Interview mit Pfarrer Michael Saurler

"Hineinwirken in eine andere Welt"

30.06.2020 10:20

Pfarrer Michael Saurler ist seit 2007 Leiter der Klinikseelsorge am Universitätsklinikum Augsburg und tritt zum 1. Juli die Leitung der Abteilung Klinik- und Krankenhauspastoral im Bistum Augsburg an. Im Interview erzählt er von den Aufgaben und Herausforderungen der Krankenhausseelsorge besonders im Zeichen der Corona-Pandemie.

Sie sind seit 2005 hier im Universitätsklinikum Seelsorger. Was hat Sie damals bewogen, den Schritt von der Pfarr- in die Klinikseelsorge zu gehen?

Ich war sehr gerne Pfarrer einer Pfarreiengemeinschaft und wurde von einem der damaligen Klinikseelsorger, dem unlängst verstorbenen Dr. Michael Mayr, bei einem Mittagessen auf eine freie Stelle angesprochen. Ich habe zuerst Nein gesagt, aber die Frage hat mich trotzdem nicht mehr losgelassen. Irgendetwas hat das in mir angerührt. Ich habe dann viele Gespräche geführt und schlussendlich zugesagt.

Was fanden Sie an der Aufgabe hier so reizvoll?

Von vornherein hat mich die besondere Welt eines Krankenhauses gereizt – vielleicht auch deshalb, weil mein Vater selbst Arzt war und wir als Kinder in dem Krankenhaus, in dem mein Vater arbeitete, ein- und ausgingen. Im Krankenhaus begegne ich Menschen in existentiellen Situationen. Es geht um Leben und Tod. Außerdem gefällt mir, dass ich hier nicht in einer primär kirchlich geprägten Umgebung Christ und Priester bin. Ich arbeite mit vielen Menschen zusammen, die nicht religiös oder gar aus der Kirche ausgetreten sind. Dieses Hineinwirken in eine andere Welt hat mich von Anfang an gereizt. Wenn ich als Pfarrer in einer Pfarrei arbeite, dann bin ich vom ersten Tag an mittendrin. Aber hier muss man sich eine Position erst einmal erarbeiten. Das ist etwas, was mir Spaß und Freude macht und mich herausfordert.

Wie behält man denn bei über 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie hier am Universitätsklinikum den Überblick?

Da sein, da sein, und noch einmal da sein! Ich kenne lange nicht jeden, aber nach ein paar Jahren hat man dann irgendwann auf jeder Station Ansprechpartner. Dazu kommt, dass wir hier dank der Prioritätensetzung unserer Diözese auch personell in der Klinikseelsorge gut aufgestellt sind. Wir sind zwölf voll- und teilzeitbeschäftigte Seelsorger und Seelsorgerinnen. Dazu kommen an die 50 Ehrenamtliche. Mir ist wichtig, nicht nur Ärzte und Ärztinnen und die Pflegenden im Blick zu haben, sondern ich will auch Reinigungskräfte mit Namen und ihrem Leben wahrnehmen.

Krankenhäuser befinden sich aufgrund der Corona-Pandemie gerade in einer ganz besonderen Situation. Was für besondere Herausforderungen haben sich dadurch der Klinikseelsorge gestellt?

Auf dem Höhepunkt der Infektionszahlen in Deutschland war die Situation nicht nur für Covid-Patienten, sondern auch für die vielen anderen Patienten von großer Isolation geprägt. Nur Sterbende durften Patientenbesuch erhalten. Es gab Patienten, die hatten wochenlang keinen Angehörigen gesehen. Viele Menschen hatten diffuse Ängste. Erlebt haben wir aber auch eine sehr große Solidarität unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die hier entstanden ist.

In der Seelsorge haben sich besondere Probleme wie der erschwerte Zugang zu Patienten oder die Schutzvorkehrungen bei der Spendung der Sakramente aufgetan. Was für Lösungen konnten sie dafür finden?

Wir sind hier in der glücklichen Lage, dass wir eine große Unterstützung seitens der Klinikleitung erfahren. Natürlich galt und gilt auch für uns, Kontakte zu Patienten nicht unnötig zu vermehren, aber wir können und konnten ungehindert und ohne uns zu erklären Patienten besuchen. Viele sehr existentielle Begegnungen sind mir aus den Wochen des Shutdown in Erinnerung. Wir hatten auch Zugang zu den Covid-Stationen. Dorthin gingen wir nur, wenn wir gerufen und angefordert wurden. Die Sakramente, Zeichen des Heiles, konnten wir ungehindert spenden; selbstverständlich unter Berücksichtigung der hygienischen Standards.

Haben Sie dann auch das Gefühl, dass Ihnen als Seelsorger während einer solchen Situation anders begegnet wird?

Nicht grundsätzlich anders. Aber wir haben zum einen Wertschätzung für unser Dasein erlebt und auch viele, die in aller Not und Unsicherheit froh waren, wenn wir kamen.

Wir hatten und haben ja auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier eine psychische Ausnahmesituation. Wie reagieren Sie als Seelsorger darauf?

Wir sind vom Haus in das hausinterne Unterstützungssystem für die Mitarbeiter eingebunden gewesen. Häufiger aber sprechen uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei unseren Stationsbesuchen an. Seelsorge für Mitarbeitende geschieht oft „zwischen Tür und Angel“.

Es gibt hier ja nicht nur katholische Patientinnen und Patienten, sondern Menschen aus den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen. Wie funktioniert da das Miteinander in der Seelsorge?

Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut – vielleicht auch deshalb, weil lehramtliche Fragen nicht im Vordergrund unserer Arbeit stehen. Uns eint die Aufgabe, für die Kranken da zu sein. Deswegen kann es durchaus vorkommen, dass wir gerufen werden und dann für Menschen anderer Glaubensüberzeugungen zum Beispiel einen Imam organisieren oder einen russisch-orthodoxen Priester in München anrufen und ihn bitten zu kommen. Der konkrete Mensch mit seinem Glauben und seiner Frömmigkeit ist Ausgang und Maßstab unseres Dienstes.

Sie sind ab 1. Juli der Leiter der diözesanen Kranken- und Krankenhausseelsorge. Was wird sich dadurch für Sie persönlich verändern?

Es war der Wunsch des Bischofs, aber auch mein eigener, dass ich hier als Seelsorger tätig bleiben kann. Deshalb bleibe ich zuallererst Seelsorger hier im Uniklinikum. Hinzu werden viele Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen in der Klinikseelsorge kommen, Kontakte mit Krankenhäusern, konzeptionelle Arbeit und sicher Vieles, das ich jetzt noch gar nicht sehen kann.

Welchen Stellenwert muss die Betreuung von Kranken in der Seelsorge haben?

Ich halte Krankenhaus- und Krankenseelsorge in der Nachfolge Jesu für eine zentrale Aufgabe. In den Evangelien und der christlichen Tradition hat der Beistand in Krankheit und Tod immer eine große Rolle gespielt. In der Antike hatten die Christen besonders die Schwachen und Kleinen im Blick, im Mittelalter haben sich vor allem die Orden in den vielen Spitälern um die Kranken gekümmert, sie gepflegt und ihnen bis zum Tod Heimat gegeben. Heute muss vor allem die Kirche vermitteln und bezeugen, dass nicht nur die Gesunden und Leistungsstarken im Zentrum stehen dürfen, sondern auch und besonders die Schwachen und Kranken. Sie sind in besonderer Weise Kirche. Deswegen bin ich dankbar, dass die Krankenhausseelsorge in der Diözese Augsburg personell gut ausgestattet ist und vielfach gefördert und unterstützt wird. Für Kranke da zu sein ist ein Identitätsmerkmal des Christentums und ich bin dankbar, dass ich hierzu beitragen darf und kann.

 

Die Abteilung Kranken- und Krankenhausseelsorge des Bistums Augsburg ist an die Hauptabteilung II - Seelsorge angegliedert und wird ab 1. Juli von Pfarrer Michael Saurler geleitet. Sie gewährleistet die hauptamtliche Seelsorge an zahlreichen Standorten im gesamten Bistumsgebiet, schult und begleitet ehrenamtliche Seelsorger/-innen und betreibt mit dem Haus Tobias ein eigenes Bildungs- und Begegnungszentrum in Augsburg. Die Abteilung besteht aus rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.