Mit Engagement und Leidenschaft
Liebe Schwestern und Brüder! Das Jubiläumsjahr zu Ehren des hl. Ulrich klingt in mir noch nach. Es hatte an vielen Orten nicht nur großen Tiefgang, sondern auch Breitenwirkung entfaltet. Zugleich ist in unserem Bistum der Prozess „Priorisieren und Finanzieren“ angelaufen, der uns die Frage stellt, wie wir uns als Kirche von Augsburg in Zukunft profilieren wollen. Zum Profil unserer Diözese gehört jetzt schon wesentlich das Ehrenamt. Ihm wird künftig im Blick auf die sinkende Zahl hauptberuflicher Personen – Priester, Diakone und pastoral Mitarbeitende – eine noch größere Bedeutung zukommen. Vor diesem Hintergrund lade ich Sie ein, mit mir darüber nachzudenken, welche Rolle ehrenamtliche Frauen und Männer im kirchlichen Leben spielen sollen.
Zuvor möchte ich allen danken, die sich ehrenamtlich mit Empathie und Engagement einbringen – in den Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften, in Verbänden und Gremien, Einrichtungen und Organisationen. Nicht vergessen möchte ich die Caritas; ist sie doch ein wesentlicher Gradmesser dafür, ob die Sorge um den rechten Glauben auch glaubwürdig ist. Unsere Ehrenamtlichen setzen ihre Charismen ein und investieren Zeit, Energie und Kreativität. Für viele ist freiwilliges Engagement ein alltäglicher und sinnstiftender Bestandteil ihres Lebens: Quelle der Freude und Zeugnis des Glaubens. Ohne Ehrenamtliche könnten wir Hauptberuflichen „einpacken“. Umgekehrt sehen sich Ehrenamtliche nicht mehr nur als Lückenbüßer zur Erledigung vorgefundener Aufgaben oder zum Erhalt des „kirchlichen Betriebs“. Vielmehr ist es den Ehrenamtlichen wichtig, Verantwortung zu übernehmen, an Entscheidungsprozessen mitzuwirken und sich mit ihren Fähigkeiten weiterentwickeln zu können. Ob dies gelingt, ist für mich auch ein Gradmesser dafür, ob wir synodale Kirche leben.
Eine der Stärken von Papst Franziskus liegt darin, dass er bildhaft und konkret formuliert. Ein griffiges Wort aus seiner Feder lautet: „Ich bin eine Mission.“ Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute schreibt er: „Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann; sie ist kein Anhang oder ein zusätzlicher Belang meines Lebens. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein herausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber ‚gebrandmarkt‘ ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien.“1
Wer diese Sätze ernst nimmt, dem wird klar: Christsein ist kein Ehrenamt – es sei denn, ich bezeichne damit die Ehre, die dem Christen und der Christin als Getaufte zukommt. Wer die Taufe empfangen hat, trägt den Ehrentitel „Christ“ und wird in Christus eingegliedert. Papst Franziskus spricht geradezu provokativ davon, dass Christinnen und Christen „gebrandmarkt“ sind. Damit spielt er auf das „Brandzeichen“ an, das in der Taufe gegeben wird: als Erkennungszeichen, als Siegel der Zugehörigkeit zu Jesus Christus. In der Theologie wird sich daraus die Rede vom „unauslöschlichen Merkmal“ (character indelebilis) herausbilden.
Wie das griechische Wort „character“ das Gepräge einer Münze oder einen Stempel bezeichnet, so gilt für uns Getaufte: Unser Prägemal liegt darin, dass jede und jeder eine Mission ist. Weil die Firmung die Fortführung und Vollendung der Taufe ist, prägt auch sie ein „unzerstörbares Merkmal“ ein: Wir werden zu missionarischen Zeuginnen und Zeugen in Kirche und Gesellschaft. Das hat einschneidende Konsequenzen: Das Christsein beginnt mit der Taufe, sie ist das Tor zu allen Sakramenten, Voraussetzung auch für den Empfang der heiligen Weihen. So ist Christsein keine „Ehrensache“, der uns aufgegebenen Mission nachzukommen, sondern selbstverständliche Pflicht, Amt. Dieses „Grundamt“ besingen wir in einem Lied für jeden Christenmenschen: „Gott loben, das ist unser Amt.“2
Doch damit ist noch nicht alles gesagt: Zwar sind alle aufgrund von Taufe und Firmung berufen und gesandt, doch nicht alle in gleicher Weise und zur selben Aufgabe. Jedem und jeder schenkt der Geist des neuen Lebens die je eigene Gabe: das Charisma, das – wie Paulus schreibt3 – nicht zum Privatvergnügen oder zur individualistischen Selbstverwirklichung verliehen wird, sondern zur Auferbauung des Leibes Christi. Viele Charismen werden „amtlich“, d. h. öffentlich und auf eine gewisse Dauer eingebracht. Einige dieser amtlich wahrgenommenen Charismen haben sich schon in der jungen Kirche als unverzichtbar für das Leben der Gemeinden herauskristallisiert. Ich rede von den Ämtern, die durch Weihe übertragen werden: Bischofsamt, Priesteramt und Diakonenamt. Daran lässt auch die ökumenische Konvergenzerklärung von Lima aus dem Jahr 1983 keinen Zweifel: Demnach sind die Weiheämter „konstitutiv für das Leben und Zeugnis der Kirche.“ Das heißt: Sie sind kein Selbstzweck zum Aufbau von Machtstrukturen, sondern zielen darauf ab, dass die Kirche „ihre Sendung erfüllen kann.“4 So gesehen, haben die Weiheämter die Ehre, im Dienst der vielen Ämter zu stehen. Das Amtspriestertum, das sich wesentlich vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen unterscheidet5, entfaltet nur dann seine Wirkung, wenn es sich in den Dienst der Gemeinden stellt und hilft, die Charismen der Getauften und Gefirmten zu entdecken und zu entfalten. Daher brauchen die „Ehrenämtler“ Anerkennung und Stärkung. Ihnen wurde in der Taufe schon die Ehre des Christennamens geschenkt. Diesen sollten sie zur Entfaltung bringen durch Engagement und fachliche Kompetenz, wozu es eine entsprechende Zurüstung braucht. So können sie dem Wunsch unseres Papstes entsprechen: „Ich bin eine Mission.“
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Ehrenamt ist im Wandel. Manchmal tut es gut, den Blick zu weiten. Lassen Sie mich daher schließen mit einer Beobachtung aus der Weltkirche, die der Pastoraltheologe Franz Weber schildert: „Ganz einfache Frauen und Männer, die sehr oft wenig oder fast keine Schulbildung besitzen, trauen sich dort zu, die vielen kleinen Gemeinden auf dem Land und an der Peripherie der Städte zu leiten und verschiedene Gemeindedienste zu übernehmen, weil sie selbst an das Wirken des Geistes Gottes in ihrem Leben und in ihrer pastoralen Aufgabe glauben und weil sie sich von ihrem Bischof und ihrem Pfarrer zu den verschiedenen Gemeindediensten auch offiziell beauftragt wissen. Dass dabei keineswegs alles perfekt funktioniert, dass menschliche Schwächen und Fehler, Eifersüchteleien und Streitigkeiten dort den gemeindlichen Alltag genauso prägen, wie das in unseren Pfarrgemeinden hier der Fall ist, darf und braucht nicht verschwiegen zu werden.“6
Übrigens: Die dazugehörenden Priester, verantwortlich für verzweigte und weitaus größere Gebiete als unsere Seelsorgeeinheiten und Dekanate, wirken in der Regel nicht gestresst und werden von den lokalen Ehrenamtlichen keineswegs als überflüssig empfunden. Im Gegenteil: Der priesterliche Dienst an der Einheit, das Entdecken von Charismen und das Zusammenführen zur Feier der Eucharistie genießen höchstes Ansehen. Die Förderung des Engagements Ehrenamtlicher verdrängt das Weiheamt nicht, sondern hilft, dass die Kirche „im Dorf bleibt“.
Zwar lassen sich solche Beispiele nicht einfach kopieren, aber sie können uns inspirieren für unseren Weg in die Zukunft. Dass wir so unsere vielen ehrenamtlichen Frauen und Männer fördern und fordern, das ist mein Wunsch für unser Bistum.
Dazu helfe und segne uns der dreifaltige Gott + der Vater und + der Sohn und + der Heilige Geist.
Augsburg, am 14. September 2024, Fest Kreuzerhöhung
+ Bertram
Dr. Bertram Meier
Bischof von Augsburg
Dieser Hirtenbrief ist am Sonntag, 29.09.2024, in allen Gottesdiensten einschließlich der Vorabendmessen zu verlesen.
1 Papst Franziskus, Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 273.
2 Gotteslob Nr. 144, 5. Strophe.
3 Als Beispiel sei genannt: 1 Kor 12,8-10.
4 Konvergenzerklärung zu Taufe, Eucharistie und Amt, in: Dokumente wachsender Übereinstimmung, Bd. 1.
Paderborn, Frankfurt am Main 1983, S. 569 (= Teildokument Amt, Nr. 8).
5 Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 10.
6 Franz Weber, in: Monika Udeani u. a. (Hg.), Kirche bleiben im Nahbereich. Pfarrgemeindliche Leitungsmodelle mit Beteiligung Ehrenamtlicher, Linz 2009, S. 230.