Predigt zum Festgottesdienst 50 Jahre Ständiger Diakonat

30.03.2019 21:53

- es gilt das gesprochene Wort -

Ich bin schon da …

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,

liebe Schwestern und Brüder,

wer kennt es nicht, das Märchen vom Hasen und vom Igel, die einen Wettlauf veranstalten und dem gehetzten Hasen an jedem Zielpunkt schon das „Ich bin schon da“ entgegenschallte, vom Igel oder eben auch von seiner Frau. Was aber im Märchen als kluge List des Schwächeren gegenüber dem Starken erscheint, ist ja in Wirklichkeit ein herber Betrug, der so ganz die erheblich begrenzte, ergänzungsbedürftige Weltsicht der Gattung Märchen aufzeigt. Niemand soll aber nun vermuten, dass mir etwa im Stil längst vergangener Jahrzehnte die Gattung Märchen als Grundlage der Verkündigung dienen soll. Keineswegs! – Die Verkündigung des Gottesdienstes an diesem Samstag der 3. Fastenwoche selbst hat mich auf dieses „Ich bin schon da“ überhaupt erst gebracht. Lesung und Evangelium selbst geißeln gleichermaßen eine Mentalität des „Ich bin schon da“ in eindrücklicher Weise im Neuen wie im Alten Testament.

In falscher Sicherheit wiegt sich nämlich Israel mit seiner fiktiven Rede, die zwar formalen Umkehrwillen ausdrückt und mit einer quasi automatischen Antwort Gottes rechnet, aber den schmerzhaften Vorgang wirklicher Umkehr nicht in den Blick nimmt. Israel behauptet doch tatsächlich, schon da zu sein, wo es in Wirklichkeit noch längst nicht angekommen, ja, noch weit davon entfernt ist.

„Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.“[1]

Zweimal begegnet uns in ein und derselben Lesung aus dem Buch Hosea die Rede von der Liebe in sehr kurzem Abstand – und doch ist zweimal von Arten der Liebe die Rede, die in ihrem Inhalt himmelweit voneinander entfernt sind.

Die Septuaginta spricht noch deutlicher von der misericordia, misericordia – Barmherzigkeit recht unterschiedlicher Art. Von eben der Barmherzigkeit aber, die Gott gefällt, spricht Jesus wiederholt im Evangelium nach Matthäus und immer dann, wenn es ihm um die Verteidigung, um die Rehabilitierung Zurückgesetzter, Diskriminierter, bei den Großen, Mächtigen und Angesehenen Verachteter und Ausgegrenzter geht.

Was aber Jesus wiederholt mit dem Zitat aus dem Propheten Hosea bekräftigt, das führt er uns heute unübersehbar im Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner vor Augen.

Das nämlich ist die Gotteserkenntnis, nach der der Gott des Bundes verlangt statt nach Brandopfer, einer Erkenntnis, deren Verheißung in der Identifikation unseres Herrn Jesus Christus mit den Geringsten unserer Brüder und Schwestern erfüllt ist.

Wenn uns Papst Franziskus auffordert, an die Ränder zu gehen, kann das für uns auch die Gefahr der Selbsttäuschung in sich bergen, wenn wir fraglos und geradezu selbstverständlich davon ausgehen, selber bereits im Zentrum zu stehen. Woher wissen wir denn, dass es nicht wir selber sind, die sich an den Rändern befinden, ohne es so recht zu ahnen? Wenn wir freilich nur von einer rein sozialen Sicht der Dinge ausgehen, mag ein solches Missverständnis aufkommen. Aber wer darf denn als Christ so gänzlich unreflektiert und selbstgewiss von sich behaupten, unangefochten im Zentrum zu stehen? Hat sich denn etwa einer von uns selbst dorthin gestellt? Zentrum und Mitte unseres christlichen Lebens ist doch Jesus Christus, und wie es ein Geschenk seiner Gnade ist, dass wir ihm, der unseres Lobes nicht bedarf, danken, so ist es auch ein Geschenk seiner Gnade, dass wir ihm dienen und ihm in den Geringsten unserer Brüder und Schwestern begegnen dürfen.

Als Caritasreferent habe ich immer wieder dazu aufgefordert, die nichtattraktive Not nicht zu übersehen. Was nicht etwa als Zynismus zu verstehen ist, denn keine wahre Not ist attraktiv. Aber es mag doch vielleicht manch einem viel attraktiver und spektakulärer erscheinen, mit großen Hilfsaktionen in Katastrophenfällen tätig zu werden und letztlich doch nur vor allem auf sich selbst aufmerksam zu machen. Damit sind wir aber von der Gegenüberstellung und dem Urteil unseres Herrn im Evangelium gar nicht mehr entfernt.

Bei den Visitationen wurde im Erhebungsbogen immer wieder einmal zum Thema Diakonie vermerkt, dass sich Not und Armut in der Pfarreiengemeinschaft verstecken und gar nicht so leicht auszumachen sind. Das, liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder, ist die nichtattraktive Not, von der ich rede. Ja, sich der nichtattraktiven Not anzunehmen, mag sogar heißen, ihr selbst zu unterliegen, indem wir trotz aller Volkskirche und Tradition, aller Jubiläen und Ehrungen auch in Bayern und Schwaben doch einer kognitiven Minderheit angehören.

Dazu zu gehören bedeutet, es zu ertragen, drunter zubleiben und auszuhalten. Sich darüber im Klaren zu sein, dass wir in einem freien Land mit unserem katholischen Glauben und den daraus resultierenden Wertvorstellungen für manch einen sogenannten Comedian eine willkommene Steilvorlage für seinen Spott und seine Häme abgeben oder dass die überwiegende Zahl geistlicher Diener pauschal verdächtigt und unbesehen in einen Topf geworfen wird mit dennoch immer noch wenigen, die sich schwer vergangen haben. Und dass wir dennoch nicht krampfhaft versuchen, aus dieser kognitiven Minderheit irgendwie herauszukommen, wie immer solche Versuche auch benannt werden mögen mit hehren Worten wie einem synodalen Weg, der, – ein Paradox schlechthin –, niemals verbindlich sein kann, wenn er nicht im Einklang mit der Ordnung der Katholischen Kirche steht, die ja eine Weltkirche und keine Nationalkirche ist, oder mit der Rede vom Machtabbau in der Kirche, wo es doch vor allem erst einmal darauf ankäme, sich darum zu bemühen einander und jedermann respektvoll und menschenwürdig zu begegnen.

Ich erinnere mich sehr gut an ein Gespräch mit Kardinal Höffner, als er wohl über den Stand der Diakone sagte, dass man sich im Erzbistum Köln die Seelsorge ohne sie kaum noch vorstellen könne. Die Frage, die mir dabei in den Sinn kam, habe ich nicht gestellt – nämlich, ob dieser Stand (es war ja noch gar nicht so lange nach dem II. Vat. Konzil) eingeführt wurde, weil das eben nach dem Konzil möglich oder weil es vor allem nötig war.

 

Liebe Mitbrüder,

wie lange auch der Dienst des Ständigen Diakons in unserer Kirche bestehen mag, ob das Bistum Augsburg die erste bayerische Diözese war, in der er eingeführt worden ist oder nicht, ob wir ein rundes oder noch viel langjährigeres Jubiläum seines Bestehens begehen oder nicht, ob wir auf viele wertvolle, hochqualifizierte Dienste zurückblicken können oder nicht, liebe Mitbrüder, immer und immer wieder müsst Ihr Euch selbst fragen und fragen lassen: Seid Ihr Gewollte, möglicherweise nur Selbstgewollte oder seid Ihr mit Eurem Dienst Gebrauchte und vor allem Berufene?

Wir haben gehört, welche Haltung uns Jesus als Frohe Botschaft vor Augen stellt. Sie wissen, liebe Mitbrüder, dass ich nicht nur bei der Feier der Liturgie, sondern in vielfältigen anderen seelsorglichen, diakonischen Diensten gern auf Ihre Kompetenz und Ihren Einsatz zurückkomme und gern in Ihrer Mitte bin. Ja, wir haben allen Grund, dieses Jubiläum freudig zu begehen und in Anwendung eines Wortes von Romano Guardini Ihre alltäglich vollzogene Zustimmung zur Proexistenz unseres Herrn Jesus Christus auf außerordentliche Weise zu begehen. Aber lasst uns lieber nicht von einer Erfolgsgeschichte sprechen – wir sind manchmal allzu rasch fertig mit dem Wort – sondern bleiben wir immer eine ständige Suchbewegung – nicht als gehetzte Hasen, aber auch nicht in der vermeintlichen Annahme, immer schon da und am Ziel zu sein, sondern unterwegs zu bleiben, das heißt auf dem Weg zu bleiben, der Jesus Christus selber ist, und mit ihm voranzuschreiten, an die Ränder zu gehen oder von den Rändern zu kommen, und uns immer mehr mit ihm zu verbinden und Menschen, wie nah oder fern sie auch sein mögen, für Christus zu gewinnen. In Assoziation und im Gegensatz zu einer Mentalität des „Ich bin schon da“ kam mir ein weihnachtlicher Gesang in den Sinn, wo zu Beginn gefragt wird, wo die wahren Freuden sind: „Ubi sunt gaudia“, und sogleich die Antwort gegeben wird „wo die Engel singen“, nämlich „nova cantica“, also das neue Lied, das auch die Psalmen kennen, und „Glocken hell erklingen“, was schließlich „in regis curia“ also mit dem Reich des Königs zusammengefasst wird und in den sehnsüchtigen Ruf mündet: „Ach, wär’n wir da!“

Liebe Schwestern und Brüder,

weil er, unser Herr Jesus Christus, schon zuerst da war, dürfen wir uns berechtigte Hoffnung machen, dort hinzukommen, wo er schon ist. Der weihnachtliche Gesang ist also gar kein Lied, das bloß einer bestimmten Zeit des Kirchenjahres zuzuordnen ist, sondern er ist geradezu das Lied unseres Lebens. Denn er bringt zum Ausdruck, wonach wir uns im Tiefsten sehnen und wohin wir aus eigener Kraft und Anstrengung nicht gelangen können, wenn uns der ewige Richter und König nach der Begegnung mit ihm schon auf diesem unseren Weg nicht dazu bestimmt und für würdig erachtet, dorthin zu gelangen. Nämlich in sein ewiges Reich.   Amen

[1] Hos 6,4