Hautnah
Fühlen Sie sich eigentlich wohl in Ihrer Haut? Oder ist Ihnen eher zum „aus der Haut fahren“? Medizinisch gesehen ist die Haut das größte Organ des Menschen. Es bildet sozusagen unsere Oberfläche. Die Haut ist das, was von uns zu sehen ist: Haut ist unsere Erscheinung. Haut ist empfindlich für Schmerz und Berührung, für Hitze und Kälte. Haut ist das, was uns mit unserer Außenwelt verbindet und mit den anderen Menschen. Unter die Haut gehen uns Erlebnisse und Ereignisse von großer Tragweite. Etwas besonders Schönes oder Schlimmes, etwas, was uns tief bewegt: Da bekommen wir eine Gänsehaut. Mancher ist dünnhäutig, anderen bescheinigen wir ein dickes Fell.
Vor allem ist die Haut eine Art Barometer dafür, wie es in unserem Inneren aussieht: die Haut als Spiegel der Seele. Krankheiten können die Haut befallen, Gifte machen sie krank. Manche können ein Lied singen von Allergien, unsere Haut kann auf Stress reagieren, auf seelische Belastung, auf innere Not. Vieles von uns kann die Haut erzählen. Wenn wir sie schon zu Markte tragen müssen, dann versuchen wir, unsere Haut im besten Licht erscheinen zu lassen. Deshalb boomt die Kosmetikindustrie.
Aber wie geht es uns, wenn uns ein Mensch begegnet, der einen offensichtlichen Makel seiner Haut mit sich herumträgt? Wie sehr leiden junge Menschen, wenn ihr Gesicht von lästiger Akne befallen ist und sie sich abstoßend vorkommen? Zucken wir nicht unwillkürlich zurück, wenn jemand mit vielen Pickeln uns nahekommen will? Möchten wir ihn berühren, umarmen oder gar küssen?
Aussatz – eine Plage aller Zeiten. Es muss nicht jene schlimme und ansteckende Lepra sein, die einen Menschen furchtbar entstellen kann. Aussatz kennt viele Facetten. Aussatz entstellt so, dass jemand nicht mehr liebenswert erscheint. Wen wundert’s, dass ein Leben mit Aussatz nicht lebenswert erscheint?
Hierzulande haben wir keinen Kontakt mit Aussätzigen im Sinn einer Krankheit. Wie die Israeliten mit Aussätzigen umgegangen sind, haben wir in der Lesung gehört: „Der Aussätzige soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen. Er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.“ (Lev 13,45f.)
Ziemlich raue Sitten, die die Priester im Umgang mit diesen Kranken anordnen! Als wäre es nicht schon schlimm genug, an einer solchen Krankheit zu leiden, es kommt noch dicker: Es wird ihnen noch eine Art „Judenstern“ angesteckt, damit jeder gleich weiß, wen er da vor sich hat. Aussätzige werden aus der Gemeinschaft hinausgedrängt, dazu verurteilt, schutz- und heimatlos, von milden Gaben abhängig, außerhalb der Stadt.
Was macht Jesus? Er gibt dem Aussätzigen seine körperliche Gesundheit wieder. Der Aussatz verschwindet. Der Evangelist verwendet hier eine interessante Formulierung: „Jesus streckte die Hand aus.“ Dieser Gestus erinnert an die vielen Zeichen, die Mose beim Auszug aus Ägypten gegen den Pharao getan hat. Oft werden sie eingeleitet mit der Aufforderung Jahwes: „Streck deine Hand aus“ – über die Schlange, über den Nil und die Sümpfe Ägyptens, schließlich über das Schilfmeer. Die Hand ausstrecken: Das zeigt die Macht und Hoheit an, die Gott dem Mose über die widerständigen Mächte des Bösen verliehen hat. Jesus – der neue Mose.
Aber damit nicht genug: Jesus streckt nicht nur seine Hand aus, er berührt den Aussätzigen. Jesus heilt auf Tuchfühlung, Jesus handelt hautnah. Damit macht er sich selbst unrein. Er trägt keine Handschuhe, um sich nicht anzustecken; Jesus fasst ihn an ohne Berührungsängste – und steckt sich an! Er selbst wird gewissermaßen zum Aussätzigen – ausgesetzt Kritik, Spott, Verfolgung, Gewalt, Tod! Der Aussatz überträgt sich: Ist das nicht ein Freund von Zöllnern und Dirnen, von Aussätzigen und Sündern? So fragen die Leute, damals und heute. Im Matthäus-Evangelium heißt es dazu: „Jesus heilt die Kranken, indem er unsere Gebrechen auf sich nimmt und unsere Krankheiten trägt“ (vgl. Mt 8,17).
Diese Linie hat der hl. Franziskus fortgesetzt, der „alter Christus“ im hohen Mittelalter, als er im Sommer 1206 vor den Toren seiner Heimatstadt Assisi einem Aussätzigen begegnet. Ausgesetzt von seinem Vater, überwindet er die Distanz zum Aussätzigen, indem er vom Pferd steigt und den übel riechenden abstoßenden Kranken küsst. Und dann nicht zu vergessen Lukas, der den barmherzigen Vater porträtiert, wenn er seinen verwahrlosten, gewissermaßen aussätzigen Sohn so empfängt: „Der Vater lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lk 15,20)
Diese Gedanken gipfeln in der Inkarnation, im Sohn Gottes, den Gott der Welt ausgesetzt hat: ausgesetzt im Futtertrog von Bethlehem, ausgesetzt am Kreuz von Golgotha. Mit großer, kaum zu überbietender Tiefe drückt es der Dichter Rainer Maria Rilke aus in seinem Gedicht, dem er den Titel gibt: Der aussätzige König.
„Da trat auf seiner Stirn der Aussatz aus
und stand auf einmal unter seiner Krone,
als wär er König über allen Graus,
der in die Andern fuhr, …“
Jesus, der Aussätzige heilte und selbst zum Aussätzigen wurde. Dies beschäftigt mich sehr, weil es die Mission der Kirche betrifft: Auch sie ist gewissermaßen aussätzig inmitten von Menschen, die das Evangelium nicht verstehen können oder wollen. Sie sieht sich der Kritik ausgesetzt – begründet oder unbegründet. Und trotzdem darf sie sich nicht abschotten, nicht in Quarantäne gehen. Sie ist nicht nur zu den vermeintlich Reinen gesandt. Die aussätzige Kirche muss sich berühren lassen – von den Aussätzigen unserer Zeit. Die Frage ist: Lassen wir uns berühren? Lassen wir uns die Nöte der Menschen unter die Haut gehen?