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Predigtin in der Ulrichsbasilika am 2. März 2026 anlässlich
der Gebetskette der Europäischen Bischofskonferenz für den Frieden in der Welt

„Eine Einladung, die Logik der Gewalt zu durchbrechen“

03.03.2026 09:42

Liebe Schwestern und Brüder, „Wir haben gesündigt und Unrecht getan.“ So betet Daniel im Namen seines Volkes zu Gott. Wir kennen natürlich diese Worte, denn in jeder heiligen Messe bekennen wir in ähnlicher Weise vor Gott und untereinander, dass wir gesündigt haben. Was diese Worte allerdings so besonders macht, ist der Kontext, in dem sie verortet werden.

Es ist die Zeit einer großen Katastrophe: Jerusalem wurde besiegt und das israelische Volk lebte im Exil. Und doch beginnt Daniel gerade nicht mit einer Anklage gegen fremde Mächte. Er spricht vielmehr von der eigenen Verstrickung in Schuld und Gewaltzusammenhänge. Er weicht nicht aus, er relativiert nichts, er schiebt die Schuld nicht auf andere ab.

Die Radikalität seiner Worte imponiert mir.

Sie führen uns vor Augen, dass der erste Schritt zu einem gerechten Frieden die schonungslose Selbstreflexion ist. Gerade dies sollten wir bedenken, wenn wir heute in besonderer Weise für einen unbewaffneten und entwaffnenden Frieden beten. Gerade angesichts des neuen Krieges im Nahen und Mittleren Osten ist dieses Gebet mehr denn je notwendig. Wir schauen alle gebannt auf die Bilder, die uns aus dem Iran und der Golfregion erreichen, von den Menschen in den Schutzräumen Israels ja bis hin zu den Militärbasen auf Zypern. In den seit Samstag tobenden Konflikt werden mehr und mehr Staaten hineingezogen, es droht ein Flächenbrand in der gesamten Region! Mögen die Waffen bald schweigen und möge vor allem das iranische Volk die Chance bekommen, zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zurückzufinden.

Aber es sind auch die anderen Krisengebiete, an die wir uns in dieser Stunde erinnern: die Ukraine, der Norden Nigerias, Mexiko und Venezuela, um nur einige zu nennen. Überall dort begegnen wir einer Wirklichkeit, die von Krieg, Terror, Vertreibung, Hunger, religiöser Vereinnahmung und politischen Machtspielen geprägt ist. Gewalt ist wieder eine selbstverständliche Sprache der Politik und erscheint uns leider oft auch als angemessene Reaktion auf diese Entwicklungen.

Aber Gott führt uns auf einen anderen Weg. Auch wenn natürlich Staaten das Recht haben, sich zu verteidigen oder unter Umständen Gewalt zum Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger einzusetzen, sollten wir nie vergessen: Gewalt allein schafft keinen Frieden. Die heutige Lesung und das Evangelium sind hier eindeutig: Ein dauerhafter und gerechter Friede beruht auf Wahrheit und Barmherzigkeit.

Denken Sie an die vielen Kriegsgebiete: zerstörte Städte, geschwächte Zivilgesellschaften, politische Repressionen, wirtschaftliche Nöte, religiöse Spannungen, Menschen auf der Flucht. All dies finden wir wieder und wieder in unterschiedlichen Ausprägungen. Immer ist Vertrauen auf lange Zeit zerbrochen. Ein echter Friede wird dort nicht möglich sein, ohne dass Schuld benannt wird. Ohne dass Unrecht anerkannt wird. Ohne dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Hören wir vor diesem Hintergrund nochmals in die heutige Lesung hinein: „Ja, Herr, uns steht die Schamröte im Gesicht, unseren Königen, Fürsten und Vätern.“ Ein solches Bekenntnis kann wirklich den Samen für den Frieden aussäen.

Aber wir alle haben in unserem Leben bestimmt schon erlebt, dass die Wahrheit schmerzhaft sein kann. Sie kann verletzen und Beziehungen zerstören. Wenn Andere Wahrheiten über uns offenbaren, kann dies unser Selbstbild erschüttern und uns in eine tiefe Krise führen. Darum ist es wichtig, dass wir die Worte Daniels mit den Worten Jesu zusammenlesen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Doch wir müssen aufpassen: Barmherzigkeit bedeutet nicht, Unrecht zu verschweigen. Sie bedeutet auch nicht, die Täter und ihre Taten zu verharmlosen. Aber sie bedeutet, dem anderen nicht endgültig jede Zukunft abzusprechen. Wer Barmherzigkeit mit einer Art billigen Versöhnung gleichsetzt, hat den tieferen Sinn der Worte Jesu nicht verstanden.

Ich verstehe die Worte Jesu vor allem als eine Einladung: eine existentielle Einladung, die Logik der Gewalt zu durchbrechen. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2026 ermuntert uns Papst Leo XIV. dazu, unsere Herzen genau hierfür zu öffnen. Denn er erinnert uns daran, dass wahrer Frieden nicht aus Angst und Abschreckung wächst, sondern aus Vertrauen, Gerechtigkeit und einer Kultur der Begegnung. Darum sei es mehr denn je notwendig, mit der „Entwaffnung des Herzens, des Geistes und des Lebens zu beginnen“.

Im Februar dieses Jahres durfte ich als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz Syrien besuchen. Dieser Besuch, die vielen Begegnungen und Gespräche haben mir deutlich gezeigt, wie sehr eine solche Entwaffnung des Herzens notwendig ist. Nach Jahren von Bürgerkrieg, Terror, internationalen Interessen und tiefen Verwundungen braucht es mehr als politische Abkommen. Es braucht Räume des Dialogs, des Zuhörens, der lokalen Versöhnung. Es braucht die Bereitschaft, nicht nur an der eigenen Sicherheit zu arbeiten, sondern am gemeinsamen Zusammen­leben.

Die von Jesus geforderte Barmherzigkeit ist also keine Schwäche. Sie ist eine geistliche Stärke, die es wagt, an Veränderung zu glauben.

Ich weiß, ein unbewaffneter und entwaffnender Friede klingt gerade in unserer heutigen Zeit utopisch. Denn wir alle wissen, dass der Friede vielfach bedroht ist und Abschreckung notwendig erscheint. Doch unsere christliche Hoffnung lässt sich nicht auf militärische Sicherheit beschränken. Sie fußt auf einem tieferen Verständnis der Welt, unseres Zusammenlebens und des konkreten Menschen. Unsere Hoffnung nährt sich aus einer einfachen Erkenntnis: Ein Friede, der allein auf Waffen beruht, bleibt fragil. Ein Friede, der Herzen erreicht, kann wachsen.

Wenn wir uns darum heute im Namen des Herrn zum Gebet versammeln, ist dies Ausdruck genau dieser Hoffnung. Unsere Wirklichkeit ist veränderbar. Und deshalb muss sich unser Gebet in konkreten Taten der Hoffnung und Solidarität fortsetzen. Ich denke an die kirchliche Entwicklungszusammen­arbeit und Katastrophenhilfe oder unser Engagement für politische Lösungen, die nicht Machtinteressen dienen, sondern dem Schutz der Schwächsten. Aber wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir auch bei uns selbst ansetzen. Wie oft tue ich Unrecht? Wie spreche ich über Konflikte? Wie schnell verurteile ich andere Menschen, Völker oder Religionen? Wie sehr lasse ich meine Urteile von Angst bestimmen? Wie oft weiche ich von Gottes Geboten ab?

Wir können die Welt nicht allein befrieden. Aber wir können uns bemühen, dass der Hass in unseren Herzen keine Wurzeln schlägt. Der entwaffnende Friede beginnt nicht zuerst in den Hauptstädten dieser Welt, sondern dort, wo Menschen sich von Gott verwandeln lassen. Und er beginnt heute – mit uns.