Ansprache zum Abschluss des Vierzigstündigen Gebet in Corona-Zeit

Gibt es eine Lizenz zum Jubeln? (Magnifikat Lk 1,39-56)

16.02.2021 16:30

Während wir hier im Augsburger Dom in guter alter Tradition zum Vierzigstündigen Gebet versammelt sind, findet draußen vor der Tür und in vielen Innenstädten weltweit ein Karneval ganz anderen Zuschnitts statt als sonst. Alles ist ruhig. Alles liegt unter der Decke einer weltweiten Pandemie. Flächendeckende Einschränkungen und Ausgehverbote herrschen, Lockdown bestimmt das soziale Leben, Abstandsregelungen schränken Menschen ein und schützen sie. Sogar Schulen sind dicht. Homeoffice dreht den Arbeitsalltag um. Besuche sind gestrichen. Und Menschen vereinsamen, sterben! Darf man sich in dieser Situation freuen? Gibt es eine Lizenz zum Jubeln?

Mariendarstellung in der Marienkapelle des Augsburger Doms. (Foto: Julian Schmidt / pba)

In dieser Gebetsstunde begegnet das bewegendste und erhabenste Jubellied des Neuen Testamentes. Es ist das Magnifikat, der Lobpreis Marias, der auf überwältigende und ansteckende Weise die Freude an Gott besingt. Magnificat anima mea! „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter.“ Warum darf, ja warum muss sogar ein Christ auch in unserer Resignations-bedrohten Situation jubeln, preisen und danken?

Drei Gründe lese ich aus dem Magnifikat Marias heraus:

  • Erstens, weil Gott wie an Maria, an jedem einzelnen von uns Großes getan hat und immer wieder tut. „Der Mächtige hat Großes an mir getan. Heilig ist sein Name!“
  • Zweitens, weil Gott auf der Seite der Schwachen steht. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungrigen beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehn.“
  • Und Drittens, weil Gott treu ist und zu seinen Verheißungen steht. „Er denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

 

1. „Der Mächtige hat Großes an mir getan“

Alles beginnt mit der Würde des Menschen. Maria ist von Gott groß gemacht und gewürdigt. Die Kunst, die Malerei, die Musik, die Lyrik sieht in ihr die Königin des Himmels, die von Gott an die Spitze alles Irdischen gesetzt wird. Sie ist ein Urbild der Würde und Wertschätzung des Menschen, die Gott schenkt!

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – so lautet der zentrale Grund-Satz unserer Ver­fassung, der oft zitiert und eingefordert wird. Worin ist er begründet? Woher kommt jedem Menschen seine besonde­re Würde zu? Und weshalb darf sie nicht an­getastet werden?

Die Geburt Jesu Christi aus Maria gibt eine Antwort auf diese Frage. Eine kühne Antwort: Gott hat uns gewürdigt, und zwar nicht nur eines kurzen Besuches, so wie es in den alten Mythen von den antiken Göttern erzählt wird. Er ist leibhaftig ei­ner von uns geworden, in der Geburt Jesu aus Maria der Jungfrau. In der Weihnachtslitur­gie heißt es: „Gott, du hast den Men­schen in seiner Würde wunderbar er­schaffen und noch wunderbarer wieder­hergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschen­natur angenommen hat.“

Kann man Größeres vom Menschen sagen? Christen sollten sich von nie­mandem darin übertreffen lassen, groß vom Menschen zu denken. Sie beken­nen, dass die Würde des Menschen in Gott ihren Ursprung hat. Die Idee der Menschenrechte ist von dieser christli­chen Überzeugung inspiriert, lange be­vor sie - auch gegen mancherlei kirchliche Widerstände - in Gesetzen und Verfas­sungen ihren Ausdruck gefunden hat.

Gottes Würdigung macht die Men­schenwürde unantastbar. Wenn diese nur auf einer Absprache beruhte, auf einer Art Gesellschaftsvertrag, dann wäre es schlecht um sie bestellt. Verträ­ge sind kündbar, selbst solche, die Menschenrechte und Menschenwürde betreffen. Das haben wir erlebt. Wir brauchen gar nicht so weit zurückzuge­hen in der Geschichte unseres Jahrhun­derts – die Geschichte des Dritten Reiches ist uns noch nicht so fern. Und tagtäglich finden solche Ver­tragsbrüche offen und versteckt statt auch bei uns, und nicht nur irgendwo auf der Welt. Allzu oft leben Men­schen auch bei uns unter ihrer Würde.

Der Verrat der Menschenwürde ge­schieht gerade dort, wo heute Wissen­schaftler - von der Vorstellung totaler Machbarkeit und vom Traum des perfekten Menschen geblendet - die menschliche Existenz und das menschliche Leben selbst konstruieren wollen, wo Gentechnik und moderne Biomedizin den Respekt vor dem Lebensrecht jedes einzelnen Menschen vom Anfang bis zum Ende verlieren, und wo das Lebensende erneut zur Disposition gestellt wird. Ist der Mensch nun der Herr der Geschichte und des Lebens? Wer kann an­gesichts solcher Selbstverständnisse das nur scheinbar noch Selbst­verständliche garantieren, dass die Würde des Men­schen unantastbar ist?

 

2. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen!“

Gott hat, wie an Maria an jedem Einzelnen von uns Großes getan und ER tut ständig Großes in unserem Leben. Gott wirkt auch heute in der Geschichte der Menschen und dreht immer wieder krumme Dinge um.

Es ist geradezu ein revolutionärer Hauch, der die Mitte des Gebets Marias durchzieht. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben, und lässt die Reichen leer ausgehen!“ Gott steht gegen Unrecht, Demütigung und Unterdrückung. Er steht auf der Seite der Niedrigen, der Unterdrückten und der Schwachen. Hier nimmt das Magnificat Marias etwas vorweg, was später von Jesus, ihrem Sohn, in einer der spektakulärsten Reden der Kulturgeschichte der Menschheit gesagt werden wird. Es ist die berühmte Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums, die diese Umdrehung der Gravitationsgesetze unseres menschlichen Lebens verkündet. Jesus sagt:

„Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden; / denn sie werden getröstet werden.

Selig, die keine Gewalt anwenden; / denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden satt werden.

Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die ein reines Herz haben; / denn sie werden Gott schauen.

Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.

Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; / denn ihnen gehört das Himmelreich.“

Seitdem Gott Mensch geworden ist, lässt sich der Mensch nicht mehr marginalisieren. Weltweite soziale Gerechtigkeit ist somit ein Thema des Magnifikat. Der Lobpreis Marias ist geradezu ein Anstoß, sich einzusetzen für den Menschen, den Gott gewürdigt hat. Das gilt für jeden, für den Fremden wie für den Einheimischen, für den Arbeits­losen wie für den Spitzenmanager, für den Kranken wie für das neugeborene Baby, für den Behinderten wie für den Gesunden. In der Geburt Jesu hat Gott alle Men­schen gewürdigt. Dieser Universalismus der Würde, der den christlichen Glauben von Anfang an kennzeichnet, ist das Gebot der Stunde. Gerade in Sachen Menschenwürde und Menschenrechte darf es keine Grenzen geben. Die erlöste Welt setzt neue Maß­stäbe, sie fordert Verantwortung für das Ganze.

„Strukturen der Sünde“ nennt Papst Johannes Paul II. in seiner Sozialenzyklika „Sollicitudo rei socialis“ die wirtschaftlichen und sozialen Zustände in einer Reihe von Ländern der Dritten Welt. Er spricht von Unrechtsverhältnissen, die sich manifestieren, die den Menschen ein menschenwürdiges Leben verunmöglichen, und die sich selbst über Generationen hinweg „fortzeugen“. Die Menschen sind ihnen ausgeliefert, ohne eine Chance, sich dagegen wehren zu können.

Das Magnificat Marias ist auch - so unglaublich das auf den ersten Blick erscheinen mag -  ein revolutionärer Apell zu sozialer Gerechtigkeit, zum Engagement der Christen für Solidarität, für gerechte Ordnungen und Menschlichkeit!

 

3. „Abraham und seinen Nachkommen auf ewig!“

Das Magnifikat endet mit dem Blick auf Israel, das Volk Gottes: „Er nimmt sich seines Volkes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig!“ Gott ist treu ist und steht auf ewig zu seinen Verheißungen. Ja, auf ewig gilt sein Wort. In Gottes Nähe können alle Menschen aufrecht stehen. Dort haben wir einen Stand­punkt und unsere Würde.

Darum dürfen wir Christen uns freuen und jubeln. „Die Freude an Gott ist unsere Kraft“ sagt der Psalmbeter. Mit Maria halten wir fest daran, dass Gott uns in Jesus Grund zur Freude und zur Dankbarkeit gibt. Denn er hat uns gewürdigt, er steht auf unsrer Seite, gerade in den Tieflagen und Problemsituationen unseres Lebens, er geht niemals von uns weg, wenn wir einen Tröster, einen Freund, einen treuen Erlöser an unsrer Seite brauchen. Die ewige Treue Gottes zu uns Menschen, das ist auch der Grund für eine Freude, die keine Grenzen kennt.

Der heilige Bruder Franz von Assisi, dieser Gaukler Gottes und radikale Nachfolger Jesu, in äußerster Armut, gezeichnet von den Wundmalen des Herrn, dutzendfach missverstanden von seiner Welt und selbst von seinen Begleitern – er ist auf unvergleichliche Weise Zeuge der Freude. In einem Wort mit dem befremdlichen Titel „Exorzismus“, das sich im Spiegel der Vollkommenheit findet, warnt er einmal seine Brüder eindringlich vor Traurigkeit und Resignation und ruft sie zur Freude auf:

Daran war dem seligen Franz vor allem gelegen, dass er auch außerhalb des Gebetes und des Gottesdienstes allzeit die heilige Freude des inneren und äußeren Menschen bewahre. Das sah er besonders gern auch an seinen Brüdern; und öfter verwies er es einem, wenn er eine traurige oder ärgerliche Stimmung nach außen hervortreten ließ.

Denn er sagte:

»Wenn der Knecht Gottes die innere und äußere Heiterkeit des Gemütes zu bewahren strebt, jene Fröhlichkeit, die aus der Reinheit des Herzens und aus dem innerlichen Gebetsgeist kommt, so können die bösen Geister einem solchen nichts anhaben; sie werden bekennen müssen:

„Seit dieser Knecht Gottes in guten und bösen Tagen so heiter ist, können wir gar keinen Zugang mehr bei ihm finden und ihm nicht schaden!“

Ein Triumpf aber ist es für den Teufel, wenn sie jene innerliche Fröhlichkeit, die von dem reinen Gebet und rechten Schaffen des Menschen kommt, auslöschen oder wenigstens schwächen können.«