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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Chrisammesse im Augsburger Dom

Die apostolische Kirche braucht ein sakramentales Amt

05.04.2023 10:30

„Den ganzen Tag strecke ich meine Hände aus nach einem abtrünnigen und widerspenstigen Volk, das seinen eigenen Plänen nachläuft, auf einem Weg, der nicht gut ist.“ (Jes 65,2) Über dieses Wort aus dem Buch Jesaja bin ich kürzlich gestolpert. Die Aufregung, für die der Schlussspurt des Synodalen Weges in Deutschland gesorgt hat, ist fast schon wieder vorbei. Die Wogen scheinen äußerlich geglättet, doch die inneren Winde und Wellen, Wallungen und Ärgernisse haben sich längst nicht gelegt. Denn die Sache an sich ist nicht erledigt. Der Synodale Weg ist noch nicht zu Ende; die synodalen Prozesse, die im Oktober in die geistliche Bewegung der Weltsynode einmünden sollen, laufen derzeit auf allen Kontinenten. Was bei uns bleibt und was viele von uns umtreibt, ist die Kirchenkritik, die auf eine anschwellende Unzufriedenheit mit dem Zustand des Volkes Gottes – gerade in Deutschland – schließen lässt.

In dieser schwierigen Situation habe ich Sie, liebe Brüder, eingeladen, heute in den Dom zu kommen, um mit mir zusammen die Chrisammesse zu feiern. Die Einladung steht – trotz allem, und ich bin froh, dass so viele von Euch ihr gefolgt sind. Das ist nicht selbstverständlich. Denn die Lage ist für alle, die sich in der Kirche engagieren, kritisch. Daran gibt es nichts zu rütteln. Die Diözese Augsburg ist hier keine Ausnahme. Wir leiden unter den vielen Austritten. Wir spüren, wie das Versagen von Verantwortungsträgern in unser eigenes Leben und Glauben hineingreift. Diese Zeit verunsichert viele.

Nicht nur Priester und Diakone, sondern auch hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge - von den immer noch zahlreichen ehrenamtlichen Frauen und Männern ganz zu schweigen, sind in je eigener Weise angefragt. Manche fühlen sich wie im Boxring der Gesellschaft angezählt: Wie kannst Du Dich nur für diese Organisation engagieren, für so einen Club gar arbeiten? Fazit: Wir können uns nicht heraushalten; die Nähe zu den Menschen macht uns betroffen und bedrückt. Wir dürfen es uns auch nicht einfach machen: Es geht um Ehrlichkeit. Wer die Verwundungen der Menschen bisher nicht wirklich an sich herangelassen hat, war nicht bei den Menschen. Vielleicht oberflächlich, aber nicht real.

Stellen wir die Kamera noch schärfer ein! Die vielen Systeme, die bisher in der Kirche und vor allem für uns Kleriker getragen haben, auf die wir uns stützen konnten: sie wanken oder sind zerbrochen. Wo ist unser Standort? Stehen wir hilflos im gesellschaftlichen Abseits, nicht selten aufgrund der schändlichen Missbrauchsgeschichte konfrontiert mit Argwohn und Verdacht? Wo ist unser Platz? Faktum ist, dass wir Teil einer kirchlichen Hierarchie sind, die enorm an Vertrauen eingebüßt hat. Zuspitzt gefragt: Wozu brauchen wir überhaupt noch Priester? Auf dem Synodalen Weg kursierten Stimmen, die lautstark von einer priesterlosen Kirche träumten, um so – ihrer Meinung nach – der jesuanischen Bewegung wieder näher zu kommen. Klerikale Entschlackung, um verschlankt die wahre und ursprüngliche Form des Evangeliums freizulegen! Im Hinblick auf das sakramentale Priestertum stecken wir in einer Identitätskrise. Das Stärkste, was ich in diesem Zusammenhang hören musste, war eine Bemerkung innerhalb der Synodalversammlung, dass es richtiger wäre, die Berufsgruppe der Priester würde endlich untergehen. Dann könnte eine neue Kirche entstehen. Doch diese starken Worte sind höchstens halbstark, eigentlich sind sie schwach.

Warum benötigt die Kirche als Sakrament ein Weiheamt? Das ist die Frage, die eine starke Antwort braucht. Ich versuche, sie in ein paar Strichen zu zeichnen – im Wissen darum, dass es wirklich nur eine Skizze ist.[1] Gehen wir von einer Voraussetzung aus, die wohl die meisten von Euch teilen: Es gibt im Neuen Testament selbst noch kein ausgeformtes Priesteramt, wie es schon wenige Jahrzehnte später überall in der Kirche zu finden ist. Aber es gibt die Theologie des Hebräerbriefs. Der Hebräerbrief betrachtet Jesus Christus als den Priester schlechthin, in dessen Leben und Sterben alles frühere Priestertum Israels seine Erfüllung gefunden hat. Und nirgendwo im Neuen Testament wird Christus als reines Individuum gesehen. Vielmehr ist er über seine historische Einmaligkeit hinaus Urbild, Typos, Präfiguration. Das heißt: Jesus Christus, das Urbild, braucht ein Abbild. Er muss sich in der Kirche abbilden und ausprägen. Kurz: Christus muss in der Kirche zur Gestalt kommen. Die Kirche muss „christuskonform“ sein.

Der Zweifel, ob Jesus selbst schon Priester geweiht hat, geht so an der Realität dessen, was Kirche ist, vorbei. Die Kirche ist Gottes Schöpfung in der Welt, und Schöpfung ist nichts Statisches, sondern geschieht immer als Evolution, als Entwicklung: Herausbilden und Herausformen dessen, was Gott in sie hineingelegt hat. Konkret: Ein für allemal eingestiftet ist der Kirche Jesus Christus. Er ist das Haupt seines Leibes, und die Kirche als sein Leib soll auferbaut werden und hinwachsen zu ihrem Haupt. Das bezeugt der Epheserbrief: Christus „setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten, für den Aufbau des Leibes Christi“. (Eph 4,7-16, hier: 11f) Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Jesus selbst Priester geweiht hat, ob beim Abendmahl auch Frauen mitgefeiert haben oder ob Petrus schon so etwas wie der erste Papst war.

Die alles entscheidende Frage ist eine andere: Wie bildet sich das, was sich mit Christus endgültig als „Zeitenwende“ in die Geschichte eingeprägt hat und mit ihm eine neue Schöpfung geworden ist, in der Kirche ab? Wie erhält es seine richtige Form? Das ist der Knackpunkt.

An dieser Stelle kommt die Zwölf ins Spiel. Das ist mehr als eine Zahl. Die Zwölf stehen für die offizielle amtliche Zeugenschaft. Die Person Jesu und die Gruppe der Zwölf bilden den Kern des neuen Volkes Gottes, der Kirche. Es ist kein Zufall, dass Jesus sofort am Anfang seines öffentlichen Wirkens Jünger um sich sammelt und aus ihnen einen engeren Kreis zieht: die Zwölf. Er wählte nicht nur, „er schuf die Zwölf“ (Mk 3,14) [Vulgata: fecit; Koine: epoiesen]. Die Zwölf sind kein „Männerclub“ besonders Auserwählter; die Zwölf sind eine Schöpfung Gottes, die Grundgestalt der apostolischen Kirche, deren Form sich im Lauf der Geschichte ausprägte und bis heute entfaltet. Die Zeugenschaft der Zwölf findet in der sakramentalen Ämterstruktur der Kirche ihre Fortsetzung. Das Kollegium der Bischöfe und die Gemeinschaft der Priester um ihren Ortsbischof haben sich schon am Ende des 1. Jahrhunderts herausgebildet als die Form der offiziellen amtlichen Zeugen für Christus: d.h. in kürzester Zeit für die gesamte Kirche, die sich ausbreitete. Dass die Zwölf als amtliche Zeugen nicht sich selbst, sondern den Herrn persönlich repräsentieren, steht schon im Lukasevangelium: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16)

Auf den Punkt gebracht: Beim Weiheamt in seinen drei Stufen geht es vorrangig um Zeugenschaft. Das Amt ist der apostolischen Kirche in die Wiege gelegt, was Evolution und Entfaltung durchaus einschließt. Für die Zugangsbedingungen und Ausgestaltungen gibt es Spielraum und Gesprächsbedarf; doch ein Volk Gottes ohne Amt kann es meines Erachtens nicht geben. Soweit meine Überlegungen für unser Hirn. Mindestens ebenso wichtig ist das Herz.

Zeugen sind mehr als Informanten, Zeugenschaft betrifft die ganze Person. Dem Zeugen geht die Botschaft zu Herzen. Das Evangelium ist ihm eine Herzensangelegenheit: Ist es das wirklich? Hand aufs Herz, ganz ehrlich: Ertappen wir uns nicht oft dabei, weniger Zeugen zu sein als Kirchenbeamte, immer noch gut bezahlt mit Privilegien ausgestattet, doch es fehlt der Biss. Bischöfe, Priester und Diakone sollen – wie wir es bei der italienischen Pasta schätzen – „al dente“ sein, Zeugen mit Biss!

Zeugenschaft ist das Stichwort. Auf der Zeugenschaft dürfen wir uns nicht ausruhen, Zeugenschaft ist ein Anspruch: kein Blankoscheck, sondern der Auftrag, diesen Anspruch mit dem Kleingeld des alltäglichen Zeugnisses einzulösen. Dafür möchte ich Euch aus ganzem Herzen „Vergelt’s Gott!“ sagen. Aber ein einfaches Dankeschön reicht gerade in dieser delikaten Zeit nicht aus. Es wäre auch viel zu oberflächlich und formal. Wenn ich Euch zusichere, dass ich Eurem Wirken und Euren Entscheidungen vor Ort grundsätzlich vertraue, ist das auch noch zu wenig. Deshalb möchte ich Euch heute drei Dinge ans Herz legen:

1. Ich selbst stehe als Bischof nicht außerhalb des Presbyteriums. Ich habe auch nicht vor, mich abzusondern und in einen noblen Elfenbeinturm der Unberührbarkeit zurückzuziehen, sondern versuche das zu teilen, was Ihr gerade mitmacht, auch aushalten müsst, ohne in Selbstmitleid zu verfallen. Was Euch an die Nieren geht, belastet auch mich. Eure Sorgen sind meine Sorgen.

2. Das Zweite ist ein geistlicher Rat. Richten wir unseren Blick im österlichen Triduum auf die Mitte: den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, den Herrn der Kirche. Jahr für Jahr berührt mich das lapidare Wort aus der zweiten Lesung: „Er liebt uns.“ (Offb 1,4) Amor, ergo sum. Ich werde geliebt, also bin ich. Liebe Brüder, jeder von uns ist von Gott geliebt. Das ist ein Grund zum Feiern.

3. In der dritten Empfehlung soll Ignatius von Loyola das Wort haben. Am 17. November 1555 hat er in einem Brief an seine Mitbrüder geschrieben: „Ich glaube, dass ihr euch dazu entschließen solltet, in Ruhe das zu tun, was ihr tun könnt. Kümmert euch nicht um den Rest, überlasst der göttlichen Vorsehung, was ihr selbst nicht bewerkstelligen könnt. Es gefällt Gott, wenn wir uns auf vernünftige Weise mühen und dafür einsetzen, dass die Dinge, die uns obliegen, gut zu Ende gebracht werden. An Ängstlichkeit und Unruhe des Geistes hat Gott kein Gefallen, denn der Herr möchte, dass wir mit unseren Grenzen und Schwächen Hilfe suchen bei seiner Kraft und Allmacht, er möchte, dass wir darauf hoffen, dass seine Güte der Unvollkommenheit unserer Mittel abhilft. (…) Wenn man gewisse Dinge liegen lassen muss, soll man sich mit Geduld wappnen und nicht glauben, dass Gott von uns etwas verlangt, was wir nicht tun können. Er will nicht, dass der Mensch sich an seinen Grenzen wund reibt. (…) Es ist nicht nötig, sich über das Maß hinaus anzustrengen. (…) Mehr noch: Wenn man sich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, kann man den Rest dem überlassen, der die Macht hat, alles zu tun, was er will.“[2]

Diese Gedanken sollen uns in die heiligen österlichen Tage führen. Zusammen mit Euren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habt Ihr sicher in den Gemeinden schon alles vorbereitet: organisatorisch, dekorativ, vor allem liturgisch. Weil alles angerichtet ist, können wir den Rest dem überlassen, der die Macht hat, das zu tun, was er will. Er wollte seinen Sohn nicht im Grab lassen, aus Liebe hat er ihn herausgeholt. Dass Ihr zusammen mit den Euch anvertrauten Menschen daran glauben könnt, wünsche ich Euch zum Osterfest.

[1] Inspirierende Gedanken fand ich bei Gerhard Lohfink, Gottes Volksbegehren. Biblische Herausforderungen, München-Zürich-Wien 1998, bes. S 257-267.

[2] Juan de Polanco im Auftrag an Girolamo Vignes, in: Ignatius von Loyola, Briefe und Unterweisungen. Übersetzt von Peter Knauer, Würzburg 1992, S. 810-812, hier: 811.