Bischof Bertram: "Erzwungene Distanz - gesuchte Nähe"

26.06.2020 08:32

Bei „äußerlich erzwungener Distanz die Nähe zu den Menschen suchen“ – das war schon während der ersten Wochen der Corona-Pandemie ein großes Anliegen von Dr. Bertram Meier, der am 06. Juni 2020 zum neuen Bischof von Augsburg geweiht wurde. Mit dieser Sammlung seiner Predigten, die er in der Zeit vom vierten Fastensonntag bis zum vierten Ostersonntag 2020 bei den TV-Gottesdiensten in der Bischofskapelle hielt, will der 62. Nachfolger des Hl. Ulrich auch über die Viruskrise hinaus „Impulse setzen für die Gestaltung unseres künftigen kirchlichen Lebens.

 

„Lasst einander nicht allein!“

In Krisenzeiten suchen viele Menschen nach Hilfe und Orientierung, auch bei der Kirche. Schnell zeigt sich, dass Meier hierin eine Art Nagelprobe für die Seelsorge(r) sieht. „Die Kirche darf nicht fliehen. Wir müssen bei den Menschen sein und bleiben [...].“Mitseinen Gedanken rund um Ostern gibt der neu geweihte Bischof uns dabei einen tiefen Einblick in sein Denken und seine Theologie. Kirche dürfe nicht „einfach so weiter machen“ wie bisher. In ehrlichen Worten stellt Meier die Frage, ob Menschen hier nicht teils mit Angeboten versorgt werden, „deren Verfallsdatum längst abgelaufen sind“. Corona sei somit für ihn ein Zwischenruf und eine Chance, „wieder mehr zum Wesentlichen unseres Glaubens vorzudringen und als Kirche(n) mehr zusammenzurücken – geistlich.“ Das erfordere Mut, „Schwachstellen“ zuzugeben und Kirche als „Suchgemeinschaft“ zu verstehen im Vertrauen auf den Heiligen Geist. Es komme jetzt darauf an, „Jesus neu auf die Spur zu kommen“ und „dem Evangelium neue Wege zu den Menschen zu bahnen“. In vielen Bildern veranschaulicht Meier dabei seine Vorstellung der Kirche, die durch gelebte Nächstenliebe und Mut zum Aufbruch wieder an Ausstrahlung gewinnen könne. Seine Priester und pastoralen Mitarbeiter(innen)ruft er „aus innerer Überzeugung“ dazu auf, gerade in dieser Zeit der Unsicherheit die Menschen mit ihren Sorgen nicht alleine zu lassen. Ein Vorbild könne hier der Hl. Josef sein, dessen Verlässlichkeit und Treue beispielhaft seien. Die bewusste Beifügung der Litanei dieses Schutzpatrons der Kirche (später auch anderer Gebete wie dem wunderschönen Weihegebet des Bistums an Maria aus der Feder Bertram Meiers) zeigt dabei deutlich an, dass dieses Buch nicht als nette Bettlektüregedacht ist, sondern als geistlicher Text, der zum Gebet einlädt.

Ein „geistliches Tagebuch“

Zusammenfassend empfiehlt sich dieses Buch allen Leser(inne)n, die den neuen Bischof von Augsburg und sein Denken kennenlernen wollen. In vielen sehr persönlichen Worten gelingt Meier hier eine zeitgemäße Übertragung der biblischen Botschaften hinein in den Alltag der Menschen. Ihm kommt es darauf an, Frauen und Männer in der Kirche zu ermutigen („Jesus ist da – und Jesus bleibt da. Der Schmerzensmann mit Dornenkrone ist stärker als Corona.“) und zu bewegen („Bleibt nicht stehen! Geht nach vorn! Der Auferstandene weist euch den Weg.“). Dazu kann dieses gut verständliche „geistliche Tagebuch“ mit seinen Gedanken, schönen Bildern und Gebetstexten viele Impulse geben, und somit zur „fruchtbaren Lektüre“ werden, wie es Bischof Bertram seinen Leserinnen und Lesern wünscht. (Dr. Peter Frasch)

 

Bertram Meier: Erzwungene Distanz – gesuchte Nähe: Bischof werden im Corona-Modus. 128 Seiten, 16,90 Euro, Augsburg 2020. ISBN 978-3-00-065925-6.