Predigt zum Jahresabschluss 2014 im Hohen Dom

31.12.2014 16:01

- es gilt das gesprochene Wort - 

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Der letzte Tag des Jahres ist wie kein anderer dafür geeignet, Rückschau zu halten und Bilanz zu ziehen, aber auch uns zu besinnen, dankzusagen und zu bitten. Noch in meiner Kindheit wartete der Pfarrer Jahr für Jahr bei der Jahresschlussandacht mit den Zahlen der Pfarrstatistik auf. Immer waren es überschaubare Zahlen, die die Substanz der kleinen Diasporagemeinde nicht wesentlich berührten. Kirchenaustritte waren an einer Hand abzuzählen. Dagegen sind doch alle unsere Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften und schon gar nicht unser Bistum zahlenmäßig unter keinen Umständen mit der Diaspora zu vergleichen. Aber eben auch nicht die in diesem Jahr zu verzeichnenden Kirchenaustritte. Allzu viele sind es, die den verhängnisvollen Entschluss gefasst und umgesetzt haben. Hier und heute ist weder Ort noch Zeit, noch haben wir nur annähernd die Möglichkeit, die vielfältigen Ursachen oder Gründe zu erforschen. Unabhängig davon steht aber fest: Unter welchen Bedingungen Kirche auch immer lebt – ob in der Diaspora oder in einem immer noch bestehenden volkskirchlichen Milieu – wahre Zugehörigkeit zur Kirche kann sich nicht mehr nur im Zahlen der Kirchensteuer, sondern muss sich zuerst und vor allem durch ein lebendig wahrgenommenes Glaubensleben erweisen. Auch eine künftige kleine Herde wird keine nur soziologisch geschrumpfte Größe sein können, sondern muss eine theologische Größe derjenigen sein, die sich bei aller bestehenbleibenden Sündhaftigkeit entschieden haben, ihren Glauben zu leben.

Die strukturellen Planungen für die Territorialseelsorge in unserem Bistum konnten mit ihrer Veröffentlichung zu Beginn dieses zu Ende gehenden Jahres abgeschlossen werden. Verglichen mit Planungen gleicher Art in anderen Diözesen vor allem im Norden unseres Landes sind die bei uns vorgenommenen immer noch als deutlich moderat zu bezeichnen. Unser aller Aufgabe war und ist es nun, diese Planungen anzunehmen und sie mit Leben zu erfüllen. Viel guter Wille und Zeichen der Bereitschaft waren schon in den zurückliegenden Wochen und Monaten dabei zu beobachten. Aber auch die Vielen, die sich mit dem Umdenken schwertun oder doch nicht damit arrangieren wollen, dürfen nicht verschwiegen werden.

Die gemeinsame Romreise des Bischofs, der Weihbischöfe mit dem Domkapitel und den Dekanen der neuen Dekanate sollte darum vor allem ein Zeichen der Anerkennung und des Dankes für die Bereitschaft sein, bei den jetzt vor uns allen liegenden Aufgaben Verantwortung zu übernehmen. Brüderliche Gemeinschaft erfuhren wir in unserer gemeinsamen Unterkunft, bei der täglichen Eucharistiefeier in verschiedenen Kirchen Roms vom Petersdom bis zur Basilika Santa Maria Maggiore sowie bei der Teilnahme an der allgemeinen Papstaudienz und beim Besuch einiger römischer Dikasterien. Die Männer der Kirche, denen wir dort begegneten, überzeugten uns mit ihrer hohen Kompetenz, mit ihrer Sachkenntnis und ihrer Gelassenheit. Mehr als beeindruckend war für uns ihre nahezu apostolisch zu nennende Freimut, mit der sie zu uns sprachen, was nur als eine wohltuende Entspannung und Entkrampfung gegenwärtig üblich gewordener Publikations- und Kommunikationspraktiken verstanden werden konnte. Der Präfekt des Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, den wir auch in unserem Bistum schon zu Gast haben durften, informierte uns über die ökumenischen Aktivitäten seiner Behörde auf weltkirchlicher Ebene. Dabei berichtete er auch über den Inhalt einer gemeinsamen Erklärung seines Rates mit dem lutherischen Weltbund anlässlich des bevorstehenden 500jährigen Gedenkens der Reformation. Mit den Stichworten Dank, Buße und Hoffnung sind die wesentlichen Kapitel der Erklärung überschrieben. Besinnungsgegenstände, die gewiss nicht nur auf die Beziehungen zwischen den getrennten Christen, sondern ebenso auf unser eigenkirchliches aber sicher auch auf unser ganz persönliches Leben angewandt werden können.

Hier wie dort dürfen wir ja zunächst einmal dankbar sein für alles, was uns an Gaben und Fähigkeiten, an Möglichkeiten und Gelegenheiten zum Guten gegeben worden ist. Wir dürfen dankbar sein für alles, was wir in Kirche und Ökumene, aber auch in unserem ganz persönlichen Leben erreicht haben und wo wir gut vorangekommen sind. Das Wertvollste, das müssen wir uns immer wieder bewusst machen, das Wertvollste, das wir besitzen, Gesundheit und Leben, Glaube und Berufung, die Liebe und Zuneigung unserer Mitmenschen, haben wir nicht selber gemacht, sondern ist uns geschenkt worden.
Immer wieder müssen wir uns aber auch danach fragen oder fragen lassen, was wir denn damit angefangen und was wir daraus gemacht haben. Und nicht zuletzt müssen wir uns auch auf das besinnen, was wir einander an Gutem hätten tun können und nicht getan haben, ja, vielleicht sogar, was wir einander an Schlimmem angetan haben und darum bereuen und einander um Vergebung bitten müssen. Ob aber in dem Bemühen um die Einheit der Christen oder auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, niemals dürfen wir die Hoffnung aufgeben. Immerfort dürfen, ja müssen wir hoffen auf das, was immer erst noch aussteht, was uns aber zu erlangen durchaus möglich ist, wenn wir uns nur immer wieder aufmachen im Vertrauen auf das, was Gott denen bereitet, die ihn lieben.

Der 50. Jahrestag der Veröffentlichung des Konzilsdekretes über die Wiederherstellung der Einheit der Christen war ursprünglich nur als ein katholisches Gedenken gedacht, zu dem auch Gäste aus der Ökumene eingeladen werden sollten. Fast durchgängig ist aber in allen deutschen Diözesen ein ökumenischer Gottesdienst daraus geworden, bei dem auch die ökumenischen Gäste ihre geistlichen Gedanken und Gebete eingebracht haben. Was zunächst nach einem Planungsfehler aufgrund mangelnder Absprache aussah, erwies sich schließlich als ein ursprünglich nicht beabsichtigter Ausdruck einer mittlerweile doch gewachsenen Vertrautheit und Gemeinsamkeit der ökumenischen Partner. Eine Frau aus einer ökumenisch ausgerichteten geistlichen Gemeinschaft, der ich unmittelbar nach diesem Gottesdienst meine Freude und Genugtuung über das harmonische Miteinander in diesem Gottesdienst mitteilte, brachte es auf den Punkt, als sie ganz einfach sagte: Das ist der Hl. Geist. Das ist das Wirken des Hl. Geistes.

 

Liebe Schwestern und Brüder,
haben wir nicht erst vor wenigen Tagen bei der Festfeier von Christi Geburt, in der Zeit des Advents wie bei der Danksagung für die Bereitung und Erwählung der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria das machtvolle Wirken des Hl. Geistes gefeiert?
Mehr und mehr mache ich die Erfahrung, dass es oft gerade die Gottesdienste sind, die gar nicht einmal so stark besucht sind, die aber eine besondere Tröstung und Ermutigung ausstrahlen, weil dabei Menschen versammelt sind, die von diesem Glauben beseelt sind.
Auch Glauben und Frömmigkeit einer vereinten Christenheit - oder wie einer unserer Professoren das Ziel von Ökumene benannte: einer ecclesia catholica reformata - werden marianischer Glaube und marianische Frömmigkeit sein müssen. Den einheitsstiftenden Geist marianischer Frömmigkeit haben wir auch bei der gemeinsamen Wallfahrt der bayerischen Bistümer nach dem Marienwallfahrtsort Retzbach des Bistums Würzburg erfahren dürfen. Im kommenden Jahr werden sich die Gläubigen der bayerischen Bistümer zu uns nach Augsburg, zu Maria, der Knotenlöserin, am Perlach auf den Weg machen. Ich halte es nicht für einen Zufall, wenn diese Wallfahrten anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Patrona Bavariae im Jahr 2017, also demselben wie dem 500jährigen Gedenken der Reformation mit der feierlichen Marienweihe im Erzbistum München-Freising abgeschlossen werden.

Nicht nur als Appell, sondern als Chance und Gabe, dem menschgewordenen Herrn in seinen hilfsbedürftigen Brüdern und Schwestern zu begegnen und sich dabei selber neu zu finden und auszurichten, hat es in unserem Bistum eine geistliche Gemeinschaft verstanden, als sie sich dazu entschlossen hat, ihr Haus für die Beherbergung mehrerer Flüchtlingsfamilien zur Verfügung zu stellen. Ich bin zuversichtlich, dass all die Ordensgemeinschaften, alle Schwestern und Brüder in den Gemeinden, Hauptamtliche und Ehrenamtliche, die sich diesem urchristlichen Anliegen in hochherziger Weise widmen, vergleichbare Erfahrungen machen werden. Und ich möchte ihnen nochmals für ihren Einsatz danken und für das Beispiel, das sie uns allen damit geben.

Auch die Gründung der Katholischen Afrikanischen Gemeinde wollte ich so verstanden haben. Dass sie nämlich wie die Predigt Johannes des Täufers ein allseits vernehmbares und aufsehenerregendes Zeichen ist, das auf ein noch viel Größeres, auf den noch viel Größeren verweist. Dass aus dem Miteinander aufgrund der gemeinsamen Herkunft aus einem großen Kontinent eine lebendige, gläubige und missionarische Gemeinschaft wird.
Die Herausforderung, vor die damit meines Erachtens unsere afrikanischen Schwestern und Brüder gestellt sind, habe ich direkt mit denen verglichen, die sich künftig auch den Mitgliedern des neugewählten Diözesanrates stellen werden. Wenn nämlich eine formale Anerkennung des Diözesanrates durch den Bischof nicht genügt, wie sich der bisherige Vorsitzende des Rates in seinem Abschiedsinterview in der Sonntagszeitung ausdrückte, dann müssen gerade im Rahmen des Weltdienstes der Laien von diesem Rat realisierbare Inhalte vorgeschlagen und selbstständig und engagiert umgesetzt werden. Dann genügt es nicht, Entwicklungen aufzuzeigen, vor Fehlentwicklungen zu warnen, Ereignisse zu kommentieren und diözesane Leitungsmaßnahmen kritisch zu hinterfragen. Dann gilt es vielmehr, aus sich herauszugehen und seine besondere Verantwortung und Aufgabe wahrzunehmen, die über alle Satzungen hinaus bedeuten

  • Wachsamkeit für die Zeichen der Zeit
  • Wahrnehmung des Dienstes am Mitmenschen und der
    Welt durch zeugnishafte Projekte
  • Proaktivität in der Bezeugung des Glaubens und der Erneuerung
    des Glaubenslebens.

 

Dieses zu Ende gehende Jahr vielfältigen Gedenkens war auch das Jahr der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II.
Bei der Eucharistiefeier in der päpstlichen Basilika St. Ulrich und Afra, die vor allem diesem kirchengeschichtlichen Ereignis gewidmet war, haben wir die heiligen Päpste mit Auszügen aus ihren Schriften und Ansprachen selbst zu Wort kommen lassen. Nach der Feier der Hl. Messe sprach mich ein Mann direkt darauf an: Er war nahezu fassungslos über das, was Papst Johannes XXIII. im Vertrauen auf den Plan der göttlichen Vorsehung bei der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils aus geistlichem Optimismus heraus an Perspektivischem gesagt hat, obwohl doch noch keine zwei Jahrzehnte nach der Beendigung des furchtbaren Zweiten Weltkrieges vergangen waren.
Wenn es denn wahr ist, dass wir Christen die einzige Bibel sind, die die Öffentlichkeit noch liest, Gottes letzte Botschaft in Taten und Worten geschrieben, wie einer einmal gesagt haben soll, so sind es doch die Seligen und Heiligen der Kirche, die uns einen neuen Anstoß für das eigene christliche Leben geben können. So drückte sich jedenfalls Papst Franziskus bei der Seligsprechung des Bischofs Alvaro del Portillo Ende September dieses Jahres aus, nachdem er dessen kurzes persönliches Gebet zur Kenntnis genommen hatte: Danke, verzeih mir, hilf mir.

Danke, verzeih mir, hilf mir. Dank, Buße und Hoffnung. Damit haben der Rat für die Einheit der Christen und der lutherische Weltbund ihre Erklärung anlässlich des Reformationsgedenkens untergliedert.
Priestersein sei keine fraglose Selbstverständlichkeit, sondern müsse immer neu menschlich und geistlich errungen werden, hat uns Spiritual Dr. Lechner durchaus im gleichem Sinne am 40. Jahrestag meiner Priesterweihe in seiner Predigt erklärt. Die Feier meines Weihetages am zweiten Fastensonntag mit der Frohen Botschaft von der Verklärung des Herrn habe ich als ein besonderes Geschenk Gottes empfunden. Aber auch die Feier meines
70. Geburtstages zusammen mit dem 85. Geburtstag meines Mitbruders und Vorgängers im Bischofsamt von Augsburg haben wir mit tiefer Dankbarkeit weit über das Private hinaus als eine frohe Feier der diözesanen Glaubensgemeinschaft erlebt. Und am darauffolgenden Sonntag durften wir im Mariendom unseres Bistums das Hochfest des Hl. Geistes begehen.

Beim Reichtum unseres Kirchenjahres, bei aller Schönheit und Vielfalt des gefeierten Glaubens in unserem Bistum erübrigt es sich von vornherein, nach diesen wenigen Erinnerungen auch nur im Ansatz von einem Jahresrückblick sprechen zu wollen. Wir brauchen dabei nur an den geistlichen Aufbruch vieler junger Menschen in unserem Bistum und an die Aktivitäten des Institutes für die Neuevangelisierung zu denken.

Trotz aller bedrückenden Nachrichten aus den verschiedensten Teilen der Welt haben wir dennoch immer wieder Grund zu danken. Danksagung heißt aber auch die Feier von der Vergegenwärtigung des Opfertodes und der Auferstehung unseres Herrn. Vergessen wir darum niemals in unseren Gebeten die unzähligen Brüder und Schwestern, die wegen ihres Glaubens, der ja auch der unsere ist, verfolgt, vertrieben und getötet werden. Nehmen wir auch weiterhin alle Möglichkeiten wahr, die uns gegeben sind, um ihnen tatkräftig zu helfen. Kehren wir zum Dienst an Gott in unserer Liturgie zurück.
Gewiss stehe ich mit meiner Feststellung nicht allein, dass unser neues Gotteslob nicht nur sehnsüchtig erwartet, sehr gut vorbereitet und eingeführt, sondern auch in der ganzen Diözese gut angekommen und gern in Gebrauch genommen worden ist. Können wir uns denn etwas Besseres wünschen, als wenn das Gotteslob in des Wortes tiefster Bedeutung bei uns allen gut ankommt und unablässig ausgeübt wird? Gott zu loben und zu preisen, dazu sind wir auf Erden. Mit diesen Worten habe ich, wenn ich mich recht entsinne, die Feier meiner ersten Hl. Messe eröffnet.
Mit dem gemeinsamen Gotteslob wollen wir auch das zu Ende gehende Jahr beschließen und das kommende beginnen.

Amen