Mastodon
Ostern heißt „an die Liebe glauben“ (vgl. 1 Joh 4,16) von Domdekan Dr. Bertram Meier

Osternacht 2017: Gottes Passion als Leidenschaft

18.04.2017 17:13

Die heiligen fünf Wunden

die werden nicht verbunden

die glühen

und blühen

in unserer Zeit.

Der vierte und letzte Akt im Singspiel „Franz von Assisi“ von Wilhelm Willms und Peter Janssens ist überschrieben mit „die heiligen fünf Wunden“. Was im Leben des Franz von Assisi mit dem Empfang der Wundmale sich ereignete, das führt uns zurück in die Osternacht. Dort feiern wir das „Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben“. Was Franziskus in San Damiano vor sich hatte, das wird ihm auf dem Berg La Verna gleichsam eingeprägt: das Kreuz Christi und die Wundmale des Gekreuzigten. Von da an hat sich Franziskus eingelebt in den Tod, so dass sein Tod letztlich nichts anderes ist als ein Hineinsterben in das Leben. Bis heute haben die Zeichen der Wunden nichts von ihrer Strahlkraft eingebüsst:

 

Die heiligen fünf Wunden

die werden nicht verbunden

die glühen

und blühen

in unserer Zeit.

 

Sich einleben in den Tod und hineinsterben in das Leben: So fließend können die Grenzen sein zwischen Leben und Tod, zwischen Sterben und Auferstehen. Wodurch kommen die Grenzen ins Fließen? Was macht aus dem Abtauchen ins Dunkel ein Auftauchen ins Licht, aus dem Exitus einen Transitus, aus dem Untergang in den Tod einen Übergang ins Leben?

Es ist die Liebe. Die Liebe ist die Brücke zwischen Himmel und Erde, die Macht, die aus dem Himmel kommt und alle Kräfte der Erde alt aussehen lässt, selbst den Tod. Davon war schon Johannes überzeugt: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder (und Schwestern) lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod“ (1 Joh 3,14). Auferstehung geschieht dann, wenn du liebst und geliebt wirst. Liebe ist Gottes Leben in uns. Sie steht unter der Verheißung, dass sie stärker ist als der Tod. Diese Wirklichkeit hat der französische Philosoph Gabriel Marcel auf den Punkt gebracht, als er nach dem Tod seiner Frau ins Tagebuch schrieb: „Lieben heißt: Ich sage dir, du wirst nicht sterben“. Das hat Gott Jesus zugesagt, als dieser sich einlebte in den Tod und so hineinstarb in das Leben. Gott hat seinem Sohn versichert: „Ich liebe dich, und ich sage dir, du wirst nicht sterben“.

Das Geheimnis der Liebe, das an Ostern gelüftet wird, zeigt der Gräberbesuch, zu dem drei Frauen aufbrechen. Sie tragen Duftkräuter und Salben mit, um den Totengeruch zu vertreiben. Doch das brauchen sie nicht mehr. Gottes Liebe ist ihnen zuvorgekommen: Das Grab atmet Lebensduft. Der lebendige Vater und der tote Sohn: Das geht nicht zusammen. Denn die Liebe sucht Vereinigung. Deshalb „muss“ der Vater den Sohn aus dem Grab ins Leben holen. Nur die Liebe wirkt solche Wunder: Ich liebe dich und sage dir, du wirst nicht sterben.

Dieser Zusammenhang zwischen Sterben und Leben, zwischen Leben und Liebe hat sich mir tief eingeprägt, als ich noch ein junger Kaplan war. Eigentlich wollte ich einen Patienten aus meiner Pfarrgemeinde im Krankenhaus besuchen, der operiert werden sollte. Ich stelle mich wie immer im Stationszimmer vor, sage, wer ich bin, und wen ich besuchen will. „Da haben wir noch einen“, meint die Krankenschwester, „der könnte auch mal einen Pfarrer brauchen. Der ist zwar etwas schwierig. Aber gehen Sie doch mal hin!“ Sie schreibt mir Zimmernummer und Namen auf.

So gehe ich nach meinem geplanten Besuch noch zu dem anderen Mann. Es steht nur ein Bett in der Mitte des Zimmers, das dadurch leer wirkt und kalt. So, als wartete das Bett darauf, endlich abgeholt zu werden. Ich trete näher. Da liegt ein Mann. Noch gar nicht so alt. Ich habe ihn nie gesehen, kenne nur seinen Namen. Während er mich anschaut, streichen seine Hände über die weiße Bettdecke. Die Haut seiner Hände ist dünn, durchsichtig wie Pergament. Die braunen Augen in seinem ausgezehrten, blassen Gesicht kommen noch größer heraus. Mit der Hand lädt er mich ein, mich auf den Stuhl neben sich zu setzen. Er mustert mich schweigend. Ich bin gespannt, was kommt. Es dauert lange. Dann sagt er: „Sie als Pfarrer können mir auch nicht sagen, was kommt, wenn das hier einmal vorbei ist. Und außerdem sind Sie viel zu jung, um dazu etwas sagen zu können.“

In mir begehrt etwas auf. Viel zu jung. Ich habe doch Theologie studiert, jahrelang, noch dazu in Rom. Am liebsten würde ich ihm widersprechen. Aber ich habe nichts gesagt und erst nachgedacht. „Sie als Pfarrer …“ Eigentlich erwarten Menschen von Geistlichen, dass sie ihnen etwas Genaueres sagen können zu den so genannten letzten Fragen, was nach dem Tod kommt. Aber selbst die Bibel stellt dafür keinen Fahrplan auf. Sie legt nur ein paar Hoffnungsspuren. Sie spricht vom Licht nach einer dunklen Nacht und vom Verwandeltwerden. Sie erzählt vom Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird, um seine schützende Hülle zu öffnen, damit der Keim heraus kann, damit aus einem Korn viele werden. Da ist die Rede vom Anziehen der Unsterblichkeit, wie wenn jemand uns liebevoll ein neues Kleid anlegt. Ich sehe den abgemagerten Körper des Mannes und merke: Keiner der biblischen Vergleiche trägt. Und ich sage deshalb gar nichts.

„Herr Pfarrer“, die Stimme des Mannes reißt mich aus meinen Gedanken, „wenn es Ihnen schon die Sprache verschlagen hat, dann geben Sie mir doch bitte mal die Schnabeltasse. Ich habe Durst“. Er trinkt in großen Schlucken die Tasse leer.

„Was wäre denn anders für Sie, wenn danach noch etwas kommt?“ frage ich ihn. Er lehnt seinen Kopf zurück auf das Kissen. „Dann wäre ich jetzt nicht so ungeduldig. Vielleicht hätte ich anders gelebt. Leichter und zugleich bewusster. Ich wünschte mir, dass jemand mir dann zeigt, wie mein Leben wirklich war, und wie ich war als Mensch, als Sohn, als Ehemann. Und ich müsste noch einmal neu überlegen, wie das mit Gott ist. Wenn noch etwas kommt, dann bräuchte ich nämlich auch ein anderes Bild von Gott.“

„Ja“, sage ich, „wir müssen uns überraschen lassen. Es ist vielleicht wie beim Verlieben. Wir spüren, dass sich etwas grundlegend verändert hat, aber sehen und wissen noch nicht genau, was es ist und wie es sein wird.“ Der Mann lächelt und meint: „Wie beim Verlieben? Ist das Ihr letztes Wort an einem Sterbebett? Sie sind schon noch sehr jung.“ Ich denke, hier habe ich voll daneben gegriffen, aber plötzlich fängt der Mann erneut zu sprechen an: „Wie verliebt sein, das wäre schön. Ist mit das Schönste, was es gibt. Ich hab’ da Erfahrung.“ Und er lächelt. „Ich sag’ Ihnen Bescheid, Herr Pfarrer!“ Ich bekomme eine Gänsehaut und sage nichts mehr. Es ist alles gesagt. An der Tür drehe ich mich um und sage bewusst: „Auf Wiedersehen!“ Der Mann winkt mir zu. Ein paar Nächte später ist er gestorben, friedlich und ruhig, wie die Krankenschwester mir später sagte.

Auch ich weiß nicht, was danach kommt. Aber ich glaube der Bibel, wenn sie schreibt: Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Denn die Liebe ist stärker als der Tod. Und sie hört niemals auf. - Ihre Spuren und Zeichen lassen sich in jedem Leben finden, sei es kurz oder lang, glücklich oder tragisch, erfüllt oder bruchstückhaft. Aber es gibt sie: die ewige Liebe, die stärker ist als der Tod; sie weist über jedes Grab hinaus, auch über das, in welches man uns einmal betten wird.

Bis dahin wird jede Entfremdung, jeder Abschied, jeder Verlust, jedes Lassenmüssen und jeder Tod eine Wunde sein und bleiben. Aber die Wunden sind verklärt, sie haben einen österlichen Glanz.  Gott liebt uns, seine Söhne und Töchter, und will mit uns Gemeinschaft. Und wie er seinen eigenen Sohn nicht im Tod gelassen hat, so wird er auch uns herausholen ins ewige Leben. Unsere Aufgabe ist es, einander zu helfen, uns einzuleben in den Tod und so hinein zu sterben in das Leben. Denken wir heute voller Dankbarkeit besonders an die Menschen, die andere begleiten auf dieser Schwelle vom Tod ins Leben, und erbitten wir ihnen Gottes Kraft für ihren anspruchsvollen Dienst. Und bitten wir auch für uns, dass wir der Liebe Gottes trauen. Denn der Osterglaube besteht darin, Gottes Passion zu glauben als Liebe über den Tod hinaus: Christi Passion am Kreuz ist überwunden, die Leidenschaft Gottes für uns geht weiter. Bereiten wir Gott keinen Liebeskummer!