Hingabe als Akt der Freiheit
haben Sie das schon einmal erlebt, dass Sie einem Menschen begegnet sind, bei dem Sie unwillkürlich Ehrfurcht empfanden? Einem Menschen, den ein Hauch von Ewigkeit umwehte, wie einen Botschafter aus einer anderen, sehr viel größeren Welt?
Das ist die Erfahrung, die der Prophet Maleachi ankündigt, wenn er sagt: „Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel / der Herr, (…) Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? / Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer des Schmelzers / und wie die Lauge der Walker. Er setzt sich, um das Silber zu schmelzen und zu reinigen (…)“ (Mal 3,1b.2-3a).
Tatsächlich gibt es solche Menschen, bei denen man das Gefühl hat: ich bin durchschaut, er oder sie blickt in die dunklen, verborgenen Winkel meines Herzens - und das ist wahrhaftig nicht angenehm! Da kann es sein, dass man einen Rückzieher macht und die Gegenwart dieses Menschen meidet oder gar zum Angriff übergeht, weil man sich bedrängt fühlt. In esoterischen Kreisen wird dann gerne die Aura beschworen und zugleich behauptet, sie sei durch bestimmte Techniken beeinflussbar und man könne sich selbst eine Aura geben, die andere Menschen fügsam macht.
Ja, es scheint wohl so: Wo der Mensch mit dem Heiligen in Berührung kommt, da muss er - bildlich gesprochen - seine Schuhe ausziehen wie Mose, er macht sich aus dem Staub wie Jona oder er lädt gewaltige Schuld auf sich, indem er das Heilige in den Schmutz zieht und zugrunde richten will. Selten erfolgt eine späte Einsicht, wie sie uns vom Hauptmann unter dem Kreuz überliefert ist. Dieser hatte die Soldaten befehligt und überwacht, die die grausame Hinrichtung Jesu vollstreckten, und musste doch bei seinem Tod erschüttert bekennen: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15,39).
Nur schwer halten wir die Nähe Gottes und seiner „Boten“ aus. Deshalb fällt es heute auch vielen nicht leicht, längere Zeit still vor dem Allerheiligsten – dem unsichtbaren personalen Gott und nicht dem sichtbaren Stück Brot – zu verweilen und sich von IHM anschauen zu lassen. Wir sprechen von der Aussetzung des Allerheiligsten Altarsakramentes und setzen doch beim Gebet erst recht uns selbst aus! Damit lassen wir zu, dass der, der im ewigen Lichte wohnt, unser Herz ausleuchtet und die guten Regungen von den bösen scheidet. Keiner hat je behauptet, dass dies ganz ohne innere Schmerzen abgeht! Daher gilt die ernste Frage des Propheten auch uns Christinnen und Christen: „Wer erträgt den Tag, an dem er kommt? / Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer des Schmelzers / und wie die Lauge der Walker.“
Heute feiern wir das Fest der Darstellung, der Präsentation Jesu des Herrn im Tempel. Vordergründig ist es ein kleines, harmloses, schutzbedürftiges Kind, das seine Eltern zum Dank für eine glückliche Geburt und zum Empfang des Segens ins Heiligtum bringen. Und es sind bezeichnenderweise zwei alte Menschen, Simeon und Hanna, die den weltgeschichtlichen Moment erkennen - hinter die Armseligkeit dieser kleinen Familie blicken, die nur das Mindeste, nämlich zwei kleine Täubchen, zu opfern fähig ist. Mehr gibt der Geldbeutel des Zimmermanns Josef nicht her!
Doch in diesem Augenblick erfüllt sich die Weissagung des Maleachi: „Dann werden sie dem HERRN die richtigen Opfer darbringen.“ (Mal 3,3c). Maria und Josef bringen Jesus, den Erlöser der Welt, der sich selbst zum Opfer gemacht hat und, wie es im Hebräerbrief heißt, die Worte der Schrift auf sich bezog: „Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, / doch einen Leib hast du mir bereitet; (…) dann hat er gesagt: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. (…)“ Und der Verfasser des Briefes zieht den Schluss: „Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt - ein für alle Mal“ (Hebr 10,5.9-10).
Opfer und Hingabe: zwei Begriffe, die durch übermäßigen und unlauteren Gebrauch über die Jahrhunderte bis zur Unkenntlichkeit abgegriffen und missverständlich, ja fast unbrauchbar geworden sind. Dennoch kommen wir nicht aus ohne sie und das, was sie biblisch und theologisch bedeuten.
Lassen Sie mich dies an zwei Menschen aufzeigen, die ihr Leben der Nachfolge Christi widmeten - unter dem Zeichen des Opfers. Der eine ist der Jesuit Alfred Delp (1907-1945), dessen Leben mit 37 Jahren am 2. Februar 1945 unter dem Fallbeil in Berlin-Plötzensee gewaltsam beendet wurde, und der andere der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (1905-1961).
Knapp vier Wochen vor seinem Tod, am Dreikönigsfest 1945, schreibt der schwer gefolterte Ordensmann Delp mit gefesselten Händen: „Die Geburtsstunde der menschlichen Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott. Ob Gott nun einen Menschen aus sich herauszwingt durch die Übermacht von Not und Leid, ob er ihn aus sich herauslockt durch die Bilder der Schönheit und Wahrheit, ob er ihn aus sich selbst herausquält durch die unendliche Sehnsucht, durch den Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, das ist ja eigentlich gleichgültig. Wenn der Mensch nur gerufen wird und wenn er sich nur rufen lässt! (…) Der Mensch muss sich selbst hinter sich gelassen haben, wenn er eine Ahnung von sich selbst bekommen will.“[1]
Klingt das nicht wie eine Verheutigung der Worte des greisen Simeon an die Mutter Jesu: „Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird; und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden“ (Lk 2,34b-35)?
Pater Delp macht keinen Hehl daraus, dass die Nachfolge Jesu eine Nachfolge bis ans blutige Kreuz sein kann. Doch weil er wie Maria an das Heilswerk Gottes glaubt, kann er getrost in die Nacht des Todes gehen und, wie es von Augenzeugen überliefert ist, zu seinem Bewacher, der ihn in den Hinrichtungsschuppen geführt hat, sagen: „In zehn Minuten weiß ich mehr als Sie.“
Der schwedische Adelige Hammarskjöld war von Pflichtbewusstsein und äußerster Disziplin erfüllt. In einer biographischen Skizze schrieb er: „Von Generationen von Soldaten und Verwaltungsbeamten väterlicherseits erbte ich den Glauben, dass kein Leben befriedigender sei als das des selbstlosen Dienstes für Vaterland oder Menschheit. Dieser Dienst erfordert das Opfer aller persönlichen Interessen, aber zugleich den Mut, unbeugsam für seine Überzeugung einzutreten. Von Gelehrten und Geistlichen mütterlicherseits erbte ich den Glauben, dass in dem wirklich radikalen Geist der Evangelien alle Menschen gleich sind als Kinder Gottes…“[2]
Für diesen Glauben setzte er sich ein, allen politischen Schwierigkeiten und Anzeichen von Todesdrohung zum Trotz: Am 17. September 1961 stürzte das Flugzeug, mit dem er während des Bürgerkriegs im Kongo unterwegs war, aus bis heute ungeklärter Ursache im Landeanflug ab; alle Insassen wurden einen Tag später tot aufgefunden. Posthum erhielt Hammarskjöld den Friedensnobelpreis und ein Freund veröffentlichte sein Tagebuch, in dem wir die schon im Jahr 1959 notierten Worte lesen: „Möge ich Opfer sein/ für das im Opfer, / was nicht dem Opfer entfloss.“[3] Das Buch, das man in seiner New Yorker Wohnung auf dem Nachtkästchen fand, war die „Nachfolge Christi“ von Thomas a Kempis!
Das heutige Fest, das Papst Johannes Paul II. als „Tag des gottgeweihten Lebens“ in den kirchlichen Kalender einführte, ist sicher ein Tag für Ordenschristen, geweihte Jungfrauen, Eremitinnen und Apostolische Gemeinschaften. Doch wir alle sind aufgerufen, unser Leben heute wieder neu unter Gottes Licht zu stellen. Wir stehen - wie die Familie Jesu - hier im Tempel in der Gegenwart Gottes, des Herrn. Kommen wir nicht mit leeren Händen, sondern übergeben wir IHM, was seine Gabe ist! Schenken wir uns freimütig Gott, um Boten seiner Liebe zu s
[1] Alfred Delp, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Roman Bleistein, Bd. IV. Aus dem Gefängnis. Knecht: Frankfurt am Main, S. 215-224, hier: S. 217f.
[2] Zit. n. Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs. Pattloch: München 2001, S. 12.
[3] Ebd., S. 6.