Der Dienst füreinander führt zu Christus

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2019

09.03.2019 09:00

   

Liebe Schwestern und Brüder,
  
in vielen Begegnungen im zurückliegenden Jahr und während meiner Visitationen konnte ich erfahren, wie viele Menschen sich in unseren Pfarrgemeinden und den caritativen Diensten und Einrichtungen der kirchlichen Caritas für andere ehrenamtlich oder beruflich engagieren: in Nachbarschaftshilfen und Besuchsdiensten, in der Flüchtlingshilfe und in Hospizdiensten, in Tafeln und Kleiderbörsen, Missionskreisen und Mutter-Kind-Gruppen, in unseren Sozialstationen, Kindertageseinrichtungen, Beratungs- und Betreuungsdiensten und vielen stationären Einrichtungen und Werkstätten.
Für ihren wichtigen Dienst und ihr Glaubenszeugnis sei ihnen allen zunächst einmal ein herzliches Dankeschön und Gott vergelt’s gesagt.
Im Rückblick geht mir dabei das Wort Jesu: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, nicht mehr aus dem Kopf. (vgl. Mt 25,40)
  
Könnte dies nicht auch der Schlüssel für uns sein?

 

1. Die Weisheit der Bibel – der Weg zu Gott führt über den Menschen
  
Es gibt wohl viele Wege sich Gott zu nähern. Der Weg, den Jesus Christus im Evangelium geht, ist der Weg der Liebe – konkret: der Weg der Liebe zum Nächsten, vor allem zu den Armen, den Kranken, den Zukurzgekommenen und den Ausgegrenzten. In seinem ganzen Leben ist diese Liebe sichtbar und greifbar geworden. An vielen Stellen der Bibel wird deutlich, dass er sich bewusst immer wieder einzelnen Menschen zuwendet. Kranke, seelisch belastete und enttäuschte Menschen erfahren seine Zuwendung. Er schenkt Heilung, Aussöhnung und einen neuen Anfang. Er verkehrt mit Zöllnern, Sündern und Menschen mit zweifelhaftem Ruf. Er bietet ihnen seine Gemeinschaft an und eröffnete ihnen gerade dadurch die Möglichkeit zur Umkehr. In seinen Tischgemeinschaften und in der Gemeinschaft derer, die ihm nachfolgen, lässt er sie erfahren, was das Reich Gottes bedeutet.
In einem ersten Schritt sendet der Herr seine Jünger aus. Neben der Predigt und dem Glaubenszeugnis wird es ihr wesentlicher Auftrag, anderen Menschen Heilung und Befreiung zu bringen. „Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“ (vgl. Mt 10,1)
Dabei bleibt es jedoch nicht. Der Auftrag der Nächstenliebe wird zum Wesensmerkmal für jeden gläubigen Christen. Allen Getauften ist der Heilige Geist geschenkt, damit sie die Sendung Jesu in Wort und Tat weitertragen, jeder mit seinen Fähigkeiten und Begabungen. Das gilt auch für die Sendung zur praktischen Nächstenliebe in der Caritas. Das „Zeugnis des Lebens“ wird dabei durch „Haltungen verdeutlicht, aus denen Christen leben: Ehrfurcht und Staunen, Selbstbegrenzung und Maß, Mitleid und Fürsorge, Gerechtigkeit und Solidarität.“ (vgl. Die deutschen Bischöfe Nr. 68 „Zeit zur Aussaat“, Missionarisch Kirche sein S. 17)
In der Rede vom Weltgericht (vgl. Mt 25) wendet sich Jesus am Ende der Zeiten allen Menschen zu. Maßstab des Glaubens ist für ihn der eingangs erwähnte Satz: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ In sieben konkreten Beispielen, die wir als Werke der Barmherzigkeit kennen, bezieht er das Tun am anderen auf sich selbst. Der Dienst am anderen wird so zum Gottesdienst. Im Dienst am anderen können wir Jesus Christus begegnen.

  
2. Das Verständnis des Grundauftrages zur Diakonie vertiefen
  
Liebe Schwestern und Brüder, das Leitbild meines Dienstes als Bischof von Augsburg ist die Neuevangelisierung und die Verlebendigung der Kirche in unserem Bistum. Ein wichtiger Baustein hierfür, davon bin ich überzeugt, ist ein vertieftes Verständnis unserer Berufung und Sendung zur Diakonie und zum Tatzeugnis des Evangeliums.
Dabei geht es um die Frage, wie jeder Einzelne von uns und wie wir als Gemeinde Christi Zeugnis von der Barmherzigkeit Gottes geben und welchen Einsatz wir dafür leisten können.
Dazu braucht es vor allem Menschen, die sich von der Not anderer berühren lassen. Darum sollten wir uns durchaus einmal fragen: Welchen Stellenwert nimmt die Caritas – als Tatzeugnis des Evangeliums – im Leben unserer Pfarrgemeinde ein? Was bedeutet dies für mich persönlich? Was kann ich jetzt aktiv dazu beitragen? Gibt es einen Kreis von Engagierten, die sich mit solchen Fragen auseinandersetzen? Wie kann das Verständnis für das eigene Tun und den zugrunde liegenden biblischen Sendungsauftrag weiter wachsen und fruchtbar werden?
Dabei geht es im Blick auf den anderen immer um den jeweils möglichen Ansatz von Hilfe, absichtslos und ohne die Erwartung einer Gegenleistung, denn „die Liebe ist umsonst“ schreibt Benedikt XVI. in seiner vielbeachteten Enzyklika „Deus caritas est“.
Ich teile die mancherorts vorhandene Skepsis gegenüber den caritativen Aufgaben und dem Engagement unserer Gemeinden nicht: Ist denn etwa die Kindertagesstätte in unserer Pfarrgemeinde eine Last oder nicht vielmehr eine zukunftsweisende pastorale Chance? Sind denn unsere christlichen Sozialstationen nur Bausteine einer allgemeinen staatlichen Sozialversorgung oder nicht vor allem Kontakt- und Pflegezentren für sehr viele, die krank und hilfsbedürftig sind? Zusammen mit den vielfältigen Diensten und Einrichtungen der Caritas sind unsere Pfarrgemeinden von größter Bedeutung für die Entwicklung einer menschlichen, solidarischen und am Gemeinwohl orientierten Gesellschaft.

  
3. Ermutigung auf dem Weg
 
Wenn ich das biblische Zeugnis gläubig lese und annehme, bin ich überzeugt, dass wir hier eine Antwort auf viele Fragen und Herausforderungen unserer Zeit finden. Durch unser christlich geprägtes Engagement um der Menschen willen schlagen wir Wege ein, auf denen wir selbst wieder neue Kraft für unseren eigenen Glauben gewinnen können, um ihn neu und glaubwürdig zu verkünden.
  
Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Augsburg, in den nun anstehenden Tagen der Fastenzeit, möchte ich mit Ihnen diesen Weg bewusst gehen. Bestärken und ermutigen wir uns darum gegenseitig in unserem Engagement für andere und bereiten so Christus den Weg. Er selbst ist diesen Weg bis zum Kreuz gegangen und ist so zum Leben der Auferstehung gelangt. Der caritative Dienst der Kirche soll auch uns in dieser Zeit der Buße ein Weg auf Ostern zu sein.

  
Dazu segne Sie der liebende und barmherzige Gott,
+der Vater und +der Sohn und +der Hl. Geist.

 
Augsburg, am Fest Kathedra Petri 2019
  
+Konrad Zdarsa
Bischof von Augsburg

 
Dieses Hirtenwort ist am 1. Fastensonntag, 10. März 2019, in allen Gottesdiensten einschließlich der Vorabendmessen zu verlesen.