Predigt am Hochfest der Auferstehung des Herrn 2011

24.04.2011 10:40

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

je älter wir werden, so scheint es jedenfalls, um so mehr schöpfen wir aus der Vergangenheit. Wenn wir einander zuhören, sofern wir uns dazu einmal die Zeit nehmen, umso mehr scheinen die Details des Geschehenen eine immer größere Bedeutung zu erlangen. Mancher vermag da nämlich oft noch genauestens zu schildern, was eigentlich schon sehr lange zurückliegt, was aber – das wird ihm vielleicht erst mit steigenden Jahren so recht bewusst – für sein gesamtes Leben von höchster Bedeutung war.

Um die Details, um einen äußeren Befund scheint es zunächst auch im Evangelium zu gehen. Ohne jede Emotion brechen offenbar Petrus und Johannes auf, gut, sie laufen sogar fast um die Wette; aber das Resümee ihres Ganges zum Grab könnte in einem Polizeibereicht stehen: Sie konnten in das Grab hineingehen, Leinenbinden und das zusammengefaltete Schweißtuch lagen an verschiedenen Orten, von einem Leichnam ist keine Rede. Mit der Aussage der Frau hatte es offensichtlich seine Richtigkeit. wenigstens, was die Leere des Grabes angeht. Nach dieser Feststellung noch dazu durch zwei Zeugen war das auch nach jüdischem Recht gerade genug, um wieder nach Hause zu gehen.

Petrus und Johannes haben wir allerdings schon anders kennengelernt. Im Vergleich zu den Szenarien von ihrer Berufung bis zur Verleugnung des Herrn und Meisters im Hof des hohepriesterlichen Palastes ist das, was uns das Osterevangelium berichtet, schon als außerordentlich nüchtern und wortkarg zu bezeichnen.

Und tatsächlich – es wäre mehr als nüchtern und dürftig zugleich, wollten wir unseren Glauben an die Auferstehung und das Leben ausschließlich auf solche von den Aposteln festgestellte nüchterne und handfest sichtbare Indizien gründen.

Die Versuchung dazu ist aber auch in unserer Kirche in den verschiedenen Kreisen von Gläubigen immer wieder virulent. Ja, es ist gut und notwendig, dass wir uns als Gläubige nicht etwa weniger unserer Sinne und unseres Verstandes bedienen. Unser Glaube ist vernünftiger Glaube. Der Heilige Vater wird nicht müde, die Zusammengehörigkeit von Glauben und Vernunft zu betonen. Aber daraus Beweise, möglicherweise noch „schlagende“ abzuleiten, würde der Wirklichkeit des wahren Glaubens nicht gerecht. Gewiss, auch darüber dürfen wir einmal nachdenken, was wäre denn wohl aus der Schar der Jünger, aus ihrer Verkündigung geworden, wenn sie kein leeres Grab hätten vorzeigen können –?

Aber ihr Glaube, der sie schließlich bis zur Hingabe ihres Lebens erfüllte und bewegte, kam nicht von der bloßen Tatsache des leeren Grabes. Die sich ausgiebig mit der Osterbotschaft der Evangelisten befasst haben, sagen es uns unmissverständlich: „Der Glaube an den Auferstandenen entsteht nicht am leeren Grab. Aber das Grab stellt auf dem Weg, auf dem sich der Auferstandene bezeugt.“

Vom kraftvollen Osterzeugnis des Apostels Petrus haben wir in der ersten Lesung aus der Apostelgeschichte gehört. Zu diesem mutigen Zeugnis war Petrus mit den anderen Jüngern durch die Begabung mit dem Hl. Geist an Pfingsten gelangt.

Denn sie konnten sich stützen auf die lebendige Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Ihnen hatte er sich als den von Gott vorherbestimmten Zeugen gezeigt. Mit ihm haben sie gegessen und getrunken.

 

Fast könnten wir mit der Leseordnung der Kirche ins Dilemma geraten. Denn am Hohen Pfingstfest wird uns neben der Schilderung des Pfingstgeschehens mit Sturmesbrausen und feurigen Zungen ein österliches Evangelium vorgetragen. Darin begegnet der Auferstandene seinen Jüngern noch am Tag der Auferstehung selbst und verleiht ihnen den Hl. Geist.

Erst jetzt können wir es noch besser verstehen, wenn wir sagen: Der Glaube an den Auferstandenen entsteht nicht am leeren Grab, sondern durch die lebendige Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Dieser Glaube aber wird zum kraftvollen Zeugnis befähigt und belebt durch das Geschenk der Liebe. Die Liebe nämlich, wie es uns der Apostel Paulus im Brief an die Römer versichert, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Röm 5,5)

Ich bin unserer Kirche dankbar für das Geschenk der Liturgie. Ich bin ihr dankbar für das, was sie uns schon in der weltweiten Vorgabe der heiligen Texte für alle Tage des Kirchenjahres als ihre Verkündigung vorlegt.

„Nur die Kirche zeigt mir, was Kontemplation, Quell der Aktion ist,“ sagt der Gründer der Arbeiterpriesterbewegung Jaques Löw, „ohne sie wäre ich eine Einsiedlerratte in meinem Kontemplationskäse oder ein ständig gehetzter Hase.“

Ich bin der Kirche dankbar, dass sie den nüchtern anmutenden Bericht vom Gang der Apostel zum Grabe gleichsam umhüllt mit der einfühlsamen Botschaft von der Liebe der Maria von Magdala. Von ihrer Liebe, von ihrer beharrlichen Sehnsucht und Suche wenigstens nach dem Leichnam ihres Herrn dürfen wir auch auf den Keim der Liebe in den Herzen der Apostel schließen. Mit Befremden habe ich seinerzeit als Theologiestudent vernommen, wie der Professor für neutestamentliche Theologie die Sehnsucht dieser Frau herunterzuspielen und kleinzureden versuchte.

Maria von Magdala steht da stellvertretend für alle jene Frauen, vor die sich Jesus schützend gestellt hat, deren Leben er gerettet hat, die er zur Umkehr ermutigt hat, deren Glauben er ernst genommen hat, deren Zuneigung er angenommen und deren Unterstützung er empfangen hat. Maria von Magdala steht geradezu exemplarisch für die Kleinen, Männer wie Frauen, denen sich Jesus zugewandt hat. Sie steht für viele, die er in seine Nachfolge gerufen hat, auch wenn er dafür Kritik und Schmähung von denen hinnehmen musste, die sich selber als die Großen und Maßgebenden der Gesellschaft wähnten. Nein, damit rede ich nicht etwa einem gängigen Populismus das Wort von den sogenannten kleinen Leuten, die sowieso immer ungerecht behandelt werden, die ja nichts machen können und immer alles ausbaden müssen. Nein, ich denke dabei vielmehr an die Kleinen im Evangelium, an die, die Jesus beglückwünscht, weil sie arm sind vor Gott, und von sich selber nichts, aber alles von Gott erwarten.

Ihnen gegenüber können wir in der Kirche nicht feinfühlig genug sein; auch und gerade wegen der gebotenen Aufmerksamkeit gegenüber allen Versuchen, unseren Glauben auf unmittelbar greifbare Ergebnisse oder gar schlagende Beweise gründen zu wollen. Denn es gibt sie nach wie vor in unserer Kirche hier vor Ort und weltweit, die Jesus seligpreist und beglückwünscht.

Es gibt sie noch, die sich von ihm rufen und berufen lassen und die sich gerufen wissen durch die Taufe, Firmung, Weihe- und Ehesakrament. Und das nicht zur Hebung ihres persönlichen Prestiges und Legitimierung ihres Anspruchs, sondern zum Dienst gemäß ihrer Berufung an Gott und den Menschen.

Es gibt sie immer noch, die mit dem Gott leben, an den sie glauben, und die sich nicht scheuen, dies in Wort und Tat ausdrücklich zu bezeugen.

Es gibt sie, die die Kritik an ihrer eigenen Person als beste Kritik an der Kirche ansehen und zur ständigen Umkehr bereit sind.

Es gibt sie, die bereit sind, Ungeahntes an Entbehrungen, Verfolgung und Leiden auf sich zu nehmen, um ihren Glauben an Jesus Christus und ihre Liebe zur Kirche zu bezeugen.

Auf Menschen wie ihnen ruht die Zukunft der Kirche. Durch Menschen wie sie kann sich die Kirche erneuern.

Einen jeden, eine jede von uns ruft heute der Auferstandene beim Namen wie Maria von Magdala. Und wie Maria von Magdala mit diesem Ruf verbindet, was ihr der Herr bedeutet, soll auch uns bewusst werden, dass wir eine je eigene Berufung haben, die ausschließlich und allein durch uns ausgefüllt und nicht auf andere delegiert werden kann. Wie einer einmal gesagt hat: Im göttlichen Heilsplan hat jeder etwas zu tun. Ob es viel ist oder wenig, es geschieht nur durch ihn. Und wenn er es nicht tut, bleibt es in Ewigkeit ungetan.

Die alte Kirche nannte Maria von Magdala „Apostolin der Apostel“. Und wir können gar nicht umhin, allein bei ihrem Namen an Maria, die Königin der Apostel zu denken, die ihre ganze Existenz in den Dienst der Menschwerdung unseres Gottes und unserer Erlösung gestellt hat.

Ja, alles Leben trägt schon den Keim der Zuwendung und Liebe Gottes in sich. Aber dieser Keim muss aufbrechen und Nahrung finden, die Liebe muss wachsen und heranreifen zum ewigen Leben mit Gott.

Damit verlegen wir Wachstum und Reife aber nicht in die ferne Zukunft. Genau so wenig, wie wir uns nur stützen auf das historische Ereignis der Auferstehung unseres Herrn, das rein zeitlich betrachtet in immer entferntere Vergangenheit rückt. Lebendiger Glaube an den Auferstandenen bedeutet alles andere als nur Schöpfen aus der Vergangenheit. In seiner Auferstehung hat Jesus den Rahmen von Zeit und Raum durchbrochen. Bei seiner Himmelfahrt, so sagen uns die Theologen, hat er sich den Seinen in eine größere Nähe entzogen. Jetzt zieht der Erhöhte alle an sich. Der Menschgewordene in der Zeit steht vor uns als der Erhöhte in Ewigkeit. Er bleibt uns nahe. Jeder, der wiedergeboren wird aus Wasser und Heiligem Geist, tritt in eine lebendige Beziehung zu ihm. In Glaube und Liebe, wie die Apostel erst nach seiner Auferstehung und der Begabung mit dem Heiligen Geist. In Glaube und Liebe, die alle rein zeitliche Begegnung und Nähe weit übersteigt.

Durch ein Leben nach seinem Wort und aus seinen Sakramenten – nicht nur in Palästina oder Rom, sondern noch im entferntesten Winkel dieser Erde, wo zwei oder drei in seinem Namen und seiner Verheißung gemäß versammelt sind und sich mit ihm und untereinander in der Hl. Kommunion verbinden.

Mit der Feier des Hl. Osterfestes an diesem geschichtlichen Datum des Jahres 2011 ist es nicht anders als mit der Empfehlung an den Priester zur Feier der Hl. Messe. Wie er die Hl. Messe feiern soll, so müssen wir dieses Osterfest begehen – als sei es unser erstes, unser einziges und unser letztes Osterfest.

Erst durch die Wahrnehmung unserer Sendung kommen Glaube und Liebe zur vollen Entfaltung. Aus der Kirche in den Alltag hinaus und mitten aus dem Alltag in die Kirche hinein, die sich immer noch viel zu viel mit sich selbst und ihrer Vergangenheit beschäftigt.

Christus will sich uns im Heute zeigen. Er will uns im Heute begegnen. Der Dialog, den Er mit uns aufnehmen will, ist kurz wie der mit Maria von Magdala: Er ruft jeden von uns bei seinem Namen, und wir erkennen ihn als unseren Herrn und Meister.

„Wer so erkennt, ist berufen.“, sagt uns ein Kommentar zu diesem Evangelium.

Ich überlasse es Ihnen, sein Schlusswort in Ihre Lebenswirklichkeit zu übertragen: „Die Engel im Grab gehen nicht mit auf die Marktplätze und in die Synagoge. Nein, Maria und die Apostel werden die Engel für das Volk und die Völker.“

 

Amen. Halleluja

 

 

- es gilt das gesprochene Wort -