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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am Palmsonntag im Augsburger Dom

„Am Kreuz kommt niemand vorbei, sei es nun groß oder klein“

02.04.2023 10:30

Liebe Schwestern und Brüder! In der Heiligen Woche begleiten wir Jesus auf den letzten Stationen seines irdischen Lebensweges. Heute feiern wir seinen triumphalen Einzug in Jerusalem. Am Donnerstag lädt er uns in den Abendmahlssaal ein, und am Karfreitag gedenken wir seines Leidens und Sterbens. Warum tun wir das? Was ist der Sinn unseres Feierns?

Was in dieser Woche geschieht, ist der tiefste Inhalt unseres Lebens. Den Sinn unseres Daseins finden wir nicht dadurch, dass wir in die Ferne schweifen, sondern darin, als Jüngerin und Jünger Christi in seine Fußstapfen zu treten: "Mir nach, spricht Christus, unser Held ...!" (GL 461) Die Heilige Woche zeigt uns: Das Leben eines Christen ist spannend, spannungsgeladen im wahrsten Sinn des Wortes. Wir müssen die Spannung aushalten zwischen Bangen und Hoffen, zwischen Angst und Freude, zwischen Tod und Leben. Dazu gehört das Kreuz. Ohne Karfreitag kein Ostern, ohne Kreuz keine Auferstehung.

Lassen wir dazu den seligen Pater Rupert Mayer zu Wort kommen: "Am Kreuz kommt niemand vorbei, sei es nun groß oder klein, und die es nicht tragen wollen, sind unglückliche Menschen." Der Jesuit wusste, wovon er sprach: Denn sein Leben war ein jahrelanger Kreuzweg. Er war kein Kreuzesmystiker wie Johannes vom Kreuz oder Edith Stein; vielmehr ein Kreuzträger im Alltag. Nach einer schweren Verwundung im Ersten Weltkrieg trug er täglich das Kreuz seiner Schmerzen bis zum Lebensende. Als "Apostel der Nächstenliebe" von München trug er das Kreuz mit den Armen und Obdachlosen, die in Scharen zu ihm kamen; bei Pater Mayer fanden sie guten Rat und Halt; Hilfe für Leib und Seele. Seine eigenen Oberen im Jesuitenorden schüttelten darüber manchmal den Kopf; sein Engagement für Menschen am Rand wurde oft missverstanden. Aber er ließ sich nicht beirren. Als Zeuge des Glaubens nahm er willig das Kreuz der Bespitzelung, der Bedrohung, Gefangenschaft und ungerechten Verurteilung, ja des Konzentrationslagers auf sich. Das drückendste Kreuz aber waren für ihn die viereinhalb Jahre Internierung im Benediktinerkloster Ettal, wo er nicht mehr für den Glauben kämpfen, sondern nur noch leiden konnte. Er musste schweigen und hatte Predigtverbot. Das Wort vom Kreuz, das ihm so wichtig war, konnte er nicht mehr verkündigen, den barmherzigen Gott nicht mehr – in der Spendung des Bußsakramentes - bezeugen. Diese viereinhalb Jahre in Ettal waren für ihn die lange Karwoche seines Lebens.

Wie es in seinem Inneren aussah, verraten diese Worte: "Seitdem bin ich lebend ein Toter, ja dieser Tod ist für mich, der ich noch so voll Leben bin, viel schlimmer als der wirkliche Tod, auf den ich schon so oft gefasst war." Und im gleichen Bericht fuhr er fort: "So will ich das Kreuz weiter tragen.“

Pater Rupert Mayer hat das Kreuz getragen. Er hat es weder verdrängt noch evakuiert. Er hat gespürt: Wenn ich das Kreuz trage, dann wird das Kreuz mich tragen. Ja, das Kreuz hat auch ihn getragen - durch das Dunkel hindurch, ins Licht des Ostermorgens. Die Seligsprechung am 3. Mai 1987 im Münchener Olympiastadion war das Siegel der Kirche darauf, dass Pater Rupert Mayer eingegangen ist in das österliche ewige Leben.

"Am Kreuz kommt niemand vorbei, sei es nun groß oder klein, und die es nicht tragen wollen, sind unglückliche Menschen." Folgen wir dem kreuztragenden Herrn heute, in dieser Heiligen Woche, in unserem täglichen Leben, und beten wir nach, was uns Pater Rupert Mayer vorgebetet hat, sein Lieblingsgebet:

           Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n und wie
           du willst, so will ich geh’n, hilf deinen Willen
           nur versteh’n.

           Herr, wann du willst, dann ist es Zeit, und
           wann du willst, bin ich bereit, heut und in alle
           Ewigkeit.

           Herr, was du willst, das nehm‘ ich hin, und
           was du willst, ist mir ein Gewinn, genug, daß ich
           dein Eigen bin.

           Herr, weil du’s willst, drum ist es gut;
           und weil du’s willst, drum hab‘ ich Mut.
           Mein Herz in deinen Händen ruht.
           Amen.