„Du sollst die Herzen der Kinder rühren.“
Sehr geehrter Bruder Paul, sehr geehrter Herr Schulleiter Kögel, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Schwestern und Brüder! Manches passt einfach. So auch heute. Denn die Lesung aus dem zweiten Brief des hl. Paulus an Timotheus – also quasi vom erfahrenen Apostel an seinen Lehrling – schlägt eine wunderbare Brücke zu dem Anlass, der uns hier zusammenführt. Wir feiern 100 Jahre Kolleg der Schulbrüder in Illertissen. Ein ganzes Jahrhundert Schulbildung aus christlichem Glauben heraus, konkret in der Nachfolge des hl. Johannes von La Salle.
Aus der Lesung erwächst ein Dreiklang, der uns auch heute leiten will: vom (1) Bewahren über das (2) Leben in Glaube und Liebe heute zum (3) Anvertrauen, zur Weitergabe an nächste Generationen.
Beginnen wir mit dem Bewahren, den Worten des Apostels Paulus: „Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt!“ (2 Tim 1,14)
Wenn wir 100 Jahre Schulbrüder in Illertissen feiern, dann gibt es sicherlich viel zu bewahren. Ich bin nicht gekommen als Konservierer, auch nicht einfach als Konservativer, sondern als einer, der „kreativ treu“ sein will. Es geht mir nicht darum, diese zehn Jahrzehnte oder hundert Jahre Revue passieren zu lassen. Vielleicht geschieht das später noch oder ist in Schulchroniken nachzulesen. Mein Anliegen ist, auf den Kern oder vielmehr das Fundament zu schauen, auf das, was vor hundert Jahren grundgelegt wurde und bis heute trägt.
In der Lesung ist vom kostbaren Gut die Rede – und in der Tat ist es sehr kostbar, was die Schulbüder da grundgelegt haben. „Du sollst die Herzen der Kinder rühren“ – so heißt ein Leitsatz des hl. Johannes von La Salle. Da steht nicht: Betet morgens, mittags und abends gemeinsam, oder: Haltet mindestens eine Stunde Katechismus täglich, unterrichtet die Kinder in der rechten Lehre. Nein, es geht darum, das eigene Herz sprechen zu lassen, das Herz der Kinder und Jugendlichen zu erreichen – und sie so für das zu öffnen, was gut und richtig, was wahr und wichtig ist, was oder vielmehr wer unser Leben trägt und nährt. Es geht nicht um ein Anhäufen von möglichst viel Wissen, sondern zunächst um Herzensbildung, welche die Kinder und Jugendlichen fit macht fürs Leben, ihnen aber auch Haltungen wie Mitgefühl und Gemeinschaftssinn mit auf den Weg gibt, die für das Miteinander sicher wichtiger sind als manche Englisch-Vokabel. Kurz: Es geht nicht nur um Wissen, sondern auch um Weisheit.
„Du sollst die Herzen der Kinder rühren.“ Dies trieb die Schulbrüder an, als sie 1923 vom württembergischen Dietenheim nach Illertissen-Au herüberkamen, hier den Grundstein für die neue Schule legten und kurz darauf mit sechs Brüdern und 36 Schülern anfingen. Die Arbeit der Brüder überzeugt und der Bedarf an Schulbildung für alle – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – war groß. So hat sich die Schule in Illertissen schnell etabliert. Dank des Einsatzes der Brüder wuchs sie rasch zu einer beeindruckenden Einrichtung heran. Die nationalsozialistische Zeit brachte bittere Jahre: Die Schule wurde geschlossen, das Schulgebäude umgewidmet. Umso wichtiger war es, dass Schulbrüder ab 1945 mutig und zielstrebig mit Pioniergeist und einem lebendigen Vertrauen auf Gott den Schulbetrieb wiederaufnahmen. Als Stiftungsratsvorsitzender des Schulwerks der Diözese Augsburg darf ich das Jahr 1990 nennen, als bereits das Schulwerk die Trägerschaft des Kollegs übernahm, weil es immer weniger Schulbrüder gab, die auch die Verantwortung für den Schulbetrieb tragen konnten. 2012 verließen dann die letzten Schulbrüder das Illertal. Wir, die wir heute für das Kolleg der Schulbrüder Verantwortung tragen, alle, die hier unterrichten, ja die ganze Schulgemeinschaft stehen auf dem Fundament der Schulbrüder und fühlen uns diesem verpflichtet – einem kostbaren Gut, wir bewahren wollen.
So spannt sich der Bogen zum zweiten Punkt: Leben in Glaube und Liebe heute, oder „Halte fest, was du von mir gehört hast in Glaube und Liebe in Christus Jesus“ (2 Tim 1,13)
Jetzt wird es fromm, so könnte man meinen. Aber letztlich ist es nur eine Fortsetzung dessen, was wir schon bedacht haben: Wir sind heute gerufen, in Liebe da zu sein und den Glauben zu leben, in allem, was wir tun, beim Lernen und beim Lehren. Die Liebe steht in unserem Glauben an erster Stelle. Da sind wir wieder ganz im Einklang mit dem hl. Johannes von La Salle: „Du sollst die Herzen der Kinder rühren.“ Wir sind gerufen, einander in Liebe zu begegnen, das heißt zunächst einfach mit Respekt und Wertschätzung. Wenn wir uns angenommen fühlen, dann wächst auch die Bereitschaft und Offenheit, etwas vom anderen zu lernen – den Lehrstoff ebenso wie persönliche, soziale und ethische Kompetenzen. Auch der Glaube selbst wirkt am stärksten über das überzeugende Vorbild, nicht über Glaubenssätze.
Dabei müssen wir uns ganz eigenen Herausforderungen stellen, wenn wir heute das zu leben versuchen, was uns anvertraut ist. Die Corona-Pandemie war sicher ein besonderer Einschnitt im schulischen Leben; wir alle sind bis heute davon geprägt. Was heißt es da, einander (neu) in Liebe zu begegnen, an den anderen und seine Fähigkeiten zu glauben und damit das Beste in ihm zur Entfaltung zu bringen? Aber auch Fragen der zunehmenden Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz fordern uns heraus, das menschliche Miteinander nicht zu vernachlässigen. Der Krieg ist uns in Europa nahegekommen und bringt viel sicher Geglaubtes ins Wanken. Über diesen großen Themen dürfen wir aber nicht vergessen, was Einzelnen ganz besonders zu schaffen macht: Konflikte in der Familie, Krankheiten, Ängste vor der Zukunft und vieles mehr.
„Glauben“ oder „christliche Werte“, die in unseren kirchlichen Schulen immer wieder bemüht werden, sind keine Worthülsen für Schönwettertage. Das heißt, im Alltag aus der Zusage zu leben: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir!“ (Jes 43,5) – an jedem Tag, im Erfolg wie Misserfolg, in Freude und Schmerz, immer. Sich gehalten wissen, ermöglicht auch, sich den Schwierigkeiten und Herausforderungen zu stellen.
Zum Heute gehört auch ein Blick auf die großartige Schulfamilie am Kolleg, in der jeder und jede die eigenen Talente entfalten und entwickeln kann, in der Kinder und Jugendliche gefördert und - wo notwendig – auch herausgefordert werden, um Wachstum zu ermöglichen. Davon zeugen die vielfältigen besonderen Engagements, von der Musik zur Robotik über Marionetten und die Schulpastoral.
So sind wir drittens bei der Weitergabe an nachfolgende Generationen angekommen, oder, mit den Worten des hl. Paulus: „das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren!“ (2 Tim 2,2)
Zu so einem großartigen Fest gehört nicht nur die Rückschau, sondern auch der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft. Paulus spricht davon, dass wir das Gut anderen anvertrauen sollen – und zwar als Zeugen, über unser Leben und Sein, weniger über unsere Worte und Lehren. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass die Kinder und Jugendlichen, die hier zur Schule gingen und gehen, das, was sie hier mitbekommen haben, auch an andere weitergeben – von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz. Das Fundament, welches hier für die Zukunft gelegt wurde, ist gut. Das lässt mich zuversichtlich sein.
Die Weitergabe in die Zukunft wird jedoch auch ganz konkret durch die Baumaßnahmen, durch die die Zukunft des Schulstandorts Illertissen gesichert werden soll. Allen sei Dank, die hier – mit dem Schulwerk zusammen – Millionen in wichtige Baumaßnahmen investieren. Ich bin sicher, dass es eine sinnvolle Investition in die Zukunft ist. Denn so können wir auch zukünftigen Generationen weitergeben, was wichtig ist und im Leben trägt.
Im Wort vom Anvertrauen steckt das Wort Vertrauen; auch die ersten beiden Schritte, das Bewahren und das Leben in Liebe brauchen das Vertrauen. Dies ist eine wesentliche Grundlage für alles, was wir in der Schule tun. Gerade in unserer Zeit, in der endzeitliche, apokalyptische Tendenzen stark werden, ist es ein großartiges Geschenk, dass wir vertrauensvoll in die Zukunft blicken und an eine gemeinschaftliche, lebenswerte Zukunft glauben können.
Anderen als Zeuge anzuvertrauen, was mir selbst wichtig ist, was mich trägt und antreibt, das kann jeder und jede – ob Lehrerin oder Hausmeister, Seelsorger oder Sekretärin, Schülerin oder Schüler, und die Eltern sowieso. Das Vorbild des heiligen Johannes von La Salle, die Worte des Apostels Paulus, das heutige Fest: alles kann uns ermutigen, Zeugnis abzulegen vom Geist, der die Schule beseelt, aber mehr noch, der mein Leben trägt und prägt.
So will ich es nicht versäumen, meine Predigt mit einem persönlichen Zeugnis zu schließen. Denn, auch im Leben eines Bischofs läuft nicht immer alles glatt, es gibt Herausforderungen und schwere Entscheidungen. In allem, was jeden Tag aufs Neue auf mich zukommt, trägt mich, dass Gott ein für allemal Ja zu mir gesagt hat, dass er mir immer nahe ist und mich liebt, dass ich aus seiner Hand nicht herausfallen kann. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen und euch allen.