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Predigt des Diözesanbischofs Dr. Bertram Meier, Augsburg, am 4. Juli 2023 anlässlich der Männerwallfahrt in der Ulrichswoche

Seien wir keine männlichen Stereotypen, sondern Originale

04.07.2023 20:30

Liebe Männer! Hoch zu Ross sitzend, in voller bischöflicher Montur, das Kreuz in der erhobenen Hand haltend und wagemutigen Blickes den feindlichen Ungarn entgegenreitend: So begegnet uns der hl. Ulrich in zahlreichen Darstellungen zur Lechfeldschlacht im Jahre 955. Ein hehres Beispiel dafür ist die Bronze­skulptur des Brunnens auf dem Domvorplatz; die meisten von Ihnen werden sie kennen.

In einer solchen Darstellung verkörpern sich all die Attribute, die den Männern „klassisch“ zukommen: Tapferkeit, Kühnheit, Beharrlichkeit, Risikobereit­schaft, Durchsetzungsvermögen, usw., um nur einige zu nennen. Typischer­weise stehen sie oft im Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen und Gewalt. Das gilt als „Männlichkeit in Reinform“. So stellt man sich einen Helden vor, oder?

Demgegenüber sehen wir in Eigenschaften wie Sanftmut, Hingabe und Empathie eher weibliche Eigenschaften. Wirklich? Diese Rollenzuschreibungen gelten nach wie vor oft als archetypisch, umgekehrt werden sie als stereotype Rollenbilder entwertet. Seit Ende der 1960er haben sich die Rollenbilder der Geschlechter im westlichen Kulturraum erheblich verändert. Mit Blick auf den Mann wird da von einer „Evolution der Männlichkeit“ gesprochen bis hin zum Schlagwort von der „hybriden Männlichkeit“ in jüngster Zeit. Früher wusste jeder, wenn es hieß: „Sei ein Mann!“ Zähne zusammenbeißen, durchhalten und keine Schwäche zeigen, schon gar keine Gefühle. Ein Mann weint schließlich nicht. Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war klar abgesteckt: Der Mann war Beschützer und Ernährer der Familie, die Frau zuständig für „Kirche, Küche, Kinder“.

Und heute? Durch die Emanzipationsbewegung hat sich die Situation wesentlich geändert – Gott sei Dank. Frauen stehen mittlerweile beruflich genauso „ihren Mann“; dadurch sind sie unabhängig(er). Die Frauen- und #metoo-Bewegung bringt es mit sich, dass im Mann der Grund allen Übels gesehen wird – früher Held, jetzt Buh-Mann. Er ist verantwortlich für die Kriege und Krisen dieser Welt. In den vermeintlichen „Übeln“ feministischer Bestrebungen sehen viele die „Krise der Männlichkeit“ begründet, von der seit längerem gesprochen wird: Viele Männer sind innerlich unsicher geworden, verzweifeln auf der Suche nach ihrem Selbstverständnis.

Auf der politischen Bühne wird lautstark von der „Diskriminierung des Mannes“ gesprochen, vom „Mobbing gegen Männer“ ist da die Rede. Gefordert wird eine „neue Männlichkeit“, die „Wiederentdeckung der Männlichkeit“, um wehrhaft zu werden – meist um patriarchale Tendenzen zu stützen und in überholte Rollenbilder zu verfallen. Geht es aber nicht vielmehr darum, Ungleichheit und Ungerechtigkeit als Ganzes zu sehen und weniger in Rollenzuschreibungen? Geht es nicht vielmehr erst einmal darum anzuerkennen, dass wir von Gott her mit unseren Talenten und Fähigkeiten einmalig geschaffen sind?

Was Gott dem Propheten Jeremia zusprach, gilt einem jeden, einer jeden von uns: „Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete, und ehe du geboren wurdest, habe ich dich erwählt, um mir allein zu dienen.“ (Jer 1,5) Dort, wo auch ich als Mann meine Schwächen lerne anzunehmen, wo ich nicht in Macho-Gehabe, Arbeitssucht oder Unentschlossenheit abgleite, gelingt „echtes Mann-Sein“. Ein richtiger Mann sein heißt authentisch sein! So geht es für „Mann“ (und Frau) nicht darum, die Männlichkeit (bzw. die Fraulichkeit) zu entdecken, sondern zunächst das Mensch-Sein!

Ein traditionell geprägtes Männerbild schadet letztlich auch den Männern, weil es allein abzielt auf Konkurrenz, Leistung und Ausbeutung. Erfüllen wir also keine angewöhnten Rollen, liebe Männer, seien wir keine Schablonen irgendwelcher vermeintlich männlicher Ideale, sondern seien wir Originale! Haben wir Mut, die eigene Männlichkeit zu entwickeln und zu leben d. h. gebotene Möglichkeiten zu ergreifen, um das Leben zu gestalten und Verantwortung für sich in allem zu übernehmen. Das klingt erst einmal wie aus einem Handbuch für „Männer-Coaching“. Das Internet ist voll von derartigen Angeboten – das allein aber greift meines Erachtens zu kurz!

Kommen wir zurück zum hl. Ulrich und schauen wir hin, was wir von ihm lernen können. Gewiss: Gerade die eingangs hervorgehobene „martialische Seite“ unseres Bistumspatrons gilt es differenziert zu betrachten. Ohne historischen Kontext werden wir ihm nicht gerecht. Unbenommen ist sein Verdienst um die Verteidigung der Stadt Augsburg. Der Erfolg hat einen Grund: Ulrich ließ die Stadtmauer befestigen, um sie so vor den wiederholten Einfällen der Ungarn zu schützen. Am Sieg von König Otto I. über die Ungarn bei der Lechfeld­schlacht Anfang August 955 hatte Bischof Ulrich insofern Anteil, weil er die gegnerischen Kräfte vor Kampfbeginn an der gut ausgebauten Stadt­befestigung band. In der späteren Legendenbildung erscheint Ulrich sodann als Heerführer und Feldherr.

Was in dieser Skizzierung hervorsticht, ist das Vertrauen des hl. Ulrich auf den, der am Kreuz für uns starb. Von ihm kommt Rettung und Heil. Jesus Christus, ist der wahre „Superheld“ – aber nicht so, wie uns Helden in Fantasy- und Science-Fiction-Romanen begegnen, wie sie uns in Action- und Comicverfilmungen präsentiert werden: außergewöhnlich, vollen Einsatzes alles riskierend. Schauen wir ins Evangelium: Das „Heldenepos Jesu“ ist keine „Aktionsgeschichte“, sondern eine „Passionsgeschichte“! Widerstandlos ließ Jesus sich verhaften und ans Kreuz schlagen; unschuldig erlitt er um unserer Sünden willen den Tod. Der Kreuzestod Jesu ist aber, wie wir als Christen glauben, keine Geschichte des Scheiterns, sondern eine Erfolgsgeschichte durch Gottes Auferweckung in Jesu Christi. Es ist kein Sieg über das Böse mit „Pauken und Trompeten“, sondern er wird offenbar in der „Wirkmacht des Karfreitags“. Die französische Philosophin Simone Weil (1909-1943) drückte es einmal so aus: „Das Böse zu erleiden, ist die einzige Möglichkeit, es zu zerstören“ (IV, 202). In diesem Sinne wird das Kreuz Christi zum „crux victoralis“, zum Siegeszeichen.

Der hl. Ulrich wusste durchaus auf der damaligen politischen Bühne zu agieren und zu taktieren, er war sich seiner Herrschaft vollauf bewusst. Doch er nutzte diese nicht zum eigenen Vorteil; nicht, um in die eigenen Taschen zu wirtschaften und um der eigenen Macht willen. Seine Sorge galt dem leiblichen wie seelischen Wohl der ihm anvertrauten Leute. Entsprechend war er sozial-caritativ unterwegs; er sorgte für eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung und der Krankenpflege; er kümmerte sich um eine bessere Ausbildung der Kleriker und baute die von den Ungarn zerstörten Kirchen wieder auf. In diesem Sinne dürfen wir ganz der Losung der heutigen Lesung aus dem Hebräerbrief folgen: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13,7)

Jede Eigenschaft, die übertrieben wird, birgt in sich die „Gefahr der Untugend“. So kann übertriebene Männlichkeit ausarten in Einbildung, Übermut, Leichtsinn, Anmaßung, Überheblichkeit bis hin zur Impertinenz. Deswegen bedarf es eines Gegenpols - eines Ausgleichs durch Klugheit und Maß, Gerechtigkeit und Bescheidenheit. Am Lebensbeispiel unseres Bistumspatrons sehen wir, was „wahres Heldentum“ bedeutet: Mannhaftigkeit erweist sich in Taten der Liebe am Nächsten, Großmut und Demut bedingen einander, Aufgabe und Hingabe durchdringen sich gegenseitig.

Das Ulrichsjubiläum trägt das Motto „Mit dem Ohr des Herzens (hören)“. Es ist einer zeitgenössischen Lebensbeschreibung des Heiligen entnommen (vgl. Ulrichsvita I,9). Als 62. Nachfolger des Bischof Ulrich erhoffe ich mir von diesem Festjahr eine tiefgehende „geistliche Erfrischung“ für die Gläubigen und Pfarreien unseres Bistums. Insofern bitte ich Euch, liebe Männer: Hört in Euch hinein, auf Eure Berufung, hört hin auf die Stimme Gottes, auf das, was Gott mit Euch Großes vorhat, welche Aufgaben er für einen jeden bereithält. Bringt umgekehrt Eure Erfahrungen und Emotionen selbstbewusst und offen „ins Wort“ – nicht nur am Stammtisch, sondern gerade auch in der Partnerschaft, in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Kirche.

Liebe Männer, die Kirche braucht Euch: Anstelle von Leistungsdenken ist Sinnorientierung gefordert, nicht Perfektionismus und Selbstoptimierung bis zur Selbstaufgabe, sondern die Fürsorge auch um sich selbst und die Barmherzigkeit mit anderen. Helft mit, als Christen der Welt ein menschliches Antlitz zu geben! Sucht wie der hl. Ulrich, was notwendig ist und tut das Not-wendende! Nicht Resignation und Hoffnungslosigkeit sind das Gebot der Stunde, sondern Kraft und Eifer, unsere Welt mitzugestalten! Treten wir als Christen überzeugend ein für ein gutes Leben für alle! Lasst Euch ein auf das „Abenteuer Glauben“! Habt Mut, denn wir dürfen uns wie der hl. Ulrich der Führung Gottes überlassen.

Was Jesus seinen Jüngern gesagt hat, gilt auch uns: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9) Diese Liebe ist uns von Gott her vorbehaltlos zugesprochen, sie bleibt aber ohne Frucht, wenn wir sie nicht erwidern, wenn wir sie nicht pflegen, wenn wir seine Gebote nicht halten (Joh 15,10). In diesem Sinne, liebe Männer (und Frauen): Werdet zu „Helden der Nächstenliebe“! Denn nicht mehr Knechte des Herrn sind wir, sondern erwählt zu „Freunden Gottes“ (vgl. Joh 15,14).