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Hirtenwort von Bischof Dr. Bertram Meier zur Fastenzeit 2024

Christsein braucht Entschiedenheit

19.02.2024 15:22

Liebe Schwestern und Brüder! „Christentum bedeutet Entscheidung“[1], so beginnt der angehende Pastor Dietrich Bonhoeffer (1907-1945) eine seiner ersten Predigten – anknüpfend an jene Urszenen der Einzelberufung durch Jesus von Nazareth, die uns die Evangelien und auch noch die Apostelgeschichte vor Augen führen.

[1] Dietrich Bonhoeffer, Predigt über Lukas 17,7-10. In: ders., Jugend und Studium 1918-1927, DBW Bd. 9, S. 485. Der Satz lautet vollständig: „Christentum bedeutet Entscheidung, Wendung, Absage, ja Feindschaft dem vergangenen, alten Menschen gegenüber; das Vergessen hieße, die Kraft, in der das Reich Gottes steht, vergessen…“

Ek-klesía, zu Deutsch: Kirche, das ist - wörtlich - die Gemeinschaft der Herausgerufenen. Jede und jeder in dieser Gruppe damals konnte von sich sagen: Ich selbst wurde von Jesus Christus angeschaut, ich hörte seinen Ruf an mich! Persönlich bin ich davon überzeugt, dass dieses ursprüngliche Verständnis von Kirche auch das der nahen Zukunft sein wird, so revolutionär es für uns, die wir mehrheitlich noch in volkskirchlichen Strukturen aufgewachsen und beheimatet sind, auch klingen mag.

Dies steht ganz im Sinne jenes geflügelten und fast schon abgedroschenen Wortes Karl Rahners, der unmittelbar nach dem II. Vatikanischen Konzil – also zu einer Zeit, da die allermeisten sich in Aufbruchsstimmung befanden – schrieb: „Der Fromme der Zukunft wird ein ‚Mystiker' sein, einer, der etwas ‚erfahren' hat, oder er wird nicht mehr sein.“[1] Mit meinen Worten gesagt: Der Christ/die Christin der Zukunft wird ein Mensch sein, der Gott nicht nur als existent, sondern als Person, als DU erfahren hat und aus dieser Erfahrung heraus sein Leben gestaltet; ein Leben vor und in der Gegenwart Gottes, ein Leben, das von Mündigkeit und Verantwortung geprägt ist, im buchstäblichen Sinn verstanden als zur Ant-wort für ein Gegenüber fähig sein. Die Gemeinschaft der solcherart Herausgerufenen wird – das zeichnet sich zahlenmäßig bereits deutlich ab - weder eine gesellschaftliche Mehrheit noch eine Führungselite sein. Und auch wenn dies für die Christinnen und Christen von morgen Entmächtigung und letztlich Ohnmacht bedeutet, die Erfahrung einer persönlichen Gottesbeziehung ist es, die sie vielen von uns voraushaben werden!

So möchte ich mit Ihnen einige Gedanken teilen, die ein entschiedenes Christsein ausmachen. Drei Bausteine biete ich Ihnen dafür an.

 

1. Beten

In der ersten Woche des Kalenderjahres durfte ich eine Schwesterngemeinschaft auf ihren Exerzitien begleiten. Dabei habe ich täglich zwei Impulse gegeben und die hl. Messe gefeiert, doch was mich am meisten bewegt hat, war die Tatsache, dass ich nicht so sehr als Gebender aus den Exerzitien herausgegangen bin, sondern als Beschenkter. Besonders beeindruckt hat mich der Tagesablauf der Schwestern: Er war getaktet durch das Stundengebet. Dass es in Gemeinschaft verrichtet wird, ist für die Schwestern Stütze, Halt und Trost.

Ich habe mir Fragen gestellt: Wie steht es um das Gebetsleben in unseren Gemeinden und Gemeinschaften? Wie sieht unser kirchliches Leben im Bistum Augsburg aus? Und ganz persönlich habe ich mich gefragt: Bertram, bist Du ein betender Bischof? Das Gebet ist der Atem der Kirche. Könnte es sein, dass uns deshalb in unseren Projekten und Unternehmungen „die Luft ausgeht“, weil wir zu wenig oder zu oberflächlich beten? Der Jesuit und Mystikforscher Josef Sudbrack erklärt zu Recht: „Martin Buber hat gezeigt: Man kann eigentlich nicht über Gott sprechen, ohne ihn zum Idol, zum Götzen zu machen; man kann legitim nur zu Gott sprechen. (…) Das heißt: Das Wissen um Gott muss vom Sprechen mit Gott getragen werden – dann erst wird es legitim.“[2]

Als geistlichen Rat empfehle ich Ihnen: Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit zum Beten! Es muss nicht lang sein, aber das Reden mit Gott gibt dem Tag Takt und Gelassenheit. Verrichten Sie das Morgen- und Abendgebet! Bei den Mahlzeiten tut es gut, allein oder in Gemeinschaft dem Schöpfer für das Essen zu danken. Gemeinsames Beten ist übrigens nicht an geweihte Amtsträger gebunden. Bei aller Wertschätzung für die Eucharistie, Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens[3], danke ich den vielen Frauen und Männern, die Menschen zum Gebet versammeln – für Andachten wie den Kreuzweg, den Rosenkranz und für Wort-Gottes-Feiern. Vergelt’s Gott!

 

2. Wachen

Zum Gebet tritt das Wachen. Jesus selbst bat seine Jünger im Ölgarten: „Wachet und betet!“ (Mt 26,41). In einem Hymnus zur Fastenzeit steht: „Lasst uns Wache halten für den Herrn!“ Die geistliche Lebensregel der Jerusalem-Gemeinschaften greift das Bild auf: „Die Kirche hat uns gerufen, mahnende Wächter zu sein auf den Mauern der Stadt.“[4]

Wer auf den Mauern der Stadt steht, hat die Stadt nicht verlassen. Er befindet sich noch im Lebenskreis der Stadt. Christen flüchten nicht aus der Welt, auch wenn sie nicht von der Welt sind. Doch wir schauen über die Welt hinaus. So sind wir eine Art „Diener der Unruhe“. Wer durch sein Leben in der Welt deutlich macht, dass diese Welt nicht der letzte Maßstab ist, gilt mitunter als Unruhestifter.

Solche Unruhestifter werden nicht immer gern gesehen. Gerade heute in diesen bewegten und unsicheren Zeiten haben Wächter, die Menschen aufwecken, eine besondere Bedeutung. Es ist eine heilsame Unruhe, die Menschen veranlassen kann, über den Horizont ihrer selbstgemachten Welt hinauszuschauen, die Komfortzone zu verlassen und sich nicht mehr nur in der eigenen Blase aufzuhalten. Wächter auf den Mauern der Stadt können uns verweisen auf den letzten Sinn unseres Lebens: Denn „unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20).

 

3. Bekennen

Wachsamkeit ist eine Tugend, die wir gerade heute brauchen. Im Gebet, mit dem ich bei den Schwesternexerzitien jeden Impuls einleitete, sagte ich: „Schweigen möchte ich, Herr, und auf dich warten. Schweigen möchte ich, damit ich verstehe, was in deiner Welt geschieht. Ich möchte schweigen, damit ich unter den vielen Stimmen die deine erkenne.“[5]

Wachen und Beten münden in die Verkündigung und das Bekenntnis. Es kann auch Fehlformen der Verkündigung geben, die das Wort Gottes verbiegen. Aus den Kanten des Kreuzes wird ein runder Spazierstock. Das erinnert an Händler, die ihre Ware verfälschen, um sie besser verkaufen zu können. Zu jeder Zeit gibt es die Versuchung, das Wort Gottes dem jeweiligen Geschmack, den herrschenden Strömungen und Ideologien anzupassen. Gehen wir 90 Jahre zurück: Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 setzte sich mit der Versuchung auseinander, das Wort Gottes zu verfälschen. Klaus Scholder führt in seiner Darstellung „Die Kirchen und das Dritte Reich“[6] eine Fülle von Beispielen an, wie sehr das Wort Gottes in den Dienst der „völkischen Idee“ gestellt wurde. Gegen diese Verfälschung setzte sich die Barmer Theologische Erklärung zur Wehr und bekennt Jesus Christus als das Eine Wort Gottes.

Solche Gedanken sind aktueller denn je. Wer um Gottes und der Menschen willen für Freiheit, Gerechtigkeit und echte Lebenschancen für alle Menschen eintritt – unabhängig von Hautfarbe, sexueller Orientierung, Sprache, Herkunft, Kultur und Religion; wer Menschen mit Behinderung fördert und eingliedert, eckt in manchen Ländern und auch bei uns manchmal an. Doch das muss so sein. Christen können zum Stein des Anstoßes werden (vgl. Lk 2,35). Mit dem Angebot des Evangeliums setzen wir eine echte Alternative - nicht nur für unser Land, sondern für Europa und die ganze Welt. Treten wir als bekennende Christen ein für die Menschenwürde und die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die unsere Gesellschaft trägt, und nennen wir beim Namen, wo Grenzen überschritten und die Würde des Menschen angegriffen wird. Dann gilt es, öffentlich das Evangelium auszupacken, sonst können wir einpacken. Gerade heute müssen Christen Farbe bekennen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Beten – wachen – bekennen: Mit diesen Bausteinen können wir unser Lebens- und Glaubenshaus errichten. Es wird auch Krisen standhalten. Darauf vertraue ich.

So gehen wir durch diese Österliche Bußzeit im Zeichen des Kreuzes
im Namen + des Vaters + und des Sohnes + und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Augsburg, zum Aschermittwoch 2024

 + Bertram

Bischof von Augsburg

 

[1] Karl Rahner, Frömmigkeit heute und morgen. In: Geist und Leben 39 (1966), S. 335.

[2] Josef Sudbrack, Leben in geistlicher Gemeinschaft, Würzburg 1983, S. 86.

[3] Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Kirchenkonstitution Lumen gentium, Nr. 11.

[4] Geht ihm entgegen, Freiburg-Basel-Wien 1983, Nr. 21.

[5] Nach Jörg Zink.

[6] Die Kirchen und das Dritte Reich, 2 Bde., Frankfurt 1977 bzw. 1985, Neuauflage 2000.