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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum Fest Kreuzauffindung in der Abtei Scheyern

Das Kreuz ist ein „Aktivposten der Erlösung“

07.05.2023 10:00

Das Bistum Augsburg und die Abtei Scheyern haben neben vielem anderen, was sie historisch und spirituell verknüpft, auch dieses gemeinsam: Es war jeweils ein Geistlicher namens Ulrich, mit dem an beiden Orten die Verehrung des Heiligen Kreuzes Christi in Verbindung gebracht wird.

So hat Bischof Ulrich von Augsburg der Überlieferung nach kostbare Partikel davon aus Rom mitgebracht. Sie befinden sich bis heute in jenem Pektorale, das wir als Ulrichskreuz verehren; in ein kostbares Reliquiar gefasst, wird es in der Heiltumskammer der Basilika St. Ulrich und Afra aufbewahrt. Jedes Jahr in der Ulrichswoche und vor allem heuer, im Jahr des Doppeljubiläums unseres Stadt- und Bistumspatrons, kommt es für den gemeinschaftlichen und den Einzelsegen zum Einsatz.

Ganz ähnlich ist es hier in Scheyern: Es war im 12. Jahrhundert, als in der Amtszeit von Abt Ulrich III. (1135-1160) ein Kreuzpartikel in die Abtei kam und Jahre später 1180 für die öffentliche Verehrung ausgesetzt wurde. Am 18. Juni 1362 wird Scheyern am Papstpalast in Avignon ausdrücklich „Kloster des Heiligen Kreuzes“ genannt. Das Heilige Kreuz ist Markenzeichen und Gütesiegel dieses Klosters, das die Benediktiner bis in unsere Zeit hüten und lebendig halten. So wurde heute die Heilig-Kreuz-Reliquie aus der Kapelle geholt; in feierlicher Prozession segnen wir damit Kloster, Landwirtschaft und Schule, Tiere, Menschen und ihre Arbeitsstätten, Felder und Fluren. Dabei ist jeder einzelne von Ihnen eingeladen, sich das Kreuz auflegen zu lassen. Bischof Ulrich von Augsburg und Abt Ulrich III. von Scheyern: Beide waren Freunde des Kreuzes Christi.

Obwohl die Allgegenwart des Kreuzsymbols als Turmkreuz und im Herrgottswinkel, als Schmuckanhänger und nicht selten sogar als Tattoo zu unserer Kultur gehört, ist es dennoch gut, sich hin und wieder klar zu machen, dass vor allem die Sprache auch die andere, d.h. die dunkle, schmerzvolle Seite des Kreuzes wachhält: Pläne werden „durchkreuzt“; manche Menschen sind für andere so schwierig, dass sie als „Kreuz“ empfunden werden; einer rennt „kreuz und quer“ und findet im Durcheinander doch den Weg und vielleicht auch den Sinn nicht mehr…

Jesu Kreuz war zu seiner Zeit grausame Realität, und zwar im gesamten römischen Reich und über Jahrhunderte hin. Gekreuzigt wurde an den Ausfallstraßen einer Stadt, um denen, die sich ihr näherten, ein abschreckendes Beispiel zu geben und sie wissen zu lassen: So verfahren wir mit Menschen, die nicht „spuren“, die sich den herrschenden Clans widersetzen, die gegen aufgeschriebene und ungeschriebene Gesetze verstoßen. Deshalb verstehen wir, dass in den ersten drei Jahrhunderten die Christen sehr zurückhaltend blieben mit der Darstellung des Kreuzes und erst recht des Gekreuzigten; waren sie doch voller Sorge, dass ein Machtwechsel oder auch nur die Neubesetzung eines Statthalterpostens für sie selbst den qualvollen Tod am Kreuz bringen könnte.

Das Verhältnis zum Kreuz ist eine sensible Sache. Diese Sensibilität lässt sich auch heute beobachten: Ich erinnere an das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 16. Mai 1995, wonach das verpflichtende Aufhängen von Kreuzen in (bayerischen) Klassenzimmern für verfassungswidrig erklärt wurde. Erst 2011 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass das Anbringen des Kruzifixes keinen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) darstelle - mit der Begründung, ein an der Wand angebrachtes Kruzifix müsse als „ein seinem Wesen nach passives Symbol“ betrachtet werden.[1] Grundsätzlich begrüßen wir als Christen den Kern dieses Urteils, die Begründung allerdings muss uns nachdenklich stimmen: Das Kreuz als „passives Symbol“? Heißt das nicht, es hat seinen Aufforderungscharakter verloren? Oder anders gefragt: Denken wir überhaupt noch etwas, wenn wir ein Kreuz sehen bzw. an einem Wegkreuz vorbeigehen – bewegt uns das Kreuz? Sprechen wir ein Gebet, halten wir kurz inne oder verneigen wir uns für einen Moment? Ist das Kreuz für uns ein Ausrufezeichen – oder ein Fragezeichen?

Vielleicht kennen einige von Ihnen aus Erzählungen oder alten Filmen den Brauch, dass Männer früher vor dem Kreuz den Hut zogen. Doch seit es kaum mehr Hüte gibt, sondern höchstens „Baseball Caps“ und Fahrradhelme, hat sich dieser Respektserweis ziemlich verloren. Das Kreuz aber ist ein Erinnerungszeichen und kein Ornament wie die Stuckmuschel, die Gipsschnecke, Blütengirlande oder was es sonst in barocken Kirchen alles an aus der Natur entlehnten Formen geben mag. Das Kreuz, grob aus zwei Balken zusammengezimmert, verbindet Himmel und Erde, die Vertikale und die Horizontale; es entspricht der menschlichen Haltung der Wehrlosigkeit oder – und das hängt sicher zusammen – der des Gebetes. Die sog. Orantenhaltung, die der Priester bei der Feier der hl. Messe einnimmt und die in romanischen Ländern ebenso wie in evangelikalen Kreisen seit Jahrzehnten beliebt ist, lässt uns mit offenen Armen und dem nach oben gerichteten Blick vor Gott hintreten: unverkrampft und frei, wie uns Gott geschaffen hat!

Eine solche Haltung ist ganz und gar nicht alltäglich, im Gegenteil: Wer sie einmal ausprobiert, wird feststellen, dass ihn oder sie dabei ein eher zwiespältiges Gefühl beschleicht. Da steckt wohl tief in uns drinnen doch noch etwas von dem Wissen um die Schutzlosigkeit, die Wehrlosigkeit des Unbewaffneten, dessen, der sich nicht einmal mit der Faust wehren kann…

In den Lesungen vom Fest Kreuzerhöhung, die wir soeben hörten, werden all diese Momente lebendig: das Aufschauen zur kupfernen Schlange, das Jesus im Gespräch mit dem Schriftgelehrten Nikodemus – und der kannte seine Thora, die fünf Bücher Mose! – mit seinem Kreuzestod in Verbindung bringt, und die „Entäußerung“, das Sich-selbst-wehrlos-Machen, den der Christushymnus im Philipperbrief besingt. Was können uns diese Texte sagen? Uns, die wir vielleicht erst durch die grausamen Bilder des Krieges in der Ukraine und in anderen Teilen der Welt oder auch durch eine Krankheit, durch den Verlust eines lieben Menschen eine Ahnung davon bekommen, worin die Ambivalenz des Kreuzes, seine dunkle, aber auch seine lichte Seite besteht?

Nehmen wir zu den biblischen Zeugnissen noch die Stimme einer Frau hinzu, die zu den Märtyrern des 20. Jahrhunderts zählt: Sr. Teresia Benedicta a Cruce, die hl. Edith Stein (1891-1942). In ihrem letzten Buch, das ein Fragment blieb, weil sie mit ihrer Schwester gewaltsam aus dem Kloster im holländischen Echt zum graubaren Sterben nach Auschwitz verschleppt worden ist, beschäftigt sie sich mit dem Geheimnis des Kreuzes. Es ist eine geistige Vorbereitung auf das, was sie erwartet – und zugleich übersteigt sie dabei gedanklich den Tod als Schwelle zum ewigen Leben. „Ihre Seele strebt(e) nach der Verankerung in Gott“[2], heißt es im Nachwort des Buches, das den programmatischen Titel trägt: Kreuzeswissenschaft. Im betrachtenden Gebet und in der „Einfühlung“ (so einst der Titel ihrer Doktorarbeit) nahm sie mit 52 Jahren ihren Abschied von der Welt vorweg. Bevor man ihr das irdische Leben raubte, legte sie es frei und freiwillig in die Hand des Schöpfers zurück. Vergleichbar dem, was sie als Morgengebet formulierte:

„Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen/ Leg ich meinen Tag in Deine Hand. / Sei mein Heute, sei mein Morgen, / Sei mein Gestern, das ich überwand. / Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen, / Bin aus Deinem Mosaik ein Stein. / Wirst mich an die rechte Stelle legen, / Deinen Händen bette ich mich ein.“

Die hl. Edith Stein brauchte nicht mehr das Kreuz an der Wand oder im Kirchenraum, sie trug es im Herzen und sah die Welt unter diesem Vorzeichen: Sie hatte ein +, ein Plus, vor die Wirklichkeit gesetzt: dieses Pluszeichen, das Heilige Kreuz Christi bringt Welt + (und) Gott in Beziehung und nimmt dem Tod und der Vergänglichkeit den Stachel, der alles Leben auf Erden durchsticht. Edith Stein traut der Verheißung Jesu: „Wer sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten“ (Mk 8,35).

Trauen auch wir diesem Kreuz wieder mehr zu, das Kreuz bewegt, es macht mobil. Lassen wir es nicht „passives Symbol“ sein, sondern Ansporn für ein Leben mit Christus und damit in der Nachfolge des Gekreuzigten. Für mich als Bischof ist das Kreuz Anspruch und Ansporn. Ähnliches gilt wohl auch für einen Abt, ja für alle, die sich ein Kreuz umhängen oder anstecken. Das Kreuz ist kein „passives Symbol“, sondern ein „aktiver Impuls“: Das Kreuz ist mehr als ein Schmuckstück über unseren Gewändern. Das Kreuz provoziert: Wie hältst Du’s mit dem Kreuz?

Bitten wir darum, dass wir im Kreuz mehr sehen als nur eine hübsche Dekoration für Dekolletee und Wand. Das Kreuz ist kein Accessoire, auf das wir verzichten könnten. Für uns Christen ist es auch kein Marterpfahl: Das Kreuz ist unser Lebensbaum, der Aktivposten für unsere Erlösung. Stimmen wir aus vollem Herzen ein in den Jubel des Osterliedes „Jesus lebt, mit ihm auch ich! - Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: ‚Herr, Herr, meine Zuversicht!‘“ Amen.

 

[1] Zit. n. Kruzifix-Beschluss – Wikipedia (aufgerufen am 20.3. 2023)

[2] Edith Stein, Kreuzeswissenschaft. Studie über Joannes a Cruce. Freiburg/Brsg. 1983, S. 295.