„Reliquien bauen Brücken der Versöhnung“
Lieber Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst! Liebe Schondorfer, liebe Freunde aus Boves, liebe Gäste aus nah und fern! Liebe Schwestern und Brüder in Christus! „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,1.6) So haben wir es im Evangelium gehört. Die beiden Mitte Oktober letzten Jahres seliggesprochenen Priester Giuseppe Bernardi und Mario Ghibaudo ließen sich in einer dunklen Zeit nicht verwirren; im Gegenteil: Sie hielten Christus, das Licht, hoch und wurden selbst Licht der Welt. Das heutige Fest anlässlich der Übertragung des Reliquiars mit Überresten der beiden Märtyrer ruft in uns zunächst leidvolle Ereignisse wach: Es geschah im September 1943 im norditalienischen Boves im Piemont. Deutsche SS-Truppen unter dem Kommando von Joachim Peiper verübten unter der Zivilbevölkerung ein Massaker. Mehr als 350 Häuser des Ortes wurden niedergebrannt: unter den 21 Opfern die beiden Seelsorger des Ortes, die ihren priesterlichen Dienst mit ihrem Leben bezahlten.
Als „gute Hirten“ nahmen sie die Nachfolge Christi in ihrem Dienst als Priester ernst und blieben bei ihrer Herde. Die für die Seligsprechung gesammelten Zeugnisse zeigen auf, wie tief sie in Gottes Liebe verankert waren und sich für die ihnen anvertrauten Menschen einsetzten. Sie verkörperten die Liebe Gottes, indem sie den Schwächsten halfen zu fliehen, sie segneten und für sie beteten. Sie engagierten sich, ohne Hass auf die deutschen Besatzer zu schüren – Jesu Gebot der Feindesliebe wurde für sie zur Bewährungsprobe.
Hoffnung und Kraft dürfte ihnen in diesen schweren Stunden der Blick auf Jesus Christus gegeben haben. Aus Liebe zu uns Menschen hat Gott den Weg der Passion gewählt. Im Leiden Jesu Christi verbindet sich Gott mit den Leiden der Welt. Die Frage nach dem Leid in der Welt bleibt letztlich ein Rätsel. Sie lässt uns fragend zurück angesichts der menschlichen Gräueltaten wie sie sich täglich ereignen. Die Ursache des Leids lässt uns oft ratlos zurück. Das Leid der Welt wie der persönliche Schmerz sind für viele Prüfsteine des Glaubens.
Tatsache ist: Gott wählte bewusst den Weg über das Kreuz, er begab sich mitten hinein ins Leid. Wie Paulus schreibt, hat er das Niedrige in der Welt und das Verachtete erwählt, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott. Durch ihn aber sind wir in Christus Jesus, der für uns durch Gott zur Weisheit gemacht wurde und zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und Erlösung (vgl. 1 Kor 1,27-30). Durch seinen Tod am Kreuz hat uns Jesus Christus einen Weg aufgezeigt zu Frieden und zur Versöhnung mit der ganzen Welt. Das Evangelium, die frohe Botschaft von Jesu Worten und Taten, ist Gottes Kunde von der unbegreiflichen, geheimnisvollen Liebe Gottes. Von daher führt weniger die Unmöglichkeit, Leid und Schmerz zu erklären, zum Verlust des Glaubens, sondern der Verlust des Glaubens lässt den Schmerz unerklärlich erscheinen.
Weil Gott den Menschen mit sich versöhnt hat, haben auch wir die Pflicht zur Versöhnung. Uns Christen ist der Dienst an der Versöhnung aufgetragen, wie es Paulus im Brief an die Korinther schreibt (vgl. 2 Kor 5,17-21). Im Martyrium der beiden Ortsgeistlichen hat die Pfarrgemeinde von San Bartolomeo in Boves einen Aufruf zur Versöhnung entdeckt. Im März 2013 suchte sie den Kontakt zur Pfarrei Schondorf, weil der verantwortliche SS-Kommandant Peiper seit 1979 auf dem Friedhof bei St. Anna begraben liegt. Die Gründe für den Ort der Beisetzung sind nicht ganz geklärt. Jedenfalls fand der Kriegsverbrecher seine letzte Ruhestätte in Schondorf, wo auch dessen Onkel, der pensionierte Major Georg Peiper (1880-1958), im Familiengrab beigesetzt war. Doch zurück zum Brief der Gruppe der katholischen Christen aus Boves, die vor zehn Jahren eine Begegnung mit Vertretern der hiesigen Pfarrei wünschten, um „im christlichen Geist einen Kontakt herzustellen und im gemeinsamen Gebet Kraft, Zuversicht und frohen Mut zu schöpfen, um zusammen für eine friedlichere, großherzigere Welt arbeiten zu können.“ Ich brauche es nicht weiter erläutern. Die allermeisten von Ihnen wissen, dass sich in der Folgezeit eine enge Freundschaft zwischen den beiden Pfarreien aus dem Bistum Augsburg und dem Piemont entwickelt hat. Unterstrichen wird die Verbundenheit dadurch, dass auch die politischen Gemeinden inzwischen eine offizielle Partnerschaft eingegangen sind.
Aus der zarten Pflanze der Initiative vor zehn Jahren ist mittlerweile Großes gewachsen: eine Frucht des Wirkens der göttlichen Barmherzigkeit. So betonte der vor kurzem verstorbene Papst Benedikt XVI.: „Das Blut der Märtyrer schreit nicht nach Rache, sondern es versöhnt. Es steht nicht als Anklage da, sondern als ‚goldenes Licht‘, … als Kraft der Liebe, die den Hass und die Gewalt überwindet und so eine neue Stadt, eine neue Gemeinschaft gründet. … Durch das Martyrium, durch ihren Glauben und ihre Liebe zeigen sie, wo die wahre Hoffnung ist.“ (Homilie am Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus vom 29. Juni 2008). Über Ländergrenzen hinweg ist Gemeinschaft gewachsen, verklammert in Verantwortung für die schmerzvolle Geschichte und im Glauben an Gottes Versöhnungstat. Wie ich es bereits im Grußwort anlässlich der Feierlichkeiten zur Seligsprechung ausdrückte, danke ich einmal mehr der Gruppe der katholischen Christen mit ihrem Pfarrer Bruno Mondino von ganzem Herzen für ihren Mut, der nötig war, um dieses „goldene Licht“, von dem Papst Benedikt XVI. sprach, zum Leuchten zu bringen.
Die Übertragung der Reliquien der Boveser Glaubenszeugen in die Schondorfer St. Anna-Kirche ist ein Zeichen inniger Verbundenheit. Doch geht der Sinn eines Reliquiars weit über das historische Erinnern an zwei herausragende Persönlichkeiten hinaus. Reliquien von Heiligen sind keine Schaustücke von „individuell handelnden Helden“ (vgl. Papst Franziskus, Generalaudienz vom 19. April 2023), sie sollen uns vielmehr ein Ansporn zum eigenen christlichen Zeugnis sein. Nichts Anderes meint ja das griechische „martyria“, von dem sich das Wort Martyrium ableitet. Die Hingabe der Märtyrer, ihr liebendes Zeugnis ist uns ein Impuls, ihnen nachzueifern, wie es das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) ausführt: Wenn auch das Martyrium „wenigen gegeben wird, so müssen doch alle bereit sein, Christus vor den Menschen zu bekennen und ihm in den Verfolgungen, die der Kirche nie fehlen, auf dem Weg des Kreuzes zu folgen.“ (LG 42)
Weltweit betrachtet ist die Zahl der Märtyrer mittlerweile höher als am Anfang der Kirche in den ersten Jahrhunderten. In vielen Ländern ist Religionsfreiheit ein Fremdwort. Gläubige werden wegen ihres Glaubens vertrieben, verhaftet oder sogar getötet. Besonders Christen sind global am meisten im Visier. Erst kürzlich wurde ein Bericht veröffentlicht (29.4.23), nach dem in Burkina Faso Seelsorge unter Lebensgefahr geschieht. Das erzählte der Priester Wenceslao Belem bei einer Veranstaltung des Hilfswerks „Kirche in Not“: unlängst in Madrid: „Bevor wir zu pastoralen Einsätzen aufbrechen, beten wir intensiv und empfangen die Sakramente für den Fall, dass wir nicht mehr zurückkehren.“ In Deutschland sind wir, Gott sei Dank, in der glücklichen Lage, unseren Glauben frei bekennen zu dürfen. Auch die seelsorglichen Aktivitäten laufen ungehindert. Diese Freiheit sollten wir nützen. Und doch haben die Kirchen hierzulande mit gesellschaftlichem Gegenwind zu kämpfen; Gläubige sind heftiger, teils bissiger Kritik ausgesetzt. Wer den eigenen Glauben bekennt, stößt zunehmend auf Unverständnis und Verwunderung.
Eine Anleitung zum Umgang damit bietet uns die neutestamentliche Lesung aus dem 1. Petrusbrief: „Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein! (…) Wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.“ (1 Petr 2,4.6) Das sind hoffnungsvolle Worte, die uns der anonyme Verfasser hier zuspricht, der in der Autorität des Apostels Petrus schreibt. Seine Botschaft sendet er am Ende des 1. Jahrhunderts an die Christen in Kleinasien. Sie erleben sich als Minderheit in einer Gesellschaft, die ihnen ablehnend gegenübersteht. Der Brief will den dortigen Gläubigen Mut zusprechen, sie aufbauen, ihr Selbstbewusstsein stärken: Haltet Euch an Jesus Christus! Ihr seid von Christus auserwählt, durch ihn habt ihr eine hohe Würde erhalten. Verzagt nicht, zieht euch nicht ins Schneckenhaus zurück, sondern baut auf Christus, den „lebendigen Stein“, das Fundament des Hauses Gottes.
Nachfolge Christi heißt also nicht Rückzug aus der Welt oder gar ein Abdriften „ins bloß Fromme“. Nachfolge zeigt sich in der Sendung in die Welt, um ihr das Evangelium einzuprägen. Unser Glaube hat dabei ein konkretes Gegenüber. Nicht geistlicher Stillstand, sondern Beziehungspflege ist angesagt. In der Begegnung mit Jesus Christus und der Gemeinschaft der Gläubigen vor allem in der Eucharistie wächst der Glaube. Wer glaubt, ist nicht allein! Das ist es, was uns die Märtyrer lehren: die Treue zu Jesus. Im Schauen auf Christus, den „Eckstein“ (1 Petr 2,7), „den Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2), reift die Treue zu ihm. In den kleinen und großen Schwierigkeiten muss diese Treue eingelöst werden, im täglichen Verzicht auf Hass und jede Gewalt.
Für viele Gläubige aus der Pfarreiengemeinschaft Schondorf-Utting geht mit der Übertragung des Reliquiars in die St. Anna-Kirche ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Wie wichtig das Gebet für den Frieden in der Welt ist, zeigt ein Blick auf die vielen Konflikte und Kriege. Ich bin überzeugt, dass die Verehrung der beiden seligen Priester, die Opfer des Kriegsverbrechens vom 19. September 1943 wurden, hier in Schondorf ein starkes Zeichen für den „Dienst an der Versöhnung“ ist. Im „Schondorfer Friedensgebet“ an jedem 19. eines Monats schlägt sich dieser Dienst eindrucksvoll nieder.
[Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde!
Abschließend gilt mein Dank der Delegation aus Boves mit ihrem Pfarrer Bruno Mondino für Ihre Anwesenheit, mit der Sie die herausragende Freundschaft unterstreichen, allem voran aber für die Überreichung des Reliquiars. Es ist ein kostbares Geschenk, das Sie der Pfarreiengemeinschaft Schondorf machen. Ein ganz großes und herzliches „Vergelts Gott!“ dafür! Ich danke allen, die sich für Frieden und Aussöhnung einsetzen, sowie den in der Partnerschaftsarbeit Engagierten – sei es hier in Schondorf, sei es in Boves. Heute erfahren wir: Reliquien schaffen ein Klima der Versöhnung. Reliquien bauen Brücken.]
Original italienisch gesprochen:
Care sorelle e fratelli, cari amici!
Infine, vorrei ringraziare la delegazione di Boves, con il suo parroco don Bruno Mondino, per la vostra presenza, con la quale sottolineate l'eccezionale amicizia, ma soprattutto per la presentazione del reliquiario. È un dono prezioso che fate alla comunità di parrocchie di Schondorf. Un grande e sentito "Vergelts Gott!" (grazie a Dio, grazie di cuore!) per questo! Vorrei ringraziare tutti coloro che lavorano per la pace e la riconciliazione, così come coloro che sono coinvolti nel lavoro del gemellaggio - sia qui a Schondorf che a Boves. Oggi impariamo che le reliquie creano un clima di riconciliazione, le reliquie costruiscono ponti.
Liebe Schondorfer, Reliquien bauen Brücken. Mit dem Reliquiar ist Ihnen eine besondere Verantwortung übertragen. Mit dieser Geste der Versöhnung wird deutlich, dass Schondorf in die „communio sanctorum“, in die Gemeinschaft der Heiligen, eingebettet ist. Augenscheinlich wird sichtbar, was es heißt, in die Weltkirche eingegliedert zu sein: stark vor Ort und zugleich vernetzt mit der weltweiten Kirche. Bleiben wir in diesem Netz, das trägt und hält. Seien wir einander Stütze und Kraft aus der Gemeinschaft der Heiligen.
Die beiden seligen Märtyrerpriester Giuseppe Bernardi und Mario Ghibaudo seien uns kraftvolle Vorbilder und Fürsprecher. Ich bin überzeugt, dass wir missionarische Jüngerinnen und Jünger werden, wie es im Petrusbrief (vgl. 1 Petr 2,9) heißt, um „die großen Taten dessen zu verkünden, der uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“. Als „Gesandter an Christi statt“ (2 Kor 5,20) bitte ich Euch, den Weg des Friedens und der Versöhnung konsequent weiterzugehen.