Predigt vom Dankgottesdienst

Das Ziel der Verkündigung des Reiches Gottes ist der Friede Gottes. Durch ihre Bitte ma-chen Menschen die Sache Gottes, des Herrn der Ernte, zu der ihren.

07.07.2019 15:30

 

- es gilt das gesprochene Wort -

  
Hochwürdigster Herr Apostolischer Nuntius,
hochwürdigste Herren Kardinäle,
verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
verehrte Ehrengäste,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

es bedeutet schon eine gewisse Herausforderung, am Tag der Verabschiedung und des Abschiednehmens das Evangelium von der Aussendung der 72 zu betrachten. Aber die Erklärung wird uns sogleich im ersten Satz des Evangeliums gegeben, wenn es nämlich heißt: In jener Zeit suchte der Herr 72 andere aus und sandte sie zu zweit vor sich her in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Wenn da von den 72 anderen geredet wird – einer Anzahl, die die außerhalb Israels bekannten Völker bezeichnete, so erinnert uns das an die Festfeier von Pfingsten, die wir als Frohe Botschaft und Auftrag zugleich verstanden haben. Als den Auftrag, dass das Heil, das uns in Jesus Christus erschienen ist, allen Völkern gepredigt werden muss, aber zugleich als die Frohe Botschaft, dass dies den Menschen nur möglich ist in der Kraft des Heiligen Geistes. Fast könnten wir von einer Vorwegnahme von Pfingsten bei der Aussendung der 72 sprechen, wenn uns nicht klar wäre, dass ja auch der Evangelist Lukas sein Evangelium im Licht und in der Kraft eben dieses Hl. Geistes nieder-geschrieben hat. Jesus sendet die 72 dorthin, wohin er selbst gehen wollte.

Liebe Schwestern und Brüder,
darauf kommt es an. Es kommt darauf an, dass Jesus Christus schließlich dort ankommen kann, wohin er uns gesendet hat. Die Ankunft des Herrn ist der Terminus ad quem aller Sendung und kirchlichen Mission. Das ist die eigentliche und noch viel stärkere Begründung, diese Sendung wahrzunehmen, als die Methode, die totale Freiheit von jeglicher materieller Belastung, die durchaus bis an die Grenzen der Armut heranreichen mag. Der Reichtum und die Sicherheit der Boten ist die Botschaft, die sie zu überbringen haben. Von dieser guten Nachricht beseelt, haben sie denen, zu denen sie gesandt sind, die einzigartige alles übersteigende Gabe des Friedens zu überbringen, der von Gott kommt. Mit der Gabe dieses Friedens und mit der Rede von diesem Frieden können wir noch viel besser nachvollziehen, was mit dem Wort von der großen Ernte gemeint ist. Die große Ernte nämlich ist die Sache Gottes, des Herrn der Ernte. Und diese Sache Gottes sollen die Menschen durch ihre Bitte um Arbeiter für die Ernte zu der ihren machen. Können wir denn etwa heute die Sehnsucht nach wahrem Frieden weniger nachvollziehen als zu Zeiten der babylonischen Gefangenschaft Israels oder aller anderen Zeiten?

  
Es ist sicher zu eng gedacht, den Mangel an Arbeitern ausschließlich auf den vermeintlichen Mangel an Priestern und pastoralen Mitarbeitern zu beziehen. Für die Ernte Gottes gibt es immer zu wenig Arbeiter. Jesu Wort behält seine Gültigkeit und die Bitte um Arbeiter für die Ernte ihre ungebrochene Notwendigkeit und Bedeutung. Denn wenn wir uns Monat für Monat zum Gebet um geistliche Berufungen in der Eucharistiefeier und mit der anschließenden eucharistischen Anbetung versammelt haben, wollten wir vor allem dem Anliegen unseres Herrn entsprechen. Er selbst hat sich ja in den Dienst des Vaters gestellt, und im Gebet haben wir es ihm gleichgetan.
Anbetung, Verweilen beim Herrn im allerheiligsten Sakrament des Altares ist nicht etwa bloß eine mögliche Alternative zu unseren anderen Aktivitäten. Gebet nach dem Willen und Beispiel des Herrn ist die Voraussetzung allen geistlichen Lebens überhaupt, bedeutet Besinnung auf den Ursprung, Rückkehr zur Quelle des Friedens schlechthin. Das ist der Friede, den der Apostel Paulus in seinen Brief an die Gemeinde von Philippi als eine Frucht des Gebetes benennt mit den Worten: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und euer Gedanken in Christus Jesus bewahren.“[1], womit als Wunsch formuliert unsere evangelischen Mitchristen oftmals ihre Verkündigung des Evangeliums beschließen.

 
Alle Texte der Verkündigung der Kirche am heutigen Sonntag sind vom Geschenk des Friedens bestimmt: „Siehe, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr (der Stadt Jerusalem) und die Herrlichkeit der Nationen wie einen rauschenden Bach, auf dass ihr trinken könnt, spricht der Herr beim Propheten Jesaja, und Friede und Erbarmen wünscht der Apostel Paulus allen, die der neuen Schöpfung angehören und sie über alles hochschätzen.
Aber dieser Friede soll nicht beschwichtigen oder gar einschläfern. Der Friede, der von Gott kommt und den zu überbringen seine Boten beauftragt sind, ist durch die Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus im wahrsten Sinne des Wortes geerdet und durch seinen Tod und seine Auferstehung beglaubigt und hinterlegt. „Frieden hinterlasse ich euch, meine Frieden gebe ich euch“ – spricht der Herr im Evangelium nach Johannes, nicht ohne hinzuzufügen: – „nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“[2] Und beim Evangelisten Matthäus finden wir sogar das scheinbar konterkarierende Wort: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“[3] Womit die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Gabe des Friedens und der Entscheidung für diese Gabe von Gott unmissverständlich betont werden.
Die von der Kirche heute vorgelegte Kurzfassung des Evangeliums verschweigt die Möglichkeit der Ablehnung der Boten und Jesu richtendes Wort. Der Weheruf unseres Herrn über die unbußfertigen Städte wird sogar in beiden Fassungen weggelassen. Eine bedenkliche Praxis, die sich da mit der Kompilation von Verkündigungstexten in unserer Kirche ein-geschlichen zu haben scheint. Denn die Frohe Botschaft ist keine fröhliche Botschaft, sondern eine sehr ernsthafte, aber auch alles andere als eine verbissene oder sektiererische, sondern eine ermutigende und einheitsstiftende Botschaft.

 
Kein Geringerer als der Apostel Paulus hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wie Schafe mitten unter die Wölfe gesandt worden zu sein. Im zweiten Brief an die Gemeinde von Korinth zählt er in umfassender Weise auf, was ihm in seinem apostolischen Dienst an Mühsal, Plage und jeglicher Bedrängnis widerfahren ist, und scheut sich nicht, diese Aufzählung, die er zu seiner Verteidigung vorgenommen hatte, als Narrenrede zu bezeichnen. Im Brief an die Gemeinde in Galatien, aus dem wir die erste Lesung gehört haben, deutet er es eher nur an. Aber er vertieft noch einmal die Motivation, mit der er seinen Dienst auch bei den Korinthern angetreten hat und nachträglich folgendermaßen beschreibt: „Auch ich kam nicht zu euch, Brüder und Schwestern, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheiten vorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten. Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht zitternd und bebend zu euch. Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.[4]
Am Beispiel des Apostels leuchtet auch ein, dass schon rein historisch die Aussendung der 72 keine Vorwegnahme der Geistbegabung von Pfingsten sein konnte. Die Ausgesendeten machen erste Erfahrungen mit der Wirkung und Kraft der Verkündigung. Sie erleben, was es bedeutet, sich an Jesu Wort zu halten und seinem Auftrag zu folgen. Sie bestätigen uns, dass nur diejenigen die Frohe Botschaft glaubwürdig verkünden können, die vom Geist der Liebe und der Einheit beseelt sind. Die Vollmacht über die bösen Geister ist dabei eher als eine Nebenwirkung anzusehen. Denn auch uns ist es gegeben, erkannt zu haben, dass die entscheidende Schlacht schon geschlagen und der Sieg über die Mächte des Bösen ein für alle Mal errungen worden ist durch das Kreuz und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Sind wir doch selber durch Taufe, Firmung und Eucharistie hineingenommen in den Lebensaustausch des dreieinigen Gottes, wie wir es erst vor kurzem mit der Feier von Fronleichnam festlich bezeugt und freudig gefeiert haben.

 
Katholisch sein heißt ja nicht etwa zuerst gegen etwas sein, auch wenn uns das vielleicht der eine oder andere aufgeklärte Zeitgenosse gern nachsagen möchte. Katholisch sein heißt aus der Fülle leben, wohl wissend, dass damit zu keiner Zeit mit dem uneingeschränkten Beifall einer gottfernen Welt zu rechnen ist. Katholisch sein heißt dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn gleichgestaltet und durch ihn von Gott, dem allmächtigen Vater, gekannt und anerkannt zu sein.
Aber trotz allen Widerspruchs und Widerstands darf unser letztes Wort niemals der Weheruf über die sein, die uns ablehnen, sondern die Botschaft: Das Reich Gottes ist nahe.
Was schon mit zwei kleinen Strichen und ohne viele Worte interpretiert werden kann mit der Feststellung: Das Reich Gottes ist Nähe. Aber was von dem Gekreuzigten und Auferstandenen gilt, das ist auch für alle, die ihm nachfolgen, von bleibender Bedeutung: Wer überzeugen will, muss Wunden zeigen. Allein durch die freiwillige und immer neue Annahme auch der Leidensgemeinschaft mit seinem Herrn gewinnt der Zeuge an unwiderlegbarer Autorität. Die letzten Worte des Apostels Paulus im Brief an die Gemeinde in Galatien, die er gewöhnlich seinen Briefen voranstellt, sind darum noch bedeutungsschwerer, ja, von beinahe sakramentalem Charakter: Die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit eurem Geist, meine Brüder und Schwestern. Amen
Und heute, am Tag meiner Verabschiedung, darf ich dankbar und demütig hinzufügen:
Denn Er, Christus,ist unser Friede.

 
Amen

 

[1] Phil 4,7
[2] Joh 14,27
[3] Mt 10,34
[4] 1 Kor 2,1-5