Zum Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938

Gedenkansprache S.E. Bischof Dr. Walter Mixa in der Augsburger Synagoge am 9. November 2009

09.11.2009 13:21

Lieber Herr Landesrabbiner, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Gribl, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den gemeinsamen Gott Abrahams. Der 9. November, zu dem wir uns heute hier in der Augsburger Synagoge versammelt haben, steht im Bewusstsein unseres Landes für Ereignisse, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Vor zwanzig Jahren, am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin, ein Symbol der Unfreiheit und der menschenverachtenden Ideologie des Kommunismus.

Gebete, friedliche Demonstrationen, der Mut und die Entschlossenheit der Menschen in der ehemaligen DDR und in anderen kommunistisch beherrschten Staaten Europas, der stolze Ruf „Wir sind das Volk!“ haben die kommunistischen Machthaber vertrieben, haben die Mauern zum Einsturz gebracht und die Stacheldrähte überwunden. Ein Tag der Freude und der wieder gewonnenen Freiheit!

Ganz andere Gefühle bewegen uns beim Gedanken an den 9. November 1938, dem eigentlichen Anlass unseres heutigen Zusammenkommens. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland und Österreich die Synagogen. Die nationalsozialistischen Horden der SA und der SS zertrümmerten die Schaufenster jüdischer Geschäfte, demolierten die Wohnungen jüdischer Mitbürger, misshandelten und töteten die Bewohner. Während und in unmittelbarer Folge dieser staatlich verordneten Übergriffe, die propagandistisch als Akt des Volkszorns deklariert wurden, starben mehr als 1300 Menschen, über die Hälfte aller Synagogen und jüdischen Gemeindehäuser wurden schwer beschädigt oder vollständig zerstört. Am Tag danach wurden über 30.000 jüdische Mitbürger in Konzentrationslager verschleppt.

Ich erinnere mich sehr genau, dass meine Eltern in Oberschlesien mir später noch mit Erschütterung über diese Vorgänge erzählt haben. Ihr erster Gedanke angesichts der Greueltaten war an jenem 9. November gewesen, dass ein solches ungerechtes und schändliches Vorgehen gegen die jüdischen Mitbürger zwangsläufig Unheil über das deutsche Volk bringen müsse.

Mit dem Novemberpogrom von 1938 begann die letzte und mörderische Phase der Judenverfolgung in Deutschland, die durch die Nürnberger Rassegesetze von 1935 systematisch vorbereitet worden war. Mit diesem Datum verloren die Juden endgültig ihre noch verbliebenen bürgerlichen Rechte. Der Besuch von Theatern, Kinos, Gaststätten, Museen und Parkanlagen wurde verboten. Führerscheine wurden eingezogen, Telefonanschlüsse stillgelegt, Haustierhaltung und die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel untersagt. Die Teilnahme am öffentlichen Leben und die Würde als Bürger und Mensch sollte den Juden vollständig genommen werden, bevor sie schließlich in Massenlager verschleppt und millionenfach ermordet wurden. Auch aus der historischen Distanz von 71 Jahren ein Tag des Entsetzens, der Scham und der Trauer.

Müssen wir, die Menschen des 21. Jahrhunderts, uns dieser schrecklichen Ereignisse in unserem Land erinnern? Ja, wir müssen! Papst Johannes Paul II. hat gesagt: „Es gibt keine Zukunft ohne Erinnerung“. Sein Nachfolger Papst Benedikt XVI. hat dies eindringlich bekräftigt, als er bei seinem Besuch in Auschwitz im Jahre 2006 angesichts der Shoah sagte: „Das Vergangene ist nie bloß vergangen. Es geht uns an und zeigt uns, welche Wege wir nicht gehen dürfen und welche wir suchen müssen.“

Ich spreche heute zu Ihnen aber vor allem auch als Bischof der Katholischen Kirche, und ihre Einladung, lieber Herr Landesrabbiner, ist ein wunderbares Zeichen der Verbundenheit zwischen Synagoge und Kirche, zwischen dem Alten und dem Neuen Bund. Eine Verbundenheit, die Christen und Juden erst durch die Jahrhunderte und durch leidvolle Erfahrungen hindurch in ihrer ganzen Dimension erkannt haben.

Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen. Im Tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen des jüdischen Volkes auch den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai zu seinem Volk gesprochen hat und in den zehn Geboten die bleibend gültigen Maßstäbe des Menschseins aufgerichtet hat. Wenn das jüdische Volk einfach durch seine Existenz lebendiges Zeugnis von jenem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat, so sollte dieser Gott

endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen allein gehören, den atheistischen Gewalttätern, die sich für die Stärksten hielten und denen es gelungen war, die Welt zum Teil an sich zu reißen.

Mit der Zerstörung des jüdischen Volkes, mit der Shoah, sollte im Letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht. Die Shoah war das Werk eines menschenverachtenden neuheidnischen Regimes. Sein Hass gegen den Gott der Väter, sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb der christlichen Kultur und des christlichen Glaubens.

Als Christen müssen wir uns aber zugleich fragen, ob die Verfolgung der Juden durch die Nazis aufgrund uralter antijüdischer Vorurteile in den Herzen und Köpfen mancher Christen nicht erleichtert wurde. Noch quälender ist die Frage, ob Christen den verfolgten Juden jede mögliche Hilfe haben zuteil werden lassen?

Wir alle kennen die Fakten: Viele taten es, andere aber nicht. Viele verharrten in eingeschüchterter Wort- und Tatenlosigkeit. Diejenigen, die entsprechend ihren Möglichkeiten und oft sogar unter Gefährdung ihres eigenen Lebens halfen, das Leben von Juden zu retten – auch hier in Augsburg - dürfen jedoch nicht vergessen werden. Darunter auch viele katholische Priester und Gläubige. Nach dem Krieg brachten jüdische Gemeinden und Persönlichkeiten ihre Dankbarkeit für all das zum Ausdruck, was für sie getan worden war.

Schon im Februar und März des Jahres 1931 veröffentlichte Kardinal Bertram von Breslau, Kardinal Faulhaber und die bayerischen Bischöfe sowie die Bischöfe der Kirchenprovinzen Köln und Freiburg Hirtenbriefe, in denen der Nationalsozialismus mit seiner götzenhaften Verherrlichung der Rasse und des Staates verurteilt wurden. Unmittelbar nach der Pogromnacht von 1938 sprach der Dompropst von Berlin, Bernhard Lichtenberg, öffentliche Gebete für die Juden. Er starb af dem Weg ins KZ Dachau und wurde von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen.

Papst Pius XI. verurteilte den Nazi-Rassismus in feierlicher Form in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Sie wurde am Passionssonntag 1937 in den Kirchen Deutschlands verlesen, was zu Angriffen und Sanktionen der Nazis gegen Mitglieder des katholischen Klerus führte. Am 6. September 1938 unterstrich Pius XI. noch einmal in einer Ansprache an eine belgische Pilgergruppe. „Der Antisemitismus ist unvertretbar. Geistlich sind wir Semiten.“ Viele katholische Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien sind später für ihren mutigen Einsatz vom Staat Israel geehrt worden.

Verglichen mit solchen mutigen Männern und Frauen der Kirche waren jedoch – wie Papst Johannes Paul II. freimütig eingestanden hat – der geistige Widerstand und das konkrete Handeln anderer Christen nicht so, wie man es von den Jüngern Christi hätte erwarten können. Mit Scham und tiefer Trauer müssen wir heute feststellen, dass die antijüdische Propaganda der Nazis uralte Gefühle des Misstrauens und der Feindseligkeit gegen das Volk der Juden auch in den Herzen mancher Christen ansprach, die durch irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testamentes bezüglich des jüdischen Volkes und seiner angeblichen Schuld viel zu lange Zeit wachsen konnten.

Gewiss, die Geburtsstunde der Kirche Jesu Christi verlief nicht ohne Schmerzen im Verhältnis zwischen Juden und Christen. Immer wieder hat in der Geschichte dieses schwierige Verhältnis zu antijüdischem Verhalten und beklagenswerten Akten der Gewalt geführt. Auch wenn die fürchterliche Erfahrung der Shoah im Namen einer zutiefst antichristlichen Ideologie erfolgte, so kann doch nicht geleugnet werden, dass jenes uralte antijüdische Erbe den christlichen Widerstand gegen die Grausamkeiten der Shoah in zu vielen Seelen gelähmt haben mag.

Wir kennen nicht die Zahl der Christen, die beim Verschwinden ihrer jüdischen Nachbarn entsetzt waren und doch nicht die Kraft zum sichtbaren Protest fanden. Was hinderte die große Mehrheit der Christen in Deutschland daran, den Machthabern ein „Wir sind das Volk“ entgegenzusetzen? Vielleicht die Tatsache, dass ihre Angst größer war als ihr Glaube?

Es wäre sicher zu leicht, aus der Perspektive der Gegenwart mit dem Hochmut der Nachgeborenen den Stab über jene zu brechen, die nicht den Mut fanden, gegen das Böse aufzustehen. Als Glieder der Kirche haben wir sowohl an den Sünden als auch an den Verdiensten aller ihrer Kinder teil. Papst Johannes Paul II. hat deshalb in eindrucksvoller Weise namens der ganzen Kirche das Versagen jener Söhne und Töchter der Kirche beklagt und dafür öffentlich um Vergebung gebeten.

Jedes Gedenken gebietet aber auch Redlichkeit gegenüber der Gegenwart: Sind wir als Menschen – wie auch als Christen – nicht zu allen Zeiten in der Gefahr, die Wahrheit des Glaubens durch Anhänglichkeit an den Zeitgeist, an die politische Mode, an die bürgerliche Moral, den Mehrheitstrend oder einfach an die Bequemlichkeit des Mitmachens zu verdunkeln und dadurch mitschuldig zu werden?

Zur Wahrheit des christlichen Glaubens gehört damals wie heute, dass der in der Bibel der Juden bezeugte Glaube für uns Christen nicht eine andere Religion, sondern das Fundament unseres eigenen Glaubens ist. Deshalb erklingen in der Liturgie der Kirche von den Anfängen bis heute die Stimmen von Moses und der Propheten; das Psalmenbuch Israels ist auch das große Gebetbuch der Kirche. Christen aller Konfessionen müssen sich jederzeit bewusst sein, dass Jesus von seiner menschlichen Natur her ein Nachkomme Davids war, dass die Jungfrau Maria und die Apostel Juden waren und dass deshalb die Juden nach einem Wort von Johannes Paul II. wahrhaft „unsere älteren Brüder“ sind. Ein wahrer Christ kann niemals Antisemit sein, ohne seinen eigenen Glauben zu verraten.

Deshalb mache ich mir die Worte der Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils zu eigen, in der es unmissverständlich heißt: „Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche ....nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche,

Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemand gegen die Juden gerichtet haben.“

Die historische Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit der Shoah darf uns aber nicht dazu verleiten, dieses entsetzliche Ereignis in historisierender Weise als ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte zu konservieren. Das Leid der Shoah darf nie geleugnet, nie relativiert oder gar vergessen werden. Wir dürfen bei der Erinnerung daran auch nicht in rhetorischen Ritualen verharren. Das Leiden und der gewaltsame Tod von vielen Millionen jüdischer Mitbrüder, die einzig und allein wegen ihrer jüdischen Abstammung ermordet wurden, muss uns vielmehr wachsam machen gegenüber allen Versuchen, die Unveräußerlichkeit des menschlichen Lebens und der menschlichen Würde politischen, ideologischen oder wirtschaftlichen Zwecken zu opfern. Die Kirche bekennt deshalb auf der ganzen Welt ihre Solidarität mit allen, die wegen ihrer Volkszugehörigkeit, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache oder ihrer Religion ungerechter Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt sind.

Der Friede sei mit uns allen. Shalom.