Ansprache von Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger am Karfreitag im Hohen Dom

Die Passion in der Corona-Krise

02.04.2021 16:00

Mehr als ein Jahr ist es nun schon her, dass Corona wie eine bleierne Decke über uns liegt. Viele Menschen haben seither ihre persönliche Corona-Passion erleiden und erleben müssen. Gesunde Menschen, die sich plötzlich wie aus heiterem Himmel auf der Intensivstation wiederfanden und künstlich beatmet werden mussten. Angehörige, die nicht einmal mehr die Gelegenheit hatten, mit ihren Liebsten zu sprechen oder sich zu verabschieden. Sogar das Schreckenswort „Triage“ machte unter Medizinern die Runde, wenn in äußerster Knappheit der medizinischen Versorgung nicht einmal mehr genügend Beatmungsgeräte für alle gefährdeten Patienten zur Verfügung standen. Auch das öffentliche Leben, die Schulen, die Kirchen erscheinen in einer anderen Form. Hygiene, Masken und Abstandsanordnungen schaffen Distanz und Unsicherheit. Menschen fühlen sich verlassen, einsam und entmutigt.

Predigt bei der Karfreitagsliturgie im Dom. (Foto: Nicolas Schnall / pba)

Eine gläserne moderne Welt

Da geht mir eine Begegnung im Pflegeheim nicht mehr aus dem Sinn. Unter Einhaltung aller Hygieneregelungen und mit medizinischer Schutzkleidung konnte ich kürzlich einen alten Freund besuchen. Sprechen war nicht mehr möglich, wenigstens aber sich sehen und segnen. Da sagte die Pflegedienstleiterin: „Wenn es sie interessiert, gerade ist die Architektin da, die den Meditationsraum unseres Hauses neugestaltet. Wenn sie mögen, können sie gerne mit Ihr sprechen.“ Die Künstlerin erläuterte gerne und mit Begeisterung ihr neues Konzept für die Gestaltung des Gebetsraums. „Das große gotische Kruzifix mussten wir leider herausnehmen. Denn wir gestalteten den Raum neu und hell“, sagte sie. „Mit vielen transparenten Glaselementen, die von hinten durch das einfallende Sonnenlicht beleuchtet werden, vor allem mit hellen gelben und roten Tönen“. Ich fragte sie „Glauben sie nicht - bei allem Respekt vor dem neuen Konzept - dass gerade in diesen Zeiten ein Kreuz wichtig wäre? Ein Gesicht des leidenden Heilandes, in dem sich kranke Menschen mit ihren Sorgen und ihrem Schicksal wiederfinden können und Trost entdecken?“ „Nein“, sagte sie. „Das Kreuz tröstet die Menschen nicht, es ängstigt sie! Unsere Philosophie ist das Glas und das Licht, das die Menschen in eine helle Welt versetzen soll.“

Der heilende Blick des Erlösers

Wie gut, dass uns die gesamte Liturgie des Karfreitags einen „echten Jesus“ zeigt! Auf jeder Seite der bewegenden Passionserzählung begegnet uns ein Erlöser mit einem Gesicht. Nichts ist hinter Glas. Das Leiden des Herrn geschieht von Angesicht zu Angesicht. Erlösung durch das Kreuz ist kein perfekter heller Raum, wie es die Esoterik gerne zeichnet. Erlösung durch das Kreuz ist die Rettung aus dem wirklichen Dunkel, aus allem Schmerzenden, Belastenden und Bedrückenden unseres Lebens.

Denn Leid, Krankheit und Tod gehört unentrinnbar tief hinein in unsere menschliche Existenz. Trotz der phantastischen Möglichkeiten und Aussichten, die uns die moderne Medizin verheißt, ist uns doch vieles eher fraglich geworden. Vieles zeigt die Kehrseite der wissenschaftlichen Entwicklung, die wachsende Ängste in den Menschen entstehen lässt.

Darum brauchen wir ganz aktuell das Gesicht des Erlösers als einen ständigen „Marker“ in unseren Krankenzimmern, in den Pflegeheimen und zuhause, wo Menschen von Angehörigen gepflegt werden, damit kranke und sterbende Menschen mit Hoffnung auf den leidenden Christus blicken können, und in liebender menschlicher Zuneigung leben und auch sterben dürfen, wenn es an der Zeit ist.

Deshalb treten wir in der Kirche mit Leidenschaft gegen organisierte Suizidbeihilfe ein. Und deshalb sind wir auch gegen ärztlich assistierten Suizid – Ärzte sind Heiler und Helfer - und wenden uns gegen ein Ärztebild, das sich vom Heiler zum Vollstrecker wandelt. Darum stemmen wir uns vehement gegen Tötung auf Verlangen und organisierte Sterbehilfe. Weil um Jesu willen kein Mensch durch die Hand eines anderen aktiv getötet, oder auch nur durch sublimes Drängen seiner Umgebung in den Tod gedrängt werden soll. Hinter der Theorie vom freiverantwortlichen Suizid steht allermeist nicht autonome Freiheit, sondern ein Hilferuf an die Gesellschaft. Gute Pflege, professionelle Palliativversorgung und Ausbau der Hospizidee sind die passenden Instrumente. Unsere Aufgabe ist Hilfe zum Leben, nicht Sterbehilfe!

Im Deutschen Bundestag wird uns diese Frage mit Wucht begegnen, wenn nach dem ominösen Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020 die Gesetzesvorlage zur geschäftsmäßigen Sterbehilfe zur Debatte kommt. Hier geht es um nicht mehr und nicht weniger als um den Wasserstand einer Kultur des Lebens in unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft, die sich doch das Lebensrecht und die Unantastbarkeit der Würde in das Grundgesetz geschrieben hat.

Ja. Menschen brauchen gerade in Not, in Ängsten und Sorgen das Gesicht des Erlösers in ihrer Nähe. Sie brauchen das Kreuz Jesu im „Meditationsraum“ ihres Lebens, weil sie darin mit dem ihrem Lebens-Kreuz am besten aufgehoben und geborgen sind. Das ist die Botschaft des Karfreitags, die unser Leben letztlich hell macht. Der liebende Blick des Erlösers, der tröstet und befreit.

Am Ende dieses Karfreitag-Gedankens soll heute, so sonderbar das scheinen mag, ruhig ein Kabarettist zu Wort kommen. Es ist Hanns-Dieter Hüsch, den man „den Poeten unter den Kabarettisten“ nannte, ein spitzer Zeitkritiker, Mitglied der Münchener Lach- und Schieß-Gesellschaft, im Jahr 2005 verstorben. Ja, ein wirklich bissiger Spötter, aber - was bei Kabarettisten nicht so häufig vorkommt - ein frommer Mensch. Er schrieb nicht lange vor seinem Tod ein berührendes österliches Gedicht mit der Frage:

  

Was macht, dass ich so fröhlich bin?

Ich bin vergnügt. Erlöst, befreit

Gott nahm in seine Hände. Meine Zeit

Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen

Mein Triumphieren. Und Verzagen

Das Elend. Und die Zärtlichkeit

 

Was macht, dass ich so fröhlich bin

In meinem kleinen Reich

Ich sing und tanze her und hin

Vom Kindbett bis zur Leich

 

Was macht, dass ich so furchtlos bin

An vielen dunklen Tagen

Es kommt ein Geist in meinen Sinn

Will mich durchs Leben tragen

 

Was macht, dass ich so unbeschwert

Und mich kein Trübsinn hält

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

Wohl über alle Welt.

 

Amen.