Christliche Gesundheitsvorsorge: das offene Ohr
„Iss auch mal was Gesundes!“ – Als Kind haben Sie sicher diesen Spruch auch gesagt bekommen oder Sie haben als Eltern mit diesem Satz ihr Kind ermahnt, vor allem, wenn das wieder einmal nur „Süßigkeiten“ gegessen hat...
Gesundheit ist ein hohes Gut. So wird nicht nur bei den heranwachsenden Knirpsen auf eine ausgewogene und vollwertige gesunde Ernährung geachtet. Und für den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Gesundheit hat unser Sozialsystem – Gott sei Dank – ein breites Netz an Einrichtungen und Maßnahmen geschaffen. Von den Krankenkassen werden diverse Sportangebote zur Gesundheitsvorsorge angeboten und am Arbeitsplatz wird auf entsprechenden Gesundheitsschutz geachtet. Gespräche über die Gesundheit dürften, neben dem Austausch über das Wetter und seine Kapriolen, zu den häufigsten Themen einer Unterhaltung gehören – und das sicher nicht nur bei der älteren Generation. Und unsere Geburtstagswünsche verbinden wir oftmals mit dem Wunsch nach dem Erhalt der Gesundheit.
Somit besehen trifft uns die heutige Stelle vom Anfang des Markusevangeliums (vgl. Mk 1,29-39), die wir eben gehört haben, ganz direkt. Auffallend dabei ist: Die Mission Jesu, des von Gott gesandten Retters der Welt, sein öffentliches Wirken, beginnt gerade nicht mit einem „großen Knall“ wie einem wundermächtigen Zeichen an das Volk Israel. Stattdessen wendet er sich ganz unmittelbar einzelnen Personen zu. Seine Aufmerksamkeit gilt zuallererst dem Armen, der Kranken, den Sündern. Er nimmt sie als Persönlichkeit wahr; nimmt sie als Individuen mit ihren jeweiligen Anliegen ernst. Ihnen predigt er und macht ihnen klar: Ihr seid Kinder Gottes, von ihm angenommen und geliebt.
Die an ihnen bewirkten Heilungswunder, wie auch immer wir sie interpretieren, sind Teil dieser frohen Botschaft und diese ist das Wort Gottes: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18), lesen wir beim Evangelisten Johannes. Jesus Christus hat nicht sich selbst verkündet oder gar zelebriert. Es ging ihm nicht um Populismus und Chauvinismus! Es ging ihm nicht um die eigene Performance, sondern um das Zeugnis. Auch in der Kirche sollte es weniger um „bella figura“ gehen als vielmehr um mehr Glaubwürdigkeit; weniger um den „äußeren Schein“ als vielmehr um das „innere Sein“! Jesu an den Menschen erwiesenen Machttaten unterstreichen also seine Verkündigung und machen deutlich: Gott geht es um eine jede und einen jeden von uns, also „um mich“ ganz persönlich! In der damaligen Zeit, in der Krankheiten vielfach als Strafe Gottes angesehen wurden, ist das eine völlig neue, ja geradezu revolutionäre Sichtweise und Bewertung.
Wir stehen mitten im Ulrichsjubiläum. An vielen Orten der Diözese haben bereits die unterschiedlichsten Veranstaltungen und Projekte stattgefunden; vieles ist noch bis zum Ende des Jubiläumsjahres Anfang Juli geplant. So freue ich mich, heute hier in der Kirche St. Moritz zu Gast zu sein. Ohne den hl. Ulrich wäre schließlich dieser Ort hier, diese Kirche wohl nicht existent. Hat doch unser Bistumspatron im Rahmen seiner Reise in die Schweiz um das Jahr 940 „einen nicht geringen Teil vom Leib des heiligen Mauritius und von den Reliquien vieler anderer Heiliger“ (Vita I, 15) nach Augsburg überführt. So berichtet es uns eine zeitgenössische Biographie.
Mit dem Werk von Dompropst Gerhard sind wir bestens über das Leben und Wirken des hl. Ulrich informiert. In seiner 50-jährigen Amtszeit als Bischof spielte er auf der Bühne der damaligen Politik eine Hauptrolle. In ihm hatte Kaiser Otto I. einen treuen Bundesgenossen, der sich um das seelische wie materielle Wohl der Leute kümmerte. Der hl. Ulrich brachte das kirchliche Leben in seinem Bistum zu neuer Blüte, er baute und reformierte Klöster und Kirchen. Wenn der hl. Ulrich sich um den Erwerb von Reliquien heiliger Männer und Frauen mühte, so ging es ihm darum, diese als glaubhafte Vorbilder und unerschütterliche Zeugen für Jesus Christus zu präsentieren. Reliquien wie diejenigen des hl. Mauritius sind also – damals wie heute – keine „Wünsch-Dir-was-Automaten“ oder gar wie auch immer geartete „magische Objekte“. Sie erinnern uns vielmehr daran, ihrem leuchtenden Beispiel zu folgen.
Der erwähnten Lebensbeschreibung des hl. Ulrich ist auch das Leitwort für das Jubiläumsjahr entnommen: „Mit dem Ohr des Herzens (hören).“ (Vita I, 9) Von diesem ausgehend möchte ich den Bogen schlagen zu einer weitergehenden „christlichen Gesundheitsvorsorge“, denn: (Zu-)Hören und Gehört-Werden sind wesentlich sowohl für die persönliche Gesundheit als auch das Wohlergehen einer ganzen Gesellschaft![1]
Als gesunder Mensch kann ich krank werden, wenn ich keinen habe, der mir „sein Ohr schenkt“. Und wer krank ist und Gehör findet, kann Heilung erfahren. Denken wir an den Besuch beim Arzt. Da steht am Anfang ein sog. Anamnesegespräch. Durch eine systematische Befragung ermittelt der Arzt den Gesundheitszustand des Patienten, ehe der tastende und suchende Blick auf bzw. in den Körper folgt; dann werden Diagnosen gestellt und Therapien aufgezeigt. Ich denke auch an den Bereich der Telefonseelsorge, wo deutlich wird, wie (Zu-)Hören entlastet. Die vielen, dort größtenteils ehrenamtlich Engagierten könnten sicher etliche Geschichten und Positivbeispiele beisteuern: Von der leidgeplagten, verzweifelten Anruferin, für die sich durch das Telefonat „der Knoten“ löst; von dem einsamen Anrufer, der am Ende des Gesprächs froh ist, dass ihm jemand zugehört hat… Ich verweise auf den Moritzpunkt mit den Gesprächs- und Begegnungsangeboten – der Moritzpunkt ein „Hörpunkt“ inmitten der umtriebigen Stadt! Stichwort: Offenes Ohr. Ich bin dankbar, dass es ein solches Angebot hier gibt. Ein herzliches und großes „Vergelts Gott“ allen, die sich hier mit Empathie und Zeit einbringen!
Am „richtigen“ Hören mangelt es meines Erachtens in unserer Gesellschaft derzeit erheblich und auch in der Kirche und im privaten Umfeld – am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und gerade innerhalb der Familie und Partnerbeziehung – können wir da noch lernfähig sein. Was meine ich mit dem Stichwort des „richtigen Hörens“? Im Miteinander muss es um ein zugewandtes Hören gehen, eben einer Haltung des „Hörens mit dem Herzen“. Doch wie oft achten wir im Gespräch lediglich auf Stichworte und Informationsbrocken, die gut zu unserer eigenen Position passen und die unsere vorgefertigte Meinung untermauern. Wie oft hören wir voreingenommen zu, hören nur „mit halbem Ohr“ hin, weil wir vermeintlich unser Gegenüber schon in- und auswendig zu kennen glauben Gerade in engen Beziehungen wie einer Partnerschaft bedarf es eines vorbehaltlosen Hinhörens, einer Haltung von echtem Interesse und einer „fragenden Offenheit“.
Noch einmal: Am Nicht-Hören aufeinander kränkelt die Gesellschaft. Man redet oft aneinander vorbei anstatt aufeinander zu hören. Und dann greift da „der Dämon“ des Überschreiens um sich! Liebend gerne fällt man seinem Gegenüber ins Wort und versucht ihn womöglich gar ins Lächerliche zu ziehen. Gesucht wird mehr die Zustimmung als die Wahrheit und das Gute. Man redet lieber mehr über Arme und Migranten, Benachteiligte und Hilfesuchende anstatt mit ihnen zu sprechen und ihnen zuzuhören. Bleiben wir also dialogfähig – hören wir aufeinander und begegnen wir uns einander mit Respekt. Schenken wir den Beweggründen des anderen mehr Beachtung und suchen wir „die Realität in ihrer Komplexität wahrzunehmen. Es ist traurig“, so Papst Franziskus, „wenn sich auch in der Kirche ideologische Lager bilden, das Zuhören verschwindet und fruchtlose Opposition an seine Stelle tritt.“[2]
Für uns Gläubige ist „das Hören“ Grundlage schlechthin – keine Kür, sondern Pflicht. Zum einen ist der Dienst des Zuhörens ein Dienst der Nächstenliebe. Er wurde uns von dem anvertraut, „der der Zuhörende par excellence ist, an dessen Werk teilzunehmen wir berufen sind.“[3] Zum anderen geht es im geistlichen wie auch im kirchlichen Leben immer zuallererst um das Hören auf Gottes Wort, seinen Rat und Willen. Während der Weltsynode im vergangenen Oktober haben mich die „Gespräche im heiligen Geist“ tief bewegt. Es ging bei diesem Treffen nicht um das Abarbeiten einer Tagesordnung, sondern um das beständige Hören aufeinander, das von der Atmosphäre des Gebetes getragen war. So gestaltete Begegnungen erfordern, dessen bin ich mir bewusst, Zeit und verlangen den Teilnehmenden einiges an Selbstdisziplin und Geduld ab. Die damit einhergehende Entschleunigung wirkt sich im Letzten jedoch äußerst heilsam auf die Prozesse und Entscheidungen aus. So nutze ich die Gelegenheit, um Sie erneut zur Mitarbeit einzuladen: Vor der zweiten Generalversammlung der Weltsynode in Rom im Oktober 2024 sind alle als „Weggefährten des Glaubens“ gebeten, sich weiter über die Frage nach einer synodalen Kirche auszutauschen. Wer sich daran beteiligen möchte, findet Infos auf der Homepage des Bistums.
Schauen wir noch einmal auf das heutige Evangelium. Neben der ausschweifenden Erzählung der Wunderheilungen wird lapidar vermerkt, dass Jesus in aller Frühe, als alles noch dunkel war, aufstand, um an einem einsamen Ort zu beten (vgl. Mk 1,35). Er braucht diese Zeit zur Erholung für sich und zur Pflege seiner Beziehung zum Vater. Er weiß um die Kraft des Gebetes, ohne das jede gute Tat, jede Verkündigung ins Leere läuft. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihm! Gehen wir bewusst wie Jesus ins Gebet, suchen wir immer wieder die Stille. Sie ist, wie es der hochbetagt verstorbene Trappistenmönch Thomas Keating ausgedrückt hat, „God’s first language“, „Gottes Muttersprache“.
Lassen Sie mich mit einer Ermutigung schließen: Haben Sie Mut, den mit Verpflichtungen und Terminen vollgestopften Alltag zu unterbrechen und die kommunikative Beanspruchung durch eine überbordende Fülle an Mails oder WhatsApp-Nachrichten zu bremsen. Die Einladung Gottes zum Gespräch gilt immer! Lassen Sie sich überraschen, wenn Sie es nicht eh‘ schon erfahren haben, wie heilsam Gebetspausen sein können. Denn: Unser Gott ist ein mitgehender und mitfühlender Gott, an den ich mich zu jeder Zeit mit allem, was mich bewegt, wenden kann. Übrigens: Es müssen nicht immer lange Gebete sein – weder Formeln noch Floskeln. Mein Rezept ist: nach dem Mittagessen eine Siesta zu halten, mich aufs Sofa zu legen und die Pause Gott zu schenken. Und wenn ich darüber einschlafe, dann weiß ich: Wer schläft, der sündigt nicht. Und „den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ (Ps 127,2)
Ich wünsche Ihnen gesunden Schlaf, erholsame Ruhepausen und die heilsame Erfahrung, dass Sie in Gott geborgen sind. Die Fürsprache des hl. Ulrich und des hl. Mauritius helfe uns dabei.
[1] Inspiration war mir hierzu das neueste Magazin der Domberg-Akademie in Freising (Nr. 7 – 01/2024), v. a. die Beiträge zum Saisonthema „Wenn aus Fülle Leer wird. Mentale Gesundheit – was sie angreift und was uns stärkt“.
[2] Papst Franziskus: Botschaft zum 56. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel „Mit dem Ohr des Herzens hören“ vom 22. Januar 2022.
[3] Ebd.