Predigt zu Fronleichnam 2019

20.06.2019 08:38

Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi – Fronleichnam bedeutet die dankbar freudige Bezeugung der Tatsache, dass wir schon jetzt hineingenommen sind in den Lebensaustausch des dreieinigen Gottes

- es gilt das gesprochene Wort -

Verehrte, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Halten Sie das für möglich? Ein Talk unter drei Meisterköchen hat mich kürzlich an das Geheimnis des Glaubens erinnert.

Es hat mich zumindest aufhorchen lassen, als sie über die Präsentation ihrer Speisen sprachen und einer von ihnen darauf bestand, seinen Gästen immer ein kleines kunstvoll gebackenes Brot zu servieren. Was er mit den Worten kommentierte: Unser Restaurant ist unmittelbar neben der Kirche: Dort brechen sie das Brot. Auch meine Gäste sollen zuerst das Brot brechen müssen.

Dieser Vergleich, der alles andere als lästerlich gemeint und dahingesagt war, hat mich aufhorchen lassen. Ich weiß nicht, von welcher Konfession dieser Mann war, aber dass er diesen Sprachgebrauch, diesen Hintergrund unseres Sprachgebrauchs kannte und zur Sprache brachte, hat mich nachdenklich gemacht.

Wenn wir heute Lesungen und Evangelium gehört haben, haben wir es vielleicht glattweg überhört. Zweimal wird aber vom Brechen des Brotes gesprochen. Der Apostel erwähnt es bei dem, was er vom Herrn empfangen und seiner Gemeinde überliefert hat. Und im Evangelium wird ausdrücklich davon gesprochen, dass Jesus die fünf Brote und die zwei Fische brach, nachdem er den Lobpreis an den Himmel gerichtet und bevor er sie den Jüngern zum Verteilen gegeben hat. Haben sich nicht auch die ersten Christen in ihren Häusern zum Brotbrechen versammelt? Viermal wird in der Apostel-geschichte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie festhielten an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an dem Gebet.[1] Da wird nichts verwischt, da wird nicht schönfärberisch vom Brot der Gemeinschaft gesprochen und nicht einmal vom sogenannten heiligen Brot. Nein, vom gebrochenen Brot wird für sich allein gesprochen. Und jedes weitere Wort ist von ei-genständiger Bedeutung. Aber dabei beruft sich der Apostel eben nicht auf eine bereits bestehende Tradition einer Urge-meinde oder auf die Überlieferung derer, die das bereits selber vollzogen haben – nein, er bezeugt, was er vom Herrn empfangen hat. Vom Herrn hat er es empfangen, der in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot nahm und das Dank-gebet sprach.

Warum spricht denn Jesus das Dankgebet in dieser Nacht? Unser Drittes eucharistisches Hochgebet ist da keineswegs so eindeutig wie die Verkündigung des Apostels. Hat sich denn da noch keiner gewundert, wenn es vor dem Wandlungsgeschehen heißt, dass Jesus Brot nahm und Dank sagte in der Nacht, da er verraten wurde? War denn Jesus ein selbstquälerischer Masochist? Dankt er denn da für die Qualen, die auf ihn zukommen sollten? Schon bei der wunderbaren Brotvermehrung wird uns klargemacht, an wen sich der Dank Jesu richtet. Er blickte zum Himmel auf und sprach den Lobpreis, und auch beim Letzten Abendmahl sprach er den Lobpreis und das Dankgebet, bevor er das Brot brach und den Kelch an seine Jünger weiterreichte.[2] Sein Dank ist an den Himmel gerichtet, richtet sich an den liebevollen Vater. Jesu Dank ist an den himmlischen Vater ge-richtet, auch und gerade in dieser Nacht. Und vielleicht ist jetzt mancher Zeitgenosse sofort geneigt aufzubegehren, anstatt aufmerksam bis zum Ende zuzuhören. Aber ob er es wahrhaben will oder nicht: Nichts, aber auch gar nichts geschieht ohne den Willen des Vaters. Der Tod unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz ist kein blindes Verhängnis, das über Jesus hereingebrochen ist und Gott eben zugelassen hat. In allem handelt Jesus im Einklang mit dem Willen des Vaters. Der Zusammenhang von Jesu Tat in der „Nacht, da er ausgeliefert wurde“, ist wesentlich. Letztlich ist es der Vater, der ihn ausliefert: ans Kreuz für die Menschen und in die Eucharistie hinein, ebenfalls für uns. Dafür spricht Jesus das Dankgebet, dass der Vater das tut und dass er selber mittun darf und dass der Geist es unaufhörlich verwirklichen wird.

Liebe Schwestern und Brüder, wir beten im Vaterunser: „Und führe uns nicht in Versuchung“, und viele sehen das sofort als einen Widerspruch an zu dem, was wir meinen von Gott erkannt zu haben und zu wissen. Dabei blenden wir aber aus, dass es der Geist war, der Jesus nach der Taufe durch Johannes in die Wüste trieb[3], wo er vom Satan versucht wurde.

Warum denken wir eigentlich so kurzatmig? Vermögen nicht schon im ganz normalmenschlichen Verhalten Erprobungen, Anfechtungen, ja, Versuchungen dazu beizutragen, Haltungen und Charakter eines Menschen zu stärken und zu festigen? Ist die Bitte im Vaterunser nicht eher ein Bekenntnis unserer armseligen Natur, die sich von vornherein auch nicht der geringsten Infragestellung und Anfechtung gewachsen fühlt? Warum ist das denn alles über unseren Herrn gekommen? Oder besser gefragt: Warum hat er denn das alles auf sich genommen?

Und bestanden, ausgehalten und bestanden und für uns in Leben und Heil verwandelt!

Vielleicht versteht jetzt doch manch einer das Wort eines Kirchenvaters besser, das wir möglicherweise zu Weihnachten schon einmal gehört, aber ebenso rasch wieder vergessen haben: „Jesus ist Mensch geworden, um für uns zu sterben.“ Um sich für uns hinzugeben und aufzuopfern, um für uns als Hingegebener und Geopferter – oder wie die Offenbarung des Johannes sagt – als das geschlachtete Lamm für uns da zu sein und für uns dazubleiben.

Liebe Schwestern und Brüder, statt als Hochfest des Leibes und Blutes Christi könnten wir Fronleichnam auch bezeichnen als das Hochfest des gebrochenen lebendigen Brotes, das vom Himmel gekommen ist. Aber nicht genug: Das gebrochene Brot, das Jesus selber ist, teilt er nicht nur aus; er schenkt den Empfangenden als höchste Erfüllung seiner Gabe auch den Befehl (oder den Auftrag, wenn sie wollen) und die Macht, es weiterhin selber zu tun. Ja, von Macht ist hier die Rede, und die Hingabe unseres Herrn scheint auch noch darin zu bestehen, dass er sich sogar dem Missverständnis, ja vielleicht sogar dem Missbrauch dieser von ihm verliehenen Macht ausliefert. Sein Auftrag: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ ist niemals abgelöst von seiner Hingabe, sondern „zu seinem Gedächtnis“, damit seine Gabe nie zur Vergangenheit wird, die nach und nach in der Historie versinkt, sondern lebendige, stets neue Gegenwart bleibt, für die wir dem Vater danken und im Namen des Sohnes in der Kraft des Hl. Geistes das Brot brechen und genießen.

Darum dürfen wir schon einmal fragen, wer denn dieses Ge-heimnis unsres Glaubens besser begriffen und besser beherzigt hat: Die da nach einer Beichte ein einziges Mal im Jahr zum Tisch des Herrn hinzugetreten sind und dann lange Zeit nicht mehr, wenn nicht ein außerordentlicher persönlicher Gedenktag dazwischen kam, oder die, die es für selbstverständlich halten, in jeder Hl. Messe, die sie nach längerer Zeit wieder einmal besuchen, nach vorn zu gehen und sich die Hostie abzuholen, obwohl sie vielleicht unmittelbar zuvor nicht einmal den Mund mit der Bitte um das Erbarmen Gottes aufgebracht haben. Ohne auch nur den leisesten Hauch von Polemik, sondern eher nachdenklich betroffen, dürfen wir davon ausgehen: Wahrscheinlich waren, wahrscheinlich sind beide vom Geheimnis des Glaubens ziemlich weit weg.

Erst am vergangenen Sonntag haben wir das Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit gefeiert. Damit sollte nicht ver-sucht werden, das Geheimnis der göttlichen Seinsweise zu erklären, sondern die Wesentlichkeit, die allerhöchste Bedeu-tung dieser Glaubenswirklichkeit sollte uns vor Augen gestellt werden. Eröffnen wir doch jeden unserer Gottesdienste mit dem Zeichen des Kreuzes und dem Bekenntnis des dreifaltigen Gottes: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Der Höhepunkt dieses Bekenntnisses begegnet uns schließlich am Ende des Hochgebets mit dem großen Lobpreis: „Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Hl. Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit.“ Nur wenige Tage danach begehen wir heute das Hochfest des Leibes und Blutes Christi – Fronleichnam, wie es im korrekten liturgischen Sprachgebrauch heißt, oder – zu welcher Einsicht wir gelangt sind – das Hochfest des gebrochenen lebendigen Brotes, das vom Himmel gekommen ist. Fronleichnam geht noch über die Verkündigung der göttlichen Seinsweise als Wesentlichkeit unserer Glaubenswirklichkeit hinaus. Es bedeutet mit der Feier der Eucharistie und der anschließenden Prozession durch die Straßen unserer Stadt die dankbar freudige Bezeugung der Tatsache, dass wir schon jetzt hineinge-nommen sind in den Lebensaustausch des dreieinigen Gottes. Aber besonnen und geprüft und wenigstens mit der Bitte um das Erbarmen Gottes auf den Lippen und dem gläubigen Bekenntnis zu Tod und Auferstehung unseres Herrn wie in der gelebten Erwartung und Hoffnung auf seine Wiederkunft. Amen

[1] vgl. Apg 2,42
[2] vgl. Lk 9,16; Mt 26,26f
[3] Mt 1,12ff; Lk 4,1ff