Hochfest der Geburt des Herrn

24.12.2014 15:44

- es gilt das gesprochene Wort -

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Mein Herr und mein Gott – Das sind die letzten Worte eines Menschen nach dem Evangelium des Johannes, bei dem das, was uns soeben feierlich verkündet worden ist, zum Ziel gekommen ist.

Worte eines Menschen, der noch einmal durch die Anfechtung seines Glaubens hindurchgegangen ist. Die tiefste, größte Anfechtung wohl überhaupt mit dem Zweifel an der Göttlichkeit des Menschensohnes, eine Anfechtung, die wohl kaum einem von uns erspart bleibt und aus der wir immer wieder heil hervorgehen sollen.

„Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, …“ hat uns wenig zuvor die Lesung aus dem Brief an die Hebräer erinnert. Die Älteren unter uns wissen sich noch an die Feier der Hl. Messe zu erinnern, die heute als außerordentliche Form begangen wird. Nach jeder Messfeier wurde das Weihnachtsevangelium, der Prolog des Evangeliums nach Johannes, vorgetragen. Als stete Erinnerung oder als Erneuerung? Auf jeden Fall um einen auf die bloße Pflichterfüllung relativierten Messbuch ins rechte, eigentliche Licht zu rücken. All die vielen wohlformulierten und überlegten Weihnachtswünsche und –gedanken, die uns dieser Tage ins Haus kamen, die Liturgie der Kirche in ihrer früheren und heute außerordentlichen Form, die Lesung dieses Weihnachtstages aus dem Brief an die Hebräer und schließlich das Evangelium nach Johannes selbst erinnern uns daran, wie wir uns dem unendlich großen Geheimnis von Gottes Menschwerdung nur annähern können: Nämlich immer nur stückweise, abschnittsweise, kreisend bedenkend, staunend und schließlich anbetend. Was uns als Theologen vielleicht schwerfällt zu erklären, wenn das Herz Jesu in der namensgleichen Litanei als Abgrund aller Tugenden angesprochen wird, das formuliert das wunderbar innige Kirchenlied als Herzenswunsch, wenn es da heißt:

„Ich sehe dich mit Freuden an, und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.“

Der Evangelist Johannes schon bringt es ins Wort, was einige Jahrhunderte später der heilige Augustinus in seinem Lobgebet beteuerte: „Und dennoch will er dich loben, der Mensch, selbst ein Teil deiner Schöpfung. Du treibst uns an, dass wir mit Freuden dich loben, denn du hast uns für dich geschaffen und unser Herz ist unruhig, bis es ruhet in Dir.“ Vor allem diese letzten Worte des Heiligen mögen den meisten von uns noch geläufig sein, aber der Heilige fährt im Weiteren fort: „Dich, Herr, ruft an mein Glaube, den du mir gegeben, den du mir eingeflößt hast durch die Menschwerdung deines Sohnes.“

Das tiefste Glaubensbekenntnis an die Menschwerdung Gottes, so, liebe Schwestern und Brüder, können wir daraus schlussfolgern, ist doch die Anbetung. Zu diesem Bekenntnis aber können nur die gelangen, die Ihm, dem Menschgewordenen, zuvor begegnet sind. Dieses Bekenntnis können nur die ablegen, die sich für ihn entschieden haben. Zunächst sind das die Jünger Johannes des Täufers, die den Messias gesucht und in Jesus von Nazareth gefunden haben. Es sind die Jünger Jesu, die von Ihm erwählt, zu seinen Zeugen geworden sind; die sich im Hl. Geist seiner stärkenden Gegenwart gewiss waren und in seinem Namen aufgetreten sind; die unmöglich schweigen konnten über das, was sie gesehen und gehört haben und schließlich bereit waren, ihr Leben dafür hinzugeben.

Die Welt ist „christisch“, wie der Theologe Teilhard de Chardin vom „christlichen“ unterscheidet, weil Gott nicht nur Mensch, sondern Fleisch geworden ist und damit unsere Materie angenommen hat. „Christisch“ ist der gesamte Kosmos, weil Jesus im Anfang bei Gott war, als Wort, durch das alles geworden ist. Diese Wirklichkeit ist unabhängig davon, ob wir daran glauben oder nicht, sie ist gegeben. Christlich hingegen ist das Bewusstsein der göttlichen Allanwesenheit in der Welt, christlich ist die Bereitschaft, „Gott in allem zu suchen und zu finden“, wie der heilige Ignatius von Loyola sagt und damit Jesus Christus meint. „Es wird im Fleisch hier vorgestellt, der alles schuf und noch erhält“, umschreibt der Liederdichter Paul Gerhardt Gottes Menschwerdung und die Erhaltung alles Geschaffenen durch Gott in einem.

Die Welt ist Gottes und durch das Wort erschaffen, für uns aber kommt es darauf an, sie als von Gott gewollt anzuerkennen, und zwar ausnahmslos alles und jeden.

Alles aber finden wir in Jesus Christus, dem Menschgewordenen. Nehmen wir uns doch den Menschen vor, der uns der vorbildhafteste, der liebste, der edelste und beispielhafteste und nachahmenswerteste ist, den wir kennen. Nehmen wir uns diesen Menschen vor und vergleichen wir ihn mit Jesus.
Oder fragen wir uns, ob wir diese lobenswerten Züge etwa nicht an Jesus finden und finden wir dabei heraus, dass dieser Jesus noch viel mehr solcher Eigenschaften aufweist als viele solcher geliebten Mitmenschen nebeneinander und zusammen. Jesus, der sich schließlich doch hat so total in Frage stellen lassen, dass er die Hand nicht zur Gegenwehr erhob trotz seiner Wahrheit, seiner Gerechtigkeit und Liebe. Trotz seiner Barmherzigkeit, Kraft und Macht, Selbstbeherrschung und Treue.

Und dass er so selbstlos war, die reine Liebe, dass er alles das hat auslöschen lassen durch unseren Tod, den er zu seinem werden ließ, den er starb, wie wir ihn nicht einmal alle sterben müssen, wie wir ihn aber auch gar nicht zu sterben vermögen. Denn noch im Verlöschen hat er an die Liebe geglaubt, die das Leben ist und die das geschaffene Leben in Gottes Leben verwandelt, so dass alle zum Leben Geschaffenen im Leben Gottes vollendet werden können und sollen, wenn sie nur glauben.

Alles, was uns nun, von seinen Zeugen im Glauben formuliert, in der Verkündigung der Kirche vorgelegt und vorgetragen wird, ist fortan Wort des lebendigen Gottes und Frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus. Denn er selber ist ja darin mitten unter uns und spricht zu uns, will uns begegnen und erwartet unsere Antwort. Im Gebet und im Gottesdienst, aber auch im fleischgewordenen Wort, das unter uns auch gegenwärtig ist in jedem und jeder seiner geringsten, hilfsbedürftigen Brüder und Schwestern.

Ob nicht die gegenwärtigen Auseinandersetzungen über die Aufnahme und Beherbergung von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Wirklichkeit die Frage widerspiegeln, mit der die Jünger des Johannes des Täufers zu Jesus kamen und von ihm wissen wollten: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Jesus verweist sie auf das, was durch ihn an den Armen und Elenden geschieht und preist den selig, der an ihm keinen Anstoß nimmt.
Denn die Entscheidung kann er uns nicht abnehmen, und wenn sie nur mehr noch einen Sprung in den Glauben bedeutet wie die rhetorische Frage und Antwort des Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6,68)

Darum sollten uns ja die Tage des Advent zu uns selbst erschüttern, uns aufrütteln zur Wachsamkeit und uns den Blick schärfen für den Herrn, nicht erst bei seiner Wiederkunft in Herrlichkeit, sondern Tag für Tag.
Sollten denn etwa gerade diejenigen, denen es vor 25 Jahren gegeben worden ist, mit Kerzen und Gebeten ein nahezu allgegenwärtiges Unrechtsregime gewaltlos und ohne Blutvergießen zu überwinden, sich partout nicht in die Gedanken ihrer Mitmenschen hineinversetzen können, die doch auch nichts anderes wollen als in Freiheit, Sicherheit und Frieden zu leben?!
Oder bringt eine diffuse Angst vor Überfremdung in Wirklichkeit doch nur die Angefochtenheit von Menschen zum Ausdruck,die sich nicht für den Menschgewordenen entschieden haben und sich auch künftig nicht für ihn entscheiden wollen?!
Oder artikulieren nicht wenige mit ihrem Protest auch einen Hilferuf nach einem Wort, das sich nicht in Sonntagsreden erschöpft, sondern den Menschen in verlässlicher Gestalt entgegenkommt und ihnen echte Orientierung bietet?
Wenn wir es mit dem Weihnachtsglauben ernst meinen, dann kann der Flüchtlingsstrom der Vielgeplagten nur ein eindringlicher Appell, ja, recht verstanden, sogar eine Chance und eine Gabe sein, sie herzlich aufzunehmen und in ihnen dem Menschgewordenen zu begegnen und daran selbst zu wachsen.
Oder wollen wir unser Christus-Zeugnis abhängig machen von Landschaft, Rasse und Kultur? Die Kinder Gottes sind weder danach zu unterscheiden noch nach der Zahl ihrer Lebensjahre. Sollen es denn nur die Jungen, Cleveren und Vitalen sein, die etwas bewegen können?

Wenn es allein den Betern noch gelingen kann, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten – wie Reinhold Schneider sagt, dann sind damit nicht nur die Jungen, sondern auch meine Altersgenossen und die noch Älteren gemeint, die fruchtbringend wirksam werden können angesichts der erdrückenden Vielzahl von Problemen und Nöten in unserer Welt. Ausdrücklich Ihnen, liebe ältere Schwestern und Brüder rufe ich zu: Ihre Berufung ist noch nicht Geschichte, der Zug keineswegs abgefahren. Alle Ihre eigenen Sorgen und Beschwerden können Sie einbringen in das Erlösungswerk des Menschensohnes.

Nicht nur hoffen will ich, solange ich atme, sondern den Glauben bezeugen, solange ich bin. Dabei können wir einander helfen und füreinander einstehen durch unser fürbittendes und stellvertretendes Gebet.
Denn es bleibt dabei: Das tiefste Glaubenszeugnis ist die Anbetung. Aber die Anbetung im Geist und in der Wahrheit. Dem Knien vor dem ausgesetzten Allerheiligsten und dem ehrfürchtigen Empfang der Hl. Kommunion muss der Einsatz in der Welt entsprechen. Aber alles noch so soziale Engagement kann niemals dazu dienen, uns von Gebet und Gottesdienst und vom ausgesprochenen Glaubensbekenntnis zu entpflichten.

„Wir müssen auch immer mutiger und entschiedener für die Sache dessen, der in der Krippe zu Betlehem für uns gelegen, eintreten … Erst dann, wenn wir die Sache des Sohnes Gottes auf Erden zur unsrigen gemacht haben und für sie ganz und gar einzustehen bereit sind, trotz allen Widersachern, dann dürfen wir mit Recht uns der heiligen Weihnacht freuen“ – sagt Kolping.
Gegenüber dem Apostel Thomas, der in seinem Glauben angefochten war, preist Jesus alle jene selig, die nicht sehen und doch glauben.
Wenn wir die Weihnachtsbotschaft so verstehen wie der Gesellenvater, dann dürfen hoffentlich auch wir einmal mit dem Evangelisten und der kleinen christlichen Herde bezeugen:
Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit.

Amen