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Predigt von Bischof Bertram beim Aschermittwoch der Künstler in der Mindelheimer Pfarrkirche St. Stephan

„Wann ist etwas für mich genug?“

14.02.2024 10:30

„Etwas zu initiieren ist aus meiner Sicht das Wesen des Künstlerischen. Alles andere überlasse ich gerne dem Betrachter.“ Das sagt die in Afghanistan geborene (*1957) und seit 1994 in München lebende Künstlerin Mahbuba Elham Maqsoodi. Ihre Malerei und Bilder auf Glas – zuletzt für die bedeutende Benediktinerabtei Tholey – empfindet sie stets als Teil eines sehr viel umfassenderen künstlerischen Gesamtwerks. Ihrem Selbstverständnis nach möchte sie „ein inneres Bedürfnis stillen, etwas zu erschaffen, das im Betrachter Gefühle auszulösen vermag“. Ich denke, vielen von Ihnen, die Sie entweder selbst Kunst(er)schaffende sind oder ein Interesse für die Kunst mitbringen, können diese Aussage durchaus unterstreichen oder sich gar so oder ähnlich in ihr wiederfinden.

Es liegt mir fern, an dieser Stelle eine ausgefeilte Kunsttheorie vorzulegen. Die Ausdrucksmöglichkeiten im Bereich der bildenden Kunst in Form und Material sind vielfältig – angefangen von der Bildhauerei in Holz, Ton oder Stein über die Malerei bis hin zu digitaler Kunst. Es mag Kunst geben, gerade im Bereich der Moderne, die rein um ihrer selbst willen Kunst ist, die weder einem Zweck dient noch einen solchen verfolgt. Wobei die Frage ist: Will ein Kunstwerk nicht immer auch eine wie auch immer geartete Botschaft vermitteln? Kann Kunst überhaupt zweckfrei sein? Ich lasse diese Fragen im Raum stehen und lege sie Ihnen zu Ihrer je eigenen Beantwortung in die Hände…

Für den kirchlichen Bereich, zumal in einem Kirchenraum, steht die bildende Kunst, ähnlich wie die Musik, im Dienst der Verkündigung. Sie will Wege der Transzendenz eröffnen. Religiöse Kunst möchte den Gottsuchenden dabei unterstützen, nochmals ganz andere Zugänge zur frohen Botschaft zu erschließen, Emotionen durch Farben und Formen zu wecken, um so auf die Gottesbegegnung hinzulenken. Die Empfindungen, was kirchliche Kunst leisten will, leisten soll, sind unterschiedlich, gerade auch im Hinblick auf die Architektur. Dabei stehen die Konzentration und die Zuwendung auf das sakrale Geschehen an Ambo und Altar im Vordergrund.

Genau darum geht es in den kommenden 40 Tagen bis Ostern: Fastenzeit heißt nicht (nur) weniger essen und trinken, sondern die vertiefte Rückbesinnung auf die Beziehung zu Gott und sich selbst, zu seiner Mitwelt wie auch zur Schöpfung insgesamt. Der Ruf des Propheten Joel, den wir in der ersten Lesung hörten, ist unser Leitwort durch die österliche Bußzeit: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen!“ (Joel 2,12) Dieses „Kehrt um“ meint eine entschiedene Hinwendung zu Gott, eine Bekehrung des Herzens, ein inwendiges Hören auf das Wort Gottes und seine Umsetzung im Leben. Wie sieht meine Beschäftigung mit Gottes Wort aus? Spielt es überhaupt eine Rolle?

Jesus selbst weist uns den Weg. Drei bewährte Säulen der Neuausrichtung bietet uns das Evangelium an: (1) Gebet, (2) Fasten und (3) Almosengeben, also Freigebigkeit und die Fürsorge für den Nächsten. Diese sind, wie Papst Franziskus in seiner Botschaft zur Fastenzeit 2024 schrieb, „nicht drei voneinander unabhängige Tätigkeiten, sondern eine einzige Bewegung der Öffnung, der Entäußerung: raus mit den Götzen, die uns beschweren, weg mit den Abhängigkeiten, die uns gefangen halten. Dann wird das verkümmerte und vereinsamte Herz wiedererwachen. Verlangsamen und anhalten also.“

So lade ich Sie ein, die kommenden Wochen zu nutzen, um verstärkt wieder ins Gespräch mit Gott zu kommen. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig, je nach Lebenslage. Gottes Gesprächseinladung steht – lassen wir ihn nicht länger warten! Bedenken wir unseren Umgang mit unseren Mitmenschen, üben wir uns in Geduld und seien wir ihnen gegenüber nachsichtig. Zudem: Die Fastenzeit bietet für uns die Chance, grundsätzlich weniger zu verbrauchen. Sie bietet die Chance, sich in einen „Lebensstil der Nachhaltigkeit“ einzuüben. Lassen wir los, um uns von Ihm beschenken zu lassen und uns gegenseitig zu beschenken!

Meine Übungsaufgabe an Sie für die Fastenzeit ist eine (!), eine eigentlich recht einfache Sache: Gehen Sie mit dem kleinen Wörtchen „genug“ durch die kommende Zeit. Üben Sie täglich mit der simplen Frage: Wann ist etwas für mich „genug“? Genug Essen, genug Besitz, genug Arbeit, genug Jammern etc.? Ich bin mir sicher: Es ist weniger die Erfahrung des „weniger“, als vielmehr eine Erfahrung des „mehr“, die Sie machen werden, eine die befreit und letztlich auch beseelt!

Ich habe vorhin allgemein über Kunst in religiösen Kontexten gesprochen. Unmerklich wird in dieser Kirche unser Blick nach vorne gelenkt - auf das Fastentuch von Hilda Sandtner. Gerade hier in Mindelheim, der Hochburg des schwäbischen Faschings, macht es deutlich: Die ausgelassene fünfte Jahreszeit ist vorbei, das närrische Treiben hat ein Ende! So bildet dieses Fastentuch quasi das Gegenstück zum „Durahansl“ und seiner Freundin „Columbine“ sowie der „Narrenmuatr“ (bzw. – wie sie auch genannt wird – der „Amme“): Während also das Dreigestirn der Mindelheimer Fasnacht die Stadttore verkleiden, verhängt das Fastentuch den Altar der Pfarrkirche.

Die Verhüllung der Altarbilder in der Fastenzeit hat ja eine lange Tradition; früheste Erwähnungen finden sich bereits im 9. Jahrhundert. Damit waren sie dem Blick der Gläubigen entzogen – auch das Auge sollte fasten. Darauf geht die alte Redewendung „am Hungertuch nagen“ zurück. Sie bezieht sich somit nicht nur auf materielle Armut, sondern auf die optisch erzwungene scheinbare Gottferne. Zunächst fanden schlichte Tücher Verwendung, ehe diese mit der Zeit mehr und mehr mit biblischen Szenen ausgestaltet wurden, vor allem mit solchen der Passion Jesu. Stichwort: „Biblia pauperum“.

So beeindruckt das textile Fastentuch von Hilda Sandtner, das sie im Jahr 1992 für diese Kirche in Wachs-Batik-Technik geschaffen hat, nicht nur durch seine szenische Gestaltung, sondern auch durch seine thematische Ausrichtung, die Darstellung der „sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit“, die da sind: (1) Unwissende belehren, (2) Zweifelnde beraten, (3) Trauernde trösten, (4) Sünder zurechtweisen, (5) Beleidigern verzeihen, (6) Unrecht ertragen und (7) für Lebende und Tote beten.

Zugegeben: einige der knappen Formulierungen muten heute ein wenig aus der Zeit gefallen an. Ungern wollen wir uns belehren oder zurechtweisen lassen und auch das Belehren oder Zurechtweisen anderer trifft nicht mehr den heutigen Kommunikationsstil. Längst hat uns glücklicherweise die Pastoraltheologie geeignetere Kommunikationswege an die Hand gegeben, Glaubensgespräche zu führen und dann auf das Wirken des Hl. Geistes zu vertrauen. Doch im Kern geht es um die Sendung der Kirche, mit dem Ziel die vielfältige Not der Menschen zu lindern und Ihnen eine hoffnungsvolle Perspektive aufzuzeigen.

So richten diese sieben Werke unsere Aufmerksamkeit auf die geistigen Nöte unserer Zeit, unter denen viele Menschen leiden, die Zuspruch, Verständnis und Nähe suchen.

Beim Apostel Jakobus lesen wir: „Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. (…) Wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne die Werke.“ (Jak 2,18.26) Somit gilt: Der Glaube zeigt sich konkret in Werken der Barmherzigkeit. Barmherzig sein heißt sein Herz öffnen für die Not und die Sorgen anderer und entsprechend handeln. Sich innerlich betreffen lassen und überlegen, welche Konsequenzen es mir abverlangt, das heißt Barmherzigkeit. Gott selbst macht es uns vor: Er präsentiert sich als barmherziger Gott! Fürsorglich und empathisch – und deshalb zutiefst menschlich. Denn: Die Werke der Barmherzigkeit sind Ausdruck wahrer Menschlichkeit!

Eines muss ich klarstellen: Es geht nicht darum, durch gute Werke Gott wohlgefällig zu stimmen, sich dadurch gar den Himmel zu verdienen. Wir werden nicht durch eigene Leistung in den Himmel kommen. Das ewige Leben ist Gottes Geschenk, Gnade, gratis. Aber wir können mitwirken. Ich meine, es ist schnell spürbar, ob jemand die Werke der Barmherzigkeit uneigennützig, ohne Hintergedanken, selbstlos um des Nächsten willen tut, oder ob jemand nur auf das eigene Ansehen, auf Lob und Anerkennung aus ist und auf das eigene „Sich-gut-Fühlen“ schaut. Noch etwas ist wichtig: Es spielt keine Rolle, wer seinem Nächsten gegenüber selbstlose Güte erweist – egal ob Christ, Atheist oder Anhänger einer anderen Religion. Allein die gute Tat – oder deren Unterlassung – zählt im Angesicht Gottes!

Die katechetische Tradition kennt neben den geistlichen auch die leiblichen Werke der Barmherzigkeit. Beide bedingen sich gegenseitig: Es geht um eine ganzheitliche Sicht des Menschen! Was nutzt es den hungrigen Leib zu sättigen, wenn dabei die Seele verdurstet? So muss etwa mit der professionellen Behandlung eines Kranken die menschliche und spirituelle Zuwendung einhergehen. Einem Obdachlosen, Fremden oder Migranten Obhut gewähren ist das eine, ihm ein „offenes Ohr“ schenken das andere. Eine rein materielle Barmherzigkeit würde den ganzen Menschen vernachlässigen und ihm vorenthalten, was er notwendig (auch) braucht. In der Ankündigung des „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ (2015/2016) schrieb Papst Franziskus: „Barmherzigkeit ist der Weg, der Gott und Mensch vereinigt, denn sie öffnet das Herz für die Hoffnung, dass wir trotz unserer Begrenztheit aufgrund unserer Schuld, für immer geliebt sind.“

Wenn wir also das Mindelheimer Fastentuch betrachten, dann ist es die Anfrage an jede und jeden von uns: Will ich gleichsam in diese Szenen „einsteigen“? Möchte ich Teil der Darstellung werden oder bleibe ich lieber „außen vor“? Bin ich bereit, in die Barmherzigkeit zu investieren? Das Fastentuch jedenfalls stimmt nachdenklich – und provoziert. Es ist die Einladung, bei Gottes großartigem Werk der Barmherzigkeit mitzumachen und uns zu engagieren. Die Fastenzeit bietet dazu die Gelegenheit – fangen wir damit an?!