Sitzordnung im Reich Gottes
Sitzordnungen austüfteln und Tischkarten schreiben ist ein schwieriges Geschäft. Mancher hat sich dabei schon die Finger verbrannt: beim Festakt zum Vereinsjubiläum, beim Galadiner zum runden Geburtstag, beim Festgottesdienst in der Pfarrgemeinde. „Eigentlich müsste ich in der ersten Reihe sitzen, doch für mich war nicht einmal eine Platzkarte reserviert“: Wir kennen das Raunen und Murren, wenn etwas an der Tischordnung nicht passt. Und wir wissen um das Porzellan, das dabei schon zerschlagen wurde, wenn sich jemand zurückgesetzt oder übersehen fühlt. Die einen machen ihrem Ärger Luft, die anderen schmollen und bleiben in Zukunft fern. Wieder andere sind so selbstbewusst, dass sie sich am alten Reichskanzler Otto von Bismarck orientieren: Als er einmal bei einer Veranstaltung übersehen wurde und für ihn kein Ehrenplatz vorgesehen war, stellte er selbstbewusst fest: „Wo ich bin, da ist immer oben.“
Welches Kontrastprogramm legt Jesus auf! „Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, dann setz dich nicht dorthin, wo die Ehrenplätze für die Vornehmen sind.“ Auf den ersten Blick meint man, im Knigge zu blättern und das Kapitel über Anstandsregeln bei Tisch aufzuschlagen, nach dem Motto: Man zerteilt die Kartoffel oder den Knödel auf dem Teller nicht mit dem Messer, sondern nimmt dazu die Gabel.
Aber Jesus ist mehr als ein Anstandslehrer. Er will uns mehr beibringen als gute Manieren. Leuchten wir die Szene, in die Jesus uns führt, noch ein wenig mehr aus! Es geht um eine Masche, mit der unser Leben gestrickt ist: eine Masche, die zum Gesellschaftsspiel geworden ist, dass man sich immer wieder bitten und betteln lässt, im Namen von Demut und Bescheidenheit: „Bitte essen Sie doch noch etwas! Bitte kommen Sie doch nach vorn! Bitte nehmen Sie dieses Amt an. Ohne Sie geht es nicht weiter: im Betrieb, im Verein, in der Kirche.“ Und der so Angesprochene, für den solche Worte Balsam für die Seele sind, spielt weiter, indem er kokettiert, zögert, zaudert und sich ziert: Er will sich doch nicht vordrängen, er will im Hintergrund bleiben, nicht immer die erste Geige spielen und sagt: „Aber bitte nach Ihnen! Aber bitte nicht jetzt! Aber das habe ich nie zu träumen gewagt! Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!“ Doch wehe, man wird nicht gebeten, nach vorn zu kommen. Wehe, die Bitte bleibt aus, das Amt zu übernehmen. Wehe, jemand anderer wird vorgezogen. Das Gegenteil sagen zu dem, was man eigentlich wünscht und ersehnt. Ist das Demut und Bescheidenheit, wie Jesus sie meint?
Ganz sicher nicht! Genau diese Strickmaschen und Verhaltensmuster lehnt Jesus ab. In der Tat gibt es kaum einen Antrieb in uns, der so stark ist wie die Sorge um unser Ansehen, unseren guten Ruf und unsere Ehre. Im Mittelalter und zur Zeit des Absolutismus gab es komplizierte Kleiderordnungen, damit man sofort erkannte, welchen Rang jeder einnahm. Schmuck aus Gold zum Beispiel war nur den Adeligen gestattet. Bürgerliche Frauen durften kein Gold tragen, selbst wenn sie es hatten. Mit Gold darf sich heute jede und jeder schmücken, dafür gibt es andere Statussymbole: die Luxuslimousine, die Zweitwohnung, die Mode vom Designer. Zwar lächeln wir über verkrampfte und plumpe Versuche, mehr aus sich zu machen, als eigentlich dahintersteckt. Doch irgendwie sind wir alle darauf bedacht, dass unsere Schwächen verborgen bleiben und unsere Verdienste gewürdigt werden. Im Grunde tun wir das, was Jesus anprangert: Wie schielen gern auf die vordersten Plätze.
So nimmt das Evangelium uns ins Visier: Im Reich Gottes herrscht eine andere Sitzordnung. Wo das Reich Gottes aufblüht, brauchen wir nicht mehr um die ersten Plätze zu kämpfen. Die Plätze haben nicht wir zu vergeben, sie werden uns zugewiesen. Wo das Evangelium unser Leben bestimmt, brauchen nicht wir uns einen Namen zu machen, weil unsere Namen im Himmel schon verzeichnet sind. „Nicht uns, Herr, bring zu Ehren, sondern deinen Namen“ (vgl. Ps 115,1). In Gottes Namen versammeln wir uns. Kirche sein heißt ja: sich von Gott sammeln zu lassen. Und Gott sammelt nicht nur die Schönen und Reichen, die Vornehmen und Mächtigen um sich. Kirche ist nicht nur, wo Barock und Brokat, Schleppen und Schleifen ihren Glanz verbreiten und Gloria von Thurn und Taxis ihr Stelldichein gibt, sondern dort, wo Jesus sich mit den Armen und Krüppeln, den Blinden und Lahmen an einen Tisch setzt:
Wir selbst sind arm, wenn wir die ganze Welt nur nach unseren naturwissenschaftlichen Gesetzen beleuchten und nicht mehr das Wunder bedenken, das der Schöpfer des Lebens gewirkt hat.
Wir sind Krüppel, wenn wir uns wirtschaftlich und wissenschaftlich als Riesen aufspielen, aber dabei moralisch zu Zwergen verkümmern.
Wir sind blind, wenn wir uns von der Faszination von Business, Wellness und Fitness blenden lassen und nicht mehr durchblicken zur Tiefe des Herzens und zur Schönheit des Glaubens.
Wir sind lahm, wenn wir uns beim Einwohnermeldeamt als Christen registrieren lassen, aber unserem Glauben im Leben weder Hand noch Fuß geben.
Jesus geht es also um mehr als um gute Tischmanieren. Die Regeln im Reich Gottes bedeuten mehr, als nicht mit vollem Mund zu reden und erst dann zu essen, wenn alle den Teller voll haben. Die Ordnung am Tisch des Reiches Gottes hat Jesus selbst vorgelebt. Bevor er das Sakrament der Eucharistie einsetzte, hat er den Jüngern die Füße gewaschen. Man beachte: die Füße, nicht den Kopf, und man höre und staune, wenn Jesus diese Geste kommentiert: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15). Es ist nicht schwer, gelegentlich solche Zeichen zu setzen: jemandem den Koffer tragen, die Tür aufhalten, den Vortritt lassen, unter die Arme greifen. Aber die Fußwaschung geht weiter. Wer ganz oben sitzen will im Reich Gottes, muss sich tief nach unten bücken. Sein Weg geht nicht nach oben, er macht eine Karriere nach unten. Der Philipperhymnus entfaltet das Grundgesetz, nach dem Jesus lebte: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8).
Diese Sätze sind allen ins Stammbuch geschrieben, die sich Christen nennen, besonders denen, die in der Kirche die vordersten Plätze einnehmen: Jeder Amtsträger, auf welchem Stuhl er auch sitzt - auf dem Priestersitz oder auf dem Bischofsstuhl oder gar auf dem Heiligen Stuhl – ist dem Herrn verantwortlich, der sich vor den Jüngern klein gemacht hat, indem er ihnen die Füße wusch. Dieser Mut zum Dienen, echte Demut, hat Jesus großgemacht: „Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes des Vaters“ (Phil 2,9-11).
Otto von Bismarck hat einst für das Deutsche Reich gesagt: „Wo ich bin, ist immer oben.“ Die Tischordnung, die Jesus für das Reich Gottes aufgestellt hat, ist das Gegenteil: „Wo ich bin, ist immer unten.“ Doch wer sich mit Jesus auf die Karriere nach unten einlässt, wird im Himmel einmal ganz oben sein: Selig, wer an den Tisch des Herrn geladen ist.
Der Sonntagsgottesdienst am 20. Oktober wurde musikalisch gestaltet vom Kammerorchester des Gymnasiums Maria Stern Augsburg unter der Leitung von Dr. Christina Drexel, die eigens für diesen Anlass eine Messe komponiert hat. Die 44 Schülerinnen und Schüler waren diese Woche in Rom auf Orchesterfahrt und haben sowohl bei der Audienz des Heiligen Vaters gespielt als auch zusammen mit ihrer römischen Partnerschule, dem Liceo Giordano Bruno, ein Abendkonzert in der Kirche Santa Maria dell‘ Anima gegeben.