Am Netzwerk der Menschlichkeit knüpfen
„Was trage ich bei? Für eine friedliche Welt.“ Diese simple Frage stach mir vor rund eineinhalb Jahren am Rande einer Veranstaltung in Würzburg ins Auge. Geschrieben war sie in großen blauen Lettern auf eine überdimensionierte Papiertasche. Die Installation der Einkaufstüte war Teil einer Kunstaktion, die im Foyer des Tagungshauses aufgestellt war.
Eine einfache Tragetasche, ein Alltagsgegenstand, erregte Anstoß beim Betreten des Gebäudes, stieß einen buchstäblich vor den Kopf und wollte die Tagungsteilnehmer mit dieser einfachen Frage zum Nachdenken anregen. Den Frieden fest in Händen zu halten, ihn wie eine Tragetasche in die Welt zu tragen – wer wünscht sich das nicht?! Und doch zeigt einem eine solche Papiertüte auf, wie zerbrechlich der Friede ist: Wie schnell kann eine solche Tüte zerreißen, wenn sie mit allzu viel Ballast gefüllt wird. Die Krisen und Kriege in jüngster Zeit weltweit machen uns einmal mehr bewusst: Frieden ist nicht selbstverständlich, er ist kein Automatismus. Frieden ist ein zerbrechliches Gut!
Wenn wir an die Ukraine, den Gazastreifen und an manch andere Region denken, wo Bürgerkrieg und Bandenkampf herrschen, mag man die Hoffnung verlieren. Der Zweifel, ob denn die Menschen nie lernen, dass Krieg nichts bringt außer Tod und Leid, frisst sich in unsere Seelen ein. Leider ist es zuweilen erst der Krieg mit all seinen schrecklichen Folgen, der uns bis ins Mark spüren lässt, was Frieden bedeutet. Schon der Prophet Jeremia bescheinigt uns: „Sie sagen Friede, Friede und ist doch kein Friede.“ (Jer 6,14) Der Ruf nach Frieden erschallt auch heute. Gleichzeitig nehmen - weltweit betrachtet - die Konflikte zu.
Ziehen wir die Bibel zu Rate: Dort meint Frieden nicht einfach die Abwesenheit von Gewalt, Terror und Krieg oder ein bloßes, gewaltfreies Nebeneinander im Zusammenleben der Menschen. Der hebräische Ausdruck „Schalom“ meint mehr. Er bezeichnet einen „göttlichen Schöpfungsfrieden“, der Mensch und Natur umfasst. In diesem weiten Sinn bedeutet Schalom Wohlergehen, Gesundheit, Sicherheit und Heil – kurz: materielles wie auch seelisches Glück der einzelnen Person wie auch der Gemeinschaft.
Dahinter steht die Idee einer gerechten Weltordnung, die den Menschen einen kosmischen, sozialen wie politischen Frieden verbürgt: die Aussicht auf einen Zustand, wie ihn etwa der Prophet Jesaja schildert. Er verknüpft den Frieden eng mit der Gerechtigkeit: „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein. Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer.“ (Jes 32,17)
Der in Israel übliche Gruß ist damals zurzeit Jesu wie heute „Schalom“: Er enthält alles, was wir einander nur wünschen können. Die Juden sagen „Schalom“, die Moslems „Salam“ und wir Christen reden vom Frieden. Das ist die Klammer, die die drei großen monotheistischen Weltreligionen verbindet: dass sich alle Menschen, die guten Willens sind, Frieden wünschen.
Doch welches Kontrastprogramm bildet unsere Gesellschaft: Da wird Hass und Hetze gegen Migranten geschürt. Parolen gegen die Juden werden wieder salonfähig; Erinnerungen an dunkle Zeiten werden wach. Politik und Gesellschaft zersplittert zusehends durch Polemik und Populismus. Auch die Kirche ist davor nicht gefeit. Ideologisches Lagerdenken und kirchenpolitisches Kalkül greifen um sich. Machen wir uns ehrlich! Im Blick auf diese Zerrissenheit zeigt sich, dass Rechthaberei, das Pochen auf den eigenen Interessen und das Beharren auf seinen Überzeugungen die Brücken zerstören, auf denen wir aufeinander zugehen und die gemeinsamen Probleme unserer Tage lösen können.
II.
Ist der Frieden also eine unerreichbare Utopie? Keineswegs! Doch ohne Rückbesinnung auf Gott bleiben alle menschlichen Friedensbemühungen hohl oder sie sind gar zum Scheitern verurteilt. Denn: Die Quelle des Friedens ist Gott selbst. Schauen wir genauer hin! Aus Liebe zu uns Menschen wurde Gott selbst Mensch, damals, als kleines Kind hilfloser Eltern am Rand von Bethlehem. In Jesu Geburt sehen die Christen die wunderbare, trostreiche Verheißung des eben zitierten Propheten Jesaja als erfüllt an: Er ist der „Fürst des Friedens“ (vgl. Jes 9,5).
Ein wie auch immer eingerichteter Stall, eine Grotte oder eine Höhle diente als Kreissaal für das göttliche Kind. Das Kind in der Krippe zeigt: Der Gott, dem wir glauben, ist kein Kriegsgott; er kommt nicht mit Gewalt. Er fährt nicht mit Panzern und Gewehren auf. Wehrlos tritt er mitten in unser Leben ein. Wie programmatisch doch diese Geburt ist! Ausgerechnet hier, am Rande der Stadt, führt Gott seinen Plan aus, dass sein einziger Sohn zur Welt kommen soll: Er, der sich später selbst an die Ränder der Gesellschaft begibt. Ein Gott der Peripherie.
Mit dem Evangelium von der Verklärung (vgl. Mk 9,2-10) am heutigen zweiten Fastensonntag, dem sogenannten Caritas-Sonntag, wird offenbar, wer dieser Jesus war.
„In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. (…) Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.“
Das Erlebnis der Jünger mit Jesus auf dem Berg war nicht nur ein besonderer Event, sondern eine Erklärung tiefer Glaubenswirklichkeiten. Ein außergewöhnliches Ereignis, das zeigt, wer Jesus eigentlich ist und welche Bedeutung er für uns Menschen hat: Jesus ist Gottes ureigenes Wort, auf das wir hören sollen. Er ist Gottes geliebter Sohn, der ersehnte Retter der Welt. Seine Verkündigung besitzt göttliche Autorität; sie will das Heil für alle Menschen.
In Jesus wird deutlich: Gott steht auf der Seite der Kleinen, er interveniert für den Frieden. Er preist die Armen und Trauernden selig; er teilt Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen, schenkt Notleidenden seine heilende Nähe und Sündern seine vergebende Heilung. Seine Botschaft bringt ihm Widerstände und Konflikte ein. Doch Jesus bleibt seiner Botschaft treu und erfüllt den Willen Gottes. So geht er den Weg des Leidens – bis zum Tod am Kreuz.
Doch das ist nicht alles. Es geht weiter. Jesu Auferstehung zeigt: Gott findet sich mit dem gewaltsamen Tod seines Sohnes nicht ab. Er holt seinen Sohn aus dem Grab. Am Ostertag tritt Jesus in die Mitte seiner Jünger und spricht zu ihnen das erlösende Wort: „Schalom! – Der Friede sei mit euch!“ (vgl. Joh 20,19) Damit ist der allumfassende Schöpfungsfrieden angebrochen. Nun liegt es an uns, daran weiterzubauen.
III.
Frieden fällt uns nicht in den Schoß. Frieden wächst unter bestimmten Voraussetzungen. Er erfordert auf allen Ebenen des Zusammenlebens ein Miteinander, das von Respekt und Fairness getragen ist. Das beginnt beim Einzelnen und in den Familien, am Arbeitsplatz und reicht bis zu den globalen Strukturen der Völkergemeinschaft. Papst Franziskus bringt es in seiner Botschaft zum 57. Weltfriedenstag am 1. Januar treffend auf den Punkt: „Der Friede ist die Frucht von Beziehungen, die den anderen in seiner unveräußerlichen Würde anerkennen und annehmen, sowie von Zusammenarbeit und Engagement bei der Suche nach der ganzheitlichen Entwicklung aller Menschen und aller Völker.“
Haben wir Mut zum Frieden! Suchen wir Verbündete, um den Frieden zu fördern: Verbündete unter den Christen, unter den Religionen, in der Politik! Christsein heißt politisch sein. Wagen wir die Begegnung und, wenn es sein muss, die politische Auseinandersetzung – um des Friedens und der Menschlichkeit willen!
Daher mein eindringlicher Appell: Die Waffen sollen ruhen! Ebnen wir Wege zu Verständigung und Versöhnung! Rüsten wir auch verbal ab! Fahren wir die scharfen Geschütze verletzender Worte zurück! Greifen wir stattdessen zum Werkzeug des offenen Gesprächs, das getragen ist von Empathie und Solidarität. Ich gebe zu: Das ist bisweilen anstrengend; es fordert uns heraus mit unseren Fähigkeiten, unserer Verantwortung und unserem Gewissen. Bleiben wir also im Dialog miteinander! Suchen wir Verständnis untereinander im „richtigen Hören“ aufeinander!
Was meine ich damit? Im Miteinander muss es um ein zugewandtes, offenes Hören gehen, einer Haltung des „Hörens mit dem Herzen“. Doch wie oft springen wir im Gespräch lediglich auf Stichworte und Informationsbrocken an, die gut zu unserer eigenen Position passen und die unsere vorgefertigte Meinung untermauern? Wie oft hören wir voreingenommen zu - nur „mit halbem Ohr“, weil wir vermeintlich unser Gegenüber schon in- und auswendig zu kennen meinen? Mehr denn je bedarf es eines wohlwollenden Hinhörens, einer Haltung von echtem Interesse und einer „fragenden Offenheit“. Zu- und Hinhören ist der erste Schritt zu mehr Verständnis und damit zum Frieden.
Mühen wir uns um mehr Aufmerksamkeit füreinander und um ein gutes Miteinander! Denn: Frieden fängt im Kleinen an. Was trage ich in meinem Umfeld zum Frieden bei? Wo bin ich solidarisch mit meinem Nächsten? Und schließlich auch: Bin ich selbst mit mir „im Frieden“? Gerade die Fastenzeit bietet dafür eine besondere Gelegenheit: Sie lädt uns ein, das eigene Handeln zu reflektieren und Gewissenserforschung zu halten. Denn nur wer mit sich versöhnt und „im Reinen“ ist, lebt friedvoller mit seinen Mitmenschen. Das Sakrament der Versöhnung ist dafür ein bewährtes und hilfreiches Werkzeug. Nützen wir es gerade jetzt!
IV.
„Frieden beginnt bei mir“ – das ist auch das Thema der Kampagne der Caritas 2024. Lassen sie uns heute am „Caritas-Sonntag“ darüber nachdenken, inwieweit die Caritas mit ihrer Arbeit zum Frieden beiträgt.
Mir fallen die Wärmestuben und Anlaufstellen der Caritas für Wohnungslose ein. Hier sehe ich nicht nur Frauen und Männer, die frische Kleidung ausgeben und einen Kaffee und warmes Essen reichen. Ich sehe Menschen, die für die Wohnungslosen ein gutes Wort auf den Lippen haben, die nachfragen, wie es diesen Leuten in extremer Armut geht, was sie brauchen und die ihre Geschichten anhören.
Ein Wohnungsloser, schlecht gekleidet, vielleicht auch nicht frisch gewaschen, vom Leben gebeutelt: Wie schnell fällt da das Urteil wie ein Fallbeil auf ihn herab! Das Urteil aber schneidet ab von der Wahrheit. Wer zuhört, erfährt, was jemanden aus der Bahn geworfen hat – Trauer, Leid, Einsamkeit, Hilflosigkeit angesichts verschiedener Schicksalsschläge.
Ein Thema, das uns alle auf unterschiedliche Weise beschäftigt, ist Flucht und Migration. Man spricht von Überlastung, von gezielter Einwanderung in das gute deutsche Sozialsystem, das droht überlastet zu werden. Es ist keine Frage: Darüber muss man reden. Muss man aber so darüber sprechen? Es sind Menschen, die zu uns kommen. Jeder ein Ebenbild Gottes.
Ich bin froh, dass es die Caritas mit ihren Migrations- und Flüchtlingsberatungsstellen gibt, dass die schutzsuchenden Kinder, Frauen und Männer dort in der Beratung erfahren, was ihnen zusteht – Wertschätzung, dass man ihnen zuhört, dass man mit ihnen die Probleme auf Augenhöhe bespricht, offen und ehrlich, und keineswegs die Schwierigkeiten verschweigt. Bei der Caritas mit ihren Beratungsstellen, Angeboten und Diensten, ihren auch ehrenamtlichen Initiativen in den Pfarrgemeinden, Kommunen und Landkreisen, erfahren diese Menschen das, was wir immer in Anspruch nehmen zu sein- die Botschaft des christlichen Abendlandes: Du bist Mensch, von Gott ausgestattet mit einzigartiger Würde.
Frieden beginnt bei mir. Das gilt auch für die wachsende Zahl von suchtkranken Frauen und Männern und deren Angehörigen. Die Caritas-Suchtfachambulanzen klagen ihre vielen tausend Klientinnen und Klienten nicht an. Sie hören zu, warum und wie die Suchterkrankung entstanden ist, wer diese Menschen sind, und entdecken mit ihnen das Gute. So können die Klientinnen und Klienten sich auf den Weg der Heilung machen, da sie eingeladen werden, zunächst Frieden mit sich selbst zu schließen.
Wir dürfen auch nicht die vielen Pflegekräfte in unserem Land vergessen. Ihr Dienst – und ich darf daran erinnern, dass so manche während der Corona-Krise auch ihr Leben dafür opferten – ist so unschätzbar viel wert. Das medizinisch-pflegerische Fachwissen, die psychisch-mentale Zuwendung, die oft so komplizierte Pflege und Versorgung von Wunden, die Begleitung dementiell erkrankter Menschen: Der Beruf allein ist schon eine Herausforderung. Er fordert den ganzen Menschen, seinen Verstand, sein Können, seine Disziplin, seine psychische Gesundheit und Stärke. Doch es ist noch mehr gefragt als Kompetenz: Da sein als Mensch! Wer Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleiten darf, weiß, wie wichtig es ist, umgeben zu sein von Menschen, die sich ihnen zuwenden als Mensch.
Die Caritas ist da und ansprechbar, wenn jemand in Not ist, Hilfe und Beratung braucht – garantiert! Und als Bischof bin ich stolz darauf, sagen zu können: Diese Zusage ist kein leeres Wort. Die Caritas steht bereit mit Sozialberatung, den Betreuungsvereinen, Notwohnungen, Wohngemeinschaften und Angeboten des betreuten Einzelwohnens, den Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern, den Tafeln, der psychosozialen Beratung, der Fachberatung für Senioren und der Schuldnerberatung. Nicht zu vergessen die Sozialstationen, Seniorenheime, Tagespflegeeinrichtungen und die Hospizdienste wie auch Behindertenwerkstätten und Behindertenwohnstätten. Die Kinder- und Jugendheime sowie Kliniken für Kinder und Jugendliche dürfen nicht unerwähnt bleiben.
Wir sehen: Die Caritas bildet, wo immer sie aktiv ist, ein starkes Netzwerk von Koordinaten der Menschlichkeit. Allein in Bayern arbeiten 184.000 Frauen und Männer hauptberuflich und 59.000 ehrenamtlich für die Caritas in über 6.000 Diensten und Einrichtungen für rund 1,5 Millionen Menschen, die Hilfe benötigen. Ich bitte Sie, liebe Hörerinnen und Hörer: Knüpfen Sie an diesem Netzwerk der Menschlichkeit mit! Bei der anstehenden Caritassammlung zählt auch Ihre Spende. Jede Unterstützung ist wichtig, denn Hilfe braucht auch Hilfe, damit sie geleistet werden kann. Helfen Sie der Caritas, ihr engmaschiges Netz der Menschlichkeit zu halten und auszubauen!
V.
Die Fastenzeit ist Gottes Einladung an uns, sich auf den Weg zu machen, um Frieden zu stiften. Dafür wollen wir Gottes Zuspruch erbitten und um seine Hilfe beten:
Nur wenn Menschen sich unter den Willen Gottes stellen,
der das Leben will und nicht den Tod, wird Friede sein.
Nur wenn Menschen Jesus folgen und der Botschaft glauben,
dass liebende Hingabe stärker ist als der Tod, wird Friede wachsen.
Nur wenn Menschen um den Geist des Friedens beten
und sich ihm öffnen, wird Friede werden.
Dies gilt für den Weltfrieden, für unser tägliches Miteinander
und für den Frieden im eigenen Herzen.
So rufen wir: Herr, Jesus Christus, Du Fürst des Friedens, geh mit uns, geh uns voran!
In diesem Sinne lassen wir uns senden und bitten den Herrn um seinen Segen.
Segenslied