Predigt zum Aschermittwoch 2015

20.02.2015 12:28

- es gilt das gesprochene Wort -

Vor nun schon fast 30 Jahren habe ich im französischen Elsaß meinen Mitbruder besucht, mit dem zusammen ich in Rom studiert habe. Als ich ihn nach Taizé fragte und ob wir nicht einmal dorthin fahren sollten, schaute er mich mit großen Augen an und fragte mich: Wo ist Taizé? Wo ist Taizé in Frankreich? Natürlich wusste er, wo Taizé lag und ist auch mit mir dorthin gefahren. Seine Fragen waren ja nur rhetorisch gemeint und sollten zum Ausdruck bringen, dass von der Bewegung um Taizé offensichtlich im religiösen und gesellschaftlichen Leben Frankreichs kaum etwas zu spüren war. Davon erzählte ich vor wenigen Wochen der Jugend 2000, die zum Prayerfestival im Memmingen zusammengekommen war. Am Schluss meiner Ansprache habe ich mir allerdings erlaubt, die vergleichbare Frage zu stellen, nämlich: Wo ist die Jugend 2000? Wo ist die Jugend 2000 in Bayern und Schwaben, wo ist die Jugend 2000 für Deutschland? Worauf ich einige Tage später einen Brief von einer Frau bekam, die sich von diesen durchaus ernst gemeinten Fragen nicht gerade angenehm betroffen fühlte.

Die Jugend 2000, das zur Erklärung für alle, die es noch nicht wissen sollten, ist eine geistliche Jugendbewegung die noch in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Zeit Papst Johannes Paul II. ins Leben gerufen wurde und seitdem um ein vielseitig geistliches, christlich glaubwürdiges Leben bemüht ist.

Die Rückfrage der Frau war natürlich auch dazu angetan, mich selber kritisch zu fragen, auf welchen Hintergrund und aus welchem Antrieb heraus ich zu solchen Fragen gekommen war. War ich vielleicht zu wenig informiert über diese geistliche Bewegung? Erhoffte ich mir etwa einen deutlich wahrnehmbareren Erfolg mit dem Gedanken an unser Priesterseminar und die benötigten pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Habe ich damit vielleicht selbst ein recht grobes Missverständnis vom Zusammenhang geistlichen Mühens und Gebets mit greifbarem, abrechenbarem Erfolg zum Ausdruck gebracht? Angesichts des fast 30jährigen Bestehens der Bewegung war eine solche bilanzierende Fragestellung dennoch sicher nicht verboten. Denn dass da ein Zusammenhang besteht zwischen lebendigem Gebet und dem religiösen, kirchlichen Leben, ist ohne jeden Zweifel richtig. Letztlich gibt es da kein entweder oder, sondern immer nur ein sowohl als auch, das ganz katholische sowohl als auch.

Aber wem sage ich das? Müssen nicht auch Künstlerinnen und Künstler vor allem der bildenden Künste zunächst einmal beseelt sein von ihrer Idee, bevor sie ans Werk gehen, um sie künstlerisch zu verwirklichen? Nachträglich aufgesetzte Interpretationen und noch so schöngeistige Erklärungen, vielleicht sogar noch mit biblischem Bezug bringen uns einem üblen Machwerk um keinen einzigen Schritt näher. Freilich, es gibt auch die Auffassung des antiken Philosophen, wonach der Künstler selber gar nicht so recht wisse, was er da vollbringt, und es immer erst noch des geeigneten Interpreten bedürfe, um die eigentliche Intention des Kunstwerks zu erschließen.

Doch bei allem sowohl als auch gibt es auch eine Rangordnung. Und wenn die Machthaber der zusammenbrechenden DDR bekannten, sie seien auf alles vorbereitet gewesen, nur nicht auf Kerzen und Gebete, so waren es doch auch die Gebete und das kirchliche Leben in der Diaspora, die viele Katholiken dann dazu befähigten gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, für die sie aus einsichtigen Gründen fachlich nicht vorbereitet waren.

Auch in Anbetracht des heutigen Evangeliums behält die Aufforderung unseres Herrn ihren Bestand: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, dass sie eure guten Werke sehen und dem Vater im Himmel preisen.“[1] Denn alles menschliche Tun, und mag es das heroischste sein, bleibt ohne die rechte Gesinnung vor Gott wertlos. Von innen heraus wird die Gemeinde, die der Weisung Jesu entsprechend lebt, zur Stadt auf dem Berge.

Die Fastenzeit, die wir auch die österliche Bußzeit nennen, ist die Zeit der Aufforderung und Ermutigung zu solcher Innerlichkeit. Und es liegt an jedem von uns, ob sie uns auch zu größerer Innerlichkeit führt. So verstanden, ist das Fasten im Rahmen des Liturgischen Jahres ein Zeichen wahrer Kirchlichkeit und kirchlichen Gehorsams. Und wenn sogar in weltlichen Medien nach einem in Zeiten des Terrors beinahe trotzig und ein wenig verkrampft durchgezogenen Karneval das Fasten thematisiert wird, so reagieren die Aufgeklärten damit bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt letztlich doch auf die Verkündigung der Kirche.

Nicht magisches Wirken wollen auf Gott bewegt uns Christen zum Fasten, sondern weil wir uns hinbewegen wollen zu ihm. Nicht um von Gott belohnt zu werden, tun wir Buße – wenngleich der Lohngedanke christlichen Lebens keineswegs verworfen wird – sondern in schlichter dankbarer Nachfolge Christi, und aus der Einsicht heraus, dass dieser unserer Welt nicht anders als in der Tiefe geholfen werden kann. „Stärke du meine Seele und bereite sie vorher dafür zu, du höchstes aller Güter, mein Jesus“, – betet die Hl. Teresa von Avila im Buch ihres Lebens – „und bestimme dann erst die Wege, wie ich etwas für dich tun kann … Koste es, was es wolle, mein Herr, doch lass mich nicht mit so leeren Händen vor dich kommen, da doch der Lohn nach dem Wirken gewährt werden soll. Hier hast du mein Leben, hier hast du mein Ansehen, hier hast du meinen Willen, alles habe ich dir gegeben, ich bin dein, verfüge du über mich nach deinem Willen. Sehr gut sehe ich, mein Herr, das Wenige, das ich vermag, aber bei dir angekommen, oben auf diesem Aussichtsturm, wo man Wahrheiten erkennt, werde ich alles fertigbringen, wenn nur du dich nicht von mir entfernst. Denn wenn du dich entfernst, so kurz das auch sei, gehe ich dorthin, wo ich schon war, nämlich in die Hölle“ – betet schließlich die Hl. Mystikerin aus dem Geist der Innerlichkeit heraus.

Auch wenn die Leseordnung im Evangelium die drei wirksamen Formen des Fastens nahezu gleichlautend parallel zusammenfasst, den größten Raum widmet Jesus dennoch dem Gebet, ja, er hält eine Katechese über die rechte Art zu beten und lehrt die Seinen schließlich das Gebet des Vater unser.

Liebe Schwestern und Brüder, wann beten wir eigentlich? Nein, ich will mit dieser Frage nicht sogleich auf die verschiedenen Möglichkeiten beginnenden Betens hinaus, wie erschrockenes Innehalten oder quasi philosophische Erwägungen und Geistesregungen, nicht einmal Notschrei und Stoßgebet. Nein, ich stelle diese Frage vielmehr nach konkreten Zeiten, Gelegenheiten und Orten, an denen wir beten, gleichsam als Raster für eine nüchterne, ehrliche Bestandsaufahme. Gibt es Tageszeiten, tägliche Gegebenheiten, an denen das Gebet seine festen Ort hat, als Gebet am Morgen und am Abend, vor und nach den Mahlzeiten (auch bei McDonald oder in der Autobahnraststätte), als inständiges fürbittendes Gebet für die Not anderer Menschen? Sind uns alle formulierten Gebete von vornherein suspekt, und träumen wir vom sogenannten freien Beten, ohne es freilich je zu vollziehen? Kann unsere Teilnahme am Gottesdienst der Kirche immer und überall fraglos und von vornherein als Gebet bezeichnet werden? Oder gleicht unser Beten eher der Fortsetzung unseres eigenen Willens und der Verwirklichung unserer Vorstellungen mit anderen Mitteln? Da hilft nur noch beten, sagen wir manchmal, und hoffentlich können wir es dann auch.

Ohne den Geist der Innerlichkeit sind wir immerfort Konsumierende und Konfrontierte, Behandelte und Getriebene. Der Geist wahrer Innerlichkeit macht uns zu dankbar Empfangenden, wachsam Begegnenden, aufrichtig Handelnden und souveränen Gelassenen. In unserer Welt sind nicht nur alle möglichen Freiheiten fortwährend bedroht, sondern gerade auch der Geist der Innerlichkeit. Denn wahre Innerlichkeit bedeutet: sich die Zeit und den Ort nehmen, sich der Gegenwart Gottes bewusst werden, vor Gott still werden, nicht einmal nur schweigen, und das aushalten und ausharren und vor allem schließlich hören, hören was Gott redet. Wahre Innerlichkeit befähigt uns zur Wahrhaftigkeit und verleiht uns Authentizität.

Mittlerweile sind es nicht mehr nur studierte Theologen, denen das Wort des großen Karl Rahner geläufig ist, das da heißt: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.“ Ein Mystiker aber ist einer – und das macht diese Bezeichnung auf jeden von uns anwendbar – ein Mystiker ist einer, der mit dem Gott lebt, an den er glaubt, oder anders gesagt, ein Mystiker ist einer, der etwas erfahren hat von Gott und vom Leben mit ihm.

Die Frage darf doch wohl erlaubt sein, wie denn die, die vorgeben, ohne die Kirche an Gott glauben zu können, mit ihm auch ohne Kirche leben? Die deutenden Worte bei der Auflegung der Asche: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehrst“ von unserer Hinfälligkeit her oder die Aufforderung: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium“ auf Gott hin bringt die Aufforderung zur Innerlichkeit auf den Punkt, da sie die Gegenwart des lebendigen Gottes als einzige Garantie wahren Lebens erweisen. Amen

[1] Mt 5,16