Predigt Menschwerdung Gottes 2010

25.12.2010 09:43

   

Von der Menschwerdung Gottes können wir sagen, was wir auch von der Stunde auf Golgota sagen können:

Nach der Nacht von Bethlehem kann nichts mehr geschehen, was die Welt noch wesentlich verändern könnte.

Bei der Feier und beim Empfang wie in der Verehrung des eucharistischen Herrn werden wir befähigt, diese Wahrheit aufzunehmen, zu beherzigen und mit Leben zu erfüllen.

 „Treten Sie ein, legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen.“

 

Was wohl, liebe Schwestern und Brüder, mag den Dichter in der damaligen DDR dazu bewogen haben, diese Worte niederzuschreiben?

Etwa die Unmenge der Parolen und Transparente, der Propaganda, der Selbstverpflichtungen und erzwungenen Bekenntnisse?

Aber sowohl die, die bald darauf die Freiheit erlangt hatten ebenso wie die, die sie schon jahrzehntelang besaßen – wollen sie nicht alle mitreden, reden und gehört, gehört und ernst genommen werden?

Begehren sie nicht gleichermaßen auf gegen jegliches sprach- und wortlose Hinnehmen bestehender Strukturen, festgelegter Rangordnungen und Hierarchien?

Sind sie nicht erst recht sensibel gegenüber jeder und vielleicht noch angemaßten Autorität?

Andererseits, schweigen nicht ebenso viele gerade dann beharrlich, wo sie eigentlich aufstehen, reden und die Wahrheit sagen müssten?

Leiden nicht wiederum manche sogar unter dem vermeintlich erfahrenen Schweigen Gottes, wie wir es sogar von manchen Heiligen vernehmen können?

Oder sind wir vielleicht selber viel zu laut und zu geschwätzig, um die Stimme Gottes überhaupt noch zu hören und in den Zeichen der Zeit oder auch im leisen Anruf unseres Gewissens zu erkennen?

 

„Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel“, verheißt uns das Buch der Weisheit

(Weish 18,14).

 

Die gesamte weihnachtliche Botschaft von der Ankündigung der Geburt bis zur Beschneidung und Namensgebung Jesu, ist zusammengefasst in einem einzigen Satz aus dem Prolog zum Evangelium nach Johannes:

 

„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14)

 

Manche von uns sind es noch gewohnt, sich bei diesen Worten im Gebet des „Engel des Herrn“ an die Brust zu schlagen. Ich kann mich jedenfalls noch erinnern, als Kind in Regensburg einen Mann auf der Straße gesehen zu haben, der beim Geläut der Glocken zum Angelusgebet stehen blieb und die Mütze abnahm.

Bei der Feier der weihnachtlichen Liturgie beugen auch wir heute an dieser Stelle des Glaubensbekenntnisses ehrfürchtig die Knie und verneigen uns.

 

Das Wort ist Fleisch geworden – Wenn Gott spricht, das offenbart schon die Schöpfungsgeschichte – geschieht etwas, dann wird sogleich ins Werk gesetzt, was er gesprochen und beschlossen hat.

In der Menschwerdung seines Sohnes wird die göttliche Selbstaufforderung: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich, gänzlich ins Werk gesetzt und zur Vollendung gebracht (Gen 1,26). Denn das ewige Wort, das am Anfang war und bei Gott war und selbst Gott war, ist als sein vollkommenes Bild und Gleichnis sichtbar als Mensch erschienen, als kleines neugeborenes Kind in der Krippe, im Stall, draußen vor der Stadt. Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen – wie es wörtlich heißen müsste, ist damit wie der Gott der Väter unterwegs. Unterwegs mit seinem auserwählten Volk dem pilgernden Gottesvolk.

 

„Die Füchse haben ihre Höhlen, und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Lk 9,58)

 

Auf dem Wege nach dem Willen des Vaters, musste er selbst zunächst sein in dem, was seines Vaters ist. Musste sich ereifern für die Würde und Bestimmung dieses Hauses als Haus des Gebetes; und ist schließlich selber zum Priester, zum Altar und Opferlamm gewordenen, um die wahren Beter um sich zu versammeln im Geist und in der Wahrheit.

Die Evangelisten mögen verschiedene Ansätze gehabt haben, die Botschaft schriftlich zu bewahren. Aber gibt es etwa einen Unterschied zwischen der schlichten Mitteilung des Evangelisten Lukas, dass in der Herberge kein Platz war (Lk 2,7) und der Feststellung des Johannes: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)?

Die uns am nächsten sind, verletzen wir oft am tiefsten, sagte mir einmal jemand wehmütig. Auch diese menschliche Erfahrung kommt in der Menschwerdung des Gottessohnes zur traurigen Vollendung.

Die theologische These, die Evangelien seien rückwärts erzählte Passionsgeschichten, kann uns schon zu denken geben. Noch deutlicher die Kirchenväter, wenn sie sagen: „Christus ist geboren, um für uns sterben zu können.“

„Das menschgewordene Wort Jesus Christus – so fügt ein Theologe unserer Zeit hinzu, hat drei Silben: Menschwerdung, Tod-Kreuz und Auferstehung. Den ganzen Sinn des Wortes“, so weiter, „versteht man erst, wenn auch die letzte Silbe ausgesprochen ist.“

In der Geschichte von Bethlehem wird eben nicht nur von einer herzbewegenden Geburt erzählt, die über Wachstum und Reife eines Menschen eines Tages doch wieder in den Kreislauf von „Stirb und Werde“ einmündet.

Mit Gottes Menschwerdung, mit unserer Geburt und unserem Sterbenmüssen ist auch die Zeit zur Göttlichen Dimension geworden. Ja, im Menschgewordenen Gottessohn hat Gott Geschichte.

„Durch Gottes Kommen auf die Erde“, schreibt Papst Johannes Paul II. zur Vorbereitung auf das Jahr 2000, „hat die mit der Schöpfung begonnene menschliche Zeit ihre Fülle erreicht. Denn die Fülle der Zeit ist nur die Ewigkeit, ja, der Ewige, das heißt Gott.“

Nicht nur der brennende Dornbusch oder der Berg Tabor, alles auf der Erde trägt die Spuren der Gegenwart Gottes, deshalb wird die Erde in der Begegnung von Gott und Mensch zum Ort der Verwandlung. Seit dem Eingehen des Menschensohnes in die Geschichte besitzt alles Geschaffene Zeichenhaftigkeit für unser Heil.

Was allein das schon für unseren Umgang mit der Schöpfung bedeutet!

Aber diese Zeichenhaftigkeit kommt zum absoluten Höhepunkt in der Hl. Eucharistie: Da bemächtigt sich der Herr des Brotes und des Weines, er hebt sie gleichsam aus den Angeln ihres gewöhnlichen Seins in eine neue Ordnung hinein, auch wenn sie rein physikalisch gleichbleiben, sind sie zutiefst Anderes geworden; so schließlich Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal über die Neue Schöpfung in der Feier der Hl. Eucharistie.

 

„Kommt, wir geh’n nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ“ (Lk 2,15). Ist dieser einfache Entschluss der Hirten nicht auch eine Aufforderung an uns, aufzubrechen, und aus uns herauszugehen, zu suchen und zu schauen und anbetend niederzuknien?

Sind wir nicht schon viel zu lange draußen geblieben, anstatt uns des Wunders zu erinnern, an dem wir Anteil bekommen haben durch die Taufe, und uns dessen von Neuem zu vergewissern?

Lasst uns doch zunächst erst einmal unsere geistig-geistlichen Quellen aufsuchen und daraus trinken, anstatt immerfort nur davon zu reden, dass es sie gibt. Wenn wir das immer nur gedanklich und ästhetisch voraussetzen und niemals konkret werden lassen, wenn wir unseren Glauben zu besitzen meinen, aber niemals Fleisch werden lassen in unserem Alltag, werden wir mit unserer Botschaft kaum jemanden erreichen, geschweige denn gewinnen. Vielmehr laufen wir mehr und mehr Gefahr, sollten wir uns doch eines Tages auf sie besinnen, uns schwer, ja sehr schwer damit zu tun, unsere Quellen auch zu finden.

Die Kirche noch als öffentliche Größe wahrnehmen, genügt bei weitem nicht für unsere Mitmenschen, schon gar nicht für die Kinder. Sie müssen auch den Kraftstrom erfahren, vom Gotteshaus in die Familien, und von den Familien zum Gotteshaus, und im Gotteshaus selbst den Geist der Ehrfurcht, der Stille und der Anbetung.

Uns darauf zu besinnen und damit zu beginnen, niederknien und anzubeten, bedeutet keineswegs den Rückzug in die Sakristei. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass die gelebte Kommunion mit Jesus Christus und untereinander soziale Sprengkraft in sich birgt und Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit, Streitigkeit in Versöhnung und Frieden, ja Hass in Liebe verwandeln kann. Und das nicht weniger als Gebete, Kerzen und friedliche Demonstrationen.

 

Die Botschaft der Engel mit dem Hinweis auf das Kind in der Krippe wird schließlich so zum eucharistischen Appell gemäß der Worte des Johannes: Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Und wie beim Gedächtnis seiner Menschwerdung schlagen wir an unsere Brust und sprechen mit dem Hauptmann von Kapharnaum: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.“

 

Er selbst nämlich ist dieses Wort, das tröstet und befreit, er selbst ist unser Heiland und Erlöser. Er ist das Wort, das Fleisch geworden ist. In seiner Anbetung werden uns die Augen geöffnet für das Ziel der Welt.

Denn der Sinn ist Fleisch geworden, niemand braucht ihn erst zu „machen“, was er auch gar nicht vermag. Der Weg ist uns gewiesen. Er ist die Nahrung auf dem Weg, wir können ihn beschreiten. Auch wieder von der Krippe weg. Nach Nazareth und Golgota, weil er selbst uns über die Krippe hinaus dorthin vorangegangen ist, noch durch das Tal des Todes hindurch, und als der Lebendige daraus hervorgegangen ist. Er ist das Licht, das aufstrahlt und uns leuchtet, wenn uns die Finsternis ängstigen und lähmen will.

Da erübrigt sich aller Versuch, uns selber rechtfertigen und retten zu wollen.

Vor seinem Wort wird alles Reden nur des Redens willen nichtig, aber der Weg gangbar, das Miteinander glaubwürdig und vertraut, und das gemeinsame Ziel tritt klar und deutlich in den Blick.

Das lässt uns nicht nur unsere Traurigkeit ablegen, sondern erfüllt uns mit tiefer, überschwänglicher Freude und Gewissheit.

Dazu sind wir eingeladen, vor diesem Geheimnis dürfen wir niederknien und anbetend schweigen. Amen