Predigt zu Mariä Lichtmess 2015

02.02.2015 09:16

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

die Kirchengegner und die Ungläubigen mögen wohl beinahe gejubelt haben, als sie die Überschrift jenes Leitartikels der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unmittelbar nach Weihnachten zur Kenntnis genommen hatten. Unter der Überschrift, die Spätzeit des Christentums habe begonnen, kündigte da ein (kath.) Journalist den unmittelbar bevorstehenden Kollaps der Kirche in Deutschland an und verglich sie in ihrem Zustand obendrein noch mit der späten DDR. Aber ganz so, wie es sich die Feinde der Kirche vorgestellt hätten, war der Artikel nun doch nicht gemeint.

Da werden zwar mit journalistischer Brillanz viele ohne Zweifel in der Kirche wahrnehmbare Missstände aufgezeigt – um die festzustellen, brauchen wir aber gar keine Sonntagszeitung – aber die Art und Weise der Darstellung noch dazu in einer weit über Deutschland hinaus vertriebenen Zeitung gleicht eher der Lust am Untergang, aus dem dann, so scheint zweckpessimistisch erwartet zu werden, eine gereinigte, erneuerte, katholische Kirche hervorgeht.
Da wird buchstäblich unmittelbar nach der Festfeier von Christi Geburt das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Dabei bestätigt doch der noch so aufrüttelnd geschriebene Artikel nur, was nicht erst die Väter des II. Vatikanischen Konzils, sondern alle wahren Erneuerer der Kirche schon lange vor ihnen gewusst haben:
Dass nämlich die Kirche zu allen Zeiten immer wieder reinigungs- und erneuerungsbedürftig ist. Da brauchen wir uns gar nicht auf ein einziges allzu oft in diesem Zusammenhang angeführtes lateinisches Zitat zu beziehen. Zweifellos können wir uns das gar nicht eindringlich genug sagen lassen und dürfen unsere Augen nicht davor verschließen. Aber einmal ganz davon abgesehen und bei aller Toleranz gegenüber journalistischer Rede: Ganz persönlich verwahre ich mich entschieden dagegen, meine Kirche mit einem von Anfang an auf eine gottlose Ideologie gegründeten Staatswesen vergleichen zu lassen.

Dass Einschnitte von außen nicht zuletzt auch aufgrund von Missständen in der Kirche wegen der bleibenden Sündhaftigkeit ihrer Glieder einer Reinigung und Erneuerung der Kirche entgegenkommen können, hat uns schon Papst Benedikt XVI. in seiner berühmten Konzerthausrede zu Freiburg gesagt. Wenn es uns nicht eher zu tiefer Nachdenklichkeit bewegen sollte, so hätte man es als nahezu amüsant bezeichnen können, dass unmittelbar darauf alle Kritiker der Rede sich ziemlich einig darüber waren, dass das deutsche Kirchensteuersystem mit der Rede von der Entweltlichung auf keinen Fall gemeint gewesen sein kann.
Hüten wir uns davor, auf die Erneuerung und Reinigung der Kirche ausschließlich durch äußere, fremdartige Einflüsse oder gar gewaltsame Maßnahmen irgendeines Staates zu warten und nicht selbst den Ruf zur Buße, Umkehr, Reinigung und Erneuerung immer wieder, Tag für Tag aufs Neue an uns herankommen zu lassen.
So gesehen, mag dann kommen, was da will, jeder von uns wird seine Verantwortung, die ihm hier und jetzt aufgetragen ist, weiter wahrnehmen, seine Verantwortung vor Gott und den Menschen, die ihm anvertraut sind.
Denn nur in Glauben und Treue vermögen wir äußere Veränderungen, ja, vielleicht sogar schmerzliche Einschnitte als von Gott gesandte oder auch zugelassene Prüfungen und Fingerzeige zu verstehen und angemessen mit ihnen umzugehen.
So wie der Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Hollerich, angesichts einschneidender Veränderungen im Staat – Kirche – Verhältnis hinsichtlich des schulischen Religionsunterrichts und auch finanzieller Konsequenzen seine Diözesanen dazu auffordert, mit ihm in einer Diözesansynode (wörtlich): „den Weg einer ärmeren, aber auch freieren Kirche in der und für die Gesellschaft festzulegen“. (KNA)
Hüten wir uns vor dem leichtsinnigen, mutwilligen Abbruch bestehender Vereinbarungen, prüfen wir alle unsere Absichten und hören wir vor allem nicht auf, zu beten: Herr, reinige und erneuere deine Kirche und fange bei mir an.
Es gibt Bibeltheologen, die den Verrat des Judas damit erklären, dass er den Herrn mit der Auslieferung an die Gegner zwingen wollte, einen Aufstand anzuzetteln, das Joch der Römer abzuschütteln und das Reich Gottes nach seinen Vorstellungen schon auf Erden zu errichten.

Nun werden Sie fragen, liebe Schwestern und Brüder, was denn diese quasi kirchenpolitische Rede mit dem heutigen Fest zu tun hat. Um es kurz zu sagen. Wenn wir genau hinhören und darüber nachdenken: Sehr viel, ja, das Wesentliche überhaupt. Sogar die Entwicklung von der Bezeichnung des Festes Mariä Lichtmeß zum Fest der Darstellung des Herrn, die Kerzenweihe und die Prozession weisen uns darauf hin.
Es ist ja in Mode gekommen oder auch zu einem willkommenen Brauch geworden, zu allen möglichen Anlässen Kerzen zu entzünden, zum Zeichen des Gedenkens, aber auch um Stimmungen zu erzeugen, Gemüter zu bewegen oder einfach eine kuschelige Atmosphäre zu schaffen.
Wenn wir in unseren Kirchen und Häusern, auf den Altären, aber auch in unseren Wohnungen und bei Gedenken und Gebet Kerzen anzünden, dann doch vor allem, um uns die Gegenwart Christi, unseres Herrn, aber auch unsere von Gebet und Verbundenheit brennenden Herzen und Gedanken bewusst zu machen.
Ist nicht Maria die erste, die diese Missa, diese Sendung, als erste wahrgenommen hat und durch ihr Ja-Wort im Hl. Geist, Christus, das Licht der Welt, mitten unter uns entzündet hat? Und ist nicht die Wahrnehmung des vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Tages der Reinigung die direkte Fortsetzung ihres demütigen Ja-Wortes und der armen Geburt im Stall?
Eine kleine Familie beugt sich dem Gesetz des auserwählten Volkes und seinem religiösen Establishment. Versuchen wir uns doch immer wieder hineinzuversetzen in die Szene, um sie im Lichte des Glaubens besser zu verstehen.
Müsste nicht eine junge Mutter geradezu depressiv werden bei einer solchen Ansage des alten Mannes über ihr Schicksal, demzufolge ihr ein Schwert durch die Seele dringen würde? Könnte denn nicht die hehre Botschaft der greisen Beter über das Kind das junge Paar dazu veranlassen, entweder ungläubig mit dem Kopf zu schütteln oder auszuflippen, oder wenigstens verwirrt zu sein, zumindest aber genauer nachzufragen?
Aber mehr, als dass sie das tun, was nach dem Gesetz des Herrn vorgeschrieben ist, und dann nach Hause zurückkehren, wird nicht von ihnen berichtet.

Das ist das Evangelium, das uns heute verkündet wird. Maria und Josef – so lautet die Botschaft in ihrem Kern – gehen demütig, gehorsam und mutig den vor ihnen liegenden Herausforderungen entgegen, die nur im Glauben vollzogen und bestanden werden können.
Und das wird noch sehr konkret. Das sind nicht nur die Anfechtungen, die von außen auf uns zukommen, sondern von innen, die noch vielmehr dazu angetan sind, uns Menschen zuinnerst zu verunsichern und zu erschüttern.
Das sind nicht nur Tempel und Gesetz, die sich da vor der Hl. Familie aufbauen, sondern das ist ein erster Verlust des noch jungen Sohnes und die Erklärung seiner eigentlichen Herkunft und Aufgabe auf der Jerusalemwallfahrt.
Das ist eine beginnende Entfremdung, ein Zwiespalt, der sich aufzutun scheint bei der Hochzeit zu Kana, als der Sohn die Sorge der Mutter um die blamierten Brautleute mit dem Hinweis auf seine Stunde zurückweist.
Das ist ein steigendes Unverständnis gegenüber der Wahrnehmung seines Auftrags, wenn die Verwandten (Ob wohl Maria unter ihnen gewesen ist? In einem der Evangelien, wird uns das jedenfalls nahegelegt) sagen, vom Evangelisten vornehm ausgedrückt, „er sei von Sinnen“ und ihn aus der Menschenmenge herausholen wollen. Und das ist schließlich der Schmerz und offensichtlich endgültige Verlust des Sohnes am Kreuz, dem doch die Herrschaft über das Haus Jakob und der Thron seines Vaters David angesagt worden ist.
Das ist es, was die Volksfrömmigkeit als die sieben Schmerzen Mariens bezeichnet und mit sieben Schwertern in ihrem Herzen bildlich nicht gerade zimperlich darstellt.
Das müssen wir uns schon bewusst machen, bevor wir von der Feier von Mariä Lichtmess oder des Festes der Darstellung des Herrn sprechen.
Aber gerade weil wir dieses Offenbarungsgeschehen, diese Erscheinung des Herrn im Tempel und seine Begegnung mit dem hl. Volk des Alten Bundes in der Feier von Kreuz und Auferstehung unseres Herrn begehen, haben wir nicht den geringsten Grund zur Verdrängung. Der Leidensweg des Herrn zu unserer Erlösung hat nicht erst mit dem Kreuz auf der Schulter begonnen.
Und wieder werden Sie mich fragen, ob denn nicht gerade heute ein ganz besonderes Wort an unsere Schwestern und Brüder aus den Ordensgemeinschaften angesagt ist. Ist doch dieser Tag schon seit längerer Zeit von Papst Johannes Paul II. zum Tag des geweihten Lebens erklärt worden. Und ist doch auch diese hl. Feier schon im Vorhinein als ein weiterer Höhepunkt des Jahres der Orden benannt worden, das Papst Franziskus ausgerufen hat.
Ohne alle Umschweife: Wir wünschen unseren Brüdern und Schwestern in den Ordensgemeinschaften nicht nur ein Jahr geweihten Lebens, sondern noch viele gesegnete Jahre.

Liebe Schwestern und Brüder des geweihten Lebens!
Sind Sie nicht auch einmal angetreten unter einer großen Verheißung Ihrer persönlichen Berufung? Wie mögen wohl Sie sich die Zukunft Ihrer Ordensgemeinschaft, die Entwicklung Ihres Wirkens vorgestellt haben? Sie haben sich mutig hineinbegeben in die verschiedenen Aufgaben, vor die Sie von Gott und den Menschen gestellt worden sind. Viele von Ihnen haben nicht nur e i n m a l die natürlich angestammte aber auch die geistlich gewachsene Familie, Heimat und Wirkungsstätte, Land und Leute aufgeben und verlassen müssen. Und Sie haben das gemäß Ihrer Berufung und Ihrem Dienst im Gehorsam, in der Nachfolge Christi und um des Himmelreiches willen getan. Bis ins hohe Alter haben viele von Ihnen Ihre Kräfte und Ihr Leben eingesetzt im Dienst an den Bedürftigen aber auch zum Lobe Gottes, im betrachtenden und fürbittenden Gebet.
Nichts von alledem, liebe Schwestern und Brüder, was Sie zumeist um Gotteslohn, ja vor allem darum, getan haben, ist vergebens oder umsonst gewesen. Und wenn Sie heute feststellen, dass Sie die eine oder andere Aufgabe, Häuser und Schulen, Krankenhäuser und Heime aufgeben müssen, auch weil im weitesten Sinne die Kräfte nicht mehr reichen, lassen Sie es sich heute mit einem Wort aus meinem Hirtenbrief zur Fastenzeit sagen:
Die Zeit des Übergangs, die wir erleben, ist auch eine Zeit des neuen Aufbruchs. Die Zeit des Übergangs gilt es auszuhalten und zu bestehen, die Zeit des Anbruchs aber dürfen wir annehmen und in Glauben, Hoffnung und Liebe gestalten.
Nicht zuletzt denke ich da an den Neubau der Barmherzigen Schwestern zur Sammlung und Betreuung alt- und pflegebedürftig gewordener Schwestern. Die Konsequenz, die sie aus der Situation Ihrer Gemeinschaft gezogen haben, ist im analogen Sinne beispielhaft für die Zukunft unserer Ortskirche.
Es gibt unter uns wohl kaum noch ernstere Auseinandersetzungen darüber, wann die weihnachtliche Zeit beendet ist. Liturgisch ist sie das mit dem Fest der Taufe Jesu. Das alte Brauchtum hält bisweilen noch an den Tagen bis zu diesem 2. Februar fest. Sei es, wie es sei: Das heutige Fest ist ein weihnachtliches Fest, das schon seit frühester Zeit der Kirche wie Ostern begangen wurde.

Als wir nun schon vor Jahren das Totenamt für einen unserer Mitbrüder feierten, hatte die geistliche Gemeinschaft, der er angehörte, neben seinem Sarg ein schön gerahmtes Bild von ihm aufgestellt. Als sich die Zelebranten zur Ausspendung der Hl. Kommunion anschickten, geschah es. Einer von ihnen stieß versehentlich mit dem Fuß an das Bild, das von der Stufe stürzte und dessen Glas in tausend Scherben zersprang. "Sic" flüsterte mir der Mitbruder zu, der neben mir stand. Damit meinte er das erste Wort von: Sic transit gloria mundi – so vergeht die Herrlichkeit der Welt.
In meinen persönlichen Aufzeichnungen mochte ich das nicht so stehen lassen. Vielmehr habe ich sie mit dem leidenschaftlichen Bekenntnis des Apostels Paulus in seinem Brief an die Philipper beschlossen. Ein Bekenntnis, das uns allen angemessen ist und von dem unser aller Streben bestimmt sein sollte, weil es von der einzig sicheren beständigen Hoffnung und Zuversicht zeugt, wenn wir in der Gefahr sind, an dem Bild, das wir uns selbst von Kirche und gelebtem Glauben gemacht haben, verbissen festhalten und es um jeden Preis bewahren zu wollen:
„Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen.“ [1]

Amen

 

[1] Phil 3,10