Interview

Flüchtlingskrise: Fünf Jahre danach

10.09.2020 11:02

Fünf Jahre ist es her, seit eine immense Anzahl an Geflüchteten Zuflucht in Deutschland suchte. Vieles ist damals passiert: menschlicher Not wurde mit großer, oft ehrenamtlicher Hilfe begegnet. Ralf Eger ist Flüchtlingsbeauftragter im Bistum Augsburg. Im Interview blickt er zurück: auf beeindruckendes Engagement, auf das, was nicht so gut lief, und er nennt Baustellen der Zukunft.

Diözesaner Flüchtlingsbeauftragter Diakon Ralf Eger. (Foto: Nicolas Schnall / pba)

Hunderttausende Flüchtlinge flohen 2015 aus ihren Heimatländern und suchten Hilfe in Deutschland. Was hat Sie in der damaligen Situation besonders beeindruckt?
Die Solidarität vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger mit den Geflüchteten, das Engagement und das viele Herzblut, das für Menschen in Not eingebracht wurde.

Gibt es ein Hilfsprojekt oder Engagement, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Es gab an vielen Orten im Bistum Helferkreise, die auch von Mitgliedern unserer Pfarrgemeinden initiiert oder unterstützt wurden. Bei Besuchen vor Ort durfte ich Menschen kennenlernen, welche die Botschaft Jesu aus dem Gleichnis des Barmherzigen Samariters in hervorragender Weise in unsere Zeit hinein nicht nur interpretiert, sondern gelebt haben. So war es durch örtliche Netzwerke möglich Wohnraum und Arbeit zu finden, Menschen im Spracherwerb zu fördern und persönliche Kontakte zu vermitteln. Ich möchte jetzt ungern Namen oder Orte nennen, aber ich denke dankbar an ein paar ganz besonders aktive Gruppen, zu denen bis heute Kontakt und Austausch besteht.

Aus Ihrer heutigen Sicht: Was lief schlecht bzw. was hätte man besser machen können?
In meinen Augen war der Systemwechsel von dezentraler zu immer zentralerer Unterbringung in Ankerzentren oder sehr großen Gemeinschaftsunterkünften nicht zielführend. Auch menschlich gesehen war dies nicht hilfreich. Dezentral im überschaubaren Rahmen kann Integration viel besser gestaltet und gelebt werden. Das zeigen viele Beispiele an gelungener Integration in Schule und Arbeitswelt, aber auch in Vereinen und Ortsgemeinschaften. Ein weiterer Punkt ist die Lage der vielen psychisch Belasteten. Hier reichen die Unterstützungsangebote nicht aus. Der Handlungsbedarf ist groß.

Viele der damaligen Geflüchteten sind auch heute noch in Deutschland. Wie sieht deren Situation jetzt aus? Welche Rückmeldungen erhalten Sie von ihnen?
Es gibt eine erfreuliche Anzahl an Menschen, die sich integrieren konnten, einer Arbeit nachgehen und so auch Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Unschön ist die Lage der Personen mit so genannter schlechter Bleibeperspektive. Sie leben nach wie vor in großer Unsicherheit über ihre Zukunft. Hinzu kommt die belastende Situation in manchen Unterbringungsformen und die Sorge um die Familie in der Heimat.

Wie hat sich die Flüchtlingshilfe in den vergangenen Jahren entwickelt und inwiefern hat sich auch Ihre Arbeit als Flüchtlingsbeauftragter verändert?
Die Arbeit der Helferkreise hat sich stark professionalisiert, viele Ehrenamtliche sind zu Profis in Sachen Flucht und Asyl geworden und leisten weiterhin eine hervorragende Arbeit. Die Zahlen in der Bundesrepublik haben sich stabilisiert, jedoch nicht die an den Außengrenzen, wie wir gerade von den griechischen Inseln hören und lesen mussten. Meine Arbeit hat sich auch etwas verändert: Vorträge und Informationsveranstaltungen werden kaum noch benötigt oder angefragt, die Fallzahlen gehen zurück. Jedoch werden die einzelnen Anfragen komplexer, schwieriger und beratungsintensiver. Erfreulich ist, dass wir über den Flüchtlingsfonds der Diözese nach wie vor eine gute Unterstützung leisten können. Der Fonds wurde 2016 aufgelegt und unterstützt auf der einen Seite das Ehrenamt im Bereich von Projekten auf der anderen Seite Geflüchtete direkt.  Hier nimmt der Förderschwerpunkt Ausbildung stark zu. Meines Erachtens eine gute Investition in die Zukunft.

Wo liegen Baustellen, die uns auch in Zukunft beschäftigen werden und zum Handeln auffordern?
In der Coronakrise hat sich gezeigt, dass viele Kinder keinen Zugang zu digitalen Lernwegen hatten, das traf natürlich auch besonders stark Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Auch das Thema psychische Belastungen ist nach wie vor virulent und hier besteht großer Handlungsbedarf. Integration ist eine Generationenaufgabe und wird uns noch lange und auch immer wieder aufs Neue begleiten. Und natürlich ist da das große Problem der Wohnungsnot, welches nicht auf die Schnelle gelöst werden kann. Aber auch hier wird das Bistum seiner Verantwortung gerecht. An dieser Stelle möchte ich auch allen Verantwortungsträgern in unserer Diözese danken für die oft schnelle und unkomplizierte Unterstützung der Anliegen in der Flüchtlingshilfe.

  

 

Interview: Maria Steber