Predigt: Festgottesdienst 1000 Jahre Moritzkirche in Augsburg

05.05.2019 15:46

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Ehrengäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus,
fast möchte ich sagen: Heute schließt sich für mich so etwas wie ein Kreis. Denn dieses Lied habe ich zum ersten Mal ganz am Anfang meines Weges zum Studium der Theologie in Magdeburg, der heutigen gleichnamigen Diözese gesungen, die denselben Heiligen zum Patron hat wie diese Kirche.

Wie freue ich der Botschaft mich, wie höre ich sie gern, Herz und Gemüt erheben sich: „Wir gehn zum Haus des Herrn.“ Dein Tempel ist die hohe Stadt, darin dein Volk die Heimat hat. Auf deinen Ruf, Herr, kommen wir, zu singen und zu danken dir.[1]

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Ehrengäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

fast möchte ich sagen: Heute schließt sich für mich so etwas wie ein Kreis. Denn dieses Lied habe ich zum ersten Mal ganz am Anfang meines Weges zum Studium der Theologie in Magdeburg, der heutigen gleichnamigen Diözese gesungen, die denselben Heiligen zum Patron hat wie diese Kirche.

Das Lied ist kein neues geistliches Lied, sondern wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts dem Psalm 122 nachgebildet, in einfache Worte und leichte Singweise gefasst. Es steht im Bistumsteil des Gotteslobs der neuen Bundesländer und wird nach meiner Erfahrung wohl vor allem zu Kirchweihfeiern gesungen.

Wir allerdings sind nicht zur Feier eines Kirchweihjubiläums angetreten, sondern zur Feier des 1000 jährigen Gründungsjubiläums von „St. Moritz“. Und das besagt weit mehr als die Jubiläumsfeier eines noch so beeindruckenden schönen steinernen Baus. Denn seit der Gründung von „St. Moritz“ durch Bischof Brun von Augsburg aus dem ottonischen Geschlecht sind mehrere Kirchen gebaut worden, in deren letzter, wunderbar erneuerter wir uns zur Danksagung versammelt haben.

Von dieser Gründung könnten wir heute nicht annähernd erschöpfend reden, wenn wir nicht zugleich von der langwährenden Feier der Liturgie und der Sakramente, von den Gesprächsangeboten und den Kontakten zu Kunst und Kultur – kurzum von der fruchtbaren Spannung zwischen der Territorialpfarrei unseres Bistums und der City-Seelsorge am Moritzpunkt sprechen würden.

Ich sehe das Bild des von den Ottonen verehrten Haus- und Reichspatrons Mauritius noch immer vor mir und unverkennbar als den Mann aus Afrika und Führer der Thebaischen Legion im Kettenhemd des römischen Soldaten. Ein wahrhaft geschichtsübergreifendes, in die Frühzeit der Kirche zurückreichendes Patronat eines frühen Märtyrers von weltweiter Offenheit, wie sie dem wahrhaft Katholischen entspricht, hochaktuell auch und gerade für diese unsere heutige Zeit und Gesellschaft.

Was man von den Personen der Apostel, wie sie uns im heutigen Evangelium vorgestellt wurden, gewiss nicht so ohne weiteres hätte sagen können. Sie sind uns doch keine Unbekannten, die da mit Namen genannt werden: Simon Petrus mit seiner angeblichen Bereitschaft zum Martyrium, die allzu problemlos in die Verleugnung umgeschlagen ist, Thomas mit seinem hartnäckigen nachösterlichen Zweifel, der selbstbewusste Nathanael, dem fragwürdig war, ob aus Nazareth etwas Gutes kommen könne, und nicht zuletzt die beiden Zebedäussöhne, denen es vor allem um die Ehrenplätze im kommenden Reich gegangen ist.

Der Karfreitagsschock hat sie den Rückzug antreten lassen, in das Gewohnte und Handfeste, das vertraute Handwerk, das wenigstens einen geringen Erfolg erwarten ließ, allen voran Petrus. Rückzug in den Alltag statt Aufbruch in den Auftrag. Eher schon Resignation oder Angleichung an die sogenannte Lebenswirklichkeit, wie vielleicht manche heute sagen würden. Aber von dem, was sie der Herr gelehrt, was er ihnen vorgelebt hat, ist das himmelweit entfernt. Sogar im Alltäglichen ist der Erfolg entsprechend. Sie fingen nichts.

Aber der Herr ist schon da. Oder sollen wir sagen, er ist noch da? Er steht schon am Ufer. Er ist einfach da, ist dort geblieben, wo die Menschen nicht mehr bleiben wollen, hat ausgehalten, wo sie es nicht mehr ausgehalten haben. Und er hat es durchgestanden, ausgehalten und durchgestanden.

Er war ja gekommen, die Sünder zu berufen, nicht die Gerechten, er war gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben. Er ist schließlich sogar mit den Enttäuschten ein gutes Stück Weges in die Resignation gegangen. Er ist gegenwärtig geblieben, in seinem Vermächtnis gegenwärtig geblieben. Er ist sogar denen gegenwärtig geblieben, die, statt in den Auftrag aufzubrechen, sich in den Alltag zurückgezogen haben.

Ist nicht schon das sein Vermächtnis: Die Menschen seine Gegenwart spüren zu lassen in unseren Begegnungen, unseren Gesprächen, die Menschen auf ihren alltäglichen Wegen, mitten im Strom der Zeit bei ihrer oft so vergeblichen Suche nach dem sofortigen handfesten Erfolg? In ihrer Ratlosigkeit oder Resignation. In der Tat: Ein Vermächtnis wahrer Seelsorge.

Es ist der Herr, sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus. Auf den Geist der Liebe kommt es an. Und nur wer selbst von der Liebe ergriffen ist, vermag sie an andere weiterzugeben, weiterzugeben, was er selber zuvor empfangen hat. „Nicht daran, wie einer von Gott redet, erkenne ich, ob seine Seele durch das Feuer der göttlichen Liebe gegangen ist, sondern wie er von irdischen Dingen spricht.“ – sagt Simone Weil.

Aber das Bekenntnis zu dem, der selbst die Liebe ist, das Bekenntnis zum Herrn darf dennoch niemals verschwiegen werden, darf auch nicht einfach so als bekannt vorausgesetzt werden, ja, der Name unseres Herrn Jesus Christus muss vor den Menschen unserer Zeit ausgesprochen und bezeugt werden.

Trotz kurzer räumlicher Distanz schwimmt Petrus dem Herrn entgegen, seiner Nacktheit bewusst, die zwar äußerlich mit einem Gewand bedeckt werden kann, die aber zuinnerst der Vergebung des Herrn und der Erneuerung seiner Liebe im dreimaligen Bekenntnis bedarf.

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung, - singen wir in einem neuen geistlichen Lied. Und die Strophen fahren mit ihrer Betrachtung fort, wenn sie vom – mitten im Wort, mitten im Streit, mitten im Tun – sprechen. Ja, wir feiern ein Fest der Auferstehung, weil Jesus, der Auferstandene, schon da ist, immer noch da ist im seelsorglichen Gespräch, im Zuhören und Beraten und in der Feier der Heiligen Geheimnisse. Da werden die Grenzen fließend, da lassen wir die Menschen mitten im Alltag seine Gegenwart spüren und handeln nach seinem Auftrag: Tut dies zu meinem Gedächtnis.

Wir wissen, dass damit nicht etwa nur eine Erinnerung an ein immer weiter zurückliegendes historisches Geschehen gemeint ist, sondern Memoria in ihrer tiefsten Bedeutung, Repraesentatio, Vergegenwärtigung seiner Opferhingabe für uns.

Jesus ist es, der mit uns diese Gedächtnisfeier begeht, und schon die Erstkommunionkinder können die Frage beantworten, worauf der Herr schon mit der Speisung der Vielen, von der uns alle Evangelisten berichten, zugesteuert ist.

Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten[2], wie es im Evangelium nach Johannes heißt und auch heute beim Frühmahl am Ufer angedeutet wird.

Ja, Seelsorge mitten im Alltag und die Hl. Eucharistie feiern buchstäblich mitten am Tag ein Fest der Auferstehung. Und wir sollten uns vielleicht eher überlegen, unsere Gottesdienstzeiten an die Lebenswirklichkeit anzugleichen als die Moral und Lehre der Kirche.

Diese Tausendjahrfeier der Gründung von „St. Moritz“, liebe Schwestern und Brüder, darf darum nicht nur eine Feier freudiger Erinnerung, sondern muss im Tiefsten eine Feier der Vergegenwärtigung der göttlichen Liebe sein, die wir durch die lebendige Begegnung mit unserem Herrn Jesus Christus in seiner Kirche, in seinem Wort und Sakrament dankbar erfahren.

Als wir bei einer bischöflichen Pastoralvisitation auf unsere Verkündigungstätigkeit zu sprechen kamen, sagte einer der Ständigen Diakone zu mir: Wir müssen vor allem die Menschen lieben. – Eine Voraussetzung, der nichts hinzuzufügen war. Ja, wir müssen die Menschen lieben, und das wird dann niemals eine Einbahnstraße sein.

Betrachten wir doch einmal die dreimalige Frage unseres Herrn an Petrus unter einem neuen Blickwinkel: Da fragt der Gesalbte und Gesandte, da fragt Christus, der Herr, den ohne jegliches Verdienst Erwählten und Berufenen danach, worauf er sein Leben und seinen Dienst gründen will. Das ist doch nicht bloß ein Dialog unseres Herrn mit seinem künftigen Stellvertreter.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

sind Sie denn nicht auch die Hüterinnen und Hüter Ihrer Schwestern und Brüder? „Sie mögen zwar unser Hirte sein, deswegen sind wir aber noch lange nicht ihre Schafe.“ – wurde mir einmal in einem Protestschreiben entgegengehalten.

Darum brauchen die verschiedenen Ämter und Zuständigkeiten in der Kirche noch lange nicht zur Disposition gestellt zu werden. Aber das Evangelium ist immer an einen jeden von uns gerichtet, und immer spricht darin der auferstandene und erhöhte Herr zu jedem einzelnen von uns. Und die Aufforderung des Herrn zur Nachfolge ist in jedem Falle auf eine lebendige Zeugenschaft ausgerichtet, wenngleich sie keineswegs einem jeden genauso wie dem Apostel zugedacht ist. Was aber Petrus seinerzeit vollmundig und ohne die Voraussetzung wahrer Liebe begehrte, das wird ihm in der Reife des Alters nach den Worten seines Herrn zuteil. Es gibt keine Freundschaft ohne reinigendes Leiden, heißt es in einer Regel von Taize.

„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! Ich muss mit einer Taufe getauft werden, und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.“[3] – sagt Jesus noch lange vor seinem Leiden und fordert die Menschen zur Entscheidung auf. An anderer Stelle stellt er aber die bange anmutende Frage: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?“[4] Ein Jesus-Wort, das der letzte wahrhaft große gelehrte Kardinal der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, nach seiner eigenen Aussage in seinem geistlichen Testament immer mehr in den Ohren gehabt habe.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

das Zeugnis, das der Gekreuzigte und Auferstandene von einem jeden von uns verlangt, bedarf immerfort der Läuterung durch das Feuer der göttlichen Liebe. Wir gehen Pfingsten entgegen, dem Fest des Hl. Geistes, und haben allen Grund und die große Verheißung zugleich, darum zu bitten:

Komm Hl. Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe. Sende aus deinen Geist und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern.   Amen

 

[1] GL 705

[2] vgl. Joh 14,19

[3] Lk 12,49f

[4] vgl. Lk 18,8