„Eine wirkliche Dilemma-Situation“

15.04.2020 13:38

Augsburger Weihbischof und Ethik-Experte Anton Losinger zur Triage-Diskussion in Corona-Zeiten in einem Interview mit dem „Donaukurier“.

Autor: Peter Weidemann, Quelle: Pfarrbriefservice.de

Ingolstadt/Augsburg – Als eine „extreme Dilemma-Situation“, die vor allem Mediziner in gravierende Entscheidungsnöte treibe, bezeichnet der Ethik-Experte und Augsburger Weihbischof Anton Losinger die Triage in einem Interview mit dem "Donaukurier".

Die medizinische Priorisierung von Patienten, wer behandelt werden kann, und wer nicht, wird aktuell bereits aus Italien, dem Elsass und aus den USA berichtet und werde möglicherweise auch in Deutschland Realität, sagt Losinger: „Wir müssen nüchtern ins Auge fassen, dass eine extreme Knappheitssituation auch bei uns entstehen kann, wenn ein signifikanter Anstieg der Corona Infektionsquote nicht eingedämmt werden kann“, so der promovierte Theologe mit Blick auf Beatmungsgeräte und lebenserhaltende Maßnahmen in den Kliniken hierzulande. „Das erzeugt berechtigte Ängste bei den Patienten“ und bringe aber auch Ärzte in Gewissenskonflikte: Wem darf ein lebenserhaltendes Instrument vorenthalten, wem muss es gegeben werden? Sekundäre persönliche Merkmale wie Alter, Geschlecht, sozialer Status oder Systemrelevanz etc. können für solche medizinischen „ultima ratio“ Entscheidungen keinesfalls maßgeblich sein. Im Blick auf die vom Deutschen Ethikrat herausgegebene Ad-hoc-Empfehlung „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ nennt Losinger ausschließlich zwei legitime ethische Entscheidungskriterien: erstens die medizinische Dringlichkeit und zweitens die therapeutische Erfolgsaussicht einer Behandlung.

Die Klärungen dieser ethisch-medizinischen Kriterien einer gerechten Zuteilung lebenserhaltender Maßnahmen unter extremen Notfallbedingungen seien essenziell, sagt Losinger, „weil sie Transparenz, Gerechtigkeit und sozialen Frieden sichern im Zeitalter einer ,Ethik im medizinischen Ausnahmezustand‘“. Die Ängste der Menschen vor der Triage dürfen keineswegs davon befreien, sich mit der Situation zu beschäftigen. Er plädierte für eine intensive existentielle Auseinandersetzung mit der Frage des eigenen Sterbens. Diese dürfte nicht verdrängt werden. „Das betrifft auch den Gedanken einer Patientenverfügung, unabhängig von der Corona-Krise.“

Das Interview führte Marco Schneider und wurde veröffentlicht im „Donaukurier“ am 6.4.2020.

Das komplette Interview lesen sie hier:

> Eine wirkliche Dilemma-Situation

Die Ad-hoc-Empfehlung des Deutschen Ethikrates (DER) finden sie direkt auf dessen Homepage oder hier als PDF-Dokument: