Predigt am Hochfest der Auferstehung des Herrn 2012

08.04.2012 14:28

 

 

„Als Christus noch auf Erden lebte, ertrugen sie den Angriff der Juden nicht, wie sollten sie sich nach seinem Tod gegen eine so große Welt gestellt haben, wenn er, wie behauptet, nicht auferstanden wäre, wenn er nicht mit ihnen gesprochen und ihnen Mut gemacht hätte?

Hätten sie nicht bei sich gesagt: Wie ist das? er konnte sich selbst nicht retten, und uns sollte er helfen? Er konnte sich nicht helfen, als er noch lebte, und uns sollte er die Hand reichen, jetzt da er tot ist?

Als er noch am Leben war, unterwarf er sich nicht ein einziges Volk, und wir wollen die ganz Welt überzeugen, wenn wir seinen Namen nennen? Wie sollte es einen Sinn haben, das zu tun oder auch nur zu denken?

So ist es denn offenbar: Wenn sie nicht den Auferstandenen gesehen und den größten Beweis seiner Macht erhalten hätten, dann hätten sie nicht mit so hohem Einsatz gewürfelt!"

Liebe Schwestern und Brüder,

mit diesen, ziemlich modern anmutenden Worten spricht der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus am Beginn des 5. Jahrhunderts in einer Auslegung des 1. Briefes an die Korinther von den Aposteln.

Es mag wohl wahr sein, was uns schon in unserer theologischen Ausbildung erklärt wurde: Die Predigt richtet sich immer an die, die schon glauben.

Wenn wir diese Aussage ganz eng interpretieren, werden wir es auch bestätigt finden. Tatsächlich hören die Predigt ja nur die, die sie hören wollen, die schon da sind, oder wie wir auch sagen, die Praktizierenden. Aber bedeutet das, dass diese sich alles immer wieder erklären lassen müssen, ja vielleicht sogar, dass der Prediger ihnen gegenüber die Wahrheit des Glaubens verteidigen müsste, ihnen erklären müsste, wie das denn gehen konnte, wie das denn passiert ist: - die Auferstehung? Heißt denn nicht missionarisch sein zunächst einmal selber ergriffen sein von der Wahrheit des Glaubens und sich seiner ganz persönlichen Sendung bewusst sein?

Dann nämlich erweist sich auch die Predigt als das, was sie zuerst und vor allem, ist: Lobpreis. Verkündigung der großen Taten Gottes.

Nicht wir haben doch die Brücke in die Welt Gottes geschlagen. Gott hat den Anfang gemacht in seinem ewigen Plan und diesen Plan mit der Auferstehung seines menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Sohnes besiegelt.

Darauf ist die Kirche gebaut. Darauf beruhen die Hl. Schrift und die Evangelien, die Botschaft der Kirche, das Zeugnis der Zeugen.

Ist nicht der Apostel Petrus dafür selbst das beredteste Zeugnis? Heute am Ostersonntag hören wir in der ersten Lesung, was er zu Pfingsten gepredigt hat. Der Kern seiner Botschaft ist:

Jesus von Nazareth

ist Christus der Auferstandene und Erhöhte.

Es mag der Schulung differenzierten theologischen Denkens gedient haben, vielleicht auch der Redlichkeit des Denkens. Aber den historischen Jesus und den Christus der Verkündigung voneinander getrennt haben zu wollen ist letztlich ein Rückschritt, ein Rückschritt zu den Streitgesprächen unseres Herrn mit seinen Gegnern. Freilich, der Glaube an die Auferstehung ist nichts für Kleingeister, mit welchem Anspruch sie auch auftreten mögen. Der Glaube an die Auferstehung und das ihm vorangehende Zeugnis des Menschensohnes spannt den Bogen unendlich weit.

In Jesus Christus ist die Verheißung beim Propheten Jeremia erfüllt, wo es vom Neuen Bund heißt: „Keiner wird mehr den anderen belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn! sondern sie alle, klein und groß, werden mich erkennen – Spruch des Herrn. Denn ich verzeihe ihnen die Schuld, an ihre Sünden denke ich nicht mehr.“ (Jer. 31,34)

Allen Menschen hat Jesus Gutes getan. Allen hat er die Botschaft vom Reich Gottes verkündet und die Saat des Glaubens ausgestreut. Und er war sich über die unterschiedlichen Bedingungen des Wachstums sehr wohl ausdrücklich im Klaren – Bedingungen und Voraussetzungen, die sich in der Quintessenz zusammenfassen lassen:

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“

Liebe Schwestern und Brüder,

das Weizenkorn Gottes, unser Herr Jesus Christus, ist gestorben und in die Erde gefallen, und nun bringt es reiche Frucht. Oder anders gesagt: Christus ist vom Tod erstanden, er ist wahrhaft auferstanden. Wir sind befreit von Sünde und Schuld.

Nichts kann uns mehr trennen von der Liebe Gottes. Wir vergehen nicht mehr und mehr mit dem Älterwerden und Kranksein und Sterben – sondern wir sind hineingenommen in die unzerstörbare Vitalität Gottes – ob jung oder alt, gesund oder krank, stark oder schwach, und wir sollen immer tiefer hineinwachsen in dieses Leben, das uns bezeugt, geschenkt und verbürgt ist durch die Auferstehung unseres Herrn.

Wer glaubt, ist nicht allein, hat uns der Hl. Vater Papst Benedikt XVI. zugerufen und auch dieses Wort schöpft aus dem Glauben an die Auferstehung des Herrn. Denn es ist nicht nur ein tröstliches Wort für alle Einsamen, Bedrängten und Imstichgelassenen, sondern es ist auch ein kraftvoll ermutigendes Wort gegenüber aller noch viel größeren Anfechtung, die aus unserem eigenen Herzen kommt. Die Anfechtung des Egoismus und der Selbstherrlichkeit, der Geltungssucht, Habsucht und Genusssucht. Denn was den Menschen schon als soziales Wesen existenziell gefährdet, das trennt ihn auch vom Leben Gottes.

Jegliche Privatisierung bedeutet in letzter Konsequenz Sünde, gänzliche Absonderung und Trennung von der Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.

Gott ist in Jesus Christus nicht nur in unsere Todesverfallenheit eingetreten und hat sie ausgehalten und durchgestanden, sondern er hat die von der Sünde verursachte Isolation, Verlassenheit, Einsamkeit und Aussichtslosigkeit freiwillig auf sich genommen und überwunden. Wo und wie wir all dem begegnen und nicht zuletzt im eigenen Herzen – denn das ganze Grauen der Welt ist nach dem Wort des Dichters Reinhold Schneider nur ein Abbild des Grauens in unserem eigenen Herzen – wo und wie wir all dem auch begegnen, im Namen des Auferstandenen dürfen wir uns dieser bitteren Wirklichkeit stellen, dürfen wir uns die immer neue Absonderung unseres eigenen „Ich“ von Gott und den Menschen eingestehen. Denn jetzt sind wir ihr nicht mehr hilf- und rettungslos ausgeliefert. Wer sich an Jesus Christus hält, der für unsere Sünden gestorben und auferstanden ist, wer sich an ihm festmacht – das nämlich heißt glauben – der kommt da heraus, und kann immer wieder da herauskommen. Der wird dem von Gott für ihn erdachten Original und seiner eigentlichen Bestimmung näher und näher kommen.

Woran sollten wir uns denn sonst festmachen, wenn wir uns hartnäckig über diese Realität hinwegtäuschen? Man muss kein Psychologe sein, um immer wieder feststellen zu müssen, dass sich alles verdrängte Leiden schließlich doch in einem Ersatzleiden zu Wort meldet.

Hand aufs Herz: Sind unsere Gemeinden wirklich durchweg Brennpunkte lebendigen Glaubenslebens, Startrampen der Glaubensweitergabe und der Evangelisierung? Oder sind wir schon damit zufrieden, wenigstens den Bestand zu wahren, Bestehendes ängstlich zu hüten? Vielleicht ist es da gar nicht so falsch, den Blick immer wieder einmal auf die sogenannte freie Wirtschaft zu lenken. Dort schrillen Sirenen und läuten die Alarmglocken, wenn kein Wachstum zu verzeichnen ist. Dann werden mitunter rigorose Maßnahmen ergriffen, um, wie man sagt, das Unternehmen wieder auf gesunde Füße zu stellen. Dann wird vielleicht sogar kaltblütig vom Abstoßen gesprochen oder wenigstens nach der Philosophie des Unternehmens gefragt, die völlig neu ausgerichtet werden muss.

Wir könnten dabei durchaus an die Aufforderung des Apostels Paulus in der zweiten Lesung denken: „Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ Lasst Euer Dasein gewinnbringend aufwerten! Denkt nicht zu gering von Euch und Euren Möglichkeiten und versucht nicht, das noch als Demut und Bescheidenheit zu verkaufen!

Jesus Christus, der Letztentscheidende, der Weltenrichter, findet die Geringsten seiner Brüder nicht zu gering, dass er sich mit ihnen nicht identifizieren könnte. Jeder Mensch hat einen ungeahnten Wert vor Gott. In der Auferstehung des Menschensohnes stellt Gott diesen Wert und diese Würde wieder her. Wertet Euch darum selber nicht ab!

Wer das Evangelium aufmerksam gehört hat, dem mag deutlich geworden sein, dass es dem Evangelisten keineswegs nur ums Erklären, ums Argumentieren für das Faktum der Auferstehung gegangen ist. Die Art und Weise, wie sich Petrus, der Fels, und der Jünger, den Jesus liebte, dem Grabe nähern und die unscheinbaren Zeichen wahrnehmen, lenkt unseren Blick auf die Kirche. Durch 2000 Jahre hindurch verkündet sie kein anderes Evangelium:

Jesus von Nazareth ist Christus der Auferstandene. Der Gekreuzigte ist nicht wiederauferstanden, ist nicht zurückgekehrt in unsere irdische Geschichte, sondern ist auferstanden in das Leben bei Gott und hat die Geschichte Gottes mit den Menschen bekrönt und vollendet.

Keine Botschaft ist dermaßen dem kritischen Urteil des Ver-standes unterzogen worden wie die von der Auferstehung des Herrn. Die objektive Verkündigung der Kirche hat dem trotz allen menschlichen Versagens durch die Jahrtausende standgehalten. Nicht zuletzt aber, weil sie begleitet und getragen wurde vom persönlich belegten Zeugnis unzähliger Glaubender und Liebender. All jener, die der Liebe des Vaters geglaubt und sich ihr überantwortet haben, der Liebe, die sich vom Anfang allen Seins an geoffenbart hat. Amen