Predigt: Diakonweihe in der Basilika St. Ulrich und Afra

05.05.2012 17:26

 

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Liebe Kandidaten für die Hl. Weihe zum Diakon der Kirche!

Immer wenn ich mal wieder zum Briefschreiben komme – das heißt, wenn es die Zeit erlaubt – und wenn ich mich dazu aufraffen kann, dann geschieht es, dass ich zwar an verschiedene Adressaten schreibe, aber die verschiedenen Briefe doch immer wieder manches Gemeinsame beinhalten, Dinge, Ereignisse, die mich beschäftigen und bewegen, die ich in letzter Zeit unternommen habe oder auch die mir zu schaffen machen – kurzum, die ich für meine Freunde, Verwandten und Bekannten für mitteilungswürdig und erörterungsfähig halte.

Fast genau so ergeht es mir heute bei der Betrachtung der Lesung aus dem Brief an die Philipper am Tag Eurer Weihe zum Diakon der Kirche.

„Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke; immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt.“ [1]

Denn ohne alle größere Überlegung, ganz vordergründig zunächst, wörtlich, ohne den Versuch einer tieferen Deutung kommt mir dabei unsere gemeinsame Reise ins Hl. Land in den Sinn.

Könnten wir davon nicht ebenso sagen, dass wir uns gemeinsam für das Evangelium eingesetzt haben, das fünfte nämlich, das Hl. Land, eine Reise, die nicht zuletzt auch als ein Zeichen der Solidarität mit unseren christlichen Brüdern und Schwestern daselbst angesehen werden kann?

Aber wir haben immerhin dennoch weitaus tieferen Grund, Gott zu loben und zu danken für den gemeinsamen Einsatz für das Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt. Wir alle haben Grund, Gott unserem Herrn und Euch zu danken für Euren Weg ins Priesterseminar, Eure Studien und Bemühungen, Eure Praktika und geistlichen Übungen. Und wir haben Grund zu danken für alle, die Euch vom ersten Tag an auf diesem Weg begleitet haben, Eure Eltern und Geschwister, Eure geistlichen Begleiter und theologischen Lehrer, Eure Seelsorger, Beichtväter, Freunde und Verwandte. Auch darin besteht der gemeinsame Einsatz für das Evangelium. Und vom ersten Tag an bis jetzt durften wir für zahlreiche Fortschritte und immer größere Vertiefung dankbar sein. Heute ist wieder so ein Tag. Der Einsatz und das Bemühen um das Evangelium werden auch fortan kein Ende finden dürfen.

Einige Eurer Mitbrüder, die schon Diakone sind und sich auf den Empfang der Priesterweihe vorbereiten, haben mir unabhängig voneinander gleichermaßen berichtet: Als sie nach der Weihe zum Diakon in die Praktikumspfarrei zurückgekehrt waren, meinten sie einen Unterschied festgestellt zu haben, wie ihnen die Menschen seitdem neuerdings in der Pfarrei begegneten. Sollte das vielleicht jemand als eine sich anbahnende Tendenz zum Klerikalismus deuten und erklären wollen? Wieso konnten dann aber die Mitbrüder völlig unabhängig voneinander diese gleiche Erfahrung machen? Im Glauben und im Hl. Geist dürfen wir darin vielmehr den wahren Sensus fidelium, den Glaubenssinn der Schwestern und Brüder erkennen, der die von Gott geschenkte, gnadenhaft verliehene Begabung und Beauftragung zum diakonischen Dienst, zur Gleichgestaltung mit Christus wahrgenommen hat. Mit Christus, der nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele.

Das, liebe Brüder, soll Euch heute durch die Kirche vermittelt werden, darin sollt Ihr heute mit der Hl. Weihe zum Diakon bestärkt und besiegelt werden. Welche Aufgabe, welchen Dienst oder welche Verantwortung Ihr einmal auch immer in der Kirche im Dienst an Gott und den Menschen übernehmen sollt – wir können Euch nur wünschen, in diese Haltung und Gesinnung immer tiefer einzutauchen. Diese Gewissheit soll bei allen Menschen, die Euch begegnen, die Euch anvertraut und aufgegeben sind, immer mehr wachsen und noch sicherer werden. Den Menschen geschwisterlich zu begegnen, ihnen als Diakon der Kirche entgegenzugehen bedeutet nicht sich schulterklopfend anzubiedern und alle Verschiedenheit zu nivellieren. Die Unterschiedlichkeit der gnadenhaften Begabung und die damit verbundene Beauftragung und Verantwortung muss bewusst übernommen und tapfer ausgehalten werden. Denn alles, was uns gegeben ist, ist uns zum Dienst gegeben. Was Euch verliehen wird – die Nähe zur Leihgabe ist unüberhörbar - müsst Ihr eines Tages gut gebraucht und genutzt mit großem Gewinn zurückgeben können. Damit ist aller Ungeist eigenmächtiger Anmaßung von vornherein gebannt. Dann bleibt Ihr vor allem transparent für den, der durch Euch wirken will, unseren Herrn Jesus Christus. Dann können die Menschen Ihn – und einzig und allein darauf kommt es an – und in Ihm den Vater sehen.

Und es gibt keinen zu geringen und keinen zu schwerwiegenden Dienst, in dem diese Haltung nicht verwirklicht werden kann. Ob Ihr das Evangelium verkündet oder die Gaben für das eucharistische Opfer vorbereitet, ob Ihr den Gläubigen den Leib und das Blut Christi austeilt oder im Auftrag des Bischofs Ungläubige und Gläubige ermahnt und in der Hl. Lehre unterrichtet, ob Ihr Gebetsgottesdienste leitet, die Taufe spendet, den Brautleuten als qualifizierte Zeugen beisteht und sie segnet, ob Ihr schließlich den Sterbenden die Hl. Wegzehrung bringt und die Verstorbenen zur letzten Ruhe bestattet. –

Damit, liebe Brüder und Schwestern, werden die Aufgaben der Diakone im Weiheritus im Großen und Ganzen beschrieben. Dann aber heißt es nahezu noch feierlicher hervorgehoben und lapidar: Aufgrund apostolischer Überlieferung durch Handauflegung geweiht und dem Altar eng verbunden, versehen die Diakone im Auftrag des Bischofs oder des Pfarrers den Dienst helfender Liebe.

Diesen Dienst, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, haben wir alle einmal übernommen und sind nach wie vor beauftragt, in welcher Verantwortung der Kirche wir auch stehen mögen, ihn in dieser Gesinnung auch weiterhin auszuüben.

Erst am vergangenen Guten-Hirten-Sonntag konnte ich mit den Gläubigen darüber nachdenken, dass alles, was wir geworden sind, zunächst einmal durch andere geworden ist. Schon aus diesem Grund dürfen wir Vertrauen haben. Denn bei allem Versagen, wozu wir Menschen fähig sind, dürfen wir auf das Beispiel, die Treue, das Zeugnis und die Kompetenz unzähliger Mitbrüder weltweit im geistlichen Dienst bauen. Mitbrüder, die schon lange im Dienst des Evangeliums stehen und ihn in Stetigkeit und Treue ausüben.

In der Weite unseres Bistums begegne ich immer wieder Mitbrüdern, die ich noch nie zuvor persönlich begrüßen konnte, die ich vielleicht noch nicht einmal gesehen habe. Immer wieder kehre ich erfreut und bestärkt durch solche Begegnungen nach Hause zurück. Oder sollte uns die große Schar der Mitbrüder, die gerade in diesem Jahr zur Weihe der Hl. Öle und der Erneuerung ihrer priesterlichen Versprechen in unserer Kathedrale versammelt waren, nicht überaus zuversichtlich stimmen? Darum wiederhole ich gern, was ich damals in der Predigt gesagt habe: Die größte Anfechtung der Kirche besteht meines Erachtens in der gegenwärtigen Diskreditierung ihrer Priester. Die jungen Mitbrüder, die sich gegenwärtig weltweit aber auch in unserem Bistum auf die Diakonen- und Priesterweihe vorbereiten, flößen mir nicht nur höchsten Respekt ein. Sie alle sind eine lebendige Stärkung meines eigenen Priestertums und meiner eigenen Berufung.

Aber unser Vertrauen und unsere Zuversicht bauen nicht etwa nur auf die Frömmigkeit und Treue der Menschen. Der Grund unseres Vertrauens ist damit nicht annähernd ausgeschöpft. Unsere Zuversicht und unser Vertrauen bauen mit dem Apostel Paulus vielmehr darauf, dass Gott das gute Werk das er bei Euch begonnen hat, auch bis zum Tage Christi vollenden wird. Der Apostel findet diese Zuversicht sogar noch durch die Gnade bestätigt, die ihm durch seine Gefangenschaft und die Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums gewährt ist. Apostolischer kann man es wohl nicht verstehen, fundamentaler kann es wohl nicht formuliert werden, was den wahren Diener Gottes auszeichnet. Sogar noch die Anfechtung, die Verteidigung und Bekräftigung der Frohen Botschaft, ja, die persönliche Unfreiheit um des Evangeliums willen (!) bedeuten Gnade, unverdientes Geschenk und Zuwendung Gottes. Das kann nur nachvollziehen und erfassen, der immer mehr bemüht ist, mit Christus gleichgestaltet und für ihn transparent, durchscheinend zu sein.

Schmähung, Kampf und Leiden – das alles brauchen wir uns nicht eigens zu suchen. Es wird jedem von uns nur in dem Maße zugemutet werden, als er die Kraft hat, es zu tragen. Aber an jedem Ort und zu jeder Zeit seid Ihr dazu aufgerufen, allem was Euch begegnet, geistlich zu begegnen, alles was Euch aufgegeben wird, geistlich zu bewältigen.

In allen Phasen Eures Dienstes sollt Ihr bedenken und vergegenwärtigen, was Euch bei der Überreichung des Evangelienbuches ans Herz gelegt wurde.

„Nimm hin das Evangelium Christi. Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben, was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, erfülle im Leben!"

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„Ich gestehe: wir alle sind schwach. Aber Gott, der Herr, hat uns Mittel gegeben, die uns leicht helfen können, wenn wir nur wollen.“ Dieses Bekenntnis vernehmen wir Jahr für Jahr in der geistlichen Lesung des Stundenbuchs von keinem geringeren als dem Hl. Karl Borromäus. In der Folge verweist der Heilige auf zahlreiche Verhaltensweisen, die dazu gegeben und geeignet sind, unseren geistlichen Dienst zu unterstützen und zu fördern.

„Erkennt, Brüder“, so differenziert er, „dass nicht allen Männern der Kirche in gleicher Weise dasselbe notwendig ist“. Aber für alle ist ihm wichtig: „Es gibt das innere Gebet, das allen unseren Handlungen vorausgeht, sie begleitet und ihnen folgt". Und er zitiert selber aus dem ersten Brief an die Korinther: „alles, was ihr tut, geschehe in Liebe".

Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder,, damit ist alle Differenzierung aufgehoben- Wir mögen die Anfechtung der Kirche von außen oder von innen feststellen und beklagen – ohne persönliches Gebet – wo auch immer wir sind, sägen wir an unserem eigenen Ast. Ohne persönliches Gebet sind wir unfähig, einander in Liebe zu begegnen oder missionarisch Kirche zu sein, mögen wir noch so viel davon reden oder schreiben.

 

Liebe Kandidaten für die Weihe zum Diakon!

Vom Hl. Karl Borromäus lassen wir uns vergewissern: „Alle Schwierigkeiten, die wir notwendig Tag für Tag in großer Zahl erfahren - wir sind ja in sie hineingestellt – werden wir leicht überwinden können. Auf diese weise gewinnen wir die Kraft, Christus in uns und in anderen zu gebären“, soweit der Heilige.

Der Dienst der Liebe, das besondere Feingefühl für das, was vor allem die Armen und Geschlagenen brauchen, das Ertragen aus Gnade, das vertrauensvolle – inständige Gebet, das ist die Botschaft am Tag Eurer Weihe zum Diakon der Kirche, damit Ihr gemäß der Weisung des Herrn das Werk vollbringen könnt, das der, der beim Vater für uns eintritt, unser Herr Jesus Christus, vollbracht hat. Amen.

[1] Phil 1,3-5