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Predigt am Hochfest der Auferstehung des Herrn 2013

31.03.2013 10:55

  

 

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Schwestern und Brüder,

auf die Frage, warum denn am Palmsonntag keine Predigt gehalten wurde, antwortete ich der Vertreterin des Fernsehteams, dass an diesem ersten Tag der Heiligen Woche – wie eigentlich in der gesamten Heiligen Woche – die liturgischen Vollzüge, Riten und Handlungen mehr als sonst für sich selbst sprechen. Am ehesten hätte eine Homilie gehalten werden können nach dem Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem, draußen vor dem Portal des Domes, was in diesem Jahr schon wegen der eisigen Kälte als nicht geraten erschien.

Ob es denn einen Bezug der Palmsonntagsliturgie zu den gesellschaftlichen Entwicklungen auch im Zusammenhang mit dem Amtsantritt des neuen Papstes und seiner Bescheidenheit gebe, setzte die Journalistin nach. Darauf habe ich zunächst über unsere menschliche Begeisterungsfähigkeit gesprochen, die allzu rasch vom „Hosanna!“ in das „Kreuzige ihn!“ umschlagen kann, wenn die Entwicklung einer Person oder ihrer Veranlassungen nicht mehr unseren Vorstellungen entspricht. Dann aber habe ich hinzugefügt, was für die gesamte Feier unseres Glaubens und seine Bezeugung gilt: In jeder Predigt und Verkündigung muss es zuerst und vor allem darum gehen, die großen Taten Gottes zu verkünden, Gott zu loben und zu preisen. Erst danach und wenn es sich aus den Zusammenhang ergebe, sei es angebracht oder sogar notwendig, zu Personen oder deren Amtsführung Stellung zu nehmen und auch kritische, mahnende, ja vielleicht sogar warnende Töne anzuschlagen, wenn eine gesellschaftliche Entwicklung vonstatten geht, die sich mit unserem Glauben und der christlichen Moral nicht vereinbaren lässt, und der Ehre Gottes und dem Heil aller Menschen widerspricht.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

heute verkündet die Kirche auf der ganzen Welt Gottes größte aller Taten. Und wir dürfen wiederum Zeugen dafür sein: In der Auferstehung seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus von den Toten heiligt Gott seinen zu Tode geschmähten und entweihten heiligen Namen. In der lebendigen Begegnung mit dem Auferstandenen in seinem Wort und Sakrament empfangen wir das Geschenk des Glaubens und der Taufe. Gott selber schenkt den Seinen dadurch ein neues Herz und einen neuen Geist.

Vor der Feier des Wortgottesdienstes der Osternacht, in der das Volk Gottes wachend und betend der großen Taten Gottes von der Erschaffung allen Seins an über die Geschichte mit seinem Volk gedenkt, sang der Diakon das feierliche Osterlob. Im Licht des neuen Feuers der Osterkerze bat er die anwesenden Schwestern und Brüder, für ihn zu beten, dass sich der allmächtige Vater seiner erbarme und ihm helfe, das Lob der Osterkerze, erleuchtet vom Glanz seines Lichtes, würdig zu verkünden. Vor uns allen hat er sich zu seiner Berufung von Gott bekannt, einer Berufung aus reiner Gnade und ohne sein Verdienst.

Könnte denn irgendeiner von uns etwas anderes von sich sagen? Mit großer Freude dürfen wir in dieser Feier von Ostern Zeugen der Erwählung eines Menschen zum Kind Gottes durch die Heilige Taufe sein. An ihm erfüllt sich vor unser aller Augen, was der Gott Israels vor unvordenklicher Zeit durch den Propheten Ezechiel seinem Volk verheißen hat: „Meinen großen, bei den Völkern entweihten Namen, … werde ich wieder heiligen. Ich hole euch heraus aus den Völkern, ich sammle euch aus allen Ländern und bringe euch in euer Land. Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. [1]

Um dieses Geschenk betet die ganze Kirche im Anschluss an die Lesung aus dem Propheten „ … damit die Welt erfahre, was Gott von Ewigkeit her bestimmt hat, was alt ist, wird neu, was dunkel ist wird licht, was tot war, steht auf zum Leben.“ Aus demselben Grund kann der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer schreiben: „Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft worden. Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.“ [2]

Das Handeln, mit dem der Gott Israels seinen entweihten heiligen Namen wieder heiligt und sein Volk aus der Zerstreuung herausholt, ist ein Handeln zur Erneuerung und zum Heil aller Menschen. In der Auferweckung seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, heiligt der Vater seinen zu Tode geschmähten und entweihten heiligen Namen auf unüberbietbare Weise.

In der lebendigen Begegnung mit dem auferstandenen Herrn wird der Glaube lebendig und entfaltet seine zum Zeugnis fähige und entschlossene Kraft. Alle Trauer und liebende Sorge um den Leichnam Jesu, der Gang der Frauen zum Grabe, der Aufbruch der Apostel, um die Mitteilung der Frauen vom leeren Grab bestätigt zu finden, die Verwunderung und das Staunen disponieren die ersten Zeugen für den Glauben und treiben das schon brennende Herz zum furchtlosen Bekenntnis.

„Wir dürfen nicht vergessen,“ so schreibt noch Papst Benedikt XVI. in seinem Apostolischen Schreiben zum Jahr des Glaubens, „dass in unserem kulturellen Kontext viele Menschen zwar die Gabe des Glaubens selbst nicht kennen, doch ernstlich auf der Suche nach dem letzten Sinn und der endgültigen Wahrheit über ihr Leben und über die Welt sind. … Die Vernunft des Menschen trägt selbst das Bedürfnis nach dem immer Gültigen und Bleibenden in sich. Dieses Bedürfnis stellt eine unauslöschlich ins menschliche Herz geschriebene ständige Einladung dar, sich auf den Weg zu machen, um den zu treffen, den wir nicht suchen würden, wenn er uns nicht bereits entgegengekommen wäre.“ [3]

Der Auferstandene ist den Seinen entgegengekommen, ist sogar ein Stück des Weges ihrer Traurigkeit und Enttäuschung mitgegangen. Er hat sich ihnen gezeigt, hat mit ihnen gesprochen und mit ihnen gegessen und getrunken. Über das darauf folgende Zeugnis der Apostel sagt der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus: „Als Christus noch auf Erden lebte, ertrugen sie den Angriff der Juden nicht, wie sollten sie sich nach seinem Tod gegen eine so große Welt gestellt haben, wenn er, wie behauptet, nicht auferstanden wäre, wenn er nicht mit ihnen gesprochen und ihnen Mut gemacht hätte?

Hätten sie nicht bei sich gesagt: Wie ist das? Er konnte sich selbst nicht retten, und uns sollte erhelfen? Er konnte sich nicht helfen, als er noch lebte, und uns sollte er die Hand reichen, jetzt, da er tot ist?

Als er noch am Leben war, unterwarf er sich nicht ein einziges Volk, und wir sollen die ganze Welt überzeugen, wenn wir seinen Namen nennen? Wie sollte es einen Sinn haben, das zu tun oder auch nur zu denken? So ist es denn offenbar: Wenn sie nicht den Auferstandenen gesehen und den größten Beweis seiner Macht erhalten hätten, dann hätten sie nicht mit so hohem Einsatz gewürfelt.“ [4]

Dem dürfen wir unsere Fragen hinzufügen: Hat etwa die mutige Bezeugung des Osterglaubens bis zur Hingabe des Lebens mit dem Tode des letzten Apostels ein Ende gefunden? Ist nicht der Kirchenlehrer selber ein solcher Zeuge, der weitergegeben hat, was er empfangen hatte?

Die ganze Geschichte der Kirche ist bis zum heutigen Tag vor allem eine Geschichte der Weitergabe des Glaubens an die Auferstehung. Nein, wir müssen uns nicht verteidigen. Wir brauchen die großen Taten Gottes an uns auch niemandem zu erklären. Aber bezeugen müssen wir sie. Bezeugen in unserem ganz alltäglichen Christsein. Bezeugen müssen wir die Überlieferung des Glaubens durch die Kirche, ihre immer wieder von außen und innen angefochtene Existenz bis zum heutigen Tag.

Dieses Zeugnis geben wir allein schon durch unser Hiersein, in dieser Stunde, an diesem Osterfest, aber auch durch die regelmäßige Feier der Eucharistie an jedem ersten Tag der Woche, dem Auferstehungstag.

„Wahrhaftig, er ist auferweckt worden,“ rufen die in Jerusalem Versammelten den eintretenden Emmausjüngern zu, „er ist auferweckt worden und ist dem Simon erschienen.“ [5]

Die Kirche ist es, die in der Gestalt des Bischofs von Rom und seiner Verkündigung in der Nachfolge des Apostels Petrus dem Licht des Lebens, das von Christus, dem Auferstandenen kommt, immer wieder zum Durchbruch verhilft und von Neuem aufstrahlen lässt. Müssen wir nicht Tag für Tag erleben, die der heilige Name Gottes geschmäht und entweiht und das Antlitz der Kirche entstellt wird?

„Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch die Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.“ [6]

Hüten wir uns davor, in den Worten und Taten des neuen Papstes aus Südamerika immer nur unsere eigenen Erwartungen und Vorstellungen bestätigt finden zu wollen. Hören wir seine gesamte Botschaft. Denn bevor der Herr von der Bekehrung des Simon gesprochen hat, hat er von der Bekehrung
aller gesprochen.

Und wenn der neue Papst sagt, die Kirche ist im Kern nicht politisch, sondern spirituell, braucht sich niemand zu befleißigen, uns zu erklären, dass der Papst damit nur die Parteipolitik gemeint habe. Wörtlich hat er gesagt: „Selbst wenn die Kirche gewiss auch eine menschliche, geschichtliche Institution ist mit allem, was damit verbunden ist, so hat sie doch keine politische, sondern eine wesentlich geistliche Natur: Sie ist das Volk Gottes, das heilige Volk Gottes, das unterwegs ist zur Begegnung mit Jesus Christus. Nur in dieser Perspektive kann man vollkommen erklären, was die katholische Kirche bewirkt.“ [7]

Haben wir nicht alle erfahren: Die glaubwürdig gelebte Berufung und das unerschrockene Zeugnis des Glaubens sind von immenser politischer Sprengkraft. So hat es uns jedenfalls das Beispiel des Seligen Papstes Johannes Paul II. gezeigt. Aber damals wie heute, im Großen wie im Kleinen, kommt es auf den Geist an, aus dem heraus der Glaube gelebt und das Zeugnis gegeben wird.

Kann man denn die Völker miteinander vereinen und zugleich Gott die Anerkennung versagen?

Kann man denn eine Kultur retten und die Verehrung Gottes vernachlässigen?

Aus dem Geist des auferstandenen Herrn heraus, lässt die Kirche Maria Magdalena, die erste Zeugin des Auferstandenen, in der liturgischen Ostersequenz bekennen:

„Sah Christ, des Lebendigen Grab
und wie Glanz den Erstand’nen umgab.
Sah himmlische Boten,
Schweißtuch und Linnen des Toten.“

und im selben Geist können wir mit der Kirche frohlocken:

„Nun wissen wir: Christ ist erstanden
wahrhaft vom Tod.
Du Sieger, du König, sieh unsre Not.
Amen Halleluja“

Der Glaube der Kirche ist zum Wissen geworden, weil sie aus dieser Gewissheit lebt und sich immer wieder erneuert. Wir aber tun gut daran, mit unseren Vorfahren im Glauben unablässig zu beten:

„Erschaffe mir Gott ein reines Herz
und gib mir einen neuen beständigen Geist!“ [8]

Amen

 

[1] Ez 36,23; 24-26
[2] Röm 6,3f
[3] vgl. Papst Benedikt XVI., Porta fidei, Nr. 10
[4] Lektionar I/7 S. 220f
[5] Lk 24,34
[6] Lk 22,31f
[7] vgl. Ansprache von Papst Franziskus am 16. März 2013
[8] Ps 51,12