Gottes schönster Liebesbrief: Antwort mit vielen Varianten
„Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Gott ist Mensch geworden. Das gehört zu den aufregendsten Nachrichten, die jemals verbreitet wurden. Die Botschaft ist so umwerfend, dass sie uns gar nicht in den Kopf will.
Gerade darin liegt auch der Schlüssel, sie richtig zu erfassen. Die Botschaft ist zu groß für unser Gehirn. Gottes Menschwerdung muss uns zu Herzen gehen. Dabei kann eine Weihnachtskarte helfen, auf der zu lesen ist: „Den schönsten Liebesbrief der Weltgeschichte hat Gott selbst geschrieben“. Dieser Satz drückt auf einfache und tiefsinnige Weise aus, was Menschwerdung Gottes heißt.
Briefe sind Geschenke. Manch einer wird davon erzählen können, wie er, vielleicht von der Heimat weit entfernt, oft mehrmals am Tag zum Postkasten ging in der Hoffnung, darin einen Brief vorzufinden. Er wird sich an die Freude erinnern, wenn tatsächlich etwas im Briefkasten für ihn lag. Andere verbinden mit Briefen auch dunkle Erfahrungen: alte Wunden brechen auf, die durch Absagen geschlagen wurden. Es gibt blaue Briefe, Versetzungsschreiben, Abschiedsbriefe und auch Umschläge mit schwarzen Trauerrändern. Daneben stehen die frohen Botschaften, die oft ganz unverhofft ins Haus flattern: Hochzeitseinladungen und Taufanzeigen und – was uns wohl am meisten anrührt – Briefe, die kaum etwas erfragen oder erbitten wollen, sondern einfach von freundschaftlicher Verbundenheit zeugen, von Vertrautheit, Anteilnahme und gegenseitigem Gebet.
Mit seinem Liebesbrief, der nach Johannes nur aus dem einen Wort besteht, das Fleisch wurde, hat Gott das Eis des Alten Bundes zum Schmelzen gebracht. Auf einmal kommt ein neuer Stein ins Rollen zwischen Gott und uns Menschen: ein Stein, an dem sich manche noch stoßen werden; ein Stein, den einige Bauleute verwerfen werden, der aber trotzdem den Eckstein bilden wird für ein Haus, das Kirche heißt und das keine noch so starke menschliche Macht bezwingen kann.
Im Buch der Weisheit steht: „Als tiefes Schweigen das All umfing, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel“ (Weish 18,14f). Diese Ankündigung wird an Weihnachten eingelöst: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Das heißt: Hier interessiert sich einer für uns, der nichts davon hat. Gott hat alles, und wenn er Mensch wird, so hat er davon nichts. Er wird Mensch – nur für uns. Gottes Interesse an uns teilt nicht nur ein paar freundliche Geschenke aus, während er selbst in Distanz bleibt. Sein Interesse für uns treibt ihn hinein in unsere Situation. Er schreibt uns einen göttlichen Liebesbrief, in dem er sich selbst mitteilt – als Mensch. Gott gibt sich einen menschlichen Namen und ein menschliches Gesicht: Jesus Christus.
Gottes Liebesbrief wartet auf unsere Antwort. Das beginnt mit den Dingen und Verrichtungen, denen wir uns in diesen Tagen widmen. Sicherlich nützen wir diese Tage auch dazu, anderen Menschen Briefe zu schreiben und ihnen gute Worte auf den Weg zu geben. Kommen unsere Worte wirklich von Herzen oder begnügen wir uns mit Vordrucken und Fotokopien?
Vielleicht sind unsere Briefe auch recht wortgewaltig und gewandt. Sollten uns manche großen Worte über den Kopf gewachsen sein? Bisweilen sind unsere Worte gar nicht gedeckt. Unsere Versprechen entpuppen sich als vorlaute Versprecher. Erst dann gehen uns die Augen auf, wenn die Adressaten uns tatsächlich beim Wort nehmen. Andere füllen unsere Worte, die wir eigentlich nur in den Wind sprechen oder auf geduldiges Papier schreiben wollten. In unseren Briefen soll der Liebesbrief Christi sich spiegeln. Diesen Brief sollte er später mit seinem eigenen Blut besiegeln. „Eine größere Liebe hat keiner als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ (Joh 13,15). Wir sollten Gott die Antwort auf seinen Liebesbrief nicht schuldig bleiben. Unsere Antwort ist gefragt. Darin kann sich keiner vertreten lassen. Die Antwort auf Gottes Liebesbrief hat so viele Varianten, als es menschliche Gesichter gibt.
Eine persönliche Antwort, in der sich die ganze Dramatik des hinter uns liegenden 20. Jahrhunderts spiegelt, sei besonders erwähnt: das Leben der heiligen Edith Stein. Wie das Eis im Alten Bund, so wurden nach und nach auch ihr Hirn und Herz gleichsam aufgetaut durch den Liebesbrief, den Gott ihr geschrieben hat in den langen Jahren, da sie mit jugendlichem Drang und ruheloser Treue nach der Wahrheit suchte. Schließlich hat sie über das Ereignis der Weihnacht zum Christentum gefunden. Darüber erzählt sie im Rückblick: „Und das Wort ist Fleisch geworden. Das ist Wahrheit geworden im Stall zu Betlehem. Aber es hat sich noch erfüllt in einer anderen Form. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben. Wie der irdische Leib des täglichen Brotes bedarf, so verlangt auch das göttliche Leben in uns nach dauernder Ernährung. Wer das eucharistische Brot zu seinem täglichen Brot macht, in dem vollzieht sich täglich das Weihnachtsgeheimnis, die Menschwerdung des Wortes“ (Das Weihnachtsgeheimnis).
Es sind weder gewaltige Worte noch gewichtige Gaben, mit denen wir Gottes Liebesbrief beantworten müssen. Es ist die Treue des manchmal klein(kariert)en Alltags, in der die Liebe sich bewährt und sich auf Großes vorbereitet. Wie Edith Stein die Mitfeier der hl. Messe zu ihrem täglichen Brot gemacht hat, so sind auch für uns der Empfang und die Anbetung der Eucharistie nicht nur eine Pflicht, sondern die Grundlage dafür, dass eine persönliche Antwort auf Gottes Liebesbrief wachsen und reifen kann.
Dabei wird auch unser Weg auf irgendeine Weise einmal von Betlehem nach Golgota führen. Es ist ein sinnvoller Stachel im Fleisch eines weitverbreiteten „Kuschelchristentums“, dass in den Häusern und Kirchen auch an Weihnachten die Krippen das Kreuz nicht verdrängen können. Ohne das Kreuz gibt es keine Liebe. Das hat Edith Stein nicht nur erkannt, sondern gelebt als Schwester Teresa Benedicta a Cruce, als die vom Kreuz gesegnete. Den schönsten Liebesbrief der Weltgeschichte hat Gott selbst eingelöst am Kreuz.