Predigt in der Chrisam-Messe 2012

05.04.2012 18:06

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst!

Nächst der Feier der Einsetzung des allerheiligsten Sakraments des Altares und des Priestertums am Abend des Hohen Donnerstags und einem jeden feierlichen Weihegottesdienst ist wohl keine Feier der Kirche dergestalt auf das Weihepriestertum ausgerichtet wie diese Feier zur Weihe der Hl. Öle und der Erneuerung der versprochenen Bereitschaft zum priesterlichen Dienst.

Jeder einzelne von uns ist dabei besonders angesprochen, sich seiner Erwählung und seiner Verpflichtung aufs Neue bewusst zu werden. Jeder einzelne soll darin bestärkt werden, dass er als Mensch in allem ganz herausgefordert, ja angefochten und vielleicht sogar ausgeliefert ist, nicht aber um dabei nach und nach unterzugehen und in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, sondern um teilzuhaben an der königlichen Würde, die ihm Christus geschenkt hat, und am Priestertum Jesu Christi, um Gott und dem Menschen zu dienen und gleich ihm sein Leben einzusetzen und hinzugeben für die vielen.

Manche von Ihnen wissen vielleicht, dass ich in den vergangenen Tagen Gelegenheit hatte, das Heilige Land zu besuchen.

Für mich war das eine Freude in doppelter Hinsicht: Ich konnte wiederum die Stätten aufsuchen, die ich bereits vor 20 Jahren schon einmal besucht hatte, und darüber hinaus durfte ich diese Reise mit jungen Mitbrüdern unternehmen, die im Be-griff sind, sich auf die Weihe zum Priester oder zum Diakon vorzubereiten. Es war ein ausgesprochen guter Gedanke des Herrn Regens, die jungen Mitbrüder bei der täglichen Feier der Hl. Eucharistie an den verschiedenen Orten den Dienst des Diakons und der Predigt übernehmen zu lassen. So durften wir miteinander viel Gutes hören und sehen und uns die heiligen Stätten und Texte auf verschiedene, persönlich bezeugte Weise erschließen lassen. Denn auch für jeden von uns, die wir selber im Dienst der Verkündigung stehen, ist es von großer Bedeutung, im Glauben nicht nur durch den Lehrer und Verkünder, nicht nur durch den Theologen und Prediger, sondern vor allem durch den lebendigen Zeugen, die konkrete menschliche Person gestärkt zu werden.

So sind wir in den vergangenen Tagen nicht nur menschlich, sondern auch geistlich einander wohltuend nähergekommen. Noch am Tag der Abreise – fast einem geistlichen Resümee vergleichbar, machte uns der Prediger darauf aufmerksam, dass doch alle die Stätten, die wir besucht hatten und als die „heiligen“ bezeichnen – im Leben unseres Herrn Jesus Christus keineswegs Stätten der Aufnahme und Anerkennung, sondern Stätten der Ablehnung oder wenigstens des Missverständnisses seines Anspruchs und Auftrags gewesen sind. Betlehem, Nazareth, Karphanaum, Jerusalem – aber auch der Berg Tabor, Caesarea Philippi, die Stätten der wunderbaren Speisung oder auch der See Gennesareth. Die Erweckung des Lazarus schließlich von Bethanien führt sogar zum Entschluss der Gegner Jesu, ihn zu töten.

Wenn Jesus in der Synagoge zu Nazareth aus dem Propheten Jesaja zitiert und sich als den Gesalbten des Herrn, den Frohbotschafter, den Befreier, Erlöser und Heiland offenbart, war er sich wohl über die Bedeutung dieser seiner Lebenssituation im Klaren. Was im Kontext des Propheten von den Erlösten und Befreiten gesagt wird, hat er nicht geleugnet. Und damit nicht genug: Er hat es selber auf sich genommen, ist ihnen gleich geworden in der erlittenen Schmach, aber auch vorangegangen in den ewigen Lobpreis Gottes, wenn es im Weiteren heißt: „Doppelte Schande mussten sie ertragen, sie wurden angespuckt und verhöhnt, darum erhalten sie doppelten Besitz in ihrem Land, ewige Freude wird ihnen zuteil.“

Muss ich erst an die pauschalen Verdächtigungen aller Priester aufgrund der Vergehen weniger einzelner unter ihnen erinnern? Die größte Anfechtung der Kirche besteht meines Erachtens in der gegenwärtigen Diskreditierung ihrer Priester. Die jungen Mitbrüder, die sich gegenwärtig weltweit, aber auch in unserem Bistum auf die Diakonen- und Priesterweihe vorbereiten, flößen mir nicht nur höchsten Respekt ein. Sie alle sind eine lebendige Stärkung meines eigenen Priestertums und meiner eigenen Berufung.

Darum werden auch alle die Stätten des irdischen Wirkens unseres Herrn zu Recht heilige Stätten genannt, weil Er sie geheiligt hat durch seine persönliche Heiligung in der Hingabe an Gott und die Menschen. Darum sprechen wir zu Recht von einem höchst konfliktbeladenen Land als dem Heiligen Land, weil in ihm die Verheißung durch die Propheten daselbst konkretisiert und erfüllt worden ist im Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn.

Immer bevor ich die Kandidaten für den Empfang des Firmsakramentes auffordere, das Taufbekenntnis zu erneuern, weise ich darauf hin, das sie zwar als Gemeinschaft und im Plural nach ihrem Glauben und nach der Absage an das Böse gefragt werden, dass aber jede einzelne, jeder einzelne diese Fragen ganz persönlich mit „Ich“ beantworten soll. Auch die Eltern und Paten bei der Taufe eines Kindes können immer nur ihren eigenen Glauben bekennen, in dem sie ihr Kind erziehen wollen.

Ihnen, liebe Mitbrüder, brauche ich das nicht zu erklären. Aber auch wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass wir einmal als einzelne gefragt wurden und als einzelne ganz persönlich unsere priesterlichen Versprechen in die Hand des Bischofs vor der versammelten Gemeinde der Gläubigen gegeben haben und geben.

Liebe Mitbrüder, ich glaube, wir brauchen uns nicht schwer zu tun mit kompetenten Ratschlägen und Empfehlungen, die durch Mehrheiten zustande gekommen sind. Fürchten wir vielmehr die Anonymität der Masse, ihren nivellierenden Effekt, den Charakter mancher öffentlicher Veranstaltungen, die nicht selten dazu geeignet erscheinen, die Freiheit des Einzelnen einzuschränken, die Lauten, sprach- und mediengewandten aber zu Wort kommen zu lassen und die „Stillen im Lande“ von vornherein auszuschalten.

Was nützte es denn, wenn wir in freundlicher Atmosphäre miteinander redeten, ja, uns sogar verständigten, wenn die menschlich und geistig gewachsene Nähe und Einmütigkeit aber im Nachhinein von einer wie auch immer gearteten Ideologie in Frage gestellt und zunichte gemacht wird?

Wie wunderbar ist es dagegen, über Ländergrenzen hinweg zu wissen, dass wir eines Sinnes, ja trotz großer räumlicher Entfernungen im Glauben ein Herz und eine Seele sein können. Wie wunderbar ist es – und ich durfte es in den vergangenen Tagen wieder mit großer Freude erfahren –, einander schon von weitem als Mitbruder zu erkennen und in welcher Sprache auch immer freundlich zu begrüßen und vielleicht auch ein paar Worte miteinander zu wechseln!

Das ist die Gemeinschaft, die aus unserer Berufung von Gott, aus der ganz persönlichen Berufung jedes einzelnen, aber zugleich auch aus unserer ganz persönlichen, Tag für Tag erneuerten Entscheidung und Entschlossenheit kommt, diesem Ruf zu folgen, der an uns ergangen ist. Dazu möchte ich Sie heute einladen, Ihre versprochene Bereitschaft zum priesterlichen Dienst öffentlich zu erneuern und zur Treue in ihrem Amt aufmuntern, wie es schon in den Rubriken zu Beginn der Messtexte dieses Tages heißt.

Zweifellos liegt der besondere liturgische Akzent dieser heiligen Feier auf der Salbung und Sendung, priesterlicher Frohbotschafter und Heilsvermittler gleich dem Gesalbten des Herrn selber zu sein. So haben wir es uns schon zu Beginn klargemacht. Das bedeutet nicht weniger, ebenso angefochten zu werden wie Er, der uns vorangegangen ist. Ihm als Priester im priesterlichen Dienst nachzufolgen, sind wir berufen und geweiht.

Das k a n n gar nicht bedeuten, nur um das eigene Heil bemüht zu sein und nur zum eignen Lobpreis Gottes zu gelangen. Das heißt für uns vor allem, Gott und den vielen zu dienen und diesen durch die Verkündigung der Frohen Botschaft und die Spendung der Sakramente Tor und Tür zu ihrem ewigen Lobpreis und zu ihrer ewigen Vollendung zu öffnen. Sinnenfälliger als mit der Weihe der heiligen Öle kann uns das nicht nahegebracht werden. Mental tiefgehender als durch die heiligen Salbungen kann die sakramentale Stärkung wohl nicht vermittelt werden. Sie kommt im Letzten und nur vermittelt durch unseren Dienst direkt von Jesus, dem Gesalbten des Herrn.

Habe ich nicht schon im vergangenen Jahr von den Seufzern des todkranken Mannes berichtet, der schon die Auflegung meiner Hände als eine solche Stärkung empfand? Oder sollte ich es etwa mir selber zugute halten, dass mir jene Frau auf dem Sterbelager auf den Kopf zusagte, ich sei ihr Lebensretter gewesen, weil ich ihr Monate zuvor noch auf der Intensivstation der Städtischen Klinik die Krankensalbung gespendet hatte und ihr darauf noch ein gutes Stück an Lebenszeit gegeben worden ist? Ein Priester, der wegen einer Predigt gelobt wurde, soll beten und schweigen, sagte einer meiner Amtsvorgänger im Bistum Görlitz. – Wehe aber den Priestern, die nicht mehr reden, nicht mehr ausdrücklich sprechen von dem, von dem allein das Heil, alle Stärkung und alle Hoffnung kommt!

Über ein mangelndes soziales Engagement unserer Kirche können sich mit auch nur ansatzweiser Information wohl nur die wenigsten beklagen.

Ob wir das vergleichbar von unserem Gebet, unserer geistlichen Rede und der Sprache unserer Verkündigung auch so sagen können?

Wer Gott leugnet – so ähnlich hat einer einmal formuliert –, gleicht einem Mann, der die Sonne auslöscht, um mit einer Laterne weiterzuwandern.

Haben wir darum den Mut, geistlich zu reden, das Wort zu verkünden, ob gelegen oder ungelegen, werden wir nicht müde zum Empfang der Sakramente einzuladen, als Geistliche erkennbar aufzutreten, Geistliche zu sein!

Besinnen wir uns immer wieder neu auf unseren unveräußerlichen Dienst, den Unternehmensberater in ihrer Sprache schlicht und einfach als das Kerngeschäft bezeichnen würden.

Darauf haben wir uns einmal vorbereitet, dazu sind wir angetreten, dafür wurden wir gesalbt und gesendet, das Licht zu verbreiten, das wir zuvor von Gott empfangen haben.

Damit auch von all denen, zu denen wir gesandt sind, gesagt werden kann:

„Das sind die Nachkommen, die der Herr gesegnet hat.“ – und sie mit uns zusammen in den Jubelruf beim Propheten Jesaja einstimmen können:

„Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott.

Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils und hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit.“ Amen