Predigt zum Hochfest des heiligen Ulrich 2019

04.07.2019 10:10

- es gilt das gesprochene Wort -

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Auf dem großen Gruppenfoto von der Hl. Erstkommunion steht er neben mir. Der Junge, von dem ich immer wieder den Firmkandidaten erzählt habe. Dessen Namen ich auch heute noch weiß. Der mit mir zusammen, ich selber noch als Kind, auf dem Marktplatz unserer Heimatstadt gestanden hat und ein älterer Jugendlicher dabeistand, der anfing über die katholische Kirche zu lästern. Und der Junge neben mir spontan dagegen vorging mit den Worten: Hör‘ auf zu lästern, ich bin auch katholisch, und Ruhe war.

Fast bei jeder Firmpredigt habe ich davon erzählt. Hunderten, ja, ich möchte sagen, zusammen mit den Eltern und Paten, Verwandten und Bekannten, die zur Firmfeier versammelt waren, Tausenden habe ich das Beispiel dieses Jungen vor Augen gestellt. Und habe sogar die Vermutung geäußert, ob nicht vielleicht sogar dieses Glaubensbekenntnis, das der Junge da abgelegt hatte, dass einzige, ja, das entscheidende Glaubensbekenntnis seines Lebens gewesen sein könnte. Habe aber meine Anmaßung ganz schnell wieder zurückgenommen. Das mag auch das Alter gewesen sein, in dem ich zum ersten Mal etwas vom Hl. Ulrich in einer einfach geschriebenen Biographie gelesen habe. Oder auch etwas später; ich muss mich da nicht festlegen. Und zunächst begeistert war von der Vorstellung, dass Bischof Ulrich maßgeblich an dem militärischen Sieg über die heidnischen Ungarn beteiligt gewesen sein soll. Später war ich dann angetan von der Tatsache, dass er der erste Heilige der Kirche war, der nach einem kanonischen Verfahren als solcher anerkannt worden war. Da wusste ich noch nichts von den genaueren kirchenrechtlichen und kirchengeschichtlichen Abläufen. Ich hatte auch keine Ahnung von der entscheidenden Rolle, die Bischof Ulrich mit der Verwaltung und Befestigung des Hinterlandes beim Sieg der vereinigten Reichstruppen über die Ungarn eingenommen hatte. Noch völlig unbekannt war mir sein friedensstiftender Einsatz bei der Versöhnung des rebellischen Schwabenherzogs Liudolf mit seinem Vater, dem König Otto, und seine Bedeutung für die Befestigung der Einheit des Reiches und die Erstarkung des später entstandenen und blühenden ottonischen Kaisertums. Nicht ohne Grund wird er wohl deswegen in einem erst kürzlich erschienenen Aufsatz als „Vater des Vaterlandes“ bezeichnet.

Aber warum habe ich ganz am Anfang von dem mutigen Glaubenszeugnis des jungen Heranwachsenden gesprochen? Kann das denn auch nur annähernd gegenüber der Person, der Verdienste, der Frömmigkeit und Heiligkeit des heiligen Bischofs Ulrich in Anschlag gebracht werden? Und wenn es dennoch durchaus bemerkenswert ist, dass ich mich an diese Begebenheit aus meiner Kindheit noch Jahrzehnte danach erinnere und vielen, sehr vielen davon sogar in der Verkündigung berichtet habe, ein letztes Urteil über ein solches Bekenntnis kommt dennoch keinem von uns zu. Wie vielen aber – ich möchte von Millionen von Gläubigen sprechen und nicht erst, nachdem die Verehrung des Heiligen in unserem Bistum vor etwa sechzig bis siebzig Jahren wieder erstarkt ist, sondern schon zu seinen irdischen Lebzeiten – wie vielen war die Persönlichkeit Ulrichs und sein leuchtendes Beispiel als Reichsfürst und langjähriger Bischof von Augsburg längst bekannt und höchster Verehrung würdig?

Aber sogar bei dem großen Heiligen waren menschliche Einschätzung und Verehrung nur von subsidiärer Bedeutung, wenn auch schon zwanzig Jahre nach seinem Tod, so wurde er doch durch einen Nachfolger des Apostels Petrus zum Heiligen der Kirche erklärt.

Für alle und jeden von uns gilt wohl gleichermaßen, was ich irgendwo einmal gelesen habe: Im göttlichen Heilsplan hat jeder etwas zu tun. Ob es viel ist oder wenig, es geschieht nur durch ihn. Und wenn er es nicht tut, bleibt es in Ewigkeit ungetan. Und wir sind nicht nur verantwortlich für das, was durch uns geschieht, können wir mit den Worten des Hl. Papstes Paul VI. hinzufügen, sondern für alles, was durch uns nicht geschieht.

Obwohl die Vita des Bischofs Ulrich bis ins hohe Alter unter den Bedingungen seiner Zeit von seinen Aktivitäten nur so überquillt, war er nicht etwa vom Aktivismus, sondern von der Maxime beseelt, die er schon in sehr jungen Jahren bei den Benediktinern kennengelernt und unzweifelhaft beherzigt hatte: Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden. Darum richtete sich sein Eifer vor allem auch auf die Pflege einer geordneten Liturgie. Aus dem Gotteslob schöpfte er Kraft für seine seelsorgliche Arbeit im Bistum und im Reich. Geld und Besitz dienten ihm (dem Klischee vom Leben mittelalterlicher Fürstbischöfe ganz entgegengesetzt) nicht zur persönlichen Bereicherung, sondern zum Dienst am Nächsten. Das tat er aus der tiefen Überzeugung, dass er im Armen die Gegenwart Christi ganz real erfahren durfte. Regelmäßig visitierte er die bischöflichen Eigenklöster und rief seinen Klerus zweimal jährlich zur Synode nach Augsburg, auch um ihn durch sein Beispiel zur würdigen Feier der Liturgie anzuleiten.

Der Mitbruder, der das Leitwort für unsere diesjährige und meine letzte Feier der Ulrichswoche als Diözesanbischof vorgeschlagen hat, wusste nicht, dass ich eben diesen Psalmvers vor nunmehr zwölf Jahren dem Leiter des Seelsorgeamtes des Bistums Görlitz als erstes pastorales Leitwort mitgegeben habe. Insofern schließt sich für mich heute ein Kreis.

Aufs Neue wird uns aber durch die Verkündigung der Kirche und das leuchtende Vorbild des Hl. Ulrich vor Augen gestellt, worin alle geistliche Vollmacht unserer Berufung und alle Macht der Kinder Gottes ihren Ursprung haben und ihre Kraft: Nämlich in dem Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. Dem, der am Anfang bei Gott war und am Herzen des Vaters ruhte, bedeuten Leben und Sterben den Willen des Vaters zu tun. Der die Gebote des Vaters gehalten hat, fordert uns auf, gleich ihm in seiner Liebe zu bleiben.

Und wenn wir am Anfang zu Recht an der Vergleichbarkeit unseres armseligen menschlichen Glaubenszeugnisses in der Gestalt eines heranwachsenden Jugendlichen mit dem Glaubenseifer des Hl. Bischofs Ulrich unsere Zweifel hatten, so sind es nicht etwa wir, die da einen alles übersteigenden Vergleich anstellen, sondern es ist unser Herr Jesus Christus ganz persönlich, der uns auffordert, einander zu lieben, so wie er uns geliebt hat. Denn diese Liebe bleibt nicht im Nebulösen, sondern besteht unüberbietbar in der Hingabe des Lebens. Der Herr selbst traut uns zu, aus der Liebe zu leben und die Liebe zu leben, die er für uns bis in den Tod, bis zur Vollendung gelebt hat. Und dieses erwiesene Vertrauen entbindet unendliche Kraft. Und er nennt uns auch die Quelle, aus der er geschöpft hat: „… ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ Wie viele Male mag ich ihn nicht schon zitiert haben, den protestantischen Philosophen Sören Kierkegaard, der vom Gebet sagt:

So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten bis der Betende Gott hört.
    
  
Das Leitwort unserer diesjährigen Ulrichswoche fordert uns auf zum Gebet:

„Ich will hören, was Gott redet,
Frieden verkündet der Herr seinem Volk
und seinen Frommen.“

In Jesus ist auch diese Verheißung des Psalmworts zur Erfüllung gekommen. Eine Verheißung, die als Gebot schon an die Väter Israels ergangen ist, und an die wir uns nach jeder ers-ten Vesper vom Nachtgebet der Kirche erinnern lassen:

„Höre Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott,
lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft.“

Die Rede, die von Gott kommt, und das Zeugnis von Gott münden schließlich im Tun der Liebe. Dann ist auch der Unterschied zwischen unserem alltäglichen Zeugnis und dem Zeugnis der Heiligen aufgehoben in des Wortes mehrfacher Bedeutung: als aufgelöst, bewahrt und zu Gott erhoben in der Person unseres Herrn Jesus Christus. Gedenkt eurer Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben! Ahmt ihren Glauben nach! – gemahnt uns der Hebräerbrief und beschließt seine Worte mit dem Vermächtnis: „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit.“

Wer wären wir ohne seine Menschwerdung?!
Was wäre unser Zeugnis ohne seinen Geist?!
Wie vermöchten wir zu bleiben ohne seine Liebe und Treue?! Amen
  

[1] Ps 85,9
[2] Dt 6,4f