Mastodon
Predigt im Rahmen der Ökumenischen Vesper in der ev. St. Anna-Kirche anlässlich 25 Jahre Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

„Ökumene bedeutet Steinbrucharbeit"

30.10.2024 18:00

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, Christus hat den Zaun abgebrochen (Lutherbibel), die trennende Wand eingerissen (Einheitsübersetzung)! Mit diesem Vorgang beschreibt der Epheserbrief eine Versöhnung gewaltigen Ausmaßes, das im gnadenhaften Handeln Gottes gründet. Die Trennung zwischen Juden und Heiden ist aufgehoben. Durch den Kreuzestod Jesu sind sie als neue Menschen in einem Leib vereint.

Der Weg zu Gott wurde freigeräumt. Der Epheserbrief stellt uns die Kirche als das große Versöhnungsprojekt Gottes vor Augen: lebendige Steine werden zu einem Bauwerk zusammengefügt. Der Friede hat nicht lang gehalten. Neue Mauern durchziehen den Einheitsbau. Es sind Mauern, die oft nur Stein für Stein abzutragen sind. Ökumene bedeutet Steinbrucharbeit. Vor 25 Jahren konnte ein besonders großer Stein versetzt werden. Das war nur mit gemeinsamer Anstrengung möglich. Von einem Meilenstein war die Rede, als hier in der evangelischen St. Annakirche die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungs­lehre (GER) durch Vertreter des Lutherischen Weltbundes und des päpstlichen Einheitsrates unterzeichnet wurde. Wo eine „gegensätzliche Auslegung und Anwendung der biblischen Botschaft“ einst Spaltung verursacht hat, wird ein Konsens erzielt (GER 13). Versöhnung geschieht. Das ist zu Recht ein Meilenstein.

Woran sich Augenzeugen der Unterzeichnung vor 25 Jahren gerne erinnern, ist die Umarmung der beiden Sekretäre Ishmael Noko und Walter Kasper. Die Gemeinsame Erklärung vor 25 Jahren zeigt: Wir können uns die Hände reichen. Die Umarmung, der Meilenstein, sie sind zur Brücke geworden, über die auch andere zu gehen wagen. In den vergangenen Jahren haben sich drei weitere Kirchen der Erklärung angeschlossen: 2006 stimmten der Weltrat der methodistischen Kirche und 2017 die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen sowie der Anglikanischen Kirchengemeinschaft zu. Eine solche Dynamik hat kaum ein ökumenisches Papier entwickelt. Und ich freue mich, dass ein großer Teil der unterzeichnenden Kirchen heute Abend hier vertreten ist.

Die Spaltung ist überwunden, doch ein Spalt ist geblieben. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre geht nicht darüber hinweg, dass noch viel Mauerwerk zwischen uns steht. Die Themen Kirche, Eucharistie und Amt scheinen wie schwere Felsbrocken zu sein, an denen wir nicht vorbeikommen. Weltweit sind Arbeiter am Werk, um daraus Bausteine zu gewinnen, die den Spalt schmälern. Diese gottesdienstliche Feier zum 25. Gedenktag wird durch ein Symposion umrahmt, das sich mit dem Themenblock Sakramente und Amt beschäftigt. Im Vorfeld widmete sich eine Arbeitsgruppe des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbunds und des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik der Frage, ob und welche ekklesiologischen Konsequenzen aus der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zu ziehen sind. Die Tragfähigkeit und Reichweite der gemeinsam erbauten Brücke steht auf dem Prüfstand.

Die Steine der trennenden Mauer nehmen, um damit den Spalt Stück für Stück zu schließen - das ist theologisch notwendige Steinbrucharbeit. Einheit muss aber auch im kirchlichen Leben der Gläubigen sichtbar werden. Drei Bausteine möchte ich nennen, mit denen sich alle Christen vertraut machen sollten:

Der erste Baustein ist der Grundstein. Er bildet das unzerstörbare Fundament. Es ist Jesus Christus selbst. Er schenkt uns - den lebendigen Bausteinen seiner Kirche - Halt und Stabilität. Er ist das feste Fundament, auf dem der Einheitsbau stehen soll. Gott sei Dank gibt es einen Punkt, an dem der Riss, der unser Gebäude durchzieht, gestoppt wird. Der Grundstein steht fest, er ist solide. Konflikte und Spannungen laden dazu ein, das Wesentliche zu eruieren. Im Bild gesprochen birgt der Spalt die Chance, den Blick auf Christus frei zu geben. Sicher müssen wir hier auch noch Geröll aus dem Weg räumen. Nehmen wir in unseren Gesprächen diese Chance wahr!

Zur gemeinsamen Grundlage zählt die Hl. Schrift. Sie ist Zeugin der Frohen Botschaft; ohne sie bliebe uns Gottes Wort verborgen. Aus aktuellem Anlass will ich einen weiteren Stein im Fundament der Kirche hervorheben. Wir gehen auf 1700 Jahre Nicäa zu. Unser Bekenntnis an den dreieinen Gott ist hier formuliert. Das Credo der Alten Kirche eint uns. Wir alle wissen uns darauf verpflichtet. Das Jubiläumsjahr lädt uns ein, die Glaubenswahrheiten der gemeinsamen Bekenntnisschriften tiefer zu erfassen und ins Heute zu übersetzen.

Ein zweiter Baustein ist die Bereitschaft, aufeinander zu hören. Ekklesiologische Umbrucharbeiten finden derzeit auch innerkatholisch statt. Vor wenigen Tagen bin ich aus Rom zurückgekehrt. Die Weltsynode war eine intensive Baustelle. Die katholische Kirche will synodaler werden. Viele von Ihnen sind mit synodalen Strukturen aus ihren Kirchen gut vertraut. Wir Katholiken lernen gerade dazu – freilich unter ganz eigenen Voraussetzungen. Ökumenische Verständigung setzt Selbstvergewisserung voraus. Wenn wir auf den bisherigen gemeinsamen Weg schauen, dann liegt darin ein Zeichen der Hoffnung für die Ökumene. Ich denke an das Zweite Vatikanische Konzil und alles, was folgte. Ohne diese vorausgehenden Entwicklungen hätte es keinen Meilenstein in der Rechtfertigungslehre gegeben. Papst Franziskus hat bei der Ökumenischen Vesper, die im Rahmen der Weltsynode stattfand, den Zusammenhang zwischen Synodalität und Ökumene stark betont.

Ökumene lebt von der Neugierde, voneinander lernen zu wollen und der positiven Erwartung, voneinander lernen zu können. Manch ein Stein mag für mich in mattem Grau erscheinen, der in den Augen eines anderen als Edelstein erstrahlt. Geben wir nicht auf, auch im Gemäuer der Anderen nach Edelsteinen Ausschau zu halten. Wir sind vor Herausforderungen gestellt, die wir nur im Schulterschluss bewältigen können. Gemeinsam dürfen wir dafür aus einem reichen Erbe schöpfen!

Das führt mich zum dritten Baustein. Wir haben eine gemeinsame Mission. Uns eint der Auftrag Jesu Christi, der Welt das Evangelium zu künden. Die eine Taufe beauftragt und befähigt uns dazu. Wir dürfen voreinander und vor Gott ernst nehmen, dass wir in dieser Vesper ein gemeinsames Taufgedächtnis feiern. In der Taufe sind wir von Christus gerechtfertigt und zu neuen Menschen geworden. Durch die Taufe sind wir vereint in ihm. Qua Taufe teilen wir den Auftrag, andere mit der Frohen Botschaft so in Berührung zu bringen, dass auch sie zu einem lebendigen Baustein seines Leibes werden. Das fordert uns heute neu heraus. Die Mitgliederzahlen unserer Kirchen scheinen eine andere Sprache zu sprechen: Wir alle haben in den letzten Jahren mehr Mitglieder verloren als hinzugewonnen. Die Methode des differenzierten Konsenses berücksichtigt, dass die einzelnen Lehrtraditionen und Kirchen unterschiedliche Sprachen pflegen. Sollte uns diese breite Palette an Glaubens­zugängen nicht erleichtern, viele Menschen in unserer pluralen Gesellschaft zu erreichen? Nachdenklich stimmt, wenn wir in der Verkündigung keine Sprache mehr finden, die heute verstanden wird. Pointiert lässt sich das mit einem Buchtitel des Pastoraltheologen Jan Loffeld ausdrücken: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt!“. Haben wir also in einer Frage einen mühevollen Konsens errungen, die für einen Großteil der Menschen nicht mehr von Bedeutung ist, in der Frage nach Gott und unserem Heil? Wenn wir Antworten auf Fragen geben, die scheinbar niemand mehr stellt, ist dann nicht jedes Wort überflüssig – am Ende sogar der Logos selbst, Christus, das ewige Wort? Nein, da wehrt sich alles in mir: denn unsere Glaubenserfahrung, unsere Christusbeziehung spricht dagegen.

Ich habe kein Patentrezept für diese Herausforderung. Ich möchte aber auf zwei „Sprachen“, Sprachfähigkeiten verweisen, die uns als Christen einen und die uns tief eingeschrieben sein sollten:

Eines ist die Spracheder Liebe und der Gesten. Ich erinnere nochmal an den bleibenden Eindruck, den die Umarmung zwischen Bischof Walter Kasper und Generalsekretär Ishmael Noko vor 25 Jahren hinterlassen hat. Gesten haben Kraft, daher sollten sie ehrlich sein. Oft haben gerade kirchenferne Menschen feine Antennen dafür, ob unser Tun aufrichtig ist. Die Hinwendung zum Nächsten gehört zum festen Wortschatz des Christentums. Unsere Gesellschaft braucht Hoffnungsträger und Friedensboten. Vergessen wir heute Abend nicht die Christen im Nahen Osten. Sie stehen mit ihrer ganzen Kraft und Existenz für den Frieden ein. Denken wir an unsere Geschwister weltweit, die für ihren Glauben Schikane und Tod ertragen. Wie selbstverständlich sprechen wir hier von Christen als Einheit, bei der die einzelnen Denominationen keine Rolle spielen. Anderen Liebe, Hoffnung und Frieden zu ermöglichen - diese Sprache eint uns und es gibt auch heute viele Menschen, deren Herz schon darauf wartet, die Stimme dieser Sprache hören zu dürfen.

Die zweite Spracheist die des Gebets. Auch sie ist eine Sprache des Herzens, die den ganzen Menschen fordert. Auf wen bauen wir in all den Herausforderungen? Auf uns selbst oder auf Christus? Laufen wir nicht bisweilen Gefahr, den Eckstein Christus zu verwerfen? Räumen wir der Begegnung mit ihm den Vorrang ein, persönlich, aber auch hinsichtlich unserer ökumenischen Anstrengungen! Im Gebet gehen wir auf Christus zu. Das Zugehen auf Christus ist aus verschiedenen Richtungen möglich. Wenn wir auf ihn zugehen, gehen wir aufeinander zu. Das Johannesevangelium schildert das letzte Gebet Jesu vor seinem Leiden und Sterben. Der Sohn bittet den Vater um Einheit unter den Jüngern. Ut unum sint! Ausdrücklich gilt dieses Gebet nicht nur dem Zwölferkreis. Jesus denkt an alle, die durch das Wort der Jünger zum Glauben kommen. Wir alle sind eingeschlossen in dieses Gebet.

Liebe Schwestern und Brüder, Christus ist der Eckstein unseres Baus. Für gewöhnlich versteht man unter Ecksteinen die Steine, die die Ecken eines Fundaments verstärken. Ich habe vorhin wie selbstverständlich von Christus als Fundament gesprochen. Eine alternative Auslegung sieht im Eckstein den Schlussstein eines Gebäudes. Christus ist es, der alles verbindet und zusammenhält. Er vollendet den Bau. Der Bitte Jesu um Einheit geht die Verheißung des Heiligen Geistes voraus. Er belebt die Kirche, er bewegt die Herzen der Gläubigen. Der Heilige Geist ist Gabe der Einheit. Allein vermögen wir den Spalt nicht zu schließen. Stimmen wir also ein in die Bitte Jesu und in die Bewegung des Heiligen Geistes. Christus hat schon einmal eine Mauer für uns eingerissen, er tut es wieder. Darauf vertraue ich. Möge uns der Heilige Geist führen und leiten, um die Steine neu zu setzen. Amen.