzen vielschichtigen Schönheit gegenwärtig. Das Öl, der Weihrauch, das Weihwasser, die Reliquien der Heiligen und selbstverständlich Brot und Wein erinnern uns daran, dass das Christentum die Materie nicht bekämpft, sondern sich an ihr erfreut und sie heiligt. Etwas provokativ formuliert: Unser Glaube sagt uns, dass wir die Materie lieben müssen, wenn wir den Geist lieben wollen.

Die Materialität des Altars erinnert jedoch auch an die Verantwortung, die wir alle als Christinnen und Christen tragen. Wir dürfen uns nicht mit frommer Theorie zufriedengeben, sondern müssen als Leib Christi in der Gesellschaft zur Tat schreiten. Das gilt nicht nur für die Kleriker, sondern für alle Gläubigen! Der Gedanke des „königlichen Priestertums“ bezeichnet nicht nur ein Vorrecht, sondern vor allem eine Sendung. Wer den Altar als Zentrum des christlichen Lebens betrachtet, verspürt zugleich den Antrieb, sich in die Mitte der Welt zu begeben, um dort Zeugnis vom Herrn und von der Hoffnung abzulegen, die er uns geschenkt hat.

Der Altar ist nicht nur ein Fenster zur Vergangenheit und ein Ruf zu verantwortlicher Hinwendung zur Gegenwart, vor allem ist er die Öffnung zur Zukunft schlechthin. Denn er steht für die Verheißung Christi, dass er einst in Herrlichkeit als Richter und König wiederkommen wird.

In der neutestamentlichen Erzählung sehen wir, wie Christus die Händler aus dem Tempel vertreibt. Dabei denken wir an den Gegensatz zwischen dem Heiligen und seiner Kommerzialisierung. Warum aber sprechen wir von einem Gegensatz? Abgesehen von allem, was Religionswissenschaftler darüber sagen könnten, wie der Mensch im Allgemeinen das Heilige wahrnimmt, besteht meines Erachtens besonders im Christentum eine sehr enge und wesentliche Verbindung zwischen Heiligkeit und Zukunft.

Gott ist das „Darüberhinaus“. Als vollkommene Liebe ist Gott die Zukunft des Menschen. Liebe – weder die Liebe der Menschen und noch viel weniger die Liebe Gottes – lässt sich kaufen. Sie ist keine Ware. Es ist kein Zufall, dass im Evangelium die Vertreibung der Händler mit der Ankündigung der Aufer-stehung verbunden wird.

Diese Hoffnung stärkt die Märtyrer aller Jahrhunderte, sodass sie die Qualen ertragen und ihrem Bekenntnis zu Christus treu bleiben können. Wenn wir sagen, die Kirche sei auf dem Blut ihrer Märtyrer gegründet, meinen wir damit selbstverständlich nichts Makabres. Wir verweisen vielmehr auf das furchtlose Bekenntnis von Menschen, dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern die Liebe des wiederkommenden Christus.

Aus diesem Grund werden in den Altären Reliquien von Heiligen beigesetzt. Heute sind es Reliquienpartikel des heiligen Ulrich und der heiligen Crescentia. Unser Diözesanpatron ist ein leuchtendes Beispiel tätiger Nächstenliebe und ein Vorbild christlicher Hoffnung. Und die heilige Crescentia von Kaufbeuren war als kluge Ratgeberin sehr geschätzt. Mit ihr wird zugleich der Bogen zu Ihrer Namensvetterin geschlagen, die die Amme des heiligen Vitus war.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Crescentia“ bedeutet im Lateinischen auch „Wachstum“. Ein solches Wachstum im Glauben und an Gottesfurcht wünsche ich Ihrer Pfarrei von Herzen. Möge sie weiterhin ein Ort der Freude und der unerschöpflichen Liebe Gottes, des Trostes für alle Trauernden und der Stärkung für alle Leidenden sein. Wenn die Gläubigen sich um diesen neuen Altar versammeln, soll das in besonderer Weise zum Ausdruck kommen und für alle spürbar sein.