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Predigt von Bischof Bertram zum Patrozinium in St. Johannes Baptist, Inning am Ammersee

Ein Plan, der uns befreit

28.06.2026 10:30

Liebe Schwestern und Brüder, heute feiern wir Eucharistie, um Gott für die fast vollendete Sanierung dieser Kirche zu danken und zugleich - und vor allem - ihres Schutzpatrons, des heiligen Johannes des Täufers, zu gedenken. Jede Pfarrei ist ein Zeichen der Gegenwart des Evangeliums in der Welt. Ihr materieller und geistlicher Fort­schritt schenkt uns Zuversicht und Kraft.

Diese Kirche ist einer der eindrucksvollsten, faszinierendsten und ungewöhn­lichsten Gestalten der Heilsgeschichte geweiht. Wie Johannes der Täufer vom Volk Gottes geliebt wird, zeigt sich daran, wie häufig christliche Eltern ihren Kindern seinen Namen geben. Auch ich trage als zweiten Namen Johannes.

Wir wissen, dass das menschliche Leben nicht selten von Unsicherheit und Ungewissheit geprägt wird. Nicht nur die häufig bedrückenden Nachrichten aus dem Weltgeschehen, sondern auch Probleme, die unerwartet im Alltag auftreten – etwa eine Krankheit, Schwierigkeiten in Familie und Beruf oder sogar schwere Schicksalsschläge –, erzeugen den Eindruck einer Zufälligkeit, einer Kontingenz, der wir schutzlos ausgeliefert sind. In der Kirche sprechen wir oft von der Welt als dem „gemeinsamen Haus“ der Menschen, das Gott geschaffen hat. Doch wer hätte sich nicht irgendwann in seinem Leben gefragt: „Wo ist Gott?“

Diese Frage ist dramatisch, aber zugleich völlig verständlich. Denken wir an Christus selbst und an seinen Ruf am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34; vgl. Ps 22,2) Vielleicht hat auch Johannes der Täufer in den vielen Prüfungen seines Lebens oder auf dem Weg zu seiner Hinrichtung dieselbe Frage gestellt. Das ist zutiefst menschlich.

Die heutigen Schriftlesungen versuchen, uns eine tröstende Sichtweise auf das Leben zu eröffnen. Sie setzen einen Plan Gottes voraus – den Plan zur Rettung der Welt, die Heilsgeschichte. Dieser ist gewiss etwas viel Größeres, voller Überraschungen und Wendungen; dessen Höhepunkt ist das Kommen Christi auf die Erde, seine Menschwerdung, seine Kreuzigung und seine Auferstehung.

Die Vorstellung eines göttlichen Plans heißt nicht, dass alles immer problemlos verläuft. Sie zeigt jedoch, dass Gott selbst in der schwersten Stunde weder die Welt als Ganzes noch einen einzigen von uns vergisst. Und wenn die Mächte des Todes auch stark erscheinen mögen, so liegt die Zukunft doch in den Händen Gottes, der sowohl das Alpha als auch das Omega der Schöpfung ist.

Dort, wo wir meinen, dass die Zufälligkeit herrsche, verbirgt sich die Weisheit und Vorsehung Gottes. Nach seinen eigenen, unergründlichen Maßstäben bereitet er das Heil vor und beruft Menschen, diesem Heil zu dienen. Die heutigen Lesungen laden uns ein, dem Herrn zu vertrauen, selbst wenn wir das Gefühl haben, durch Wüsten zu gehen. Auch Johannes lebte in der Wüste, aber er lebte dort im Vertrauen auf Gott.

Als die Eltern des Täufers ihrem Kind einen Namen geben sollen, folgen sie nicht den Gepflogenheiten ihrer Zeit, auch wenn die Menschen darauf bestehen. Sie nennen ihn Johannes, was bedeutet: „Gott ist gnädig“ oder „Der Herr hat Gnade erwiesen.“ Die Namensgebung wird so zu einem Akt der Danksagung und des Lobpreises.

So ist die Geburt des Johannes nicht nur ein Zeichen des göttlichen Erbarmens gegenüber einem kinderlosen Ehepaar, sondern ein Ereignis im Dienst des Heilsplans. Sie ist ein Geschenk – so wie der gesamte Plan Gottes für die Welt ein Geschenk ist. Die Eltern, Zacharias und Elisabeth, freuen sich nicht nur über die Tatsache, dass ihnen ein Kind geschenkt wurde, sondern auch über die Sendung, die Gott ihrem Sohn zugedacht hat, wie die wunderbaren Ereignisse zeigen, die sie erleben dürfen. Die Frage an uns alle scheint unvermeidlich: Sind auch wir bereit, uns dem Wunder zu öffnen? Sind wir bereit, über die Wunden unseres Lebens hinaus das Wunder Gottes zu erkennen?

Dies führt uns zum Thema der Freiheit. Gott hat Johannes bereits „vom Mutterleib an“ berufen (vgl. Jes 49,1). Doch der Ruf Gottes zwingt die menschliche Freiheit nicht, sondern setzt sie voraus. Es gibt keinen Auto­matismus in der Erwählung und der Berufung.

Johannes sagt im Bewusstsein aller Gefahren „Ja“ zu Gottes Einladung, und gerade durch dieses Ja entfaltet sich seine Freiheit. Sein Leben ist das Leben eines freien und furchtlosen Menschen, der nicht bereit ist, billige Kom­promisse einzugehen. Wenn auch der Sand der Wüste beweglich und unstet ist, so ist das Fundament seines Handelns fest und tragfähig. Johannes ist ein Mensch der Prinzipien. Er übt prophetische Kritik; deshalb wird er von einer unmoralischen und korrupten Macht als gefährlich eingestuft. Er besitzt den seltenen Mut, unbequem zu sein und gegen den Strom zu schwimmen.

Johannes der Täufer ist zwar eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit, doch er weiß zugleich, dass er einem Plan dient, der größer ist als er selbst. Nicht sich selbst stellt er in den Mittelpunkt seiner Botschaft, sondern Christus, dessen Weg er bereitet. Er ist der Vorläufer Christi. Er verkündet „eine Taufe der Umkehr“ (Apg 13,24) – eine wirkliche Bekehrung. Er spricht von Erwachen, von einer Neuorientierung des Lebens auf Gott hin, von einer tiefgreifenden Veränderung der Existenz und von neuen Prioritäten.

Er erklärt, dass er nicht würdig sei, dem Herrn die Sandalen zu lösen. Dennoch kommt Christus zu ihm, um sich von ihm taufen zu lassen, und spricht in einem anderen Zusammenhang über ihn ein beeindruckendes Wort der Anerkennung: „Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer.“ (Mt 11,11)

Obwohl Johannes eine einzigartige und unvergleichliche Gestalt ist, betrifft sein Beispiel uns alle. Denn seine Botschaft, die letztlich die Botschaft Christi selbst ist – revolutionär, unkonventionell und radikal –, hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

Wollen auch wir freier werden, indem wir dem Plan Gottes dienen? Wollen wir selbst seine befreiende Kraft entdecken und anderen helfen, sie ebenfalls zu finden?

Johannes spricht mit leidenschaftlicher Hingabe von Christus und seinem Kommen. Er weiß, dass der Herr unser Leben verändern kann. Er fordert die anderen zur Veränderung auf, indem er selbst als Erster den Weg der Ver­änderung geht. Er lebt, was er verkündet, und zeigt eine beispielhafte Einheit von Wort und Tat.

Zu jeder Zeit ist es gerade diese Glaubwürdigkeit der Verkünder, die die Botschaft des Evangeliums überzeugend macht. Die Frohe Botschaft ist nicht bloß eine Fußnote oder Randbemerkung unseres Lebens, sondern die Kraft, die uns von Grund auf verwandelt. Wollen auch wir, wie Johannes, Christus nachfolgen und unser Leben um seinetwillen verändern? Wollen wir auch andere zu dieser Veränderung einladen?

Liebe Schwestern und Brüder,

in Dankbarkeit für die umfangreichen Sanierungsarbeiten, die in Ihrer Pfarrei bereits geleistet worden sind, wünsche ich Ihnen, dass diese bald erfolgreich abgeschlossen werden. Möge an diesem schönen Ort die Botschaft Johannes‘ des Täufers noch deutlicher und schöner sichtbar werden. Mögen Sie in Frieden, Eintracht und der Liebe des Evangeliums leben und immer mehr Menschen dazu einladen, dem anspruchsvollen, aber zugleich faszinierenden Weg Christi zu folgen.

 

Lesungen: Jes 49,1-6; Apg 13,16.22-26; Lk 1,57-66.80