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Predigt beim Pontifikalamt zur Verleihung der Missio canonica an Religionslehrerinnen und Religionslehrer am 7. Juli 2023

Ein trauriger Religionslehrer ist ein Widerspruch in sich

07.07.2023 17:00

Lieber Weihbischof Florian, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schwestern und Brüder! Ich mag dieses Evangelium, den Bericht über die Aussendung der zweiund­siebzig anderen Jünger. Denn, ohne hier in Zahlenakrobatik einsteigen zu wollen, die Zahl 72 öffnet einen Bogen. Es sind eben nicht nur die zwölf Apostel auserwählt, vielmehr ruft Jesus viele andere mehr in seine Nachfolge.

Es ist für mich leicht vorstellbar, dass unter diesen 72 Menschen eine bunte Vielfalt an Charakteren und Begabungen, Berufungsgeschichten und Zugängen zum Glauben stecken. Die Jünger und Jüngerinnen Jesu sind keine exklusive, erst recht keine uniforme Gruppe. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Mann aus sehr einfachen Verhält­nissen ebenso wie den wohlhabenden Bürger, den sein Reichtum jedoch auch nicht zufrieden stellt; den Jünger, der sich aus Frustration mit den religiösen Autoritäten seines Ortes Jesus angeschlossen hat, ebenso wie den Eiferer und Asketen, der im Wanderprediger eine weitere Steigerung seiner bisherigen religiösen Laufbahn sieht; eine Person ohne jede formale Bildung ebenso wie die stolze Businessfrau. Sicherlich werden auch etliche dabei gewesen sein, die Jesus Christus von ihren inneren wie äußeren Leiden befreit hat, Menschen, die für seine Botschaft besonders offen waren, weil sie selbst verletzte, ja gebrochene Menschen sind und sich nach Heilung sehnen. Eine Grundbot­schaft dieses Evangeliums, die wir uns heute gut zu eigen machen können, ist also: Viele sind gerufen und gesandt.

Ich lade sie ein, Ihren persönlichen Platz in dieser Schar von zweiund­siebzig Menschen zu suchen und dann auch einzunehmen, nicht als Num­mer, sondern als Sie selbst – mit Ihren Stärken und Schwächen, Ihrer Begeisterung und Ihren Fragen, mit Ihrem biographischen Hintergrund und Ihren Träumen. Dabei geht es ganz sicher nicht darum, wer besser oder geeigneter ist. Denn Jesus braucht verschiedene Persönlichkeiten, um möglichst viele Menschen erreichen zu können. Zunächst ist es wichtig, dass wir uns als die, die wir sind, rufen und senden lassen: ich als Priester und Bischof, Sie als Religionslehrerin oder Religionslehrer – zu Schülerinnen und Schülern, die vielleicht nicht in erster Linie in Ihrem Unterricht sitzen, um etwas von Gott zu erfahren. Aber, und auch da bin ich mir sicher, sie sind „Gottes fähig“, sie haben ein Gespür, dass es mehr gibt als das objektiv Messbare. Doch um die Kinder und Jugendlichen davon etwas spürbar werden zu lassen, braucht es keine Abziehbilder eines Prototyps von Lehr­kraft, sondern Menschen, die sich als Person einbringen und nicht nur eine Funktion, eine Rolle ausfüllen.

Wo verorten Sie sich heute in dieser Schar? Und vor allem: Was bringen Sie mit, wenn der Herr zu Ihnen sagt: „Ich sende dich – Lisa, Martin, Anja, Klaus, Florian, Kristina, Bertram… - heute in meinen Weinberg.“?

Was zweiundsiebzig verbindet: Jesus hat sie alle persönlich angerührt – und sie haben sich im Herzen berühren lassen. Jüngerinnen und Jünger Jesu, das waren und sind bis heute keine Menschen, die eine Predigt gehört haben und sagen: „Das klingt plausibel, da mache ich mit.“ Vielmehr hat sie ein Wort, eine Geste, eine Begegnung mit Jesus ins Herz getroffen. Und auch dies ist kein einmaliges Ereignis, sondern geschieht (hoffentlich) immer und immer wieder.

Diese Form der Gottesbegegnung, des existenziellen Angerührt-Seins können wir nicht machen. Aber wir können unseren Beitrag dazu leisten. Dazu gehört in erster Linie, dass wir uns Zeit nehmen, um in Beziehung zum Herrn zu treten – und vor allem zu hören. Natürlich gibt es Situationen, in denen wir alle so voll sind von dem, was wir erlebt haben, was uns bewegt, was uns bedrückt, dass das erst einmal alles raus muss. Dann ist es wunder­bar, wenn wir mit Jesus reden können „wie mit einem Freund“ (Teresa von Avila), und ihm einfach alles sagen, bringen, ja flehend hinhalten können, was uns beschäftigt. Aber dann muss es auch Zeiten der Stille und des Hörens geben. Dabei kommt es auch nicht in erster Linie darauf an, dass unser akustisches Sinnesorgan möglichst gut funktio­niert, sondern dass wir mit unserem Herzen ganz da sind – oder, wie es im Leitwort des Ulrichsjubiläums heißt „mit dem Ohr des Herzens“ hören. Das Entscheidende passiert also nicht hier oben im Hirn oder im Kopf, sondern hier im Herzen.

Um mit einem Missverständnis auszuräumen: Auf Gottes Stimme in unserem Leben hören, können wir nicht nur in Zeiten des Gebets. Ich will nicht sagen, dass diese überflüssig sind. Die Erfahrung spiritueller Lehrmeisterinnen und -meister sagt, dass es immer wieder auch Zeiten der Stille und des Rückzugs zum Gebet braucht. Aber ich weiß als Bischof auch, wie schwer es oft ist, sich diese Zeiten im Alltag zu sichern. Und ich möchte Sie ja nicht entmutigen, wenn Sie zwischen den verschiedenen Anforderungen von Beruf und Familie, Freundschaft und gesellschaftlichem Engagement usw. manchmal gar nicht wissen, wie Sie sich stille Zeiten sichern können. Jedenfalls soll die Suche nach Gebetszeiten keinen zusätzlichen Druck erzeugen, sondern eher aus einem inneren Bedürfnis heraus erwachsen. – Wir begegnen Gott auch, wenn wir auf andere hören, wenn wir wirklich aufmerksam zuhören und uns von dem, was wir hören und wahrnehmen, berühren lassen. Die Maxime des hl. Ignatius von Loyola mag uns vielleicht nicht immer gelingen: Gott in allem suchen und finden. Aber sie kann uns helfen, dafür offen zu sein, dass Gott immer da ist und mir in allem, was ich lebe und erlebe, begegnen will.

An welche Hör-Erfahrung erinnern Sie sich gerade, in der Sie zuletzt tief berührt wurden und so ein Raum für die Begegnung mit dem ganz Anderen, mit der Tiefendimension unseres Da-Seins eröffnet wurde?

Ein drittes und letztes: Auffallend ist, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger nicht allein sendet, nicht zu Einzelkämpfern macht. Die zweiundsiebzig sollen zu zweit gehen. Zur Nachfolge gehört, gemeinsam unterwegs zu sein, ja in Gemeinschaft zu gehen. Das hat nicht nur praktische Gründe, wie man sie sich auf den Straßen von Galiläa leicht vorstellen kann. Es gibt auch einen inneren Zusammenhang: Wer allein unterwegs ist, kommt auch schnell vom Weg ab, und das nicht nur im wörtlichen Sinn. Wir brauchen einander – um voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu ermutigen, um Erlebnisse miteinander zu teilen und gemeinsam auf die Stimme Gottes zu hören, um gemeinsam zu trauern und natürlich auch zu feiern. Ein Sprichwort sagt: Willst Du schnell ans Ziel kommen, geh allein! Willst Du sicher ans Ziel kommen, nimm jemand mit!

Nun wird die Fachgruppe katholische Religion an vielen Schulen sehr klein sein – und mit mancher Kollegin und manchem Kollegen fällt es möglicher­weise schwer, Weggemeinschaft zu leben. Vielleicht stimmt die Wellenlänge nicht, oder gibt es auch im beruflichen Kontext den einen oder anderen Konflikt, der die Beziehung belastet und einen gemeinsamen geistlichen Weg erschwert. Die Lösung ist aber nicht, sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen und als Monade oder schulischer Einsiedler unterwegs zu sein. Ein trauriger Religionslehrer, der zum Lachen in den Keller geht, ist ein Widerspruch in sich. Wie wollen wir das Evangelium verkünden, wenn wir keine Freude ausstrahlen? Ich bitte Sie eindringlich, auch den Kontakt zu anderen Kolleginnen und Kollegen zu suchen – mancher Naturwissenschaftler ist spiritueller als wir Berufschristen, zudem gibt es ja auch Religionslehrerinnen und -lehrer an benachbarten Schulen. Schließlich: Vergessen Sie bitte die Pfarrei und das Leben in Ihrer Gemeinde nicht! Auch dort können Sie möglichen Wegbegleitern begegnen und Gleichgesinnte finden.

Wir müssen nicht immer zu zweit gehen, es können auch mehr Menschen sein, mit denen ich zusammen meinen Glauben und meine Mission teile. Aber die Gruppe sollte auch nie so groß werden, dass einzelne in einer unpersönlichen Masse abtauchen können. Weggemeinschaft ist immer konkret, sie hat mit Personen zu tun. Da sind wir wieder beim Sprichwort: Willst Du schnell ans Ziel kommen, geh allein! Willst Du sicher ans Ziel kommen, nimm jemand mit! Und: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und geteilte Freude ist doppelte Freude. Ich wünsche Ihnen viel Freude am Evangelium, viel Freude in Ihrem Beruf, der eine große Berufung ist.