Die Sprache der Hände
Herr, auf dich vertraue ich. In deine Hände lege ich mein Leben. Liebe Schwestern und Brüder! Diese Worte sprechen wir täglich aus in der Komplet, dem Abendgebet der Kirche: Herr, auf dich vertraue ich. In deine Hände lege ich mein Leben. Herr Diakon Markus Hegewald empfängt die Priesterweihe in einer Zeit, in der die Kirche das Vertrauen vieler verloren hat. Gleichzeitig stellen wir fest, dass nicht wenige – auch junge Menschen – nach Wegen suchen, um neues Vertrauen in die Kirche zu fassen. So ist die Priesterweihe durchaus eine Frage des Vertrauens.
Wir alle, die wir heute in den Dom gekommen sind, freuen uns mit Ihnen, lieber Herr Hegewald. Wir gratulieren Ihnen zu dem mutigen Schritt des Vertrauens, den Sie heute öffentlich setzen, oder besser des Vertrauens, das Gott in Sie setzt.
Bevor Sie das Sakrament der Priesterweihe empfangen, lade ich Sie ein, mit mir den Weg der Liturgie zu durchschreiten. Gemeinsam wollen wir auf die Sprache der Hände achten und darin die Fingerabdrücke Gottes entdecken, die er heute unserem Diakon einprägt, indem er ihn zum Priester weiht.
Das Gehorsamsversprechen
Am Anfang der Weihehandlung wird der Kandidat zu mir kommen. Ich werde ihn fragen: „Versprichst du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam?“ Die Antwort wird lauten: „Ich verspreche es.“
Was fällt Ihnen ein, wenn Sie Ehrfurcht und Gehorsam hören? Vielleicht denken Sie an Abhängigkeit, Fremdbestimmung und Manipulation. Heute stehen doch ganz andere Werte hoch im Kurs: Freiheit, Mündigkeit, Emanzipation. Die Frage nach Ehrfurcht und Gehorsam spitzt sich zu, wenn wir bedenken, was dabei geschieht: Der Weihekandidat wird seine Hände falten und in meine Hände legen. Sein Versprechen wird handgreiflich – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der Übergabe der Hände will er sagen: „Ich lege meine Zukunft in deine Hände. Ich vertraue mich dir an.“
Genau da liegt der Haken: Von meinen Händen können Sie Ihre Zukunft nicht abhängig machen. Meine Hände, die Hände eines jeden Bischofs sind eigentlich nur ein Zeichen: Sie stehen für die Hände Gottes. Menschliche Hände werden irgendwann einmal schwach, menschliche Hände können sich vergreifen. Gottes Hände halten und tragen, stützen und schützen.
Lieber Herr Hegewald! Gott umschließt Ihre Hände, nicht um Sie festzuhalten oder Sie gar gefangen zu nehmen, sondern um Sie zu stärken, damit Sie dem Evangelium Hand und Fuß geben können. Beim Gehorsamsversprechen denkt der Bischof nicht: „So, jetzt habe ich den jungen Mann in der Hand“, sondern: „Der Priester und der Bischof ziehen an einem Strang.“ Wenn der Weihekandidat seine Hände in die meinen legt, dann legt er die Hände nicht in den Schoß. Im Gegenteil: Er erklärt sich bereit, mit Hand anzulegen beim Aufbau des Reiches Gottes in unserer Diözese.
Damit entschlüsselt sich die Bedeutung des Gehorsams: Gehorsam heißt, mich dorthin schicken lassen, wo ich gebraucht werde. Mit einem so verstandenen Gehorsam wird die Freiheit nicht verkauft, sondern erst gewonnen. Freiheit mündet in Verfügbarkeit und Demut. Der Diener Gottes Regens Johann Evangelist Wagner war ein demütiger Mann. Ist es nicht bezeichnend, wenn ihm, einem 19-jährigen Abiturienten, im Zeugnis bescheinigt wird: „Was besonders betont werden muss, ist seine musterhafte Bescheidenheit.“ Diese Haltung der Verfügbarkeit drückt der künftige Priester dadurch aus, dass er sich auf den Boden legt (Prostratio), während wir ihn durch unser Gebet der Gemeinschaft der Heiligen anvertrauen. Diese Geste geht unter die Haut.
Die Handauflegung
Die Weihehandlung gipfelt in der Handauflegung. Schweigend werde ich unserem Weihekandidaten die Hände auflegen; es folgen die Weihbischöfe, dann die anwesenden Priester. Kein Wort kommt über meine Lippen: heilige Stille, getragen vom Klang der großen Glocke unserer Marienkathedrale. Und Sie, liebe Schwestern und Brüder, sollen unseren Weihekandidaten mittragen durch Ihr stilles Gebet. In einem alten Zeugnis über die Spendung der Weihe, das aus dem 3. Jahrhundert stammt, steht: „Alle sollen das Schweigen einhalten und in ihren Herzen beten, weil der Heilige Geist herabkommt.“ Beten wir in Stille, dass der Heilige Geist seine Gaben über Herrn Hegewald ausspende.
Liebe Eltern, Angehörige und Freunde, tragen Sie Ihren Sohn, Ihren Bruder, Ihren Freund auch weiter mit im Gebet! Ganz herzlich und eindringlich bitte ich alle, dass Sie Ihre Pfarrer und Kapläne stützen und sie nicht durch übertriebenes Anspruchsdenken überfordern! Wie die Flitterwochen bei einem jungen Ehepaar einmal zu Ende gehen, so wird auch ein Neupriester bald mit einer Situation konfrontiert, wo der Himmel nicht mehr voller Geigen hängt. Für die Zukunft unseres Bistums wird viel davon abhängen, dass wir zu einem immer besseren Verständnis und Miteinander finden zwischen Amtsträgern und Gemeinden, zwischen dem Bischof, den Priestern, Diakonen und Laien, zwischen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Frauen und Männern, zwischen verschiedenen Gruppen und Strömungen. Ich habe keine Angst vor der Vielfalt, solange sie um Christus als Klammer der Einheit weiß! Wir brauchen einander nicht auf Händen zu tragen, aber wir sollten versuchen, ein Netzwerk des Vertrauens zu knüpfen, das hält, wenn Belastungsproben und Krisen kommen.
Die Wandlung
Noch einmal sollen die Hände zu uns sprechen: Nach dem Empfang der Priesterweihe wird der Neupriester mit mir an den Altar treten und die hl. Messe feiern. Mit mir zusammen wird er seine Hände ausbreiten über Brot und Wein. In der Kraft des Heiligen Geistes geschieht Wandlung. Aus eigener Kraft können wir das nicht. „Das ist mein Leib“: Das kann keiner aus sich heraus sagen. Wir tun es in persona Christi, im Namen und im Auftrag Jesu Christi. Brot und Wein wandeln sich in Leib und Blut Christi, weil sich zuvor in der Weihe in uns selbst eine Wandlung vollzogen hat. Durch Handauflegung und Gebet prägt Christus dem Neupriester gleichsam ein „Siegel“ ein. Sein Leben bekommt einen neuen bleibenden „Charakter“, wie die Theologie es sagt.
Lieber Herr Hegewald, ich wünsche Ihnen, dass Sie eine Persönlichkeit mit Charakter werden und bleiben! Sie brauchen Christus nicht „herstellen“, sie müssen nur versuchen, ihn mit Ihren Talenten und Fähigkeiten „darzustellen“, so zu leben, dass man fragt, wes Geistes Kind Sie sind. Oder anders gesagt: Gerade in dieser schwierigen Zeit, die wir gerade erleben und erleiden, ist der Priester nicht nur berufen, Rechtgläubigkeit zu lehren, sondern Glaubwürdigkeit vorzuleben.
Papst Benedikt hat 1968 als junger Professor Folgendes geschrieben: „Der christliche Priester ist im Gegensatz zum jüdischen und erst recht zum heidnischen sacerdos nicht eigentlich und primär Kultdiener, der ein bestimmtes Ritual abwickelt, sondern Gesandter, der die Sendung Christi auf die Menschen hin fortsetzt. (…) Der Priester ist deshalb nicht ‚Kulthandwerker’, sondern Diener des Wortes.“ Und im Hinblick auf die hohen Ansprüche, die an den Priester herangetragen werden, meint Joseph Ratzinger: „Das Zerrissenwerden ist – wir dürfen uns nichts vormachen – furchtbar, aber es ist auch fruchtbar. Es öffnet den Spalt, der den Blick in das Unendliche freigibt.“[1]
Lieber Weihekandidat, liebe Schwestern und Brüder!
Vor gut vierzig Jahren habe ich selbst die Priesterweihe empfangen. Ich habe erlebt, welchen Wandlungen die äußere Gestalt der Kirche ausgesetzt war. Gleichzeitig staune ich, wie der Kern immer derselbe ist: Christus gestern, heute und in Ewigkeit. Immer wieder schaue ich voll Dankbarkeit auf den langen Weg, den der Herr mich geführt und begleitet hat. Dieses Grundvertrauen möchte ich Ihnen für Ihren priesterlichen Dienst mitgeben. Auch wenn nicht jeder Tag ein Sonnentag war, habe ich meine Entscheidung nie bereut. Gottes Hände sind gute Hände. Deshalb bete ich jeden Abend: Herr, auf dich vertraue ich. In deine Hände lege ich mein Leben. Amen.
[1] In Geist und Leben 41 (1968), S. 347-376.